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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tod in der Rue Morgue
Eingestellt am 21. 05. 2012 14:17


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Claus Thor
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2012

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Der Tod in der Rue Morgue
Von
Claus Thor

Ich war sehr jung, als meine Mutter starb und ihren Mörder habe ich seither gesucht. Mittellos landete ich auf der Straße; denn meinen Vater kannte ich nicht. War Bettler, Schuhputzer, Zeitungsjunge. Oft auf der dunkeln Seite des Lebens. Man traf mich hĂ€ufig in den freien Bibliotheken und BĂŒchereien der grĂ¶ĂŸeren StĂ€dte, wo ich mir eine leidliche Bildung aneignete. Obgleich ich ein Straßenjunge war, war meine Kleidung stets gepflegt. Ich fand Schlupflöcher, die mich nicht nur an sauberen Orten fĂŒhrten, sondern auch spĂ€ter, als ich die Jungenjahre hinter mir gelassen hatte, in die gehobene Gesellschaft brachte. Ich beschaffte mir einige Dokumente und eine glaubwĂŒrdige Biografie.
Auf der Suche nach dem Mörder fand ich oft kleine Hinweise und Spuren, aber genauso schnell wie sie sich mir darboten verlor ich sie auch wieder.
Ich lernte und studierte alles, was es mit Kriminalistik auf sich hatte. Aber das reichte mir nicht. So wendete ich mich der Parawissenschaft zu. Jenes Gebiet, welches alternative Erkenntnisse am Rande oder außerhalb der akademischen Wissenschaften suchten. Aber auch das befriedete nicht meinen Geist.
Daraufhin nahm ich an einer Schiffsreise teil, die mich ĂŒber den großen Teich, in die alte Welt brachte. Und dort nach Frankreich. Da war ich nun in Paris, das alte ehrwĂŒrdige Paris in Europa, was liegt da nĂ€her, als ein Nachtbummel zu tĂ€tigen? Aber weitgefehlt, denn ich bin nicht hier um des VergnĂŒgens willen, sondern der Hoffnung wegen.
Ich lernte auf dem Schiff einen Herrn Waldemar kennen, der ein wahrer Meister des Mesmerismus war. Das interessierte mich doch sehr. In Paris scharrte er einige AnhÀnger um sich und eröffnete eine Schule. Ich sollte ihn nun als Assistent zur Seite stehen. Daraufhin beabsichtigte ich einige Monate zu bleiben, also schlug ich in einer Brasserie die Zeitungsannoncen der Wohnungsvermieter auf. Das brachte mich in eine kleine Etagenwohnung in der Rue Morgue unter.
Vom Fenster aus betrachtet erschien mir die Straße recht gewöhnlich. Es waren auf ihr nicht viel los. Nur wenige Menschen waren unterwegs. Man könnte sagen, eine langweilige Straße in einem langweiligen Quartier einer reizvollen Stadt.
Da sah ich ihn. Er sprang mit sogleich in die Augen. Wie auffĂ€llig er durch die Menge schritt. Sein grauer Anzug, passender Zylinder und die Brille mit den blauen GlĂ€sern. Er bewegte sich mit einer eleganten Sicherheit, die nur auf einer adligen und wohlhabenden Erziehung zurĂŒckzufĂŒhren war. Was mich in Erstaunen versetzte, war die Tatsache, dass niemand von ihm Notiz zu nehmen schien. Er schritt weitaus und verschwand schneller aus meinem Blick als mir bewusst wurde, dass dies der Mann war, den ich schon seit meinen Jugendjahren vergeblich suchte.
Ohne weitere Verzögerung, ohne Stock und Zylinder, ohne meinen Gehrock, stĂŒrmte ich aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und hinaus auf das Trottoire. Gott sei es gedankt hatte ich wenigstens meine Straßenschuhe an. ZunĂ€chst ging ich im forschen Tempo zwischen den Passanten daher, dann begann ich im Laufschritt die Richtung zu folgen, in der ich ihn zuletzt gesehen hatte. Doch dann stand ich auf der Abzweigung zur Rue de Rivoli. War er zur Place de la Concorde unterwegs oder verloren sich seine Spuren in den GĂ€rten Tuileries? Ich hastete eine Weile hier hin und dort hin, vergebens, also beabsichtigte ich, in meine Wohnung in der Rue Morgue zurĂŒckzukehren.
Ein lautes Gezeter ließ mich aufhorchen und lockte mich in eine schmale Seitengasse, welche ich bis zum Ende folgte und dann vor einer mannshohen Mauer stand. Sie bestand aus groben roten Ziegelsteinen. Dahinter hörte ich die verzweifelte Stimme einer Frau: „
 natĂŒrlich habe ich Angst.“
Die brummige Stimme eines Mannes sagte: „Marie. Marie. Es wird uns nichts geschehen.“
„Paul - ich glaube du hörst mir gar nicht zu. Wir mĂŒssen hier weg. Sofort. Raus aufs Land. Zu Papa und Mama. Denk doch an Luise – willst du, dass sie an 
 dass sie stirbt?“
„Marie, ich hab hier Verpflichtungen. Wir können nicht einfach weglaufen.“
„Paul. Der Tod geht um!“
Die Stimmen entfernten sich und ich konnte sie nicht mehr hören. Ein seltsames GesprĂ€ch. Ich konnte mir darauf keinen Reim machen, da ich nur einen kleinen Teil mitbekommen hatte. Außerdem schien mir die Frau hysterisch zu sein. Alltags GezĂ€nk eines Elternpaares.
