Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95264
Momentan online:
488 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tod aus der Luft
Eingestellt am 08. 09. 2016 14:07


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Hagen
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: May 2011

Werke: 174
Kommentare: 724
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hagen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

DER TOD AUS DER LUFT

Eddi Walsh war im Jahre 1943 einfacher Arbeiter in einem der Schlachthöfe Chicagos, den 'Chicago stockyards'. Er hatte seinen Job satt, zudem war ihm seine Freundin auch noch abgehauen. Eddi war neunzehn, als ein paar uniformierte MĂ€nner in den Schlachthof kamen und ihn zur Air Force warben. Sie brauchten nicht groß zu reden, Eddi unterschrieb sofort, zur Air Force! Er wollte Flieger, Pilot werden!
Im Luftkampf wĂŒrde er es den Hunnen schon zeigen, in einem ‘Mustang‘-Jagdflugzeug wĂŒrde er einen von diesen Nazischweinen nach dem anderen vom Himmel holen; - und es gab Fliegerzulage, weg von den blöden Rindern im Schlachthof.
Eddi schmiss sein Zerlegemesser weg und wurde von seinem Boss höchstpersönlich verabschiedet, zusammen mit den Anderen, die auch zur Air Force geworben wurden, „machen Sie es gut, Mister Walsh! Sie werden es den Deutschen Nazischweinen schon zeigen! Werden Sie ein guter Flieger und Patriot!“
Eddi packte seine Sachen und fuhr mit der schweigenden Kommission und anderen euphorischen Kameraden in ein Fort irgendwo in den Weiten Nordamerikas und durchlief etliche Tests, an deren Ende stand, dass es nichts war mit Pilot, absolut ungeeignet. Aber zum BordschĂŒtzen einer Boeing B-17 ‘Flying Fortress‘ wĂŒrde er sich eignen, sogar bestens zum SeitenschĂŒtzen!
Ohne lange zu fragen wurde Eddi in ein weiteres Fort gefahren. Es gab dort nur einige metallmĂŒde B-17 ohne Motoren und sonst nur Ödnis.
„Was?“, Eddis TrĂ€ume zerplatzten jĂ€h, „Ich dachte, ich werde Pilot! – Was ist denn ein SeitenschĂŒtze?“, konnte er endlich seinen Ausbilder fragen.
„In der Mitte des Rumpfes einer B-17 befinden sich rechts und links die Positionen der SeitenschĂŒtzen, der sogenannten ‘Waist Gunners‘“, sprach der Ausbilder. „Jeder der beiden SchĂŒtzen bedient ein auf einer Lafette befestigtes MG, das aus einem Seitenfenster feuert und so das Flugzeug zu den Seiten absichert. Seien Sie froh, Mister Walsh, das man Sie nicht zum HeckschĂŒtzen eingeteilt hat!“
„Was ist denn das?“ Eddi war verstört.
„Ein HeckschĂŒtze? Im Ă€ußersten Heck des Flugzeugrumpfes ist die Position des HeckschĂŒtzen, den sogenannten ‘Tail Gunner‘, man nennt ihn auch ‘Tail-end Charlie‘ oder auch ‘Heckschwein‘“. Der Ausbilder schmunzelte und fuhr fort: „In dieser Ă€ußerst engen und unbequemen Kanzel sitzt der SchĂŒtze hinter einem Browning-M2-Zwillings-Maschinengewehr Kaliber .50 BMG, 12,7 × 99 mm. Es ist die gefĂ€hrlichste Position im Flugzeug, da Bomberformationen durch Jagdflugzeuge oft von hinten, unten angegriffen werden. – Bin ich selbst gewesen, ein ‘Tail-end Charlie‘! Hab‘ sogar zwei Deutsche vom Himmel geholt, aber seit dem ein steifes Bein. Naja nach fĂŒnfundzwanzig EinsĂ€tzen kommt man nach Hause und darf als Ausbilder fĂŒr Euch Greenhorns seine restliche Dienstzeit ableisten. – Mister Walsh, sie können auch froh sein, das man Sie nicht in den ‘Kugelturm‘ gestopft hat!“
„Was, zur Hölle, ist denn ein Kugelturm?“
Der Ausbilder schmunzelte wieder und hub an zu erklĂ€ren: „Zur Absicherung des Luftraums in alle horizontalen Richtungen sowie nach unten ist nĂ€her zum Bug der kugelförmige Sperry-Browning-MG-Turm in den Rumpfboden eingelassen. Er ist mittels eines Elektromotors um seine horizontale und vertikale Achse drehbar und ebenfalls mit einem Zwillings-MG ausgestattet. Da der Raum im Kugelturm sehr beengt ist, kommen hier vorrangig kleine MĂ€nner zum Einsatz. Seien Sie froh, dass sie fĂŒnf Zentimeter zu groß sind, fĂŒr dieses Monstrum! – Der ‘Ball Turret Gunner‘ liegt auf dem RĂŒcken, schaut aus mehreren kleinen Fenstern aus dem Turm und zielt zwischen seinen Beinen hindurch. Er hat auch die Aufgabe, das Öffnen und Schließen des Bombenschachtes und den Bombenabwurf zu bestĂ€tigen. Auch diese Position ist bei EinsĂ€tzen besonders gefĂ€hrlich! Selbst mit fremder Hilfe benötigt der SchĂŒtze zum Verlassen des Turms etwa eine Minute! Stellen Sie sich das mal vor, in einer abstĂŒrzenden B-17 ist meist nicht genug Zeit, um den Ball Turret Gunner aus seinem GefĂ€ngnis zu befreien. Hinzu kommt, dass der KugelturmschĂŒtze aufgrund der rĂ€umlichen Enge keinen Fallschirm trĂ€gt und nur mittels Karabinerhaken an einem Gurt gesichert wird, der an der TrĂ€gerkonstruktion der Kuppel befestigt ist.“
„Ich will wieder in den Schlachthof“, Eddi konnte sich eines wĂŒrgenden GefĂŒhls nicht erwehren, „wenn ich kein Pilot werden kann.“
„Sie benehmen sich wenig patriotisch, Gunner Walsh! Denken Sie dran, das Sie als ‘Flieger‘ unterschrieben haben! Flieger sind nicht nur Piloten! Schließlich braucht die Air Force nicht nur Piloten! Nehmen Sie Haltung an, Gunner Walsh, Sie werden unter meine Anleitung zum besten Waist Gunner der Air Force ausgebildet werden, und in einer Boeing B-17 ‘Flying Fortress‘ ihren Dienst tun, wie ich es getan habe, und viele andere es auch tun werden!“

