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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Trapper von Kappelrodeck
Eingestellt am 06. 02. 2018 14:17


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Blumenberg
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Die Tage kamen und gingen, Hundstage, einer wie der andere. Meistens habe ich mich am Waldrand versteckt, dort, wo die B√§ume noch den Blick auf unser Dorf gestatteten. Es ist ein wohlgeordnetes Dorf, dem wegen seines historischen Dorfkerns eine gewisse heimatkundliche Bedeutung zukommt, die wie ein h√ľbsches Sch√§tzchen geh√ľtet wird. Weiter bin ich nicht in den Wald gegangen, denn tiefer, im Zwielicht des Blattwerkes, w√§re ich verloren gewesen.

Ein hohler Busch war mein Refugium, vor der mit Zuckerguss aus deutschl√§ndlicher Idylle bedeckten Welt. In einem K√§stchen lagen meine papiernen Sch√§tze, denen ich jede freie Minute widmete. Sie waren Geschenke einer unbekannten, aber nicht g√§nzlich unvers√∂hnlichen Gro√ümutter, die mir mehrmals im Jahr in einem P√§ckchen ohne Absender zugingen. Hinter den Stacheln des Buschwerks hatte ich meine Ruhe vor den Weinbergen und Fachwerkh√§usern. Vor allem aber hatte ich Ruhe vor den anderen, durch die das scheinbare Idyll in seiner H√§sslichkeit f√ľr mich erfahrbar wurde, wie ein fauler Zahn, dessen √Ąu√üeres f√ľr den in tadellosem Wei√ü schimmert, der nur einen fl√ľchtigen Blick darauf wirft. Mein Blick sah die H√§sslichkeit in den Gesichtern, wenn sie mir mit verlogener Freundlichkeit zunickten. In ihren Blicken, die mich verfolgten, sobald ich aus der T√ľr trat. Sie steckten ihre K√∂pfe zusammen und wisperten: Sieh nur ‚Ķ, da kommt er, der arme kleine Bastard ‚Ķ Was f√ľr ein schweres Los der hat ‚Ķ, tut er dir nicht manchmal leid ‚Ķ? Es ist ja nicht seine Schuld, sondern die seiner Mutter ‚Ķ

Einmal, ich erinnere mich noch genau an diesen Tag, hat meine Mutter sie reden h√∂ren. Sie machte auf dem Absatz kehrt und baute sich vor der Sprecherin auf: ‚ÄěWas haben Sie da eben gesagt? Sie sollten sich was sch√§men!‚Äú

Ich stelle mir vor, dass sich die Kraft dazu √ľber Jahre hinweg in ihr herangebildet hat. Mit jedem Satz, der sich an ihrer stoischen Gleichg√ľltigkeit rieb. Irgendwann war genug Reibungshitze zusammen und sie musste hervorbrechen. Emp√∂rung und Wut pl√∂tzlich entladen, in einer schallenden Ohrfeige, die auf die Antwort ‚ÄěNur die Wahrheit‚Äú folgte und von der heute noch erz√§hlt wird, auch wenn Mama kurz darauf in die Anonymit√§t einer Stadt geflohen ist.

Ich glaube, Leid muss still und mit gesenktem Haupt ertragen werden, so wird es erwartet. Es ist ungehörig, mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verursachen, denn wer spricht, macht alle die, die schweigen, zu Mittätern.
Nach dem verzweifelten Ausbruch war meine Mutter in sich zusammengesunken, hatte sich wortlos umgedreht und war ins Haus gegangen. In den n√§chsten Tagen verfiel sie in Lethargie und ging kaum mehr nach drau√üen. Vor unserer T√ľr berichtete jeder dem anderen emp√∂rt von der Gewalttat an der Frau des B√ľrgermeisters und mit jeder neuen Erz√§hlung verschob sich die Schuldfrage weiter in Richtung Mama.

Drei Wochen sp√§ter winkte ich einem ausfahrenden Zug hinterher und versuchte dabei krampfhaft, den Ausdruck auf ihrem Gesicht, mit dem sie sich ein letztes Mal zu mir umgedreht hatte, in mein Ged√§chtnis zu brennen. Ich erinnere mich heute daran, dass es ein wehm√ľtiger Ausdruck gewesen ist, vermag aber nicht zu sagen, ob nicht vielleicht meine Phantasie die Erleichterung auf ihrem Gesicht verwandelt hat.

