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Leselupe.de > Science Fiction
Der Truck
Eingestellt am 22. 10. 2004 10:35


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
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(Dies ist Teil 3 eines Mini-Zyklus. Teil eins: „Weltempf├Ąnger“, Teil zwei: Die Infektion. Vier und f├╝nf folgen)

Der Truck
Er f├╝hlte sich verloren. Und musste sich eingestehen, dass er das in gewisser Hinsicht auch tats├Ąchlich war. Trotzdem fand Rotger es l├Ącherlich, mit seinen achtunddrei├čig Jahren den Daumen zu spreizen und den Tramp zu spielen.
Allerdings hatte er zum Daumspreizen nicht allzu viel Gelegenheit. Der letzte Wagen hatte ihn vor ├╝ber f├╝nf Minuten passiert. Die Gegend erschien ihm auffallend einsam. ├ťberall um ihn herum Felder, keine H├Ąuser, keine Menschen und vor allem merkw├╝rdigerweise keine K├╝he. Wo waren all die vielen niedlichen Schwarzbunten geblieben? Immerhin war doch Sommer. Die untergehende Sonne begann, den Himmel rot und violett zu f├Ąrben.
Der Truck war viel zu breit f├╝r die Stra├če, dachte er. Wie ein schwarzes urweltliches Unget├╝m rollte das Gef├Ąhrt auf ihn zu. Es war ein Containerfahrzeug, dessen Heck auf gleich drei R├Ądern hintereinander ruhte. Als es n├Ąher kam, erkannte er, dass es nicht eigentlich schwarz war, sondern ├╝ber und ├╝ber mit Rost und Dreck bedeckt. Wie ein jahrhundertealtes Wrack.
Unwillk├╝rlich wich er zwei Schritte vom Stra├čengraben in den Grasstreifen aus, w├Ąhrend das Gef├Ąhrt unter dem Zischen der hydraulischen Bremsen zum Stehen kam.
„Kann Sie gern ein St├╝ck mitnehmen, aber wohl nicht ganz, wo Sie hinwollen!“
Die Stimme drang durch das ge├Âffnete Beifahrerfenster. Sie klang eigenartig heiser. Als er einen Schritt auf den Truck zu tat, schwang die T├╝r auf. Das erste, was er wahrnahm, war der Geruch - eine Brechreiz erzeugende Mischung aus Desinfektion und Verwesungsgestank, die ihm aus dem Fahrerhaus entgegenschlug.
F├╝r einen Moment z├Âgerte er, dann h├Ąngte er sich den Gurt der Reisetasche ├╝ber die Schulter, setzte seinen Fu├č aufs Trittbrett und zog sich am Haltegriff hinauf in die Kabine.
„Vielen Dank! Sie wissen ja gar nicht, aus was f├╝r einer Lage Sie mir da helfen!“
Der Fahrer l├Ąchelte weniger, als dass er grinste. Seine Z├Ąhne waren auf geradezu toxische Art gelb gef├Ąrbt. Viel mehr war von seinem Gesicht nicht zu sehen. Die riesige Sonnenbrille verdeckte fast ein Drittel seines schmalen, bleichen Gesichts. Unter seiner Baseballm├╝tze trug er ein wei├čes Baumwolltuch, das ihm im Nacken und an den Schl├Ąfen herabhing, so dass er aussah wie ein Fremdenlegion├Ąr in der W├╝ste. Seine H├Ąnde steckten in schwarzen Lederhandschuhen. Au├čerdem trug er ein milit├Ąrisch gr├╝nes Hemd, dessen Kragenknopf geschlossen war. Rotgers ├╝berraschte Blicke schienen ihm nicht entgangen zu sein.
„Bin halt der sonnenempfindliche Typ!“
W├Ąhrend der Fahrer unter hektischem Schalten anfuhr, lehnte sich Rotger zur├╝ck. Zum ersten Mal hatte er Gelegenheit, sich auf die Musik zu konzentrieren, die aus den Boxen unter dem Kabinendach drang. Wenn man es ├╝berhaupt Musik nennen konnte. Es waren strukturlose Collagen aus unterschiedlichen Ger├Ąuschen, Maschinengeh├Ąmmer, Stimmengewirr und Verkehrsl├Ąrm, die von monotonen Synthesizer-Kl├Ąngen untermalt wurden.