Der Concierge schaute mich missbilligend an. Kein Wunder bei meinem Aufzug.
Als ich in meinem Zimmer auf dem Bett saß, und drĂŒber nachdachte, dass er hier war, dass ich ihn hier gesehen habe und – hĂ€tte ich nicht zu langsam reagiert, vielleicht sogar hĂ€tte stellen können. Da kam mir die Stimme der Frau wieder in den Sinn: „Der Tod geht um.“
Wie recht du damit hast, Marie, dachte ich, wie recht du hast.

Schon frĂŒh betrat ich das Institut, in dem Herr Valdemar uns erwartete. Wir waren etwa zwanzig Hörer im Saal. Er gab uns zunĂ€chst einen kleinen Abriss des Mesmerismus und spĂ€ter demonstrierte er uns seine KĂŒnste an einige Freiwillige. Irgendwie konnte mich das Ganze nicht recht ĂŒberzeugen. Aber das, was Herr Valdemar gesagt hatte, stimmte mich auf der RĂŒckfahrt nachdenklich. Er sprach Unteranderem ĂŒber die Begabungen oder Talente mancher Zeitgenossen: Wie es seine Begabung war mit dem Magnetismus umzugehen, so konnten andere zum Beispiel in die Zukunft blicken, oder sie sprachen mit den Toten. NatĂŒrlich gab es die mannigfaltigen Talente. Unvermittelt wandte er sich mir zu und fragte: „Welches ist wohl ihre Begabung, junger Freund?“
Ich konnte ihm nicht antworten, da ich noch keine besondere FĂ€higkeit bei mir festgestellt hatte.
„Gut“, sagte Valdemar und schaute in die Runde seiner ausgewĂ€hlten SchĂŒler. „In den heutigen Tagen, wo man den Tod allen Orts in Paris anzutreffen pflegt, ist es nicht verwunderlich, dass das Interesse am Mesmerismus gestiegen ist. Sie nun meine Herren sind aufgrund besonderer FĂ€higkeiten 
„
Dort unterbrach er seine Ansprache und schaute in die kleine Runde jeden einzelnen seiner Studenten in die Augen; als er nun bei mir anlangte, hielt er etwas lĂ€nger inne, und nun begannen die MitschĂŒler, erst verhalten, dann lautstark zu lachen.
Als der Unterricht beendet war, habe ich mich einem an Valdemars Theorien und Praxis interessierten Student angeschlossen. Er war wohl sehr reich, denn er nahm mich in seinen zweisitzigen Halbberlinen mit. Wir unterhielten uns sehr angeregt ĂŒber das heute Gehörte und Gesehene.
„Ich kann durchaus an die These glauben, dass die Ursache von Krankheiten eine Behinderung des freien Flusses des animalischen Magnetismus' ist“, sagte ich zu dem jungen EnglĂ€nder. Der nach Paris kam, um VortrĂ€ge des berĂŒhmtberĂŒchtigten Herrn Valdemar zu hören. „Aber, wie soll ein Heiler, wenn er nicht ĂŒber die spezielle Gabe verfĂŒgt, eine solche Blockade mit Handbewegungen beseitigen können?“
„Ich glaube, dass man zuerst einmal die FĂ€higkeit erlangen muss, Blockaden und Ungleichgewichte wahrzunehmen.“
„Somit sind wir also angewiesen auf eine elitĂ€re Schar von Menschen, denen diese Begabung angeboren ist.“
„Durchaus nicht“, sagte der EnglĂ€nder barsch, der, ob meines Zweifelns, leicht in Rage geriet: „Man kann die Physik des Animal-Magnetismus genauso studieren, wie die Physik des Elektromagnetismus. Und die FĂ€higkeiten erwerben.“
Ich war gerade im Begriff meine Zweifel an Valdemars Behandlungsmethode nÀher zu erlÀutern, als ein heftiger Ruck durch die Kutsche ging.
Der ganze Kutschkasten neigte sich nach links und man hörte die Federung kreischen. Lauter war nur das Wiehern der Zugpferde und das GebrĂŒll des Kutschers, welcher die Tiere zur RĂ€son zu bringen hoffte. Die Peitsche knallt.
WĂ€hrend ich in das lederne Polster gedrĂŒckt wurde, folgte mein neuer englischer Freund der Schwerkraft und stĂŒrzte mir entgegen. Noch bevor ich mich zur TĂŒr wenden konnte, um zu schauen, was passiert sei, wurden wir erneut durchgerĂŒttelt. Mit einem heftigen Ruck schoss das Gespann nach vorn. Die TĂŒr, die in Riemen an hölzernen Federn hin, sprang unvermittelt auf. Ich sah Leute mit panischen Gesichtern, und wie sie dem GefĂ€hrt auszuweichen versuchten, aber die Berline raste vorbei. Ich hörte und spĂŒrte mehrere SchlĂ€ge gegen den Kutschkasten. Sie wurden begleitet von den Schreien der Verletzten und dem Gekreische der Entsetzten. Dann verlor ich allen Halt und wurde aus der Kutsche geschleudert.
