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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Turist
Eingestellt am 16. 01. 2018 23:03


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Utz Bahm
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2017

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Der Tourist

Nach einem stressigen Arbeitstag und einer erfrischender Dusche war ich im Begriff noch einen kleinen Spaziergang um die „Plaza“ zu machen. Ein junger Mann versperrte mir den Ausgang des Hotels mit einem großen und vollgepacktenj Motorrad, das er versuchte ĂŒber die drei Stufen vor der TĂŒre in den Eingang zu schieben. Also blieb mir nichts weiteres ĂŒbrig ihm dabei behilflich zu sein, wenn ich mein Vorhaben durchfĂŒhren wollte. Er bedankte sich mit gebrochenem Spanisch und erwĂ€hnte, dass er Deutscher sei, heiße Sven und mache eine Amerikareise. NatĂŒrlich wurde ich da neugierig und wir verabredeten gemeinsam spĂ€ter im Hotel zu speisen.
„Ich will erst einmal einchecken und dann ein warmes Bad nehmen“, erbat er mĂŒde und mit verschwitztem, braungebranntem Gesicht.
Damit machte ich nun meinen vorgesehen Spaziergang rund um die typisch im Kolonialstil, mit alten Palmen, einem Springbrunnen in der Mitte und einem kleinen Pavillon ausgelegter Plaza von Tarija. Kurz nach Sonnenuntergang war es hier noch Sitte einige RundgĂ€nge zu machen, die Damen linksherum und die Herren rechtsherum, also sozusagen eine gegenseitige Besichtigung. In dem Pavillon, hier Glorieta genannt, spielte eine kleine Blaskapelle Volkslieder. Man traf einige Bekannte, grĂŒĂŸte sich förmlich, obwohl man vor 2 Stunden noch im BĂŒro zusammensaß. Aber das gehörte eben dazu. FĂŒr mich wurde es nun Zeit mir ein Bierchen zu genehmigen. Normalerweise setzte ich mich dafĂŒr in eines der kleinen Kaffees am Rande der Plaza. Meine Neugier schickte mich aber zurĂŒck ins Hotel um mehr von der Reise des jungen Sven zu erfahren.
Wie verabredet erschien Sven im Restaurant, wo ich schon mein erstes Bier vor mir hatte. „Noch eine Taquiña, bitte“ rief ich dem Kellner zu, wĂ€hrend Sven sich an den Tisch setzte. Ich schĂ€tzte ihn so um die 25 Jahre. Er hatte braunes, gewelltes Haar nach hinten gekĂ€mmt, braune Augen und ein schmales Gesicht.
„Ja, und von wo kommen Sie nun?“ wollte ich wissen um das GesprĂ€ch in zu Gang bringen.
„Von Salta, Argentinien“, meinte er kurz, nachdem er mit einen ausgiebigen Schluck den ersten Durst gestillt hatte und das halbvolle Glas vorsichtig auf den Tisch stellte.
„Direkt die etwa 500 km?“ wollte ich wissen.
„Ja, und so schnell wie möglich.“
„Ist aber schade, denn Sie haben da einige sehenswerte Landschaften nicht mitbekommen.“
„Nachdem was ich da in Argentinien erlebt habe war es mir nicht zu Mute da noch Landschaften anzusehen“. Er war hör- und sichtbar echt sauer.
„Nun, tut mir leid. ErzĂ€hlen Sie mal“. Und da beide GlĂ€ser leer waren machte ich dem Kellner ein entsprechendes Zeichen.
„Also“, begann Sven seine Geschichte, „Meine Eltern leben in Mexiko. Mein Vater ist dort GeschĂ€ftsfĂŒhrer einer deutschen Firma. Ich studierte in Deutschland Wirtschaftswissenschaft und bekam eine Praktikumsstelle bei einer Firma in Brasilien. Dort habe ich mir vorgenommen eine Motorradreise von Ushuaia nach Fairbanks zu machen. Also schlug ich dem Motorradhersteller vor entsprechende Fahrbericht vorzulegen, wenn sie mir einen Preisnachlass gĂ€ben“.
„Nun, wie ich sehe hatten Sie Erfolg mit Ihrem Vorschlag.“
„Ja, sie brachten da da einige kleine Änderungen gegenĂŒber der Normalversion. Ich glaube der Tank wurde etwas vergrĂ¶ĂŸert. Jedenfalls muss ich ĂŒber das mechanische Verhalten der Maschine laufend berichten“.
„Interessant. Nun, und wie ging es dann weiter?“ Ich ließ ihn nun erzĂ€hlen ohne ihn weiter zu unterbrechen
„Die Maschine ĂŒbergaben sie mir in Ihrer Vertretung in Argentinien. Ja, und von Buenos Aires fuhr ich dann nach SĂŒden, ĂŒber die dreitausend Kilometer nach Patagonien und Ushuaia, ohne Probleme. Da wir Verwandte in Chile haben, machte ich einen Abstecher nach Valparaiso und Santiago. Also nochmal beinahe viertausend Kilometer. Ich blieb da einige Tage und fuhr dann nach Mendoza, zurĂŒck nach Argentinien um dann weiter nach Norden zu zuckeln. NatĂŒrlich schaute ich mir dabei einiges an. Nach 4 Tage kam ich nach Tucuman und man sagte mir die Guerilla sei hier ziemlich aktiv und ich sollte vermeiden Nachts zu fahren. Ja, dann auf der Strecke nach Salta bekam ich Ärger. Eine MilitĂ€rkontrolle hielt mich mitten auf der Straße an. Ich zeigte ihnen meine Papiere, also Pass und Zulassung. Beim DurchblĂ€ttern des Reisepasses stellten sie fest, dass ich in Chile war, also beim sozialistischem Erzfeind Allende. Ja, dann wurde mir erst einmal das Motorrad abgenommen und ich zum Verhör beordert. NatĂŒrlich wĂŒhlten sie mein gesamtes GepĂ€ck durch, schmissen alles auf die Erde in den trockenen Staub. Da ich mein Tagebuch in Deutsch abfasste, konnten sie das nicht lesen. Ich wurde beschuldigt geheime Nachricht an die kommunistische Guerilla zu ĂŒbermitteln und somit als Spion bezeichnet.
Der eigentliche Kontrollposten bestand aus einer kleinen HĂŒtte aus Lehm und Strohdach gezimmert, etwa zwanzig Meter neben der Straße auf einem abgeholzten StĂŒck Buschland. Auf dem staubigen Vorplatz stand ein rustikaler Tisch mit 2 einfachen StĂŒhlen. Eine alte Schreibmaschine und, mit einem Stein beschwert einige Papierbogen, stellten das „BĂŒroinventar“ dar. Mit dem RĂŒcken zur HĂŒtte saß ein Uniformierter und bedeutete mir schroff auf dem anderen Stuhl Platz zu nehmen. Ich musste nun zum zweiten Mal meine Geschichte erzĂ€hlen, was ich hier in Argentinien wollte, was ich in Chile gemacht habe, ob ich zur Guerilla Kontakt habe und so weiter. Ich verlangte den deutschen Konsul in Salta sprechen zu können, was man natĂŒrlich entschieden ablehnte. Als plötzlich die TĂŒre der HĂŒtte aufging und ein weiterer Soldat herauskam konnte ich einen nackten Mann auf einen Stuhl gebunden in der HĂŒtte sehen mit Kabel an seinen Hoden. Anscheinend war er ohnmĂ€chtig, denn er bewegte sich nicht. Nun bekam ich echte Angst und bestand darauf den Konsul sprechen zu können. Neben mir stand ein Typ von wenigstens 1,90 Meter LĂ€nge, 120 Kilogramm Muskeln und hĂ€ngender Wamme. Er hatte eine eingerollte Zeitung in der Hand. Dann begann das Verhör von neuem. Nach jeder Frage und Antwort bekam ich einen krĂ€ftigen Schlag mit der Zeitung auf den Kopf. So ging das etwa zwei Stunden und mir war HundeĂŒbel von den SchlĂ€gen. Außerdem hatte ich fĂŒrchterlich Durst. Ich erbat Wasser aber sie meinten das gĂ€be es hier nicht, nur Salzwasser. Anscheinend hatten sie Grenzen zu beachten, denn mehr als das abermals und abermals Wiederholen meiner Geschichte und die SchlĂ€ge mit der eingerollten Zeitung gingen sie nicht weiter. Die Sonne knallte voll auf den Platz, den Tisch und meinen Kopf, der Durst wurde zur Qual, ich begann zu kotzen und verlor Herrschaft ĂŒber meine Blase. Das waren natĂŒrlich die Konsequenzen der SchlĂ€ge mit der Zeitung. Sie erzeugten keinen nennenswerte Schmerz, aber erreichten den gewĂŒnschten Verlust der Kontrolle ĂŒber die Körperfunktionen.
So etwa um vier Uhr Nachmittags erschien ein Jeep mit weiteren drei MilitĂ€rs. Anscheinend war einer der Kommandant des Kontrollpunktes, denn der Verhörer pflanzte sich vor ihm auf und berichtete ĂŒber seinen Fang. Jedenfalls verlangte der Offizier die Papiere von mir zu sehen. Dann musste ich ihm erneut meine Geschichte erzĂ€hlen, ohne Zeitungskloppe. Schließlich gab er mir meinen Pass, Papiere, GepĂ€ck und Maschine zurĂŒck und murmelte so eine Art Entschuldigung. NatĂŒrlich klaubte ich meine Sachen so schnell wie möglich zusammen, stieg auf meine Maschine und peste mit Vollgas los, bis ich in Salta ein Hotel fand, das mich trotz Staub, Dreck und stinkend aufnahm. Nach einem ausgiebigen Bad und befeuchtetem Nachtmahl legte ich mich schlafen. So um drei Uhr morgens wurde ich durch das bellende GerĂ€usch von SchĂŒssen auf der Straße geweckt. Ja, Sie können sich vorstellen, dass mir da wenig Lust verblieb mir die Gegend nĂ€her anzusehen. Sobald es klarte stieg ich auf das Motorrad, fuhr zur nĂ€chsten Tankstelle, fĂŒllte den Tank und fuhr so rasch wie möglich und ohne Pause bis ich hier in Tarija andockte“.
Beide schwiegen wir eine Weile und nippten an unseren GlĂ€sern. Eigentlich war es fĂŒr mich keine ausgefallene Geschichte, denn ich hatte Ă€hnliches erlebt. Schließlich waren wir ja in einer Region, die in den siebziger Jahren politisch durcheinander war.
„Ja, dann wollen wir unser Abendessen bestellen. Was meinen Sie?“.
„In Ordnung. Vorher aber noch ein Bier, bitte.“





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Utz Bahm

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Maribu
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Der (Turist) Tourist

Hallo Utz Bahm,

fĂŒr jemandem, der noch nicht in SĂŒdamerika war, ist das eine interessante, aber auch abschreckende Geschichte, lieber in Europa zu bleiben, um Urlaub zu machen!

Es ist schade, dass der Pro feststellt, keine ausgefallene Geschichte gehört zu haben. Dieser Eindruck entsteht jetzt auch bei mir!

Freundliche Gruß
Maribu

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