„Jedenfalls besser als dieser st├Ąndige I-love-you-Quark! Die Leute sind ja so kitschig. Die Leute sind ja so unglaublich kitschig!“ Mit einem Kopfsch├╝tteln begleitete der Fahrer sein eigenen Worte.
Rotger selber schaute aus dem Fenster. Irgendwo dahinten, jenseits der Wiesen, wo ein paar Geb├Ąude einen kleinen Siedlungsklumpen bildeten, h├Ątte eigentlich Michaels und Sonjas Haus stehen m├╝ssen.
„Ich war eingeladen. Von Freunden. Hab sie jahrelang nicht mehr gesehen. Sie haben jetzt ein Haus hier, direkt auf dem Land.“
Seine Freundschaft zu Michael stammte quasi noch aus der Steinzeit. Aber wenn er ehrlich sein wollte, hatte er seit ein paar Jahren eigentlich nur Interesse f├╝r Sonja. Sie hatte diese schmalen dunkelblauen Augen. Und sie sah immer noch aus wie f├╝nfundzwanzig. Er war froh, dass Britta an diesem Wochenende andere Freunde besuchen wollte.
„Hab mich von einem Bekannten hier absetzen lassen. Wollte nicht mit dem eigenen Wagen kommen. Bei solchen Gelegenheiten wird ja meistens doch das eine oder andere Glas getrunken ... Jedenfalls habe ich die ganze Dorfstra├če abgesucht nach der Adresse. Nichts! Gar nichts! Es gab weder die Stra├če noch die Hausnummer noch den Namen. Hab die Leute gefragt. Keiner konnte sich an meinen Freund erinnern. Keiner!“
Er hatte gelogen. Niemanden hatte er gefragt. Weil es ihm peinlich gewesen war.
„Ich denke: Okay, rufst du ihn an. Aber dann stelle ich fest, dass der Handy-Akku leer ist!“
Er war nicht leer gewesen, weil er ihn in der Nacht vorher extra neu aufgeladen hatte. Das Handy war einfach tot. Das war ihm unheimlich geworden, und er musste zugegeben, dass ihn in diesem Augenblick eine gesichtslose Panik erfasst hatte.
„Na ja, und da ist mir eben der Geduldsfaden gerissen. Ich will einfach nur irgendwo hin, wo ich telefonieren und in Ruhe ├╝berlegen kann. Verr├╝ckt, wie?“
„Dass Sie ├╝berlegen wollen?“
„Nein, ach was! Dass sie einfach weg sind. Meine Bekannten!“
Er hatte noch nie im F├╝hrerhaus eines Lastwagens gesessen und genoss von seiner erhabenen Position aus den Blick auf die Stra├če. Um ihn noch mehr auszukosten, beugte er sich weit nach vorn. Das Armaturenbrett ragte in einem ziemlich spitzen Winkel nach oben, so dass sich ein Spalt zwischen dem Brett und der Frontscheibe bildete. Als sein Blick in diesen Zwischenraum fiel, geriet sein Herz f├╝r zwei, drei Schl├Ąge aus dem Rhythmus. Der Spalt war angef├╝llt mit toten Fliegen. Nicht zehn oder hundert, es mussten Tausende sein, die einen schmutzig schwarzen Streifen von einem Ende des Armaturenbretts zum anderen bildeten und ihre krummen Beine nach oben reckten.
Ich werde nichts sagen, absolut nichts, sondern es einfach ├╝berspielen, dachte er, w├Ąhrend er sich so unauff├Ąllig wie m├Âglich zur├╝cklehnte. Wieder drang der Geruch in sein Bewusstsein.