Ich hatte ungeheuerliches GlĂŒck, das ich in Fahrtrichtung herausfiel, den Kopf rechtzeitig einzog und so ĂŒber die linke Schulter abrollen konnte. Es schien als vollfĂŒhrte ich ein AkrobatenkunststĂŒck, obgleich man meinen Körper sicherlich nicht als sportlich oder gar athletisch bezeichnen werden könnte. Reines GlĂŒck. Ich sage euch: reiner glĂŒcklicher Zufall. Mehr nicht. Der Schmerz, der mich durchzuckte von der Schulter ĂŒber den Oberarm herunter bis in die Fingerspitzen. Die HĂŒfte, der Oberschenkel und das Knie zeugten spĂ€ter davon. Ich hĂ€tte mir auch das Genick brechen können.
Ich landete im Straßenstaub und etwas schlug mir an den Kopf. Es toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Schreie und Rufe ĂŒberall. Dann folgte ein lautes Krachen. Nachdem ich, auf Knien wie zum Gebet, das Ausmaß der Katastrophe sah, wurde mir schlecht. Die Berline war durch eine Gruppe von Menschen gerast, eine Versammlung, in der jemand erklĂ€rte: Karl der Zehnte habe die Bildung einer liberalen Übergangsregierung akzeptiert und Louis-Philippe wĂŒrde Generalstatthalter. Ich wusste, obwohl mein politisches Interesse sehr Bescheiden war, das zurzeit etliche europĂ€ische Staaten durch revolutionĂ€re Proteste erschĂŒttert wurden.
Mitten durch den Schleier, der sich vor meinen Augen bewegte, sah ich eine Gestalt, und ich wusste, wer es war. Obgleich ich ihn nur schemenhaft sah. Er stand leicht gebeugt hinter einer Frau, die mit angewinkelten Beinen auf der Straße hockte und weinte, mit einem MĂ€dchen im Arm. Dann war es mir, als sehe er mich direkt an. Etwas, eine Reflektion vielleicht, ich weiß es nicht besser zu sagen, leuchtete in diese blauen GlĂ€ser seiner Brille auf, ein Schauern durchfuhr meine Glieder und endlich empfand ich gar nichts mehr.
Als ich erwachte, fĂŒhlte ich einen wĂŒsten pochenden Schmerz im Kopf. Jemand sprach mich an. Doch es brauchte eine Zeit, bis es mir gelang, mich auf das Vorgefallene zu besinnen.
„Wie geht es Ihnen?“, hörte ich den EnglĂ€nder fragen. „Was fĂŒr ein Schlamassel. Eine Katastrophe.“
„Was ist passiert?“, sagte ich mechanisch.
„Ich glaube, dass irgendjemand den Redner erschossen hat. Durch den Schuss gingen die Pferde durch. So viele Verletzte. Wir hatten großes GlĂŒck gehabt.“
Ja, das hatten wir wirklich, denn mindestens einen halben duzend Menschen lagen oder krochen verletzt auf der Rue Morgue. Wenn man bedenkt, war es schon seltsam, dass dieser Unfall fast direkt vor meiner HaustĂŒr geschah.
Doch es brannte eine Frage auf meine Seele und ich sagte: „Haben Sie vielleicht einen Mann im grauen Dandy, Zylinder und einer auffallenden blauen Brille gesehen?“
„Nein“, erwiderte der EnglĂ€nder.

Ich saß in einem CafĂ©, rauchte und las meine Notizen, die ich in einem kleinen, in schwarzes Leder gebundenes Heft, welches ich stets bei mir trug, notierte. Diesem BĂŒchlein vertraute ich so ziemlich alles an, was mich bewegte 

TrĂ€umerisch schaute ich ĂŒber meine Notizen hinweg durch das Fenster auf die atmende Stadt der Liebe, die ich doch nie fand, und sah dann mein Bild in der Scheibe sich wiederspiegeln. Welches weibliche Wesen, welch holdes Frauenzimmer sollte sich fĂŒr ein schmĂ€chtiges, dunkelhaariges und melancholisches Kerlchen wie mich erwĂ€rmen?
