Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5530
Themen:   94477
Momentan online:
92 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Überfall
Eingestellt am 24. 06. 2015 09:58


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

Werke: 39
Kommentare: 567
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hyazinthe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Überfall

„Was zum Teufel ...?“
„Schnauze!“
Mit drei großen Schritten quer durch das Wohnzimmer war der hochgewachsene, kräftige Mann mit der Skimaske bis auf wenige Zentimeter an Joachim herangetreten und starrte von oben herab in sein Gesicht. Als er sprach, konnte Joachim seinen unangenehmen Atem riechen. Unwillkürlich drehte er den Kopf zur Seite, doch der Mann umfasste mit einem brutalen Griff seinen Kiefer und zwang ihn, in seine Augen zu sehen.
„Hier wird nur geredet, wenn ich es sage, verstanden?“
Der Mann sprach im Flüsterton. Mit einer kalten Eindringlichkeit, die Joachim einen Schauer über den Rücken jagte. Die blauen Augen hinter der Maske bohrten sich mehrere Sekunden lang in seine, und Joachim verstand, dass er gehorchen musste.
„Hinsetzen! Hände auf den Rücken!“
Ohne Widerspruch setzte sich Joachim Herzog, Jugendrichter am Amtsgericht i. R., auf den Esszimmerstuhl, den der Mann ihm anwies. Einer der Komplizen des Blauäugigen nahm eine Rolle graues Textilklebeband, wickelte es mehrere Male um Joachims Handgelenke, so dass er die Hände nicht mehr rühren konnte. Dann fixierte er mit demselben Band seinen Oberkörper an die Rückenlehne und die Unterschenkel an die Stuhlbeine, so dass Joachim in einer geraden, unnatürlichen Sitzposition verharren musste. Thomas, der mit erhobenen Händen vor dem dritten Mann in Schwarz stand und völlig entgeistert in die Mündung der schwarzen Pistole starrte, die auf ihn gerichtet war, musste sich ebenfalls auf eine Stuhl setzen und wurde auf die gleiche Art gefesselt.

Joachim fühlte sein Herz heftig klopfen. Das Ganze kam ihm vor wie in einem schlechten Gangsterfilm.

Noch vor zwei Minuten hatten Thomas und er gemütlich vor dem Fernseher gesessen, als es an der Haustür geklingelt hatte.
„ Wer kann das denn sein? Um diese Zeit?“
Er sah Thomas, der sich mit einem Automagazin auf der Couch hingelümmelt hatte, fragend an und runzelte die Stirn. Thomas zuckte mit den Schultern. Auf dem Fernsehschirm kündigte der Sprecher vom Heute Journal gerade die Wettervorhersage an. Seufzend schickte Joachim sich an, die Rückenlehne seines Fernsehsessels hochzuklappen um aufzustehen. Gleichzeitig drückte er auf die Fernbedienung und stellte den Ton des Fernsehers aus.
Inzwischen hatte Thomas sich aufgesetzt.
„Lass nur, Papa. Ich geh schon. Mit fällt gerade ein, das könnte Martin sein. Er hat gesagt, er will vielleicht vorbeikommen. Wir haben vor, noch etwas um die Häuser zu ziehen.“
Er hievte seinen langen Körper aus dem Sofa, strich sich mit beiden Händen durch sein modisch geschnittenes Haar und durchquerte mit schnellen Schritten das Wohnzimmer. Joachim schmunzelte, als er seinem Sohn mit den Augen folgte. Es ist nett, Thomas für ein paar Tage im Haus zu haben, dachte er. Selten genug, das der Junge seine Eltern besuchte. Seine kleine Softwarefirma, die er vor zwei Jahren gegründet hatte, ließ ihm wohl nicht viel Zeit für Besuche bei seiner Familie. Jetzt, wo Angelika nach fast vierzig Jahren Schuldienst auch in den wohlverdienten Ruhestand getreten war, wurden die Tage manchmal doch recht lang. Obwohl es wirklich schön war, ohne Pflichten und ohne Hektik das Leben genießen zu können. Wenn die beiden Töchter mit den Kindern und Ehemännern zu Besuch kamen, war jedes Mal so viel Trubel im Haus, dass sie, Angelika und er, am Ende froh waren, wenn sie wieder abreisten.
Aber mit Thomas war das was anderes. Nach seiner Scheidung hatte er anscheinend noch keine neue Beziehung gefunden, und da keine Kinder da waren, brachte er kaum Unruhe ins Haus.
Zufrieden lehnte Joachim sich zurück, nahm seine Zigarre vom Aschenbecher, auf dessen Rand er sie abgelegt hatte, und paffte ein paar aromatische Wolken in den Raum. Angelika erlaubte nicht, dass er in ihrer Gegenwart das Wohnzimmer einräucherte, wie sie es nannte, deshalb musste er warten, bis sie zu Bett gegangen war, bevor er seinem geliebten Laster frönen durfte. 'Und vergiss nicht, anschließend gründlich zu lüften', hatte sie ihm eingeschärft. Wie jedes Mal. Dabei gibt es doch nichts Schöneres, als bei einem guten Glas Spätburgunder genussvoll eine Petite Corona aus Havanna zu rauchen und dabei einen alten Spielfilm anzuschauen, dachte er.
Wie heute Abend. Im ZDF würde in ein paar Minuten der Klassiker „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ mit Donald Sutherland und Julie Christie gezeigt werden, und Joachim hoffte, dass Martins Besuch nicht allzu lange dauern würde.
Er hörte gedämpfte Stimmen im Flur, und als gleich darauf die Wohnzimmertür aufging, erwartete er Thomas und seinen Schulfreund Martin eintreten zu sehen.