Es blieb Eddi nichts anderes ĂŒbrig, als aus dem Seitenfenster einer metallmĂŒden B-17 zu feuern, Runde um Runde seines MGs, auf Abbildungen von Messerschmitts und Focke Wulfs, die in wechselndem Abstand und Geschwindigkeiten an den Fenstern vorbeigezogen wurden. Er gewöhnte sich an den harten RĂŒckstoß des Maschinengewehrs, den Vorhaltewinkel bei wechselnden Geschwindigkeiten und die klobige Bekleidung, die nach und nach angelegt wurde. Er wurde von dem Ausbilder grĂŒndlich zusammengeschissen, als er einmal das Kettenhemd weggelassen hatte, weil es ihn in seiner Bewegungsfreiheit behinderte.
„Was meinen Sie den wohl, wie froh sie um dieses Ding sein werden, wenn wen einer von diesen Nazischweinen auf Sie schießt und auch noch trifft! – Je hĂ€rter die Ausbildung, desto einfacher haben Sie es nachher, wenn Ihnen wirklich die Geschosse um die Ohren fliegen! Los! Anziehen, das verdammte Ding, damit Sie sich daran gewöhnen, und nochmal!“
Von der anfĂ€nglichen Freundlichkeit des Ausbilders war nichts mehr zu spĂŒren und Eddi sowie einige seiner Kameraden wurden wieder angebrĂŒllt: „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, ein eigenes Flugzeug abzuschießen? Die P-51 ‘Mustang‘ ist ein ‘Little Friend‘, ein BegleitjĂ€ger, der Sie beschĂŒtzt! Und dafĂŒr schießen Sie ihn einfach ab?“
Eddi und seine Kameraden waren zerknirscht, aber sie sahen ihre Fehler ein, obwohl sie es nicht gut fanden, einfach ein eigenes Flugzeug unter die FeinjĂ€ger zu mischen. Das Geballer ging wieder los, Messerschmitts, Focke Wulfs in unterschiedlichen Positionen und Geschwindigkeiten, dazwischen ‘Mustangs‘ und ‘Thunderbolds‘, die BegleitjĂ€ger, die blitzschnell zu unterscheiden waren. Eddi trĂ€umte nachts von Flugzeugen und wurde TagsĂŒber wieder angebrĂŒllt, weil er im Eifer des Gefechts eine eigene B-17 beschossen hatte.
„Mein Gott“, brĂŒllte der Ausbilder, „wie oft muss ich Euch Idioten noch sagen, das wir in enger Formation fliegen! Ihr mĂŒsst immer damit rechnen, dass eine B-17, ein Kamerad, neben euch fliegt! Willst du Vollidiot den Nazischweinen etwa die Arbeit abnehmen?“
„Nein, Sir! Command Chief Master Sergeant, Sir!“
„Lauter! Ich hör nichts!“
„Nein, Sir! Command Chief Master Sergeant, Sir! Das will ich nicht!“
„Na, also, geht doch, Waist Gunner Walsh! Die B-17 trĂ€gt den Namen ‘Fliegende Festung‘, und ihr habt dafĂŒr zu sorgen, dass sie den Namen ‘Fliegende Festung‘ zu Recht trĂ€gt! Euer Job ist genauso wichtig, wie der, der Piloten, des Funkers, des Navigators, des Bordingenieurs oder des BombenschĂŒtzen! Die Boeing B-17 ist die zuverlĂ€ssigste Maschine, die je gebaut wurde! Ihr habt dafĂŒr zu sorgen, dass sie in der Luft bleibt! – Und nun nochmal ran an die MGs! Ich will nur Treffer auf die Flugzeuge der Nazischweine sehen! Wehe, ihr schießt nochmal auf ein eigenes Flugzeug!“