Die Begegnung heute hatte mich sehr aufgewĂŒhlt. Noch vor einige Zeit hatte ich mich mit dem Gedanken angefreundet, dass ich den Mörder meiner Mutter nie wĂŒrde finden können. Zu verschwommen waren die Hinweise auf diese Person und resultierten, eigentlich bemerkte ich die LĂ€cherlichkeit schon lange, einzig aus den TrĂ€umen eines kleinen Jungen, der ich mal war. Ich ĂŒberflog noch einmal die Aufzeichnungen dieser TrĂ€ume:
Aus dem Traum erwacht, hatte ich wirre Gedanken, die sich aber langsam auflösten, wie frĂŒher Nebel im morgendlichen Sonnenstrahl. Ich lag rĂŒcklings auf der Pritsche, die Augen geschlossen, und versuchte mich zu erinnern. ZunĂ€chst waren nur meine Gedanken, die gebetsmĂŒhlenartig Worte flĂŒsterten, die des Erinnerns zutrĂ€glich sein sollten. Ich wollte mich daran entsinnen, was es mit diesem Traum auf sich hatte. Denn mir zitterten jetzt noch die Glieder und ein leichtes Frösteln ließ eine GĂ€nsehaut zurĂŒck. Aber da war nur schwĂ€rze; doch dann, eine RĂ€umlichkeit:
Ein unbestimmtes Zimmer mit einem Bett, ĂŒber dem sich eine Gestalt beugte, fast glaubte ich ein altes Bild zu sehen, sepiafarben. Aus unbestimmte Richtung wurde die Szenerie von einer schwachen Lichtquelle beleuchtet. Sie flackerte leicht, das gab mir die Gewissheit, dass es sich hierbei um keine Daguerreotypie handelte.
ZunĂ€chst geschah nichts. Ich sah den RĂŒcken des Mannes und die unbeweglich unter einer Decke liegende Gestalt. Immer wieder zerstoben, die ins GedĂ€chtnis gerufenen Bilder der Traumerinnerung zu diffusen Fetzen. Einmal sah ich wie die Gestalt im Bett sich plötzlich ruckartig aufrichtete, sie schien zu husten, dann sah ich den Mann, er drehte sich um und schien mich direkt anzusehen. Es schauderte mich. Sah er mich an oder nicht, ich konnte es nicht mit Bestimmtheit feststellen, denn er trug eine blaugefĂ€rbte Brille. SpĂ€ter als ich darĂŒber nachdachte wunderte es mich doch sehr, da der Rest des Traums farblos erschien. Dann versuchte ich mich stĂ€rker zu konzentrieren, aber es tauchten andere BruchstĂŒcke auf, aus meinem hier und jetzt. Ich spĂŒrte, wie der Traum verloren war und ich hofft auf den nĂ€chsten Schlaf, der mir tieferen Einblick in diese eigenartige AnhĂ€ufung von sich Ă€hnelnden Traumsequenzen geben wĂŒrde. Was war es nur, dass in mir eine beĂ€ngstigende Emotion auslöste? Warum dieser Traum von der Liegestatt, in der ich die Gestalt unter der Bettdecke nie zu sehen bekam? Zu mindestens erinnere ich mich nicht daran; aber jedes Mal: diese AngstzustĂ€nde.
Ich las diese Stelle noch mehrere Male und ich war wĂŒtend ĂŒber mich selbst. Wie konnte ich ihn, jenen, den ich schon so lang suchte und doch niemals und nirgendwo fand, entkommen lassen? Jetzt da er an einen mir unvermuteten Ort, nach undenklicher Zeit, aufgetaucht war!
Ich verlies das CafĂ© in einen unmöglichen GemĂŒtszustand. Passanten blieben wie angewurzelt stehen und starrten mich erschrocken an. Ich muss wohl lautstark vor mir her geschimpft haben und bemerkte, dass ich immer wieder die rechte Faust in die linke HandflĂ€che schlug und dabei mit den Schuhen auf den Pflasterstein aufstampfte. Kurz gesagt, ich gebĂ€rdete mich wie ein Wahnsinniger, wie jemand der aus einem Tollhaus ausgebĂŒxt sei. Als ich dies Selbst bemerkte, war ich heilfroh, dass man mich nicht in Obhut der Gendarmerie verbrachte. Sofort stellte ich dieses Verhalten ein. Ich entschuldigte mich bei den Umstehenden und sah zu, das ich den Ort meines Auftretens, schnellst möglichst verließ.
Dieser Fremde spukte mir im Kopf herum. Keinen anderen Gedanken konnte ich vernĂŒnftig fassen, ohne dass ich mich nicht zu ihm zurĂŒckwendete. Es gab noch so viel anders ĂŒber, dass ich sinnieren wollte. Ich hatte mich an kleinen literarischen Texten zu versuchen. Um Inspiration bemĂŒht, beschloss ich, meine Wohnung zu verlassen und einen Spaziergang am Ufer der Seine zu machen.
Es ließ sich leichter ĂŒberlegen, wenn man ging und es gab viele Wege, auf denen man hinunter zum Fluss gelangen konnte, aber ich wĂ€hlte den, der zu meinen trĂŒben Gedanken passte. Er war steil und brachte mich hinaus auf einem trĂŒbseligen, windigen Flussufer.
