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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Traum
Eingestellt am 04. 11. 2001 00:41


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rabi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2001

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Ein sch├Âner Sonntag im Mai. Wie fast jeden Sonntag geht Rudolf den Deich entlang. Er blickt die B├Âschung hinunter auf den Fluss. Das ist sein Lieblingsweg, den er schon oft gegangen ist. Hier kann er den Alltag vergessen und ganz entspannt seinen Gedanken nachgehen.

Was h├Ąlt ihn eigentlich noch in dieser Stadt? Im Grunde ist es nicht viel: die sch├Âne Wohnung, die er sich vor einigen Jahren gekauft hat. Das Viertel, in dem er wohnt und das recht ruhig und idyllisch ist. Nun ja, aber so etwas kann man doch auch in jeder anderen Stadt finden. Und dann dieser Weg am Deich, der ihn jedes Mal ganz poetisch tr├Ąumen l├Ąsst.

Rudolf geht den Deich hinunter zum Fluss, um direkt am Wasser entlang gehen zu k├Ânnen. Hier unten kommen ihm keine Radfahrer entgegen, nur hier und da sieht er einen Angler sitzen.

In einer kleinen Bucht direkt am Wasser l├Ąsst Rudolf sich nieder. Er zieht seine Schuhe aus, dann die Socken krempelt die Hosenbeine hoch und l├Ąsst die F├╝├če im Wasser baumeln. So l├Ąsst sich das Leben genie├čen und die Welt um sich herum vergessen. Diesen Augenblick m├╝sste man festhalten k├Ânnen. Einfach die Welt anhalten. Warum nur gehen die sch├Ânen Momente immer so schnell vorbei? Gut, daf├╝r kommen andere Momente, neue Eindr├╝cke. Aber werden diese sch├Âner sein? Oder nur anders? Diese Fragen gehen Rudolf durch den Kopf.

Das Wasser ist doch recht kalt, so dass Rudolf seine F├╝├če wieder herauszieht. Ganz entspannt lehnt er sich zur├╝ck ins Gras. Seine Gedanken kreisen weiter. Was wird der morgige Tag bringen? Bestimmt nichts Au├čergew├Âhnliches. Im Grunde ist doch ein Tag wie der andere.

Die Sonne steht hoch am Himmel, und langsam fallen Rudolf die Augen zu, und er versinkt in eine andere Welt. Eine sch├Ânere Welt. Bilder erscheinen vor seinen Augen. Der Urlaub letztes Jahr am Mittelmeer. Die unendlich langen Spazierg├Ąnge am Strand. Das Rauschen des Meeres. Dabei der warme angenehme Wind. Ein Gef├╝hl der Entspannung und des Gl├╝cks.

Und pl├Âtzlich erscheint sie! Eine junge Frau. Erst nur ganz verschwommen in der Ferne. Doch langsam kommt sie n├Ąher, und ihre Z├╝ge nehmen deutlichere Formen an. Er nimmt ihr Gesicht wahr: Es ist keines dieser Gesichter, die auf Plakatw├Ąnden f├╝r irgendwelche Markenartikel werben, sondern es ist von nat├╝rlicher Sch├Ânheit gepr├Ągt und strahlt eine wohlige Ruhe aus. Dann das dichte, lockige, schwarze Haar. Ihre h├╝bschen braunen Augen blicken ihn sanftm├╝tig an, und ihr Mund verzieht sich zu einem freundlichen L├Ącheln.

Mit ihrem Zeigefinger streicht sie ├╝ber seinen Handr├╝cken. Ja, sie meint ihn ÔÇô ihn Rudolf ! Ein wohliger Schauer durchf├Ąhrt ihn. Z├Ąrtlich nimmt er ihre Hand und schaut ihr tief in die Augen. Hand in Hand gehen sie am Strand spazieren. Sie ist nicht wie eine Fremde f├╝r ihn, sondern wie ein vertrautes Wesen! Rudolf f├╝hlt sich unendlich gl├╝cklich. So ein Gef├╝hl hat er schon lange nicht mehr gekannt. Weitere Bilder ziehen an ihm vorbei. Helle, farbenpr├Ąchtige Bilder. Und dann immer wieder das Bild dieser Frau. Die niedliche kleine Nase, ihr s├╝├čer Mund, ihr L├Ącheln.

Allm├Ąhlich wird ihm klar: Dies ist nur ein Traum. Ein Traum? Wie geht er weiter? Wie endet er? Rudolf versucht vergeblich, weiter zu d├Âsen. Nun ist er hellwach. Er richtet sich auf und blickt um sich. Ja, nat├╝rlich liegt er hier im Gras, am Wasser, unterhalb des Deiches. Bald wird die Wirklichkeit ihn wieder einholen. Aber was bedeutete dieser Traum? Wer war diese Frau? Hatte er sie schon einmal gesehen? Im Bus? In der Schlange beim Supermarkt? Wie ist ihr Name? Er mu├č sie finden! Aber gibt es sie ├╝berhaupt? Oder war alles nur Phantasie? Handelte es sich wirklich nur um einen Traum? Was war das Besondere an ihr?