Meine Mutter werde mich eines nicht allzu fernen Tages zu sich holen, versicherte mir meine Großmutter von da an jeden Abend vor dem Einschlafen. Ich werde schon sehen.

Nach Monaten ohne irgendeine Nachricht schien Gro√ümutters anf√§ngliche Hoffnung langsam der Erkenntnis gewichen zu sein, dass ich von jetzt an wohl ihre Angelegenheit war. Die unterdr√ľckte Wut in ihrer Stimme, wenn sie gebetsm√ľhlenartig vor dem Einschlafen ihren Satz aufsagte, verschaffte mir Gewissheit. Von nun an war ich der elternlose Bastard, der bei seiner Gro√ümutter wohnte. Der, dessen Vater niemand kannte und dessen Mutter geflohen war, nachdem sie die Frau des B√ľrgermeisters geohrfeigt hatte. Damals wurden die Abenteuer des Tom Sawyer das Kleinod unter meinen Sch√§tzen. Ich habe das Buch so oft gelesen, dass ich es auswendig kannte. Es ging um Flucht und was blieb mir noch anderes?

Aber den breiten Mississippi, der mich von hier fortbr√§chte, gab es nicht. Der kleine Dorfbach reichte nicht einmal meiner √ľberbordenden Phantasie zum Tr√§umen und Kanus gab es weit und breit keine.

Immerhin verlor ich die Angst vor den Tiefen des Waldes. Hatte nicht auch Finn die M√∂glichkeit gehabt, als Trapper in die W√§lder zu gehen? Ihm wollte ich es gleichtun und begann zun√§chst kurze, dann immer ausgedehntere Expeditionen, die mich weiter und weiter von meinem Versteck fortf√ľhrten. Ich grub eine Mulde, in der ich unter Ge√§st eine stetig wachsende Zahl an n√ľtzlichen Dingen und Proviant f√ľr mein kommendes Leben in den W√§ldern verbarg. Ein paar Wochen schien es mir tats√§chlich so, als werde mir, wenn ich nur endlich aufbr√§che, die Flucht gelingen.

Ich hatte die Zahl der Tage berechnet, die ich noch brauchen w√ľrde, um genug beiseite geschafft zu haben, ohne dass es auffiel. Mit jedem Tag, den ich auf einem kleinen Kalender durchstrich, wuchs meine Entschlossenheit.

Als der letzte Strich gesetzt war, verstaute ich die versteckten Lebensmittelkonserven zusammen mit Decke, Kleidung, Taschenmesser, Lampe, Ersatzbatterien, Feuerzeug, Kompass und Angelhaken in einen alten Rucksack, den ich auf dem Dachboden gefunden hatte. Den Tom Sawyer packte ich f√ľr den Fall, dass mir Zweifel k√§men, dazu. Dann vergrub ich das sorgf√§ltig in Plastik geh√ľllte K√§stchen mit den restlichen B√ľchern. Ich w√ľrde sie nachholen, wenn es mir gelungen w√§re, einen Platz f√ľr ein festes Lager zu finden. Nach einem letzten Blick auf die sich um die Kirche scharenden H√§user machte ich mich auf den Weg. Nichts hielt mich mehr hier, Freunde hatte ich keine und Gro√ümutters st√§ndige Wut verhinderte, dass sie mich √ľberhaupt wahrnahm. Sie schien, wenn sie mich ansah, immer nur meine fliehende Mutter zu sehen.

Mit jedem Schritt in den Wald hinein fiel ein wenig Gewicht von meinen Schultern. Gro√ümutters Wut blieb ebenso zur√ľck wie die st√§ndigen Blicke, die mich auf meinen Wegen durch das Dorf begleiteten. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag zu laufen, um so viel Abstand wie m√∂glich zwischen mich und die anderen zu bringen, doch nach ein paar Stunden gab ich meinen Plan zun√§chst auf und legte mich auf einer kleinen Lichtung hin. Ohne Wasser und noch zu nah an meiner Vergangenheit war es kein geeigneter Platz f√ľr ein festes Lager, aber das Gep√§ck war schwerer, als ich erwartet hatte und mein Weg f√ľhrte √ľber die Ausl√§ufer des Schwarzwaldes.