Ein kalter, schwerer Regenschauer ging runter, BlĂ€tter fielen von den BĂ€umen und die Äste standen kahl gegen den Wind, und dem kalten, winterlichen Licht. Nun hatte ich den Fremden, in dem ich den Mörder meiner Mutter zu erkennen glaubte, zum zweiten Mal aus den Augen verloren. Aber hatte er wirklich das getan, wofĂŒr ich ihn fĂŒr schuldig hielt? Was hatte ich denn eigentlich fĂŒr Beweise? Als Kind, im Alter von sieben Jahren, hatte ich ihn gesehen. Er betrat das Haus eines kranken Nachbarjungen, welches ich nur flĂŒchtig kannte, weil er mehr seinem gestrengen Vater auf dem Hof half, als mit uns Kindern auf der Straße zu spielen. Er starb an diesem Tag. Dann sah ich ihn am Bett meiner Mutter. Dieses Bild brannte sich in mein Bewusstsein und wurde so zu dem Albtraum, der mich auch heute noch quĂ€lt, da meine Mutter an jenem Tag starb. Mir wurde klar, nach dem ich Fragen nach den Fremden stellte und man mir nichts ĂŒber ihn sagen konnte, weil man nicht wusste, von wem ich redete, dass er ein Mörder war, der sehr geschickt zu Werke ging. Was mich sehr erstaunte, als ich ihn auf der Rue Morgue wiedersah, war die Tatsache, dass er um kein Jahr gealtert schien. Nun, das lag wahrscheinlich an der verklĂ€rten Sicht eines Kindes und wie ich ihn im GedĂ€chtnis behalten hatte.
So gedankenschwer kam ich an einer der vielen BrĂŒcken, die die Seine querten. Es war wohl die Älteste in Paris und fĂŒhrte ĂŒber die Spitze der Seine-Insel. Der Nordteil hatte Sieben Steinbogen und der SĂŒdteil hatte fĂŒnf, ĂŒber jedem Pfeiler befand sich auf beiden BrĂŒckenseiten eine runde BrĂŒckenkanzel. Und auf eben jenem SĂŒdteil ĂŒber dem dritten Bogen sah ich schemenhaft eine Person stehen.
Niemand wĂŒrde sich dorthin begeben, ohne die eindeutige Absicht zu haben, sich in den Fluss zu stĂŒrzen.
Egal was den Selbstmörder bedrĂŒckte, welch Seelenqual oder Gewissensbisse ihn materten, ich konnte es nicht zu lassen. Vielleicht könnte ich mit ihm reden, davon ĂŒberzeugen, dass nichts so schlimm sei, um nicht einer Lösung zu gefĂŒhrt zu werden. Jedenfalls wollte ich es versuchen und begann zu rennen.
Außer Atem erreicht ich die Stelle, wobei ich fast eine weitere Person, welche wohl von der anderen Seite der BrĂŒcke gekommen sein musste, um zu helfen, anrempelte. Allerdings achtete ich nicht weiter auf den behĂŒteten Gentleman, sondern wandte mich gleich an die unglĂŒckliche Gestalt und gebot mit verzweifelter Stimme: „Halt! Tun Sie nichts Unbedachtes! Bitte!“
Es war eine junge Frau durchnĂ€sst bis auf die Haut, zitternd, das Haar angeklatscht, die an eng am Körperangelegten KrĂ€henflĂŒgeln erinnerten. Ihr blasses Gesicht wendete sich mir nur kurz zu und ich sah, wie ihre blauangelaufenen Lippen tonlos Worte formten. Die trĂ€nenvollen Augen schauten hoffnungslos und traurig in die Welt. Dann wandten sie sich wieder dem bleigrauen Wasser zu.
Vielleicht aus enttÀuschter Liebe oder aber ein schwerer Schicksalsschlag 

NatĂŒrlich war das nicht die Frau mit dem Kind im Schoß? Der Kutschunfall! Mein Gott!
Doch es war Gram unendlicher Gram, der sie springen ließ. Sie versank wie ein Stein. HĂ€tte ich hinterher springen sollen, um sie zu retten? Zweifellos nicht! Denn auch ich wĂ€re rettungslos in dem kalten tĂŒckischen Wasser der Seine untergegangen.
„Mein Gott“, entfuhr es mir, „das arme Geschöpf.“
Ich drehte mich um und sah den Mann sich schnell entfernen, also rannte ich hinter ihm her; ich wollte mit jemandem reden, wollte jetzt nicht allein bleiben.
Er riss sich heftig los, als ich seinen linken Arm erfasst hatte, sodass ich ins Schwanken kam und kurz einknickte. Er war schnell, das musste ich zugeben, denn bevor ich mich aufrichtete, war er von der BrĂŒcke runter und aus meiner Sicht, hinter den baumbestanden Weg, entschwunden.
Was war nur los mit diesem Typ? Ich fand seine Reaktion ein wenig zu heftig. Zugegeben, das erlebte grade setzte auch mir zu. Ich spĂŒrte, wie meine Glieder anfingen zu zittern. Aber es war doch seltsam. Zu nĂ€chst wollte ich ihm hinter her, entschloss mich aber dagegen, was Hilfs? Ich wollte noch einmal zurĂŒck an die Stelle, wo sich das arme Ding in die Seine gestĂŒrzt hatte. Keine Ahnung warum. Als ich mich umdrehte, trat ich mit dem Absatz auf etwas drauf und es brach, und dann war das Knirschen von splitterndem Glas zu hören. Ich erschrak und es war mehr als eine Ahnung, was ich zu sehen bekommen wĂŒrde. Unter meinem Schuh ragte ein verbogener OhrbĂŒgel hervor. Ich erkannte die GlĂ€ser augenblicklich mit ihrer charakteristischen FĂ€rbung. Sie waren blau und ich spĂŒrte, wie mich alle Kraft verließ.