„Was transportieren Sie eigentlich so?“
„Technische Sachen. Sehr technisch. Glaub nicht, dass Sie das wirklich verstehen. Hab selber keine Ahnung davon! Nun schauen Sie sich dieses Mistvieh an!“
Die Hupe klang wie eine Schiffssirene. Rotger beugte sich wieder vor, wobei er versuchte, die Fliegen aus seinem Gesichtskreis zu halten. Vor ihnen auf der Stra├če hatte sich ein gro├čer Vogel niedergelassen. Mit seinen riesigen Krallen stand er in den hellrot leuchtenden Fetzen eines Tieres, dessen Kadaver sich fast ├╝ber die gesamte Breite der Fahrbahn verteilte. Der Blick des Vogels, der sie frontal traf, konnte nur als hasserf├╝llt bezeichnet werden. Geradezu wiederwillig spreizte er die Schwingen, um dem Fahrzeug auf einer elegant geschwungenen Flugbahn auszuweichen.
„Wollten mit Kumpels etwas feiern, wie?“ Der Fahrer verzog das Gesicht. „Hatte selber ziemlich verr├╝ckte Kumpels damals. Echte Halunken das alles – die h├Ąngen jetzt und baumeln im Wind! Wo wollen Sie denn jetzt ├╝berhaupt hin?“
„Wie gesagt: einfach nur in den n├Ąchsten gr├Â├čeren Ort!“, antwortete Rotger, in dessen Kopf die r├Ątselhaften Worte des Fahrers nachhallten.
„Hmm. Wei├č gar nicht, ob ich ├╝berhaupt durch irgendeinen Ort komme.“
„Durch keine Ortschaft?“
„Kann mich jedenfalls nicht erinnern!“ Er legte eine l├Ąngere Pause ein. „So’n Truck ist was Feines. Bin fr├╝her viel zu Fu├č gegangen. Und ziemlich rumgekommen dabei. Kaputte Gegenden gesehen, echt kaputte! Meine Chefs sind Arschl├Âcher wie alle anderen auch, vielleicht sind sie sogar noch schlimmer. Aber immerhin zahlen sie p├╝nktlich!“
„Vielleicht ist es besser, wenn Sie mich jetzt rauslassen.“
„Anhalten? Schlecht. Wegen der Maschinen, wissen Sie?“
Mit einer ruckartigen Kopfbewegung wandte sich der Fahrer zu ihm um.
„Haben Sie eine Frau?“
„Ja, nat├╝rlich!“ Durch die Frage verwirrt, hatte seine Antwort etwas stockend und kleinlaut geklungen.
„Haben Sie ein Foto von ihr dabei?“
„Ein Foto? Nein! Doch ... eins. Ein Ausdruck vom PC!“
„K├Ânnen Sie’s mir zeigen?“
„Denke schon!“
Er hob seinen Rucksack auf den Scho├č und kramte darin herum, bis er ein Notizbuch mit festem Einband hervorzog.
„Ist das letzte, das ich gemacht habe!“
Der Fahrer griff nach dem Foto, das ihm hingehalten wurde, und betrachtete es eingehend, w├Ąhrend er jedes Interesse f├╝r die Fahrbahn verlor.
„Wie hei├čt sie?“
„Britta!“
„H├╝bsches Ding. Schon Kinder?“
„Nein.“
„Aber wollt ihr, wie? Ganz normale Kinder auf die ganz normale Methode!“
Er lachte gackernd, w├Ąhrend sich Rotger zu einem L├Ącheln zwang. Es war ihm peinlich, wie oft er in den letzten Stunden an Sonja hatte denken m├╝ssen.
„Und Sie? Haben Sie Kinder?“
Das Lachen erstarb. „Ob ich was?“ Er machte ein Gesicht, als ob er nachdenken m├╝sse.
„Na, ob Sie Kinder haben!“
„Kinder? Du meine G├╝te. Da muss ich ja direkt ... nein, denke nicht! Hier haben Sie Ihr Bild wieder!“
Mit hochgezogenen Augenbrauen starrte Rotger auf den Ausdruck. Dort, wo der Fahrer ihn gehalten hatte, war es geschw├Ąrzt.
„Tut mir Leid. Kommt wohl von der Ladung. Wird wohl irgendwas Chemisches gewesen sein!“
Rotger lehnte sich zur├╝ck und fragte sich, ob er den Mut h├Ątte, den Fahrer anhalten zu lassen.