Ob sie mich bereits suchten? Ich sah auf die Uhr. Wahrscheinlich nicht, schlie√ülich hatte ich nur das Mittagessen verpasst und das kam schon mal vor. Ich galt als Streuner. Eines von den Kindern, die lieber f√ľr sich blieben und manchmal stundenlang unterwegs waren. So einen suchte man nicht so schnell, da war ich mir sicher. Aber irgendwann w√ľrde es auch bei mir so weit sein.

Gro√ümutter wird dann ihren Gehstock neben der T√ľr hervorholen und mit bed√§chtigen Schritten zur Dorfwache her√ľber gehen, um mein Verschwinden zu melden. Polizeimeister Hemmlein wird ihre Anzeige zu Protokoll nehmen, w√§hrend von der Wand das Bild des ehemaligen Marinerichters Filbinger streng auf die Beiden herabsieht. Er wird ihr mitteilen, er werde sein M√∂glichstes tun, um mich zu finden. Aber noch sei ja √ľberhaupt nicht klar, ob ich tats√§chlich fort sei, er wolle noch etwas abwarten, vielleicht l√∂se sich das Ganze ja doch von allein. Au√üerdem sei da noch die Mutter. Ob ich denn nicht vielleicht versuchen w√ľrde, zu meiner Mutter zu kommen?

Meine Gro√ümutter wird ihm an den Kopf werfen, dass sich ihre Tochter nie wieder bei ihr gemeldet habe. Sie wisse nicht einmal, wohin sie geflohen sei. Eine alte gebrechliche Frau habe sie einfach mit dem Jungen alleine gelassen. Ob sich der Wachtmeister vorstellen k√∂nne, wie sie sich dabei gef√ľhlt habe? Ungefragt, so eine B√ľrde. Dazu das ganze Gerede im Dorf √ľber den Jungen und seine Mutter. Die habe nicht eine Sekunde an den Ruf der Gro√ümutter gedacht. Nicht eine Sekunde!

Stoisch wird der Wachtmeister ihre Wut √ľber sich ergehen lassen. Was bleibt ihm auch anderes, wenn Gro√ümutter einmal mit dem Schimpfen anf√§ngt‚Ķ Er wird ihr versichern, dass er sich morgen nach Mutters Adresse erkundigen wird, um zu kl√§ren, ob ich dort sei. Versunken in ihre Entt√§uschung √ľber die Tochter, wird Gro√ümutter nicken und wieder heimgehen. Morgen ist ja auch noch ein Tag und ich bin schlie√ülich immer schon ein Streuner gewesen.

Bald danach wird es das ganze Dorf wissen, daf√ľr wird der Wachtmeister sorgen, weil er dann etwas anderes zu erz√§hlen hat, als seine ewige Leier von dem verwilderten Hund, der bei Rillings vor Jahren drei Schafe gerissen hat und den er ohne mit der Wimper zu zucken erschossen hat, bevor er weiteres Unheil anrichten konnte. Die Leute werden ihm zuh√∂ren und tuscheln: Der Bastard ist weg ‚Ķ Das musste doch fr√ľher oder sp√§ter so kommen‚ĶDas Abhauen ist dem angeboren‚ĶBestimmt ist der seiner Mutter hinterher.

Mir war es damals recht so. Ich wollte nur weg von ihnen, sollten sie sich doch das Maul zerreißen, anstatt mich zu suchen. So wäre mein Vorsprung nur größer und ich wäre schon tief in den Wäldern.

Ich machte mich wieder auf den Weg, lief immer weiter, obwohl der Rucksack auf meine Schultern dr√ľckte und mir von dem Zug der Nacken steif wurde. Ich hatte mir die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz leichter vorgestellt. Das Wasser war ein Problem, wollte sich doch einfach kein Bach zeigen, an dem entlang ich zur Quelle laufen konnte. In Missouri musste es mehr Wasser geben, daran h√§tte ich denken sollen. Als es d√§mmerte, hatte ich immer noch kein Lager gefunden und w√§hlte ersch√∂pft den erstbesten Platz f√ľr die Nacht. Ein Feuer traute ich mich nicht machen, auch wenn es hier bestimmt keine Banditen wie in Toms und Finns Abenteuern gab, wer wusste, was sich in den W√§ldern alles versteckte.
Ich dachte abseits der Zivilisation sei es ruhig. Das stimmte nicht, die vertrauten Laute wichen lediglich unbekannten. Den Oberk√∂rper an einen Baum gelehnt und die Knie eng an den K√∂rper gezogen, lauschte ich atemlos den Ger√§uschen der Nacht. Der Schrei eines Vogels, das Knacken von √Ąsten, die von unsichtbaren Pfoten, Hufen und Klauen gebrochen werden. Viel geschlafen habe ich nicht in meiner ersten Nacht als Waldbewohner.