Eddi und seine Kameraden hatten nach Ende der Ausbildung das GefĂŒhl, zu einer Elite zu gehören, als ‘Waist Gunner‘, ‘Ball Turret Gunner‘, oder ‘Tail-end Charlie‘. Anders als die paar Kameraden, die es nicht packten, die sang und klanglos als GI verschifft wurden.
Aber Eddi hatte es geschafft! Er war zerbrochen und wieder aufgebaut worden, nach den Vorstellungen seines Ausbilders, der auch einen Ausbilder hatte, aber er fĂŒhlte sich als Patriot und Elitesoldat und wurde sogar befördert, vom ‘Airman Basic‘ zum ‘Airman‘.
Es gab sogar eine Abschlussfeier am Ende der Ausbildung! Eine auf Hochglanz polierte B-17 stand in einer Halle und Eddi konnte zum ersten Mal seinen echten ‘Arbeitsplatz‘ besichtigen. Es gab sogar MĂ€dels, die angekarrt wurden, die sogenannten ‘Letter Girls‘, weil sie den Kameraden Briefe schrieben, weil sie fĂŒr die Freiheit Amerikas kĂ€mpften. Eddi bekam von seinem MĂ€del sogar ein Bild von ihr im Bikini, ihre Adresse und das Versprechen, ihn nach seiner RĂŒckkehr zu heiraten. Eddi war glĂŒcklich und ertrug die Rede des Kommandeurs, der von der ungeheuren Geschwindigkeit sprach, mit der eine Bomberbesatzung auf eine Höhe von 2 600 000 Fuß katapultiert wird.
„Eine Bomberbesatzung wird mit enormer Geschwindigkeit von Meereshöhe zur Höhe des Mount Everest und darĂŒber hinaus empor gerissen“, sagte der Kommandeur. „Bei einem Flug nach Deutschland werdet Ihr 8 bis 10 Stunden in der Luft sein, von denen jede Minute Gefahr und MĂŒhsal bringt! Schnelle und prĂ€zise Arbeit wird von jedem Mitglied der Besatzung erwartet, vom Piloten bis hin zum BordschĂŒtzen! Meine Herren, die Augen Amerikas blicken auf Sie! Aber Sie werden um Ihr Leben kĂ€mpfen mĂŒssen, werden möglicherweise verwundet! – Aber Sie werden es den Nazis zeigen! Sie verteidigen eine B-17, die komplizierteste, aber auch wunderbarste Maschine, die je gebaut wurde, um den Nazischweinen die Scheiße aus dem Arsch zu bomben ...“
Was der Kommandeur nicht sagte, war, dass die Deutschen zu diesem Zeitpunkt des Luftkrieges, fast zehn Prozent der ‘Fliegenden Festungen‘ abschossen!
Zehn Prozent, das entspricht nach statistischen Mittel einer Erwartung von zehn EinsĂ€tzen! Als Patriot machte Eddi sich keine Gedanken darĂŒber.
Dass sich die B-17, wenn sie abgeschossen wird ĂŒberschlĂ€gt, unsteuerbar zu Boden trudelt oder schon in der Luft auseinanderbricht, davon sagte er nichts. Auf jeden Fall muss sich die gesamte Besatzung von zehn Mann durch eine enge Luke nach draußen quĂ€len, was nahezu unmöglich ist, da die FliehkrĂ€fte einer trudelnden Maschine die MĂ€nner an die Wand drĂŒcken.
Davon erzÀhlte der Kommandeur nichts 