Ein Poltern machte sich aus dem Inneren des Containers bemerkbar, wie von einer Vielzahl von Tierhufen. Auch glaubte er, eigenartig heisere Schreie geh├Ârt zu haben.
H├Ârt sich nicht gerade an wie etwas Chemisches, dachte er. Und sollte die Ladung vorhin nicht noch etwas Technisches gewesen sein?
Angestrengt fixierte der Fahrer den Au├čenspiegel. „Denke, ich muss eine andere Route nehmen!“
Zischend und ruckelnd kam das Gef├Ąhrt zum Stehen. Rotger beobachtete, wie der Trucker das Lenkrad weit nach links einschlug und auf einen ungeteerten Feldweg zusteuerte. Er hatte ein derartiges Monstrum von Laster bisher noch nie auf so einem Trampelpfad fahren sehen.
„Warum machen Sie das?“
Zur Antwort brummt der andere nur. Rotger schaute aus dem Fenster. An einigen Stellen ├╝ber der Sandpiste bildeten Fliegen kleine schwirrende Wolken. Die B├Ąume sahen bedr├╝ckend kahl aus, ihre Zweige hingen herab, als w├Ąre nicht mehr genug Kraft vorhanden, sie in den Himmel zu heben. Auf den Wiesen hatten sich im Gras gelbe Flecken gebildet. Jedenfalls schien es ihm so. Ganz sicher war er sich nicht, da es mittlerweile schon sehr dunkel geworden war und sich in alle Farben ein Grauton gemischt hatte. Bei jedem Sto├č, den der unebene Untergrund ausl├Âste, wurde sein Oberk├Ârper hin und her geschaukelt. Er blickte sich um zum Fahrer, der in diesem Moment fasziniert in den Sonnenuntergang schaute.
„Das Feuer, das sieht man am Horizont. Wenn man’s riecht, ist es sowieso zu sp├Ąt!“
„Wollen Sie denn ├╝berhaupt nicht halten?“
„Keine Angst. Sie kommen schon hin, wo Sie hingeh├Âren!“
Das Tempo war nicht sehr hoch. Rotger ├╝berlegte sich, ob er nicht einfach die T├╝r aufrei├čen und sich aus dem Wagen fallen lassen sollte.
„Sie wollen, dass wir anhalten? Bitte! Da vorn.“
Mit seinen Blicken folgte er dem ausgestreckten Arm des Fahrers und erkannte am rechten Wegrand ein gro├čes Haus. Als sie sich n├Ąherten, erwies es sich als zweist├Âckiger Holzbau - ein gro├čer Schuppen eher - aus grauen verwitterten Planken gezimmert und mit einem Spitzdach aus h├Âlzernen Schindeln. Die Fenster waren blind und finster. Es stand auf einem flachen, komplett baumlosen Grundst├╝ck.
W├Ąhrend er sp├╝rte, wie sich das Fahrzeug verlangsamte, drehte sich der Trucker zu ihm um.
„Wenn ich einen Tipp geben darf: Da drinnen sollten Sie nichts essen. Egal, was Ihnen angeboten wird. Ist wirklich nicht so gut f├╝r die Gesundheit!“
Als Rotger ausstieg, den sandigen Boden unter seinen F├╝├čen sp├╝rte und sich umschaute, stellte er fest, dass es so gut wie Nacht geworden war. Der Fahrer trat neben ihn.
„Sie sollten nicht versuchen abzuhauen!“ Es klang eher wie eine Feststellung als nach einer Drohung. Nach ein paar Schritten waren sie am Haus. Der Fernfahrer stie├č die T├╝r mit den Fingern auf, legte die Hand auf Rotgers R├╝cken und schob ihn nicht besonders grob vor sich her ins Hausinnere.
Sie betraten einen gro├čen Raum. Das erste, was Rotger auffiel, war die nackte Gl├╝hbirne, deren gewundener Draht ein helles, scharfes Licht abgab, das das Innere nicht vollst├Ąndig erhellen konnte. Von den W├Ąnden bl├Ątterte die Tapete.