Trotzdem f√ľhlte ich mich nicht schlechter als zuhause, eigentlich sogar besser. Obwohl ich hier in der Nacht die Gefahr f√ľrchtete, war sie tags√ľber im Dorf noch gegenw√§rtiger gewesen. Hier liegt, so glaube ich heute, der Unterschied zwischen Angst und Furcht. W√§hrend Angst sich gegen√ľber dem nicht Gewussten bildet, wir nicht einmal zu sagen verm√∂gen, vor was wir da eigentlich so genau Angst haben, hat die Furcht eine klare Richtung, sie hat ein Gesicht. In meinem Fall sogar mehrere.

Erwartbar war sie, hatte geregelte Uhrzeiten. Die gro√üe Pause, den Schulschluss. Am siebten Tage sollst du ruhen - das galt nicht f√ľr die Jugendlichen im Dorf, mich eingeschlossen. Wir machten uns nichts aus Geboten. Jeder Weg zu meinem Versteck war ein Spie√ürutenlauf, bei dem ich peinlich genau darauf achten musste, wohin ich meine Schritte lenkte. Ich kannte die Orte, die sie aufsuchten, machte sonntags einen Bogen um den Spielplatz, der neben der Grundschule lag. In einem Traum, aus dem ich bis heute hochschrecke, habe ich sie unachtsam zu meinem Versteck gef√ľhrt. Ich wache in dem Augenblick auf, in dem der Busch lichterloh in Flammen steht. Es ist immer ihr Johlen und Klatschen, das mich weckt.

Als es d√§mmerte, schreckte ich aus unruhigem Schlaf hoch. Die Ger√§usche des Waldes hatten im Licht des beginnenden Tages ihren Schrecken verloren. Ich gestattete mir blo√ü einen Apfel, da ich nicht wusste, wie lange meine Reserven w√ľrden reichen m√ľssen. Dann brach ich wieder auf. Gut gelaunt, denn die n√§chtlichen Laute hatten mich auf eine Idee gebracht. Tiere mussten etwas trinken, also suchte ich nach ihren Spuren und folgte ihnen. Mein Taschenmesser griffbereit.

Ich musste bis sp√§t in den Nachmittag hinein laufen, dann wurde ich schlie√ülich belohnt. Aufgeregt folgte ich dem kleinen Bach bis zu dem Punkt, an dem seine Quelle zwischen Felsen heraussprudelte und sich in einem kleinen Becken sammelte. Gierig trank ich das eiskalte Wasser. Hier w√ľrde ich mein neues Leben beginnen.

Es war Zeit, mein Lager zu errichten. Ich kam nicht sehr weit, bevor die Dämmerung einsetzte und es zu regnen begann. So verbrachte ich die zweite Nacht zusammengekauert unter einem Überhang des Steins neben der Quelle.

Am n√§chsten Tag dauerte es beinahe den gesamten Vormittag, bis ich wenigstens so weit eingerichtet war, dass ich bei Regen nicht wieder klamm und verfroren unter dem Stein kauern m√ľsste. Ich hatte eine Plane zwischen zwei B√§umen gespannt und die beiden anderen Enden am √úberhang, unter dem ich geschlafen hatte, befestigt. Eine Seite war mit in den Boden gerammten √Ąsten, Zweigen, Bl√§ttern und Moos so weit gesichert, dass der Platz einigerma√üen windgesch√ľtzt war. Das war nat√ľrlich nur vor√ľbergehend, ich plante bereits, eine Blockh√ľtte zu errichten und daneben einen kleinen Garten anzulegen.

Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg, um die Umgebung zu erkunden, lief in weiter werdenden Kreisen um das Lager herum und genoss die Abgeschiedenheit. Morgen w√ľrde ich einiges zu tun haben. Ich musste einen Fluss oder See zum Fischen finden, au√üerdem wollte ich Fallen aufstellen, um Kaninchen zu jagen.