Tausend Gedanken schie├čen Rudolf durch den Kopf. Er sollte jetzt aufstehen und weitergehen. W├╝rde er sie jemals wiedersehen? Auf dem Weg ins B├╝ro? Im Fitne├č-Studio? Oder wieder nur im Traum? W├╝rde dieser Traum ├╝berhaupt jemals wiederkommen? Woran w├╝rde er sie erkennen? Das Bild, das er von ihr hatte, war nur sehr verschwommen. Die Stimme! Hatte er sie schon einmal geh├Ârt? Und wo? Sie hatte eine klare, helle Stimme. Aber vielleicht bildete er sich das nur ein.

Langsam erhebt Rudolf sich, zieht seine Socken und Schuhe wieder an und geht weiter. Immer wieder mu├č er an diesen Traum denken. Ein Traum! Mehr war es doch nicht. Und doch hat er das Gef├╝hl, dass es mehr war. Ein Wink des Schicksals!? Was macht ihn so sicher? Ist es nur seine ungeheure Vorstellungskraft, die ihn ├╝berzeugt, da├č dieses die richtige Frau f├╝r ihn war. Eine Traum-Frau!

Aber was wei├č er von ihr? Er versucht, sich zu erinnern. Das lockige schwarze Haar, die klare Stimme, die dunklen Augen, die ihn liebevoll anl├Ąchelten. Ist nicht alles nur Einbildung, ein Wunsch? Ist es nicht die blo├če Hoffnung, dass sein Leben sich ├Ąndern m├Âge, dass es von nun an einen neuen Sinn bekommt?!

Rudolf ├╝berquert die Br├╝cke, die zum anderen Ufer des Flusses f├╝hrt. Er sieht eine junge Frau hinter den B├╝schen um die Ecke biegen, direkt auf ihn zukommen. Die Figur, die schwarzen Haare! Ist es die Frau aus dem Traum? Die Frau kommt n├Ąher. Rudolf versucht, sie anzusehen, sie anzul├Ącheln. Die Frau geht achtlos vorbei, w├╝rdigt ihn keines Blickes. Nein, mit Sicherheit war sie es nicht. Die Traum-Frau sah ganz anders aus, bewegte sich anders, erzeugte in ihm ein ganz anderes Gef├╝hl. Was f├╝r ein Gef├╝hl war das? Ein Gef├╝hl von Ruhe, Geborgenheit, ein Gef├╝hl der Sicherheit, der Vertrautheit, des Gl├╝cklichseins.

Rudolf hat das andere Ufer erreicht. Nur noch ein kurzer Teil des Weges liegt vor ihm, seines Lieblingsweges, dann wird er wieder in der Stadt sein. Von hier kann man den Fluss nicht mehr so deutlich sehen, da der Weg nun durch einen kleinen Wald f├╝hrt. Aber gerade dieses letzte St├╝ck gab ihm immer eine besondere innere Ruhe und Gelassenheit. Vielleicht hat gerade dieser Weg ihn vor einigen Monaten davor bewahrt, die Stadt f├╝r immer zu verlassen, weit weit weg zu ziehen, auszuwandern.

Aber warum sollte seine Traum-Frau gerade hier leben, in dieser Stadt?
Der Traum ÔÇô ja nat├╝rlich, er spielte sich in einer anderen Umgebung ab. Der warme Wind, der Strand, das Meer. Dort sollte er sie suchen! Aber Personen und Orte geraten in Tr├Ąumen h├Ąufig durcheinander und sind fern ab der Wirklichkeit.
Nein, das hat bestimmt nichts zu bedeuten.

Der Schl├╝ssel zum Gl├╝ck mu├č an einer anderen Stelle liegen. Nur wo? Was wollte der Traum ihm zeigen? Kann er ihn nicht einfach vergessen und als das abtun, was er ist ÔÇô n├Ąmlich ein Traum, eine Einbildung, die einzig und allein aus seiner Phantasie entstanden ist?

Nein, das will er nicht! Gerade die letzten Minuten auf diesem Weg durch das W├Ąldchen haben ihn darin best├Ąrkt, dass er sie finden mu├č, finden wird: diese Frau, die f├╝r ihn, nur f├╝r ihn etwas Besonderes ist, in deren N├Ąhe er sich wohlf├╝hlen wird. Nicht nur im Traum, sondern im Leben. Nicht nur f├╝r einige Sekunden, sondern f├╝r immer!

Ja, er wird sie finden! Rudolf ist sich nun ganz sicher. Vielleicht nicht mehr heute oder morgen, aber auf jeden Fall sehr bald. Diese Hoffnung, nein Gewissheit wird er nicht aufgeben!

Die ersten H├Ąuser kommen in Sicht. Rudolf hat das Ende des Weges erreicht. Noch einmal blickt er hinunter zum Fluss. Seine Augen gleiten langsam den Weg zur├╝ck, den er gekommen ist. Weit hinten am anderen Ufer die kleine Bucht, wo er getr├Ąumt hat.

Und er wei├č: schon bald wird er diesen Weg noch einmal gehen ÔÇô Hand in Hand mit seiner Traum-Frau !!!


Gibt es zu diesem M├Ąrchen ein Fortsetzung, und wie sieht sie wohl aus ?

__________________
rabi

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