Ein gro├čer grauer Hund, der ungef├Ąhr einen Meter von ihm entfernt vor einem riesigen Knochen auf dem staubigen Boden lag, zeigte seine Z├Ąhne und gab ein tiefes Knurren von sich, das sich sogar ├╝ber den Holzboden fortpflanzte.
Ansonsten war der Raum leer, abgesehen von einem Holztisch und einem Stuhl dahinter, auf dem ein Mann sa├č, der sie regungslos musterte.
In der Luft lag der Geruch von kalter Asche. Auf knarrenden Holzdielen n├Ąherten sie sich dem Fremden. Dabei bemerkte Rotger ein paar zerfledderte Illustrierte, die auf dem Boden lagen. Die Titelbilder waren v├Âllig verblichen. Mit M├╝he konnte er junge l├Ąchelnde M├Ądchen in Kleidern erkennen, die ziemlich unmodern wirkten. Sein Blick fiel auf das Erscheinungsdatum. 1975.
„Der Landfahrer!“, sagte der Mann am Tisch und grinste sp├Âttisch. Die Vorderz├Ąhne fehlten, das graue Haar war sch├╝tter, die Gesichtshaut von Tausenden feiner Falten durchsetzt – wie die Risse in getrocknetem Schlammboden. Sein kariertes Hemd starrte vor braunem Schmutz. Rotger sp├╝rte einen starken Widerwillen, ihm zu nah zu kommen.
„Drehst wieder deine Runden, Fahrer?“
„Viele Halunken auf der Stra├če. Und du? Hast du Fracht?“
„Es ist eine gro├če Unruhe. Und einer ist noch drau├čen!“
Aus dem Dunkel trat jemand auf den Alten zu. Es war ein M├Ądchen mit so kurzen Haaren, dass Rotger sie im ersten Augenblick f├╝r einen Jungen gehalten hatte. Sie trug ein wei├čes T-Shirt und eine ebenso wei├če Hose. Im Schein der Gl├╝hbirne erkannte er die Bl├Ąsse ihres Gesichts, die dunklen Augenringe – und die Kan├╝le, die in ihrem Hals steckte. Sie m├╝ndete in einen elastischen Schlauch, der mit Heftpflaster an ihrer Haut befestigt war und im Ausschnitt des T-Shirts verschwand. In ihrer rechten Hand trug sie eine Plastikh├╝lle, in der sich eine CD-ROM befand, die in Regenbogenfarben schillerte.
„Wir haben Post von unseren Bossen!“, brummte der Fremde, deutete mit dem Daumen auf die CD und erhob sich. Der Fahrer wandte sich zu Rotger um. „Du bleibst hier. Versuch nicht, abzuhauen oder hier herumzuschn├╝ffeln. Warum spielst du nicht einfach ein bisschen mit dem Hund?“
Er stie├č ein widerw├Ąrtiges Lachen aus, wandte sich um und schritt mit dem Alten und dem M├Ądchen auf eine halb ge├Âffnete T├╝r an der L├Ąngswand zu. Als sie im Nebenraum verschwanden, lie├čen sie die T├╝r offen.
Den Blick ununterbrochen auf den Hund gerichtet, der noch immer am knackenden Knochen nagte, n├Ąherte sich Rotger mit leisen Schritten der T├╝r. Als er durch den Spalt schaute, erkannte er einen bl├Ąulich schimmernden PC-Monitor, der auf einer Art Campingtisch stand. Der Alte sa├č davor, w├Ąhrend das M├Ądchen neben ihm stehend auf den Bildschirm deutete und leise Bemerkungen dazu machte, die Rotger nicht verstand.
„Unruhe, gro├če Unruhe. Irgendetwas ist passiert da drau├čen. Wie damals in Ahrdorf.“
„M├╝ssen wir unterbrechen?“, fragte der Fahrer.
„Einer ist noch drau├čen!“, antwortete der Alte.