Ich hatte mich gerade auf den R√ľckweg gemacht, als ich ein helles Lachen h√∂rte. Mein Gesicht wurde wei√ü, das war nah, aber wie konnte das sein. Ich hatte doch auf dem Kompass immer wieder meinen Kurs √ľberpr√ľft, um nicht im Kreis zu laufen. Immer nach Norden war ich gelaufen, eineinhalb Tage lang. Vorsichtig sp√§hte ich zwischen den Zweigen hindurch und traute meinen Augen nicht. Vor mir lag, sichtbar durch das dichte Buschwerk, der Waldrand und dahinter Lautenbach. Ich erkannte es sofort an seiner mittelalterlichen Wallfartskirche. Ich sah auch die Frau, deren Lachen mich so pl√∂tzlich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Sie lief neben einer anderen auf einem Weg, der ein St√ľckchen den Abhang hinab am Waldrand entlangf√ľhrte, vielleicht drei√üig Meter von mir entfernt. Sie und ihre Begleiterin unterhielten sich vergn√ľgt, hielten aber inne, als der Hund, der sie begleitete, meine Witterung aufnahm und laut zu bellen begann.

Schnell zog ich mich ein St√ľck zur√ľck und h√§tte am liebsten geweint. Ich hatte den ganzen Wald in zwei Tagen durchwandert und war auf der anderen Seite herausgekommen. W√§re ich nur in Tennessee, dort sind die W√§lder unendlich. Wochenlang konnte man dort marschieren, ohne auch nur eine Seele zu treffen. Aber hier, hier war der Wald zusammengeschrumpft zu einem kleinen Naherholungsgebiet mit Baumbestand inmitten von Feldern und Weinbergen. Mit gesenkten Schultern kehrte ich zu meinem Lager zur√ľck, das mir nun wie ein dummes Kinderspiel vorkam. W√ľtend riss ich die Plane herunter und trat die sch√ľtzende Bl√§tterwand in den Boden. Dann raffte ich meine Sachen zusammen, stopfte alles in den Rucksack und lief in Richtung Lautenbach, um den Bus nachhause zu nehmen. Mir war elend zumute, wenn ich daran dachte, dass man mich mittlerweile bestimmt suchen w√ľrde. Tats√§chlich kam unser Polizeimeister aus seiner Wache gelaufen, kaum war ich aus dem Bus gestiegen und hielt mich am Arm fest.

‚ÄěWas machst du denn nur f√ľr einen Unsinn? Deine Gro√ümutter ist ganz krank vor Sorge, weil du ausgerissen bist.‚Äú Er f√ľhrte mich in die Wachstube und setzte mich an einen Tisch, w√§hrend er im Nebenraum verschwand. Ich h√∂rte ihn durch die geschlossene T√ľr sprechen. Stolz verk√ľndete er meiner Gro√ümutter, dass es ihm letztlich gelungen sei, den Fall zu l√∂sen, obwohl es ihm nicht gelungen sei, Genaueres √ľber meine Mutter in Erfahrung zu bringen. Nur dass sie wohl in Amerika sei, aber wo genau, das wisse nur der liebe Gott. Jedenfalls k√∂nne sie mich jederzeit abholen.

Meine Gro√ümutter lie√ü mich sp√ľren, dass ich ihren Augen nun genauso ein Fl√ľchtling war, wie meine beiden Eltern. Ein Trapper?? Ich sei doch kein kleines Kind mehr, das nicht zwischen Phantasie und Realit√§t unterscheiden k√∂nne. Die literarischen Pakete blieben von da an aus. Meine Gro√ümutter ist seit Jahren tot ist und ich habe niemals erfahren, ob sie die Verantwortung daf√ľr tr√§gt.

Sie beschloss, dass es das Beste sei, wenn ich ab dem schnellstm√∂glichen Zeitpunkt ein Internat besuchen w√ľrde. Dort w√ľrde man mir meine Flausen schon austreiben und vielleicht w√ľrde man im Dorf auch irgendwann √ľber etwas anderes reden als √ľber Jakob, den Bastard, der ein Trapper sein wollte, aber nur ein Idiot war. Mir war es recht, denn so gl√ľckte meine Flucht vor den Weinbergen, den Fachwerkh√§usern und den anderen letztlich doch noch.




