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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Tresenpoet
Eingestellt am 14. 10. 2003 10:00


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Der Tresenpoet

Um mich herum wuselt ger√§uschvoll das Kneipencaf√©. Mitten drin sitze ich, lasse mich berieseln von einer Dusche der verschiedensten Sinneswahrnehmungen und warte. Ich bin zum ersten Mal hier. Der nasskalte Schneeregen hat mich √ľberrascht, und ich hatte die Wahl zwischen dem benachbarten McDonalds und dem hier. Da ich mich nebenan nicht erwischen lassen wollte, bin ich hier eben zusammen mit der Witterung hereingeschneit. Gelangweilt kippele ich mit dem Stehtischhocker und lasse den Blick wandern.
Die Luft hat den Anschein, als sei sie in graublauer Schwadenwatte verpackt und man k√∂nne sie in Scheiben schneiden, einwickeln und mitnehmen. An der Decke rotieren drei m√ľde Ventilatoren und lassen einige Tropfen Luft in den Rauch fallen. Die T√ľren zu den Toiletten sehen aus, als wollten sie sich vor dem Gestank hinter ihrem R√ľcken fl√ľchten und sich aus der Wand dr√ľcken. Geht man hindurch, wird man von der Stimme eines toten S√§ngers akustisch aufs heftigste geohrfeigt. Nicht, dass mir etwas daran gelegen h√§tte, jedoch machte es die Chance einer eventuellen Konversation w√§hrend des Kachelbesp√ľlens gleich im Ansatz zunichte. Es blieb beim unerh√∂rten Bestaunen oder Bedauern des Nachbarn und einem leidend ver-krampften Zugrinsen.
Eine weibliche, grellgeschminkte Stimme am Nebentisch euphoriert: "Er ist angek√ľndigt." Ihre Freundin, ein wellstr√§hniges Br√ľnett, die "alles von ihm gelesen hat", versichert kiekend, dass er "himmlisch" sei.
An den Tischen erh√§ngt sich dichtgedr√§ngt das restliche Publikum, eine bunte Mischung aus Yuppies und Struppies, Nasenreifen und Bunthaarstreifen, roten Thermowesten und Pullis aus Rosshaarresten, versoffenen Wasserleichen und l√§ufigen Alkoholteichen schl√ľrft tr√ľbe ihre lauwarme Biersuppe, putzt sich die Z√§hne mit Salzstangen, panscht Rum mit Tee und erkl√§rt ihn zum Longdrink, pfl√ľckt schmutzigbraune Blumen von Krefeldern und nippt an werbebedruckten Colagl√§sern, stetig nach der M√∂glichkeit sinnend, sie nach dem Zahlen ungesehen mitgehen zu lassen.
In diesen endlos wirren Gedankenfluten versunken br√∂ckle ich mit dem Fingernagel L√∂cher in den Putz der S√§ule neben mir. Den TakeThat-Aufkleber, der auf dem Tisch pappte, habe ich schon abgeknibbelt. Die bunten Flocken liegen neben meinem mit Strichen und Kreuzen hochverschuldeten Bierdeckel. Mit Hinblick auf die schal-gelbe Neige in meinem Glas hebe ich mindestens f√ľnfmal die Hand hinter dem Kellner her, bis ich endlich sein Nicken auffange.
Plötzlich verstummt in den Lautsprechern die Stimme des tot- und begrabengeglaubten Sängers. Jemand betritt das Lokal. ER.
Alle erstarren und schauen. Alle tuscheln und fragen sich. Alle wundern und glauben zu erkennen. Man schaut in die Innenseiten kunterbunter Szeneblättchen, vergleicht und nickt.
ER trägt ein Brille. Selbstverständlich trägt er eine Brille! Gehört schließlich dazu.
Seine Geheimratsecken haben damit begonnen im geplanten Angriff das letzte Stirn bietende Flaumb√ľschel zu umzingeln. Eine hellbraune Cordjacke h√§ngt an seinen Schreibtischh√§ngeschultern. Deren Riesentaschen haben vollgekn√ľllte Papierb√§uche von verworfener, jedoch noch nicht fortgeworfener, Rohliteratur. In seiner Rechten - in der Rechten! - Die Schreibrechte! - baumelt ein einfacher Leinenbeutel mit der aufgedruckten Werbung des Supermarkts in der N√§he. Neben mir fiepen zwei Stimmchen leise Hymnen √ľber IHN und seine (Ach!) Bescheidenheit.