Wie ich zurĂŒck in mein Zimmer kam, wusste ich nicht mehr zu sagen, aber in meinem Besitz befand sich nun die zerbrochene Brille. Ich legte sie auf die Kommode neben dem Affenbild. Erschöpft streckte ich mich auf meinem Bett aus, und kaum da ich lag, war ich eingeschlafen.
Ich wusste, dass ich schlief. Aber der Traum war so lebensecht. Ich erinnere mich, gerade jetzt, wo ich mich von der einen auf die andere Seite drehe, dass ich so einen Traum nur einmal hatte. Es war im Alter von sechzehn Jahren und ich war bis ĂŒber beide Ohren in Maggie Masters verliebt, und das bescherte mir meinen ersten feuchten Traum. Wie real die TrĂ€umerei werden konnte, war schon unheimlich, man spĂŒrte es tatsĂ€chlich körperlich, obwohl man wusste, dass man in einem Traum lag. Dieser hier war einer der Schrecklisten, ein wahrer Alptraum, schlimmer als jener vom Totenbett meiner Mutter und dem Fremden. Er war unheilverkĂŒndend. Die drohende Gefahr war körperlich spĂŒrbar geworden und ich konnte dem nicht entfliehen. Es war als wĂ€r ich dick in Gaze gehĂŒllt und mein Bett, in dem ich lag war, nicht weit, aber ich konnte einfach nicht aufwachen, ich kam einfach nicht zu mir durch.
Das Feuer brach in der Nacht aus. Es flackerte hell durch das Fenster in mein Zimmer hinein und irrlichterte ĂŒber meine Augenlider. Noch war ich nicht wach. Ich glaubte im Traum, dass ich es trĂ€ume, aber ich hatte die Schwelle des Bewusstwerdens bereits ĂŒberschritten. So roch ich den Rauch und hörte die Stimmen, die von draußen gedĂ€mpft an meine Ohren drangen. Gefahr! Ich schnellte von meinem Lager empor, wankte, wegen des langsam anlaufenden Kreislaufs und drehte mich einmal im Kreis um mich zu orientieren. Doch hier war alles ruhig und dunkel bis auf den Lichttanz auf den leicht trĂŒben Scheiben des Fensters. Ich schaute hinaus.
Das Haus brannte lichterloh. Flammen schlugen aus den geborstenen Fenstern und dem eingestĂŒrzten Dach meterhoch. Es war das GebĂ€ude jenseits der GrundstĂŒcksmauer zur Rue Morgue. Wie das Schicksal alles zu verknĂŒpfen verstand. Denn dort wohnte Marie, die ihre Tochter verlor durch den Kutschunfall. Es war also Marie, die ich nicht vor den Sprung in das kalte Element der Seine abhalten konnte. Jetzt brannte das Haus, in dem nur noch Paul wohnte, Maries Mann. Was wollte das Schicksal mir damit zeigen, da ich doch nichts mit diesen Leuten gemein hatte, außer der zufĂ€lligen Begegnung? Und jedes Mal war er da! Warum wusste ich nicht, aber es steuerte mein Handeln.
„Er wird da sein“, sagte ich und eilte die Treppe hinunter. Auf der Straße folgte ich der neugierigen Menge. Diese Menschentraube machte einen solchen LĂ€rm, dass das GelĂ€ut der Abtei Saint – Germain –des – PrĂ©s, welche sich im 6. Arrondissement befand und doch eine kleine Strecke entfernt war, ĂŒbertönte.
Als wir um die Ecke bogen, spĂŒrte man schon die enorme Hitze, die von dem Brand ausging. Die Spritzenmannschaft und der Steigertrupp waren bereits im vollen Einsatz. Das Sappeur – Pompier - Bataillon hatte drei Handdruckspritzenwagen vor Ort.
Wer immer sich in dem Haus aufgehalten haben sollte und keinen Weg hinaus fand, war verloren. Mit meiner rechten Hand schirmte ich die Augen vor der sengenden Hitze des Feuers ab. Ich suchte hinter den Fenstern nach Anzeichen einer Bewegung, obwohl mir bewusst war, dass das völlig unmöglich erschien.
Wenn es den Spritzenleuten nicht gelang, das Feuer zu löschen oder ein Übergreifen des Feuers auf die anderen HĂ€user zu verhindern, drohte ein Großbrand, der das gesamte Vierte zerstören konnte. Noch in derart gedankenversunken nahm ich eine schattenhafte Gestalt war. Sie kam aus dem Seitengang des brennenden GebĂ€udes und schien nur von mir bemerkt zu werden, denn alle anderen starrten in das flammende Inferno, fasziniert ob der gewaltigen Zerstörungskraft des Feuers.
Ich hatte von den letzten FehlschlĂ€gen gelernt und war nicht mehr so ungestĂŒm, als ich die Verfolgung aufnahm. Ich glaube nicht, dass er mich bemerkte, denn ich sah, wie er die Rue Morgue entlang lief ohne Zögern, ohne Umschau.