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Lord Nelson
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Hallo Blumenberg,

eigentlich mag ich deine Geschichten. Auch diese √ľber den kleinen Jakob empfand ich beim Lesen als stimmig und authentisch. Das Ende hat mich jedoch schwer entt√§uscht - was daran liegen mag, dass mir der bedeutungsschwangere Schlusssatz √ľber St. Petersburg leider √ľberhaupt nichts sagt. Irgend eine versteckte Information scheint mir entgangen zu sein. Eine kleiner Fingerzeig f√ľr Banausen w√§re vielleicht hilfreich gewesen und h√§tte die m√ľtterlichen Erkl√§rungen m√∂glicherweise etwas weniger d√ľrr dastehen lassen.

Viele Gr√ľ√üe
Lord Nelson

P.S.: in der Folge noch einige Anmerkungen zu einzelnen Textstellen:

quote:
Sie waren Geschenke einer unbekannten, aber nicht gänzlich unversöhnlichen Großmutter, die mir mehrmals im Jahr in einem Päckchen ohne Absender zugingen.

quote:
Es ist ja nicht seine Schuld, die ihn hervorgebracht hat, sondern die seiner Mutter …
Man versteht zwar, was gemeint ist - ist aber ein sehr schräges Konstrukt

quote:
Ich stelle mir vor, dass sich die Kraft dazu √ľber Jahre hinweg in ihr herangebildet hat. Mit jedem Satz, der sich an ihrer stoischen Gleichg√ľltigkeit rieb. Irgendwann war genug Reibungshitze zusammen und sie musste hervorbrechen.
Die "stoische Gleichg√ľltigkeit" passt imho nicht ins Bild einer sich erhitzenden Reibungsfl√§che

quote:
Aufgestaute Empörung und Wut plötzlich entladen, in einer schallenden Ohrfeige,
Ein Verb wäre nicht schlecht

quote:
Ich glaube, Leid muss schweigend und mit gesenktem Haupt ertragen werden, so wird es erwartet. Es ist ungehörig Komma mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verursachen, denn wer spricht, macht alle die, die schweigen, zu Mittätern.
Die zweimalige Verwendung von "Schweigen" hat mein persönliches Verständnis ein klein wenig behindert

quote:
Vor unserer T√ľr berichtete jeder dem anderen emp√∂rt von der Gewalttat an der Frau des B√ľrgermeisters
welchem anderen denn noch, wenn eh schon jeder berichtete?

quote:
Der kleine Dorfbach reichte nicht einmal meiner √ľberbordenden Phantasie zum Tr√§umen und Kanus gab es weit und breit keine.
was hei√üt da "nicht einmal"? Merke: je √ľberbordender die Phantasie, desto mickriger darf ein Bach sein.

quote:
Ich fand? eine Mulde, in der ich unter Ge√§st eine stetig wachsende Zahl an n√ľtzlichen Dingen und Proviant f√ľr mein kommendes Leben in den W√§ldern verbarg. Ein paar Wochen schien es mir tats√§chlich so, als werde mir, wenn ich nur endlich aufbrach aufbr√§che, die Flucht gelingen.

quote:
Ich w√ľrde sie nachholen, wenn es mir gelungen war w√§re, einen Platz f√ľr ein festes Lager zu finden.

quote:
Aber noch sei ja √ľberhaupt nicht klar, ob ich tats√§chlich fort w√§re sei, er wolle noch etwas abwarten, vielleicht l√∂se sich das Ganze ja doch von allein.

quote:
Meine Großmutter wird ihm schimpfend an den Kopf werfen, dass sich ihre Tochter nie wieder bei ihr gemeldet habe Punkt Sie wisse nicht einmal, wohin sie geflohen sei. Eine alte gebrechliche Frau habe sie einfach mit dem Jungen alleine gelassen.
Naja, "Das Kind frisst das Krokodil" - Kann man schon so sagen...

quote:
Ob sich der Wachtmeister vorstellen k√∂nne, wie sie sich dabei gef√ľhlt h√§tte habe?