Er wechselt einige Worte mit dem Besitzer des Lokals. Dieser f√ľhrt ihn zu einem Stehtisch in auff√§llig unauff√§lliger N√§he der Fensterfront. Hier ist, wie der Herr Besitzer ihm anvertraut, die Akustik am wenigsten schlecht und ich denke, der Herr Besitzer kann davon ausgehen, dass die Leute auf der Stra√üe IHN von dort aus auch entdecken k√∂nnen. Zumal sein vielfaches, schwarzwei√ües Konterfei die Scheiben nahezu tapeziert und ihn in fingergro√üen Buchstaben als den Tresenpoeten adelt.
Er holt einen Stapel sauber geheftete Poesie aus dem Beutel und legt ihn liebevoll vor sich. Doch bevor er beginnt, m√∂chte er uns noch sagen, dass dies ein St√ľck seines Lebens sei und aus dem Tiefsten seines Herzens stamme. Er wolle mit diesem, seinem neuen Werk der Welt sein Leben, seinen pers√∂nlichen, ureigenen Sinn - ja - offenbaren. Schmachtendes Verst√§ndnis und Begierde nickt sich durch die Reihen. Ich bekomme mein Bier.
Dann beginnt er zu lesen.
Und was ich da h√∂re ... was mir da offenbar offenbart wird ... was mir wie s√ľ√üer Bal-sam in den Ohren klingt ... sich in mir breit macht wie ein warmer, wohliger Schauer ... ja, verflixt, das ist wirklich mein Leben. Ich wei√ü von dem, was er erz√§hlt. Obwohl er doch von sich erz√§hlt. Und doch erz√§hlt er von mir. Er wei√ü, wor√ľber er √ľber mich geschrieben hat, doch wei√ü ich nicht, wie er darauf kommen konnte. Und was ich mir hierzu alles sagen lassen muss!! � Ich sehe, dass mein Leben unser Leben ist. Mein Leben. Dein Leben. Sein, ihr, dessen Leben. Unser Leben ist eins. Alle Leben sind eins. Alles eins. Alles gleich. Alles sch√∂n. Alles wohlgestaltete, formvollendete, wortherrliche Sprache. Ich sp√ľre, h√∂re, genie√üe, sehe mein Leben wieder vor mir. In seinen Worten. Es war die ganze Zeit √ľber da, aber ich habe es nie so gesehen. Nie so erkannt. Mein Leben war nur Ablauf. Aber jetzt verstehe ich es erst mal.
... Ich sehe mich wieder auf dem Spielplatz unserer Kindheit, wo niemand etwas mit uns zu tun haben und mit uns spielen wollte, wo "Zwei Eis zu achtzig" noch wunderbare, von Mutti gesponserte Wirklichkeit war und wir mit einer klebrig verschmierten Handvoll Vanille-Softeis versuchten, jeden kleinen, potentiellen 'Willst-du-mit-mir-Spieler' zu kaufen.
Diese alten Zeiten, als wir nur Probleme mit unserer Lederlatzhose hatten, denen in dringlichen Lagen, wenn der kleine Mann mal n√∂tig musste, eine Million zus√§tzliche, √ľberfl√ľssige Kn√∂pfe dazuwuchsen und zu einer atemraubenden Falle wurden, wenn es hinter dem Pippihahn, wie er damals noch liebevoll jungm√§nnlich von aller Welt genannt wurde, immer gr√∂√üer und voller wurde, - aber sie stand uns ja soooo s√ľ√ľ√ľ√ľ√ü.
Oh ja, die sandigen, bedenkenlos vollgeschissenen Windeltage, als M√§dchen uns noch so wichtig waren wie Steine in unseren Stopper-Halbschuhen, wir Rosenkohl und Spargel herunterw√ľrgten, immer an der Grenze zum Brechreiz, weil wir wussten, dass es nachher Schokopudding gab, den wir nach der Ekelprozedur unter Mamas strengen Blicken nicht mehr mochten, - aber als Belohnung und Vorschuss f√ľrs Fr√ľh-zu-Bett-gehen durften wir "Robbie, Tobbie und das Fliewat√ľ√ľt" gucken.
Die Zeiten nach den Lehrabenden des Schuhzubindens, Namenschreibens und Ausgesperrtseins, als wir mit dem Schl√ľssel den Kampf mit dem klemmenden Wohnungst√ľrschloss zu k√§mpfen hatten. Was da noch alles kam ...
Als wir lernten, was eine Fernbedienung ist und in der Kunst, mit ihr umzugehen, besser wurden als unsere Lehrer, die ganzen Filme, die wir nun zum zweiten Mal zu sehen bekamen, aber jetzt erst richtig verstanden, - und die Frau mit der Fackel im Columbia-Vorspann wurde unsere erste, große Liebe.