Nach 25 EinsĂ€tzen sollte man nach Hause zurĂŒckkommen, um dann als Ausbilder zu wirken, sofern man kein nervliches Wrack war. Die Kriegsmaschinerie musste gefĂŒttert werden, mit neuen MĂ€nnern und neuen Maschinen 

Doch Eddi war selig, er hörte nicht mehr zu, als der Kommandeur von Patriotismus sprach, er hielt in einer Hand ein Glas Bourbon und in der Anderen das MĂ€del, das ihn bald vergessen haben wird, denn der nĂ€chste Schwung BordschĂŒtzenanwĂ€rter stand praktisch vor der TĂŒr, und sie wĂŒrde wieder das ‘Letter Girl‘ spielen, aus patriotischen GrĂŒnden.

Eddi wurde nach England verschifft und mit Sack und Pack auf einen Flugplatz gebracht. Ihm wurde sein Quartier gezeigt, ein Baracke mit entweder schnarchenden oder Briefe schreibenden Kerlen, und er wurde wieder angebrĂŒllt, weil er seinen Sack in einen falschen Spind stellen wollte.
So hatte er sich das nicht vorgestellt!
Er kĂŒsste das Bild seines Letter Gils und nahm sich vor, ihr einen Brief zu schreiben. Er wollte ihr schreiben, dass es ihm gut ging, und er sich auf seine EinsĂ€tze freute 


Die B-17, zu der Eddi am nĂ€chsten Morgen gefahren wurde, sah keineswegs so aus, wie die silberglĂ€nzenden Mustangs und Fliegenden Festungen in den Werbefilmen, die Eddi zum Eintritt in die Air Force bewegen sollte. Die ‘Nose-Art‘ an ihr zeigte ein lĂ€chelndes, spĂ€rlich bekleidetes MĂ€dchen und den Schriftzug ‘Hot Shot Charlott’. Eddi zĂ€hlte die aufgemalten Bomben, es waren dreiunddreißig, aber auch drei Hakenkreuze zum Zeichen dafĂŒr, dass aus diesem Flugzeug bereits drei Nazis abgeschossen wurden. Die B-17 war mit einem schmutzigen GrĂŒn bemalt, einmal und nie wieder, an vielen Stellen war die Farbe abgewetzt und das blanke Metall war zu sehen. Trotz der dreiunddreißig EinsĂ€tze, die sie mit wechselnden Besatzungen auf dem Buckel hatte, war sie nie neu gestrichen worden. Sie hatte zu fliegen und Bomben zu werfen, keine Zeit in einer Halle zu stehen, damit die Farbe trocknete.
Eddi versuchte eine ordentliche Meldung zu machen, aber der Copilot winkte ab, er hatte eine wÀchserne Gesichtshaut, zwei abgefrorene Finger, zerkaute mit mahlenden Bewegungen irgendein Aufputschzeugs und erkundigte sich, wie viele EinsÀtze der Airman den schon hinter sich hatte.
„Ich komme gerade von der Ausbildung, Sir. Lieutenant Sir. Ich werde es den Nazischweinen 
“
„Ach du Scheiße“, unterbrach der Copilot, „da teilen die Idioten mir ein KĂŒken zu! Das kann ja was werden! Hoffentlich haben wir keine FeindberĂŒhrung! Es geht diesmal gegen die Schweinfurt, da können Sie sich auf was gefasst machen!“

