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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Termpel der Vergänglichkeit
Eingestellt am 31. 08. 2002 18:12


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mikhan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

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Der Tempel der Vergänglichkeit

Seit einigen Tagen war ich nun schon wieder in der Stadt, in der ich meine Kindheit verbracht habe. Von meinen Verwandten lebte hier niemand mehr, auch die meisten meiner damaligen Freunde waren – genauso wie ich selbst – längst von hier fortgezogen.
Ich habe in den vergangenen Tagen noch einmal all die Orte meiner Kindheit aufgesucht und mir auch die neuen architektonischen Errungenschaften der Stadt angesehen. Nun, da ich alles noch einmal ganz genau angesehen hatte, gab es für mich eigentlich nichts mehr hier zu tun, so dass ich vorhatte noch am selben Tag nach Hause, zu meiner Familie, zurückzukehren.
Irgendetwas hielt mich jedoch zurück. Ich überlegte eine ganze Weile, ohne auf schlüssige Erklärung für mein vages emotionales Empfinden zu kommen, bis mir schließlich, ohne dass ich selbst etwas dazu beigetragen hätte, der alte buddhistische Tempel einfiel, welchen ich, gemeinsam mit meinen Freunden, in meinen Kindheitstagen so oft aufgesucht hatte.
Wie hatte ich ihn nur vergessen können?
Es handelte sich um einen alten verfallenen Tempel, dem, außer uns Kindern, schon lange niemand mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Der Tempel war mindestens genauso schäbig wie das vom Fortschritt überrollte, schäbige Randviertel, in welchem er sich befand.
Eine überaus hässliche und stark frequentierte Schnellstrasse führte direkt an ihm vorbei. Auf der anderen Straßenseite gab es keine Gebäude, bloß ein weites Feld braunen Schlamms, welches das Viertel vom Rest der Stadt abtrennte. Wie meine Mutter mir damals erzählte, gab es zum Zeitpunkt meiner Geburt weder eine Schnellstrasse noch ein braunes Schlammfeld, sondern nur eine wunderschöne grüne Wiese, auf welcher die Bewohner des Viertels ihre Wochenenden zu verbringen pflegten.
Davon waren nur noch einige halbverdorrte Büsche und ein paar im Sterben begriffene Bäume geblieben. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass bei meinem Wegzug Pläne bestanden hatten, das Schlammfeld in eine gigantische Chemiefabrik umzuwandeln, gut möglich, dass sie bereits gebaut worden ist.
Jedenfalls war es schon damals schwer genug gewesen überhaupt bis zum Tempel zu gelangen, besonders die Schnellstrasse hatte uns oft zu schaffen gemacht. Trotzdem waren wir immer wieder dort gewesen, für uns war der Tempel eine fremde und vergessene Welt.
Besonders einladend sah er allerdings nicht aus, da die Anwohner es sich zur Gewohnheit gemacht hatten, ihren Müll direkt vor der Tempelmauer zu entleeren und nicht selten wehte der Wind den Müll bis in das Tempelinnere hinein.
Neben den vielen Ratten, Krähen und Straßenkötern, die sich an diesem Müll labten, gab es jedoch auch noch einen menschlichen Bewohner, der ebenfalls von dem Abfall profitierte. Es handelte sich dabei um einen alten Obdachlosen, der die meiste Zeit über volltrunken in einer Ecke lag und absolut unverständliches Zeug in sich hinein brabbelte. Aber manchmal, wenn wir Kinder in den Tempel kamen, dann wurde er lebhaft und erzählte uns seltsame, manchmal auch komische Geschichten aus seinem Leben und von dem Tempel, seinem Zuhause.
Ich erinnere mich noch daran, wie er uns einmal erzählt hatte, dass sich einst vier verschiedene Bäume im Tempelhof befunden hätten und ein jeder von ihnen den Namen einer Jahreszeit getragen hätte. Tatsächlich stand aber nur noch ein Baum im Hof, er erzählte uns, dass dies der Baum mit dem Namen Winter sei und das dies der Grund sei, warum er niemals Blätter trage. So weit ich weiß, hatte dieser Baum wirklich noch nie Blätter getragen.
Wir hatten ihn immer dafür genutzt, von ihm aus auf das Tempeldach zu klettern, denn von dort oben hatten wir einen prima Ausblick über das gesamte Viertel, selbst unser eigenes Viertel, auf der anderen Seite des Schlammfeldes, ließ sich zumindest erahnen. Wir warfen oft mit kleinen Steinchen nach den Passanten jenseits der Tempelmauer und amüsierten uns über ihren Ärger und ihre Verwirrung, denn für sie blieben wir unsichtbar.
Als wir den alten Obdachlosen nach den anderen drei Bäumen fragten, da sagte er uns, dass diese in seiner Jugendzeit wohl noch in dem Tempelhof gestanden hätten und dass in jenen Tagen sehr viele Besucher in den Tempel gekommen wären, um die Schönheit und Weisheit der Bäume der vier Jahreszeiten in sich aufzunehmen.
Doch als sich dann das Gesicht der Stadt, dass seit Jahrhunderten fast dasselbe geblieben war, sich nunmehr rasant zu ändern begann, da trat eine Veränderung bei den Tempelbäumen ein, als erstes verstarb der Baum des Frühlings, dann der des Sommers und der des Herbstes, bis schließlich nur noch der Baum des Winters übrig geblieben sei.
Natürlich hatten wir dem alten Mann kein Wort geglaubt und uns, wie so oft, über ihn und seine Geschichten lustig gemacht.
Doch als mir nun, nach mehr als zwanzig Jahren diese Geschichte vom Tempel wieder eingefallen war, da beschlich mich ein eigenartiges Gefühl.
Tatsächlich hatte die Stadt sich ja rasant weiterentwickelt, dass konnte ich selbst bestätigen, und bei diesem Tempo war es gar nicht so abwegig anzunehmen, dass sie bereits wieder im Verfall begriffen war, dass das Leben aus ihr wich, wie aus Bäumen im Winter.
Ich stand nun vor der Wahl, entweder dem Tempel einen Besuch abzustatten, oder aber die Stadt wie geplant zu verlassen.
Irgendwie spürte ich, dass es besser für mich wäre die Stadt gleich zu verlassen, sie war mir unangenehm geworden, auf keinen Fall wollte ich ihr gleichen und doch ist sie Teil meines Lebens geworden, genauso wie der Tempel, für den ich nur einen Namen weiß: Tempel der Vergänglichkeit.

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