quote:
wer wusste, was sich in den Wäldern alles versteckte.
Man sagt ja, abseits der Zivilisation sei es ruhig. Das stimmte nicht, die vertrauten Laute wichen lediglich unbekannten.
wenn schon "wer wusste", dann aber auch "man sagte", bitte sehr

quote:
Hier liegt, so glaube ich heute, der Unterschied zwischen Angst und Furcht.
So glaube ich auch, so bestätigt es sogar Wikipedia. Trotzdem frage ich mich, was diese feinsinnigen Betrachtungen zur Story beitragen

quote:
Als es d√§mmerte, schreckte ich aus unruhigem Schlaf hoch. Die Ger√§usche des Waldes hatten im Licht des beginnenden Tages ihren Schrecken verloren. Ich gestattete mir blo√ü einen Apfel, da ich nicht wusste, wie lange meine Reserven w√ľrden reichen m√ľssen.

quote:
Ich sah auch die Frau, deren Lachen mich so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Sie lief neben einer anderen Frau auf einem Weg,
So viel Zeit muss sein

quote:
Wäre ich nur in Tennessee , dort waren die Wälder unendlich.
Zeiten passen nicht zusammen

quote:
Tatsächlich kam unser Polizeimeister aus seiner Wache gelaufen, kaum war ich aus dem Bus gestiegen Komma und hielt mich am Arm fest.
Mit "als ich eben aus dem Bus gestiegen war" klingt der Anschluss nicht so holperig

quote:
Stolz verk√ľndete er meiner Gro√ümutter, dass es ihm letztlich gelungen sei, den Fall zu l√∂sen, obwohl es ihm nicht gelungen war sei, Genaueres √ľber meine Mutter in Erfahrung zu bringen. Nur dass sie wohl in Amerika sei, aber wo genau, das wisse nur der liebe Gott.
Wiederholung "gelungen"

quote:
Die literarischen Pakete blieben von da an aus. Meine Gro√ümutter ist seit Jahren tot ist und ich habe niemals erfahren, ob sie die Verantwortung daf√ľr tr√§gt.
was meinst du mit "Verantwortung" - ob sie keine Pakete mehr geschickt hat?

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Hallo Lord Nelson,

zun√§chst einmal nat√ľrlich Danke f√ľr die zahlreichen Anmerkungen. Ich finde hoffentlich am Wochenende die Gelegenheit mir die alle einmal ganz in Ruhe anzusehen und den Text entsprechend anzupassen. Bis dahin muss es leider eine etwas k√ľrzere Antwort tun.

F√ľr die Anmerkung mit dem Ende bin ich dir sehr dankbar, ich war mir n√§mlich nicht sicher, ob das in dieser Form deutlich genug ist oder doch zu sehr angedeutet. Das die m√ľtterliche Erkl√§rung in dem kurzen Text d√ľrr und vage sind ist Absicht. St. Petersburg ist tats√§chlich bedeutungsschwanger meint in diesem Fall nicht die russische Stadt, sondern St. Petersburg, Missouri (Den Bundestaat in dem auch das m√ľtterliche Paket aufgegeben wurde) und damit den fiktiven Ort an dem die Abenteuer von Tom Saywer spielen. Die mitgeschickte alte Geschichte sind genau dessen Abenteuer und so weder eine ausreichende Erkl√§rung √ľber die d√ľrren Zeilen der Mutter hinaus noch eine hilfreiche Anleitung, denn der Protagonist hat genau das ja bereits versucht.

Beste Gr√ľ√üe

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Hallo Blumenberg,

das Waldabenteuer wirkt √ľberzeugend, das Drumherum weniger. Es bleibt viel im Unklaren, die Ortsangaben Butzbach und Missouri lassen aber immerhin an die Nachkriegszeit in der amerikanischen Besatzungszone denken.

Mein Eindruck: Jakob gilt zwar als ‚ÄěBastard‚Äú, scheint aber wenigstens finanziell gut gestellt zu sein: Er hat z. B. eine Armbanduhr und besucht sp√§ter ein Internat. Ist er ein Besatzungskind? Das k√∂nnte den schlechten Ruf der Mutter erkl√§ren.

Ein Stilbruch:

quote:
Es ist ja nicht seine Schuld, die ihn hervorgebracht hat, sondern die seiner Mutter …


Reden hinterwäldlerische Dörfler wirklich so geziert? Der nächste Dialog ist wieder in normaler Umgangssprache gehalten.