Eddi zog seine ‘Kampfbekleidung‘ an, wie er es gelernt hatte. Über das wollene Unterzeug gegen die grimmige KĂ€lte, kam ein elektrisch beheizter Overall. Dann kam die Uniform, darĂŒber eine schaffellgefĂŒtterte Fliegerkombination, in der Eddi sich kaum bewegen konnte. Anschließend stĂŒlpte er sich den Brust- und RĂŒckenpanzer ĂŒber, ein dichtes, leicht angerostetes Kettenhemd, das vom Hals bis zum Becken reichte und gegen Flaksplitter und MG-Geschosse schĂŒtzen sollte. Dann stieg er in die hohen Schaftstiefel, legte die grellgelbe Schwimmweste an, schließlich die Fallschirmgurte, und zog zuletzt dicke, elektrisch beheizten Handschuhe ĂŒber. Er zog sich noch eine warme MĂŒtze ĂŒber den Kopf und stĂŒlpte einen Stahlhelm darĂŒber. Fertig – glaubte Eddi, aber im Flugzeug erwartete ihn noch eine Sauerstoffmaske, die er sich um den Hals hĂ€ngte. Ferner gab es noch den Kopfhörer fĂŒr das BordsprechgerĂ€t mit dazugehörigem Kehlkopfmikrofon. Eddi kannte das und wartete geduldig auf die Sprechprobe, die allerdings nicht so ausgefĂŒhrt wurde, wie in der Ausbildung. Kurz, knapp und ein wenig schludrig.
Eddi nahm das Anlassen der Motoren zum ersten Mal wahr, die ganze Maschine zitterte und bebte eine Ewigkeit, wie es ihm vorkam. Es dauerte eine weitere Ewigkeit bis sie sich in Bewegung setzte und gleich wieder anhielt. Dunkle Qualmwolken tobten an Eddis Fenster vorbei, und er fragte sich, ob es seine Ordnung hatte. Anscheinend hatte es seine Ordnung, denn die B-17 setzte sich in Bewegung und wurde schneller. Die Geschwindigkeit stieg an, bis der 30 Tonnen schwere Bomber, beladen mit 10 Tonnen Bomben und einer Tonne Munition schließlich bei 110 mph vom Boden abhob. Die ganze Besatzung hielt den Atem an, denn schon das geringste Abweichen von der Startbahn wĂŒrde die Reifen zum Platzen bringen und den Bomber in eine Feuer- und RauchsĂ€ule verwandeln. War schon passiert, aber Eddi nicht erzĂ€hlt worden.
Er wunderte sich auch, warum die Bomber ĂŒber der Nordsee zunĂ€chst Kreise zogen, bis er einen grellgelb mit roten Punkten bemalten ‘Liberator‘ sah, um den sich die von den anderen FlugplĂ€tzen gestarteten Bomber sammelten.
‚Mein Gott‘. dachte Eddi, ‚das mĂŒssen mindestens Dreihundert sein, der ganze Himmel voll Bomber! Da mĂŒssen die Nazis doch kapitulieren!‘
Aber sein Bomber nahm Höhe auf, die vier Neunzylinder-Sternmotoren Curtiss-Wright R-1820-97 Cyclone, mit je 1.215 PS zogen sie in die Höhe, die Lader wurden erst in großen Höhen richtig munter. Der andere Waist Gunner signalisierte ihm, dass er endlich seine Sauerstoffmaske aufsetzen sollte und half dem Ball Turret Gunner, der sich schnell noch bekreuzigte, in sein enges Verließ unterhalb des Flugzeugs.
Eddi setzte die Sauerstoffmaske auf, sie schmeckte nicht nach Kaffee, sondern nach dem Schweiß eines Anderen, und das Gummi presste sich in die Haut. Eddi fragte sich, was aus dem vorigen Waist Gunner geworden war, als er die frisch geflickten Einschusslöcher in seiner Brusthöhe sah, wĂ€hrend er begann, unablĂ€ssig den Himmel nach Feindflugzeugen abzusuchen. Der Druck der Sauerstoffmaske auf das Gesicht trieb Eddi fast in den Wahnsinn, aber wusste, dass der Flieger ohne die Maske in wenigen Minuten bewusstlos werden wĂŒrde.
Zwei, drei Stunden lang suchte Eddi unablĂ€ssig den Luftraum ab, aber er sah nur Flakwolken und einen Bomber, der sich aus dem Verband löste und langsam mit brennenden Motoren zu Boden trudelte, bis er seinen Blicken entschwand. Eddi konnte nicht mehr sehen, ob alle MĂ€nner noch herausgekommen waren, und eine wĂŒrgende Angst stieg in ihm auf. Jeden Moment konnte es auch ihn erwischen.