Diese Zeiten, in denen wir den ganzen Sie�s auf Schritt und Tritt folgten, mit der Zunge im Vormarsch, als B√ľrste, Gel und Odol-fresh unsere wichtigsten Requisiten waren, kein Spiegel ausgelassen wurde, um einen skeptisch-zornigen Blick auf das Pickelwachstum zu werfen und keine unbeobachtete Gelegenheit ungen√ľtzt blieb, diesem √úbel quetschend Einhalt zu gebieten, als Eicheln in unserer Stonewashed-Jeans ihre jungferne H√ľlle sprengten und wahre Eichenb√§ume, fest und saftend in die H√∂he sprossen, beim Anblick des geschulten, Franz√∂sisch lehrenden Froileins, das ihre langen Wunderwerke in der f√ľnften und sechsten Stunde unbedacht √ľbereinan-derschreibtischte, w√§hrend wir unsere stimmbruchgekiekten Vokabeln herunterstotterten.
Und die vollendete Vergangenheit wurde Tag um Tag zur plump hinkenden, unvollendeten Gegenwart: Wir stellen immer mehr fest. Dass wir nicht interessant sind. Bestenfalls ja-ja-ganz-nett.
Die Stellungskriege geraten in Vergessenheit. Im VW-Käfer. In Telefonzellen. Die letzte Kissenschlacht ist Jahre her.
Wir verlieben uns in vorbeitanzenden Sommerkleider. Bem√ľhen uns, auf Augen und Gesicht zu achten. Unserer Aussage entsprechend.
Wir ackern uns durch die Stunden des Tages. Nach Feierabend stöhnend. Lassen uns dann von Moderatoren beblubbern. Während Kandidaten Geld und Autos aufgedrängt werden.
Wir lernen Werbespots auswendig. Zählen "Casablanca"-Wiederholungen.
Treffen alte Freunde. Leider immer √∂fter. Im Supermarkt. Beim Sprudelholen. Im Wartezimmer des Gyn√§kologen. Wir h√∂ren, wie wenig wir uns ver√§ndert haben. Jedes Mal. Michaels, Andreas' und J√∂rgs sind mit Tanjas, Susannes und Brittas verheiratet. Werden √Ąltern.
Wir nehmen uns viel vor. Alles, wof√ľr wir keine Zeit haben. Was wir uns nicht leisten k√∂nnen. Wir sagen viel. Nur nicht zueinander. Aber immer wieder, dass das letzte Hemd keine Taschen habe. Unser Wagemut wird anerkannt. Bis die Zukunftsplanung ihr Kassenschalterende findet. Beim gefrusteten Kugelschreiberkettenspiel.
Wir warten aufs Peter-Pan-Syndrom. Längst fällig. MickyMaus-Comics, bis sie auf der Nase entschlafen. Spielen mit der Eisenbahn des kleinen Neffen. Obwohl wir es hassen. Aber man verlangt es doch von uns. Irgendwie. Oder?
Mir ist, als tippe mir ein eben Erhängter auf die Schultern und murmele so etwas wie: "Mensch! Siehe: Dein Leben."
Ich wische mir unter tosender Applausbeschallung die Tränen in den Jackenärmel und lasse mir den Rest des zehnten Bieres in den Hals fließen.
"Ich danke Euch", sagt er kaum vernehmbar und unaufhörlich nickend.
Ich warte und beobachte, wie sich die Reihe der bierdeckellauernden 'Schreib-mal-hier-drauf-Man-kann-ja-nie-wissen-Autogrammjäger' lichtet. Anschließend möchte der Dichter gehen, muss jedoch seine entleerte Flasche Tafelwasser noch beim Herrn Besitzer bezahlen. Dann verlässt er das Lokal.
Ich habe beschlossen, ihm nachzugehen. Ich m√∂chte wissen, woher er das alles √ľber mich wei√ü. Und wenn er dann immer noch behauptet, es sei aus seinem Leben oder sogar gesteht, er habe sich das alles blo√ü ausgedacht, dann hau ich ihn. - Ich wei√ü nur noch nicht wohin.


Juni 1996
√ľberarbeitet im Juni 2003

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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blaustrumpf
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Hallo, Markus Veith

Da ist dir ein Menge sehr sch√∂ne Sprachbilder gelungen. Leider habe ich so gro√ües Vergn√ľgen an ihnen, dass ich den Text nun viel zu genau gelesen habe.

Mal abgesehen von den lästigen automatischen Trennungen, die Word in einen Text einbaut: Möchtest du deinen "Tresenpoeten" nicht doch noch einmal bearbeiten?

Oder ist es Absicht, dass deinen Erzähler der Schneeregen hereingetrieben hat, der Tresenpoet aber trotz der Sommerhitze eine hellbraune Cordjacke trägt?

Sch√∂ne Gr√ľ√üe von blaustrumpf
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Daf√ľr bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Hallo, Blaustrumpf!

Oops, hab herzlichen Dank f√ľr deine Hinweise. Ich hoffe, nun stimmt alles und ich habe keinen Trennstrich √ľbersehen.
Markus
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