Wieso erkl√§rt ihm seine Mutter etwas √ľber enge, erstickende Orte? Sie hat Jakob doch an einem solchen Ort zur√ľckgelassen.

Sch√∂ne Gr√ľ√üe
steyrer

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Hallo Steyrer,

da habe ich mit meinen bisherigen Sachen wohl f√ľr eine Art implizite zeitlich-thematische Vorentscheidung gesorgt, die dich ein wenig auf den Holzweg f√ľhrt. Die Geschichte spielt nicht in der unmittelbaren Besatzungs- bzw. Nachrkeigszeit, sondern ich habe eher die sp√§ten siebziger bzw. fr√ľhen achtziger Jahre vor Augen gehabt. Die Einbindung von Missouri verweist auch nicht auf die amerikanische Besatzungszone, sondern ist der US-Bundestaat in den die Abenteuer des Tom Sawyer spielen, ebenso St. Petersburg.

Daneben stecken durchaus noch ein paar spärliche Infos im Text, die es gestatten das Ganze ein wenig örtlich einzugrenzen, wie z.B. das das Dorf in dem die Handlung spielt umgeben von Weinbergen ist. Du hast aber recht damit, dass ich die Geschichte nicht explizit an einen ganz bestimmten Ort binden wollte.

Mit deiner Anmerkung zu dem kleinen Stilbruch k√∂nntest du recht haben, hier w√§re eine etwas profanere Sprache durchaus angebracht. Auch wenn ich Menschen aus l√§ndlichen Regionen nicht per se als Hinterw√§ldler bezeichnen w√ľrde.

Deine Anmerkung mit der Enge erschlie√üt sich mir nicht so ganz. Genau die Enge in der die Mutter das Kind zur√ľckl√§sst, ist es doch, was sie annehmen l√§sst, dass der Junge dieses Gef√ľhl, dass sie in die Flucht getrieben hat nachvollziehen kann. Sie nimmt dabei gegen√ľber ihrem Kind aber keine sonderlich empathische Position ein, der Brief dreht sich letztlich nur um sie.

Ich hoffe das hilft f√ľr die Einordnung des Textes ein wenig weiter.

Beste Gr√ľ√üe

Blumenberg

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steyrer
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Hallo Blumenberg.

Hm, du hast v√∂llig recht, ich habe mich tats√§chlich an deinen alten Beitr√§gen orientiert. Das kann passieren. Andererseits klingt dein Titel ‚ÄěJakob der Bastard‚Äú ja ebenfalls etwas altmodisch.

Zur Sprache der Landbevölkerung bemerkst du:

quote:
... hier w√§re eine etwas profanere Sprache durchaus angebracht. Auch wenn ich Menschen aus l√§ndlichen Regionen nicht per se als Hinterw√§ldler bezeichnen w√ľrde.


Per se vielleicht nicht, aber …

quote:
Vor allem aber hatte ich Ruhe vor den anderen, durch die das scheinbare Idyll in seiner verborgenen H√§sslichkeit f√ľr mich erfahrbar wurde, wie ein fauler Zahn, dessen √Ąu√üeres f√ľr den in tadellosem Wei√ü schimmert, der nur einen fl√ľchtigen Blick darauf wirft. Mein kindlicher Blick sah die H√§sslichkeit in den Gesichtern, wenn sie mir mit verlogener Freundlichkeit zunickten. [...] In einem Traum, aus dem ich bis heute hochschrecke, habe ich sie unachtsam zu meinem Versteck gef√ľhrt. Ich wache in dem Augenblick auf, in dem der Busch lichterloh in Flammen steht. Es ist ihr Johlen und Klatschen, das mich weckt.


… diese hier schon.

Ich habe die sp√§ten 70er und fr√ľhen 80er zwar nicht als derart w√ľst in Erinnerung, m√∂chte mich aber auch nicht dar√ľber streiten.

Was das Ende betrifft: Das Schicksal dreht Jakob am Schluss also noch einmal eine extralange Nase. Jetzt kapiere ich es! Allerdings m√∂chte ich dich auf etwas aufmerksam machen: Jakob ist jetzt im Besitz einer amerikanischen Tom-Sawyer-Ausgabe, das ist schon mal was f√ľr einen Mark-Twain-Verehrer. Steigt er damit nicht zu gut aus?

Sch√∂ne Gr√ľ√üe
steyrer


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