Indessen hatte der Pilot sein Augenmerk stĂ€ndig auf die ĂŒber und neben ihm fliegenden Bomber zu richteten, mit einer Hand die SteuersĂ€ule zu halten, mit der anderen die vier Gashebel und die Steuerung der vier Verstellprobeller in die richtige Lage zu bringen, mit den FĂŒĂŸen die Seitenruderpedalen gegen die harte Federung zu drĂŒcken, genau in der Formation der ‘Combat-Box‘ zu bleiben, immer neun Bomber, etwas in Höhe und Seite versetzt, aber dicht beieinander, um einen schönen, dichten Bombenteppich zu erzielen. WĂ€hrend die Bomber in der böigen Luft auf und ab stampften, warf der Bordingenieur noch einen kurzen Blick auf seine Instrumente, schnallte sich los, ging in den Drehturm oben im Flugzeug und begann auch den Himmel nach FeindjĂ€gern abzusuchen, die sich jeden Moment wie zornige Hornissen mit heulenden Motoren auf den Bomberverband stĂŒrzen konnten. Der Navigator begann schwitzend sein unablĂ€ssiges Rechnen und Kontrollieren.
Nicht nur Eddi begann steif zu werden, das Kehlkopfmikrofon fing an, eine kleine Rasierwunde in quĂ€lender Weise aufzuscheuern und der Rand der Schwimmweste rieb seinen Nacken wund. Es war anders, als in der Ausbildung, in der sie nach einer Stunde aufhören konnten zu schießen, um Kaffee zu trinken. Hier gab es keinen Kaffee, nur das langsame Steifwerden der Glieder, zudem begann sich die sibirische KĂ€lte trotz der Heizbekleidung in seinen Körper zu fressen.
Nach vier Stunden Flug presste sich die Sauerstoffmaske derart in Eddis Gesicht, dass er sie am liebsten runter gerissen hĂ€tte, aber er sah endlich die BegleitjĂ€ger, die ‘Little Friends‘. Die Thunderbolds und Mustangs mit ihren dicken und elegant-schlanken RĂŒmpfen erschienen Eddi schöner als der schönste MĂ€dchenkörper.
Eddi wollte winken, aber der Ruf des Bordingenieurs, der nun breitbeinig in der Kuppel des drehbaren Dachturms stand, und ein Zwillings-MG zu bedienen hatte, hielt ihn davon ab.
„Me 109-JĂ€ger auf fĂŒnf Uhr. Hoch. Zehn StĂŒck!“
Der Funker verlies seinen Platz und stĂŒrzte zu dem Dachstand, in dem auch ein MG hing. Der Bomber war nun ohne Verbindung zu den anderen Bombern, aber das war im Moment auch nicht nötig, und der Navigator stieß einen Fluch aus und suchte schnell das Bug-MG an der rechten Seite auf.
Die Meldung löste bei allen einen Druck in der Magengegend aus und jeder wartete gespannt darauf, bis das Geknatter des schweren Zwillings-MG im oberen Turm anzeigte, dass der Kampf begonnen hat.
Auch Eddi schluckte seine wĂŒrgende Angst hinunter und schwenkte sein MG in die Richtung, die der DachturmschĂŒtze angegeben hatte, aber er konnte keine Flugzeuge sehen, und dann ging alles ganz schnell. Geschosse spritzen mit dem GerĂ€usche eines pneumatischen Niethammers durch die Bordwand.
Eddi wurde getroffen und sackte zusammen, ohne einen Schuss abgegeben zu haben.
Der Kopilot hatte nun den Befehl, ihm Erste Hilfe zu leisten, aber fĂŒr ihn fingen die Schwierigkeiten an. Am Schlimmsten war die Enge des Raumes, in dem er sich bewegen musste. Der Copilot löste erst seinen Gurt, zog die Stecker fĂŒr die Heizung und FunkgerĂ€t heraus, nahm den RĂŒssel des SauerstoffgerĂ€tes ab und entledigte sich seines Sitzfallschirms. Ihm war bewusst, dass er nun keine Möglichkeit mehr hatte, mit dem Fallschirm abzuspringen, und hoffte instĂ€ndig, dass der Bomber nicht getroffen wĂŒrde. Trotzdem hĂ€ngte er eine tragbare Sauerstoffflasche um, wand sich aus seinem Sitz und zwĂ€ngte sich nach hinten. Jede einzelne Falte seiner Fliegerkombination schien dafĂŒr geschaffen, an allen Griffen, Knöpfen, Hebeln und Kanten, von denen es im Inneren des Bombers unzĂ€hlige gibt, hĂ€ngenzubleiben. Trotzdem konnte er sich neben dem drehbaren Unterteil des Dachturms, in dem der Bordingenieur nun stand und nichts von dem mitbekam, was sich unterhalb von ihm abspielte, gerade noch vorbeidrĂ€ngen. Das ging nur, wenn der Turm stillstand. Wenn der SchĂŒtze ihn jedoch schwenkte, einer angreifenden Messerschmitt entgegen, bestand die Gefahr, dass er von dem Getriebe erfasst und verletzt wurde, denn der schmale Gang neben dem Bombenschacht voller Bomben, vor dem der Dachturm angebracht war, war voller kantiger Rippen und VerstĂ€rkungen.