„Und die Fracht?“
„Verloren! F├╝r diesmal. Was soll’s!“
Es war etwas in seiner Stimme, das Rotgers Herzgegend vereisen lie├č. In Richtung Eingangst├╝r schlich er sich am Hund vorbei, der keine Notiz von ihm zu nehmen schien, und trat ins Freie. Vor ihm ragte die Silhouette des Trucks auf wie ein Gebirge aus reiner Finsternis.
Er zog das Handy aus der Tasche und dr├╝ckte auf den Tasten herum. Im Display erschien die letzte Nummer, die er gew├Ąhlt hatte - die von Sonja. Warum nicht, dachte er und bet├Ątigte die Wiederholungstaste. Ein, zwei Sekunden, nachdem er sich das Handy ans Ohr gepresst hatte und das Freizeichen erkannte, h├Ârte er es. Es kam aus dem Container. Sehr leise, aber unverkennbar. Das piepsende Empfangssignal eines anderen Handys. Es war ein wenig zeitversetzt, aber mit dem Freizeichen in seinem eigenen Ger├Ąt vollkommen synchron. Er sp├╝rte, wie kr├Ąftige Finger sein Handgelenk umklammerten.
„Du bist dumm!“, zischte der Fahrer, w├Ąhrend er versuchte, Rotger den Arm auf den R├╝cken zu drehen. „Du bist nicht nur dumm, du bist sogar noch zehnmal d├╝mmer, als du glaubst!“
Rotger ben├Âtigte ein, zwei Sekunden, um seine ├ťberraschung zu bew├Ąltigen, dann gelang es ihm mit einer pl├Âtzlichen K├Ârperdrehung, seinen Arm aus der Umklammerung zu l├Âsen. Durch den Schwung verlor er dabei aber das Gleichgewicht und st├╝rzte zu Boden. Als er auf dem R├╝cken liegend sah, wie sich ihm der Fahrer n├Ąherte, sprang er auf die Beine und fing an zu rennen.
Richtung Hauptstra├če, dachte er im Laufen. Dabei versuchte auszurechnen, wie lange es bis dahin dauern w├╝rde. Ziemlich lange, bef├╝rchtete er. Er rannte weiter.
„Falsch, du Idiot. V├Âllig falsch!“, h├Ârte er den Fahrer rufen. Seine Stimme klang nicht mehr sehr nah.
Irgendwann im Laufen wurde ihm bewusst, dass er w├Ąhrend der ganzen Zeit mit der rechten Hand das Handy umklammert hatte. Nach ein paar Minuten erreichte er eine Stelle, an der einige Fichten entlang des Sandwegs standen. Seine Augen hatte sich an die Dunkelheit mittlerweile so gut angepasst, dass er sogar die Fahrspuren des Trucks erkennen konnte. Der Himmel war unbew├Âlkt und mit Sternen ├╝bers├Ąt. Unter anderen Umst├Ąnden h├Ątte er diesen Anblick genie├čen k├Ânnen.
Rechts von sich h├Ârte er das Unterholz knacken. Als er stehen blieb, sp├╝rte er, wie stark sein Herz h├Ąmmerte. Das Blut rauschte so laut in seinen Ohren, dass er bef├╝rchtete, es k├Ânnte ihm das H├Ârverm├Âgen rauben. Wieder vernahm er ein Ger├Ąusch. Eine Art Streifen oder Wischen. Diesmal kam es eher von vorn. Er zwang sich, ruhig und tief zu atmen.
Dann ein Grunzen. Er konnte beim besten Willen nicht sagen, ob es von einem Tier oder einem Menschen stammte. Auf jeden Fall klang es unendlich fremdartig. Es war aus geringer Entfernung gekommen, vier, f├╝nf Meter vielleicht. Er wirbelte herum und fing wieder an zu laufen. Diesmal in Richtung Truck und Schuppen.
Wieder dieses Grunzen, das sich jetzt aber schon fast wie ein Knurren anh├Ârte. Die Distanz hatte sich nicht vergr├Â├čert. Das Etwas hinter ihm musste so schnell rennen wie er selber.
Vor sich erkannte er die Silhouette des Schuppens. Aus einem der Fenster im Erdgeschoss drang ein schwaches Licht. Jetzt nahm er unterdr├╝cktes Keuchen wahr. Es konnte nur von einem Menschen stammen. Umso erschreckender das neuerliche Knurren. F├╝r einen Moment fasste er den Gedanken, stehen zu bleiben und sich dem anderen einfach entgegenzuwerfen. Aber schnell wurde ihm klar, dass er nicht den Mut dazu hatte. Seine Kr├Ąfte fingen an nachzulassen. Fast hatte er das Gef├╝hl, den Atem des anderen in seinem Nacken zu sp├╝ren.
Mittlerweile konnte er den Truck erkennen, der nicht mehr als drei├čig Meter von ihm entfernt war. In diesem Augenblick verkrallte sich etwas in den Hemdstoff auf seinem R├╝cken. ├ächzend k├Ąmpfte er darum, nicht umgerissen zu werden.
Dann h├Ârte er Schreie direkt neben sich. Stimmen mischten sich. Der Griff wurde lockerer und l├Âste sich. Ger├Ąusche von Schl├Ągen und Knuffen drangen an sein Ohr, Schuhsohlen rutschen ├╝ber den Sandboden.
Dann traf ihn der Strahl einer Taschenlampe. W├Ąhrend er die Augen abwandte, schwenkte der Lichtkegel ein wenig zur Seite. Es war der Trucker. Rotger drehte sich um seine Achse und sp├Ąhte in alle Richtungen in die Dunkelheit. Von seinem Verfolger nicht die geringste Spur. Von irgendwoher h├Ârte er hastige Schritte, deren Ger├Ąusche schnell abklangen.
Der Fahrer packte ihn am Oberarm und zog ihn mit sich. Mit weiten Schritten strebte er dem Schuppen entgegen.
„Ich wusste, dass du dich am Ende bei uns wohl f├╝hlen wirst!“ Sein Lachen war von einem bedrohlichen Klang unterlegt. „Hast du dein Handy noch?“
Rotger stellte fest, dass er es immer noch in der Hand hielt. Z├Âgernd reichte er es ihm.
„Behalt’s! Du wirst es gleich brauchen!“
Als sie den Lastwagen erreichten, lie├č der Fahrer den Strahl der Taschenlampe ├╝ber das Heck gleiten und begann, den Container zu ├Âffnen.
„Na los! W├Ąhl die Nummer von vorhin!“
Rotger ben├Âtigte einen Moment, um zu begreifen. Dann suchte er im Schein der Lampe das Tastenfeld ab und dr├╝ckte den Knopf f├╝r die Wahlwiederholung. Nach ein paar Sekunden drang wieder das zirpende Ger├Ąusch aus dem Beh├Ąlter. Der Fahrer riss die Klappe auf und schwang sich ├╝ber den Tritt ins Innere des Containers.
„Ihr gottverdammten Zombies! Wer hat euch erlaubt, dieses Ding mit an Bord zu nehmen?“
F├╝r einen Moment hatte Rotger Gelegenheit, einen Blick ins Innere zu werfen. Er sah die Gestalten: nackt und dreckig. Einige lagen auf dem Boden. Der Desinfektionsgeruch wurde ├╝berm├Ąchtig. Dann sah er inmitten all der wirren, ausgebrannten Gesichter dieses blaue strahlende Augenpaar, das er so gut kannte - bis es vom R├╝cken des Fahrers verdeckt wurde. Die Klappe des Containers fiel wieder ein St├╝ck zu. Das Handy-Klingeln verstummte.
„Was wollt ihr denn ├╝berhaupt damit?“, bellte der Fahrer. „Ihr k├Ânnt doch gar nicht mehr sprechen! Ich wei├č noch nicht mal, ob ihr ├╝berhaupt noch Gehirne habt. Und wenn, dann geh├Âren sie uns, ihr kranken Missgeburten!“
Jetzt wurden die Stimmen der Gefangenen vernehmbar. Leise zun├Ąchst, ein unartikuliertes Murmeln und Knurren, nicht ganz un├Ąhnlich dem von vorhin dort drau├čen. Die Lautst├Ąrke schwoll an.
„Ach so? Ihr wollt ├ärger machen?“, h├Ârte er den Fahrer durch die fast geschlossene Klappe. Seine Stimme klang auf einmal nicht mehr besonders souver├Ąn. „Na los! Traut euch doch!“
Er h├Ârte einen Schmerzensschrei, gleichzeitig ersch├╝tterte ein Poltern den Container. Rotger erkannte seine Chance. Er sprang auf den Tritt, drehte sich und presste seinen R├╝cken mit aller Kraft gegen die Klappe. Halt fand seine linke Hand dabei an einer Metallstrebe. Er sp├╝rte, wie jemand gegen die T├╝r dr├╝ckte, doch es gelang ihm, dem Druck standzuhalten.
„Bist du das, du Idiot? Lass mich sofort ...“ Die Worte des Fahrers versiegten in einem gurgelnden Schmerzenslaut. Keuchend verharrte Rotger eine ganze Weile in seiner K├Ârperhaltung.
Der Alte und das M├Ądchen tauchten aus der Dunkelheit auf. Aus zwei, drei Metern Entfernung betrachteten sie ihn schweigend. Eine Zeit lang starrte er reglos zur├╝ck und lie├č seinen Blick von einem zum anderen wechseln. Dann sprang er vom Lastwagen ab und ging auf sie zu. Das M├Ądchen reichte ihm eine metallisch gl├Ąnzende Konservendose, aus deren ge├Âffneter Oberseite eine Gabel ragte.
„Danke, aber ich habe einen sehr empfindlichen Magen.“
Sie wich ihm mit einem Schritt zur Seite aus. Er selber schaute sich zum Truck um. Es war vollkommen ruhig geworden. Niemand schien ins Freie zu wollen.
Er ging davon. Im Gehen ├╝berlegte er sich, wie das f├╝r die anderen auss├Ąhe - wie er immer mehr von der Dunkelheit verschluckt wurde. Er empfand das Bild als sehr beruhigend. Er hatte keine Angst mehr. Immerhin hatte er einen Mann get├Âtet. Aber vor allem sp├╝rte er eine ziemliche Wut.

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jon
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Mehr!
Vor allem, weil es unglaublich atmosph├Ąrisch r├╝berkommt, hervorragend "sicht"bare und glaubw├╝rdige Figuren hat und wahnsinnig spannend ist (; ich h├Ątte fast eine Kollegin angeknurrt, die es WAGTE, mich mit Arbeit aus demtext zu rei├čenÔÇŽ).

ÔÇŽund weil dies wirklich wie ein Teil von was Gr├Â├čerem wirkt ÔÇô man erf├Ąhrt innerhalb dieses Textes nicht, was eigentlich Sache ist. So ungef├Ąhr funktioniert ein CliffhangerÔÇŽ
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dal├Ąsst (Klaus Klages)

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Volker Hagelstein
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Puhh, gerettet! Vielen Dank f├╝r die freundliche Aufnahme. Ich war mir wirklich nicht sicher, wie der Text ankommen wird – spielt doch schon ganz sch├Ân ins Surreale. Mittlerweile bin ich mit der Zyklus-Methode aber auch ziemlich gl├╝cklich. Es stellt eine geeignete Alternative zum Roman dar, was ein Projekt w├Ąre, zu dem ich mich momentan au├čerstande sehe. Au├čerdem l├Ąsst sich auf diese Weise sehr sch├Ân mit wechselnden Perspektiven spielen.
Der vierte Teil kommt demn├Ąchst, mit dem f├╝nften habe ich gerade erst angefangen.

Gru├č Volker

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El Lobo
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Wundervoll geschrieben, Klasse, LG El Lobo

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Volker Hagelstein
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Vielen Dank!

LG Volker

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Gerhard Kemme
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Die Dialoge, insbesondere auch die inneren, sind dir gelungen. Das Genre Science-Fiction klingt mir etwas anders, d.h. ich w├╝rde die Erz├Ąhlung in eine andere Kategorie einordnen. MfG Gerhard Kemme

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