Von Schatten zu Schatten schlich ich ihm nach. Als wir die Rue Morgue verließen und uns immer tiefer in den Gassen von Paris verloren. Vielmehr ich verlor mich, denn der Fremde vor mir lief zielstrebig und weitausschreitend vor mir her. Zu beiden Seiten von mir waren die Straßen dunkel, nicht ein Licht schimmerte irgendwo in einem Fenster. Dann wichen die HĂ€user einer Mauer, auf der ein schmiedeeiserner Zaun, wie aus dem uralten Stein gewachsen schien. Es war schwierig sich jetzt noch verstecken zu können, wĂ€re er stehen geblieben und hĂ€tte sich umgesehen, so wĂ€re ich bar aller Möglichkeiten mich zu verbergen. Er schien mich nicht zu bemerken. So folgte ich ihm mit grĂ¶ĂŸerem Abstand. Ich spĂŒrte das Klopfen meines Herzen und es schien in den leeren Straßen widerzuhallen, als ich ihn vor dem Eingangstor zu einem Friedhof stehen sah.
Er betrat den Gottesacker und ich fragte mich, was er wohl hier wollte, und so betrat auch ich die StÀtte, wo die Toten zu ewigem Frieden begraben wurden. Immer darauf bedacht, die Schatten von BÀumen und GrabmÀlern zu nutzen.
Er drehte sich kein einziges Mal um, wĂ€hrend er die verzweigten Wege durch den Friedhof schritt. Wenn der Mond hinter den Wolken verschwand, wurde es sehr finster und ich musste achtgeben, dass ich nicht ĂŒber einer Baumwurzel oder einer Grabbeigabe stolperte, und mich verriet. Aber ich war mir beinahe sicher, dass er meine Anwesenheit nicht bemerkt hatte. Trotzdem hatte ich große MĂŒhe ihm zu folgen. Er Schrittaus, als könne er im Dunklen sehen.
Dann plötzlich war er verschwunden, wie der Mond, und ich blieb stehen und suchte irgendetwas zu sehen. Vergebens. Ich horchte. Nichts. Vorsichtig tastete ich mich weiter. Mein ganzer Körper zitterte vor Konzentration, die Arme ausgestreckt.
NatĂŒrlich stolperte ich und landete auf dem Boden. Der Untergrund war hart, eben und körnig. Ich schalte mich ein Narr. Gottlob war ich auf den Weg gefallen, als ich strauchelte und ein GerĂ€usch verursachte wie ein Sack voll Lumpen. Ich hĂ€tte mir auch den SchĂ€del an einem Grabstein oder einer Grabplatte zerstoßen können. Jedenfalls musste mein Verfolgter meine Anwesenheit nun gewahr worden sein. Also richtete ich mich nicht zur GĂ€nze auf, sondern blieb auf den Knien und starrte in die Dunkelheit. Und noch bevor der Mond wieder seinen verdeckten Schein auf uns niederfließen ließ, sah ich ihn vor mir stehen.
Er war eine glĂŒhende Statue in der Finsternis.
Gleichzeitig mit dem Schein des Mondes richtete ich mich auf und er drehte sich geisterhaft langsam um und wir standen uns vis Ă  vis gegenĂŒber.
Da er nur eine ArmlĂ€nge von mir entfernt stand, konnte ich sein Gesicht zum ersten Mal in allen Details betrachten. Es war bleich wie Pergament. Die Lippen nur schwarze Striche als hĂ€tte jemand sie mit Kajal aufgetragen. Die Augen, versteckt hinter der vermaledeiten Brille, konnte ich nur erahnen. Ich spĂŒrte, wenn ich sie sĂ€he, dann wĂŒrde ich meinen Verstand verlieren.
„Du bist es“, sprach ich ihn an.
Er zeigte keinerlei Regung. Stand nur da wie eine Statue aus Marmor.
Und umso lĂ€nger er mich anstarrte hatte ich das GefĂŒhl zu versinken. Wie man es in einem Traum hat, wenn man fĂ€llt. Einem Sog gleich, der einen ins schwarze Loch zieht, oder ins Nichts. Und dann war ich körperlos. Ich schwebte ĂŒber einer Stadt, die mir sehr bekannt war. Ich sah mich ĂŒber die Belvedere Square gehen. Ein Mann, im Hintergrund, stand im Eingang zum Lokal Ryans Tavern, mir auch als Gunners Hall bekannt, er schimpfte. Ohne Zweifel, es war meine Geburtsstadt Baltimore.
Ich machte, dort auf der staubigen Straße, jedenfalls einen heruntergekommenen und verwirrten Eindruck. Ich schien betrunken oder krank. Dann strauchelte ich und fiel nieder, mit dem Gesicht in den Staub.
Der Mann in der LokaltĂŒr stĂŒrzte hinzu und kniete sich neben mich nieder. Als er mich umdrehte, sah ich, dass ich es tatsĂ€chlich war, nur Ă€lter. Vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre. Und dann sah ich ihn, in seinen grauen Anzug, die blauen GlĂ€ser seiner Brille blitzten im Sonnenlicht und er beugte sich zu mir herab.
Der Mann, welcher mir helfen wollte, gestikulierte wie wild und schien laut zu rufen. Es kamen daraufhin einige Leute aus dem Lokal. Sie bemĂŒhten sich um mich, aber es war schon zu spĂ€t, ich war tot.
Eine GĂ€nsehaut ĂŒberzog meine schwebende Gestalt, dann spĂŒrte ich wieder den Sog.
Ich stand im Zimmer meiner Mutter. Sie lag im Bett und wurde von heftigem Husten und KrĂ€mpfen geschĂŒttelt. Und da spĂŒrte ich seine Anwesenheit noch, bevor ich ihn sah. Warum war sonst niemand dort, bei meiner Mutter um zu helfen? Ich stand nur weinend da und wusste nicht, was ich tun sollte, ich war doch noch viel zu klein.
Die Verzweiflung ließ in mir einen Hass aufkommen, der mich aus diesen Visionen in die RealitĂ€t riss. Ich fragte nicht, wie er es angestellt hatte, mich in diese Trauwelten zu entfĂŒhren. Wahrscheinlich war es Hypnose. Ich löste mich schlagartig aus seinem Bann und stĂŒrzte mich auf ihn. Ich wollte meine HĂ€nde um seinen Hals legen und alles Leben aus seinem Körper drĂŒcken. Aber ich war noch zu sehr benommen von der Trance, dass ich an ihm vorbei stĂŒrzte.
Ich landete mit dem Gesicht in einen Haufen nasser toter Blumen, die widerlich nach VergĂ€nglichkeit rochen. Als ich mich aufrappelte und mir mit der Hand ĂŒber das Gesicht wischte, sah ich GartengerĂ€te: Sparten und Harke. Ich griff mir den Sparten und drehte mich um.
Ich kann nicht beschreiben, mit welch Grauen ich auf diesen Mann starrte, die HĂ€nde noch fest um das Holz des Schaftes geschlossen, deren Ende das Spatenblatt, mitten im Gesicht des UnglĂŒcklichen steckte. Ich hatte ihm den SchĂ€del gespalten.
Ich betrachtete die letzten Zuckungen seines sterbenden Körpers mit GleichgĂŒltigkeit; war es nicht das, was ich wollte? War nicht Rache mein Motiv?
Ich begrub alle Selbstzweifel und auch ihn in einer uralten GrabstĂ€tte. Hier wĂŒrde niemand meine GrĂ€ueltat entdecken.

Schwer atmend lag ich auf dem Bett. Mein Zimmer roch nach nasser Erde vom Totenacker. Und als ich die Augen öffnete, fiel mein Blick auf das Bild. Ein altes Bild in Sepia mit schlichtem Holzrahmen. Es zeigte drei MĂ€nner und einen Menschenaffen. Sie schienen einer Expedition angehört zu haben. Sie trugen noch ihre Khakiuniformen und Tropenhelme. Der tote Affe war an einem hölzernen GerĂŒst gehĂ€ngt.
Ich erhob mich und nahm das Bild in die Hand und betrachtete es eingehend. Einer dieser MĂ€nner war er. Er trug keine Brille. Doch sein Blick war stechend. Auf der RĂŒckseite war ein Datum geschrieben: 1732.
Es konnte unglaublich derselbe Mann sein. Er sah schon etwas seltsam aus, aber er sah nicht wie einhundert JĂ€hriger aus. Vielleicht ein Enkel, wer weiß. Doch in mir keimte ein Verdacht. Was wenn er kein Mensch war? Aber was war er dann? Wen oder was hatte ich getötet?
Ich erinnerte mich an eine beunruhigende Schlagzeile aus der Zeitung, da war von einer Choleraepidemie die Rede und es sollen bislang schon rund 10 000 Menschen gestorben sein. War es deshalb in Paris?
Da war das GesprÀch von Marie und Paul. Ihre Angst und das der Tod umgehe.
Mir wurde schwindelig und wankend suchte ich halt an der Kommode und gewahrte, dass die blaue Brille verschwunden war.
Nein, das konnte alles nicht sein. Ich stĂŒrzte aus dem Zimmer, die Treppe hinab und stĂŒrmte auf die Straße. Ich rannte wie besessen die Gassen entlang bis ich am Friedhof angelangte. Dann stand ich vor dem Grab und stach das Blatt der Schaufel heftig in das aufgeweichte Erdreich. Der Regen klatschte mir von der Seite entgegen, tropfte mir von der Nase und den Lippen. Immer hektischer wurden meine BemĂŒhungen die Erde aus dem Grab zu entfernen. Ich glĂŒhte. Ein Gedanke raste stetig durch mein Gehirn, es konnte nicht sein, er wĂŒrde noch dort unten bei den Toten verweilen. Als der dumpfe Klang des Sarges, auf den ich gestoßen war, aus dem Grab empor zu mir drang, fiel ich verzweifelt auf die Knie. Ich wusste ganz genau, dass ich nicht das falsche Grab vor mir hatte. Sein Leichnam war nicht mehr da. Meine HĂ€nde krallten die Erde, denn jetzt wurde mir ganz deutlich vor Augen, was ich getan hatte. Ich hatte versucht, den Tod zu töten.


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