Eddi hing mittlerweile bewusstlos in seinem Kampfstand und der Fahrtwind donnerte mit 60 Grad KĂ€lte durch die Einschusslöcher. Eddi brauchte Desinfektionspulver auf seine Wunden und einen Druckverband, denn sein blutendes Bein musste abgebunden werden. Mit den dicken Handschuhen konnte das nicht gemacht werden; der Copilot legte sie deshalb ab. Mit viel Geschick und etwas GlĂŒck schaffte er es in drei Minuten und konnte die Handschuhe schnell wieder anziehen. Er wird aber nicht ohne Erfrierungen davonkommen, denn der Wind, der mit sibirischer KĂ€lte herein donnert, sorgte dafĂŒr, dass die Finger umgehend Klamm wurden und abzufrieren drohten. Es konnte passieren, dass die Finger im Handschuh blieben, wenn er sie nach dem Einsatz auszog.
MĂŒhsam arbeitete sich der Copilot wieder zurĂŒck, durch das Rumpfinnere der Fliegenden Festung, die unbeirrt ihre Bahn zog. WĂ€hrend er sich wieder an Fallschirm, Sauerstoff, Heizung und FunkgerĂ€t anschloss, nĂ€herte sich die Formation der Fliegenden Festungen dem Ziel.
Die deutschen JĂ€ger und die Flak hatten hier den Schwerpunkt ihrer Abwehr gebildet. Die Luft war voller Sprengwolken der Flakgranaten. Die Combat-Box rĂŒckte noch ein wenig zusammen und jeder Bomber öffnete beim gradlinigen Zielanflug die BombenschĂ€chte, was die Ball Turret Gunner bestĂ€tigten. Alle Besatzungsmitglieder hielten den Atem an, bis der erlösende Ruf des BombenschĂŒtzen kam: „Bombs away!“
Die Bomben trudelten aus den SchÀchten, irgendeinem Bomber wurde von einer Bombe einer höher fliegenden Maschine das Höhenruder abgeschlagen, aber sie flog unbeirrt weiter.
Die Formation wendete, was wieder die ganze Kraft des Piloten erforderte, schloss die BombenschĂ€chte und flog heimwĂ€rts. Aber noch war die MĂŒhsal nicht vorbei, auf einige angeschossene Maschinen, die hinter dem Verband zurĂŒckblieben, stĂŒrzten sich die deutschen JĂ€ger und holten sie endgĂŒltig vom Himmel. Die Little Friends konnten ihnen nicht helfen, nur selten blĂ€hten sich zehn Fallschirme ĂŒber dem Rauchpilz des abgeschossenen Bombers.
Aber es ging heimwĂ€rts, bis zu dem gesegneten Augenblick, in dem die RĂ€der der Fliegenden Festung den Boden berĂŒhrten.

Nur Eddi zog man tot aus dem Bomber.
Er hatte es nicht geschafft, drei Tage vor seinem zwanzigsten Geburtstag.
Der Pilot forderte einen neuen Waist Gunner an.


Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung