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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der Trümmerberg des Günter Grass. Rezension einer Kritik
Eingestellt am 10. 03. 2008 12:52


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Dietrich Stahlbaum
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Bereits Anfang der 70er Jahre, als die »werkimmanente Textinterpretation« noch üblich war, führte der damals junge Literaturwissenschaftler Wolfgang Beutin sozialwissenschaftliche, politische und historische Aspekte, die Psychoanalyse und – vor allem – humanistisch-ethische Kriterien in seine Vorlesungen und Seminare ein. Nun hat er einen Literaturnobelpreisträger und sein Werk unter die Lupe und fachgerecht auseinander genommen.

Herausgekommen ist dabei eine nicht allein für junge Autorinnen und Autoren interessante, teils bitterernste, teils amüsante Lektion in Sachen Sprach- und Stilkritik, Weltanschauung, Politik, Zeitgeschichte, Logik und Psychologie.

Der Literaturnobelpreisträger von 1999 hat, wie wir inzwischen wissen, sieben Jahre später – nach 60 Jahren in seiner Autobiografie »Beim Häuten der Zwiebel« und in Interviews eingestanden, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, wenige Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als 16/17-Jähriger. Ein Schock für viele, die sich nun von dem vermeintlichen Toprepräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur düpiert gesehen haben. Für Wolfgang Beutin, der die literarischen und politischen Bekundungen des Günter Grass seit Jahrzehnten kritisch beäugt und auch psychoanalytisch durchleuchtet hat, ist dessen gesamtes literarisches Werk der voluminöse Versuch eines „Moraltrompeters“, „sein fatales Geheimnis zu kaschieren“.

Beutin weist dies im Einzelnen nach. Er deckt die äußeren und inneren Brüche und Widersprüche auf, die Projektionen und Fluchten in infantile Fantasien, den (politischen) Opportunismus eines Menschen, der keinen festen Standpunkt hat, stets oben auf dem mainstream schwimmt, „immer wieder einmal querschießt und seine eigene Gedankenwelt unerwartet in Trümmer legt“.

Beutin geht der Frage, ob die Personen, die Grass in seinen Romanen und Novellen in der Ich-Form sprechen lässt, reine Kunstfiguren sind, oder ob sie Psyche, Mentalität und Meinung des Autors widerspiegeln, psychoanalytisch auf den Grund und kommt zu dem Schluss: Schon „seine bekannteste Figur“, der Oskar des ersten Romans ist teilweise mit ihrem Schöpfer Grass identisch und sei – Beutins Hypothese – „nichts anderes als der nach außen projizierte, in die Gestalt des Zwerges gebannte, in der Gestalt des Zwerges inkarnierte Abwehrmechanismus.“

Und nicht nur »Die Blechtrommel«, - das gesamte literarische Werk des Günter Grass erscheint dem Rezensenten dieser Studie als monströser Wörterberg, in dem sich eine kleine hin- und hergerissene, ängstliche Seele versteckt. Sie ist voller Schuldgefühle, voller Ressentiments. Grass ein Kleinbürger wider Willen?

Dem hochgelobten Lyriker und Erzähler werden von dem Philologen auch viele Sprach- und Stilschlampereien nachgewiesen. Die Zitate und Kommentare füllen 23 Seiten des Buches. Es hat mich veranlasst, meine Meinung über den Literaturnobelpreisträger Grass zu ändern. *)

Wolfgang Beutin: Der Fall Grass. Ein deutsches Debakel
Peter Lang Verlagsgruppe Bern, Berlin, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien 2008.
br., 192 S.
ISBN 978-3-631-57004-3
SFR 29.00 € 19.80 (D)

*) Hierzu: »Die Kriegsgeneration des Günter Grass im Zeitzeugenstand« =>
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__________________
Der Stein des Sisyphus rollt immer wieder bergab. Aber besteht unser Menschsein nicht darin, dass wir ihn auch immer wieder den Berg hinauftragen, damit er nicht unten liegen bleibt?
[ In Anlehnung an Camus, Le mythe de sisyphe. Essai]

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jon
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Noch eine Textarbeitskritik: Der letzte Satz (der mit der Meinungsänderung) hat mich gestört. Weil man da erst recherchieren muss "ja welche Meinung hatte er denn?" (nicht immer kann man Leute einfach per Link weiterschicken –hinter dem Link steckt übrigens (nahezu) keine Meinung zu Grass) und dann immer noch weiß, in welcher Hinsicht sie sich änderte – gegenteilig in allen Details, nur in einigen Details oder gar nur "differenzierter" (wieder Recherche)?
Es hätte der Rezension nicht geschadet, wenn die alte und neue Meinung des Rezensenten drin gestanden hätte. Wobei der interessanteste Aspekt dabei gewesen wäre: Hat Beutin die Wende um 180 Grad erzeugt (obwohl der Rezensent am Anfang der Lektüre sich noch sträubte) oder hat er dem Änderungsprozess nur den Rest gegeben? Das würde etwas über das rezensierte Buch aussagen …
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Hedwig Storch
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Der Blechtrommler

Hi Dietrich, habe deinen Beitrag durchgelesen.

Wie wird ein Mensch vor der Geschichte bestehen? lautet die große Frage. Ich bin fest davon überzeugt: Mag Grass auf dem Nobelpreisträger-Empfang dort oben in Stockholm oder wo das war tanzen, kaspern und herumalbern wie er will, mag er bei den politischen Parteiungen kräftig mitmischen, mag er abstruse Meinungen äußern (die manchen in die Nase fahren) - ja und mag er sogar als halbes Kind von den Nationalsozialisten vereinnahmt worden sein - alles negativ, gewiß. Doch der Autor Grass hat uns "Die Blechtrommel" geschenkt.

Das ist ein Werk der Weltliteratur, Dietrich! Die Geschichte, von der ich oben sprach, wird mir Recht geben. Leider ist die Frage nicht entscheidbar, denn wir werden es alle beide vermutlich nicht mehr erleben, wenn das jetzige Gezänk um Grassens Vergangenheit und seine Folgen abgeklungen sein wird.

Weltliteratur - was ist das? Das sind Goethes kleine Gedichte, das ist Brechts Leben des Galilei, das ist der Don Quijote von Miguel de Cervantes. Wenn ich Tag und Nacht, sommers und winters die vielen hundert Seiten lese, die alle keine Weltliteratur sein können, dann habe ich doch mit den Jahren ein Gespür dafür entwickelt, was Weltliteratur ist. Die Blechtrommel, sage ich dir, gehört dazu. Warum?
Nimm nur Grassens Donquichoterie: Ich habe mich bei der Lektüre an manchen Stellen im sonst so stillen Kämmerlein halb totgelacht und ich hätte an anderen Stellen Rotz und Wasser heulen können. Der das mit Buchstaben in mir vollbracht hat, den achte ich. Natürlich hat Grass mitunter Mist gebaut und auch geschrieben. Natürlich konnte ich vieljahrelang nicht an seine Bücher heran. Aber glaube mir. Grass ist schon einer der Großen der Literatur. Auch wenn es jetzt Mode ist, den aktuellen Sündenbock madig zu machen, nur weil er sich geoutet hat.
Viele Grüße sendet dir Hedwig Storch.
__________________
Hedwig

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