Später hätte er nicht sagen können, was ihn mehr schockiert hatte: das entsetzte Gesicht seines Sohnes, der mit hoch über dem Kopf erhobenen Händen ins Zimmer gestoßen wurde, oder die drei ganz in Schwarz gekleideten Männer mit Skimasken, die hinter ihm herkamen. Die drei Löcher für Augen und Mund in den Masken erinnerten auf furchterregende Weise an Totenköpfe.
Während Thomas hilflos dastand, verteilten sich die Männer sofort im Raum. Dabei zielten sie mit den Pistolen, die sie in den Händen hielten, abwechselnd auf Thomas und Joachim. Joachim erkannte sofort, dass es sich um echte Waffen handelte; schließlich hatte er solche Tatwerkzeuge oft genug auf seinem Richterpult vorgelegt bekommen.
Einen Augenblick lang war er wie erstarrt gewesen. Er hatte gefühlt, wie sein Herz eine Sekunde aussetzte und dann mit beängstigender Geschwindigkeit wieder anfing zu schlagen. Er war aufgesprungen und hatte die Männer entgeistert angestarrt.

„Wenn Sie Geld wollen...“
Der Schlag traf ihn mit solcher Kraft ins Gesicht, dass sein Kopf zur Seite flog und sein Stuhl fast umgekippt wäre. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Dann setzte der Schmerz ein, der sich von seinem Kiefer aus im ganzen Kopf ausbreitete. Er schmeckte Blut im Mund. Wieder drehte die behandschuhte Hand des Blauäugigen sein Gesicht so, dass er ihm genau in die Augen schauen musste. „Was habe ich eben gesagt?“, zischte er unter der Maske hervor.
Joachim schüttelte benommen den Kopf. Mit erschreckender Deutlichkeit wurde ihm seine Hilflosigkeit bewusst. Diese Demütigung! Noch nie war er geschlagen worden! Er spürte, wie ohnmächtige Wut in ihm aufloderte. Was fiel diesem Typen ein ihm ins Gesicht zu schlagen? Hatte er das nötig? Schließlich war er nicht irgendwer! Vierzig Jahre lang hatte er als Richter solche elenden Verbrecher wie diese drei Typen verurteilt und in den Knast geschickt. Er biss sich auf die Lippen. Im Moment war er machtlos. Er musste sich fügen. Was blieb ihm anderes übrig?
Er beobachtete, wie der Blauäugige mit einer Handbewegung seine Komplizen aufforderte, das Haus zu durchsuchen. Siedend heiß fiel ihm seine Frau ein. Mein Gott, Angelika! Dass er nicht eher an sie gedacht hatte! Was würden sie ihr antun? Wenig später musste er mit ansehen, wie der dritte Einbrecher Angelika am Arm ins Wohnzimmer zerrte und sie auf einen Stuhl bugsierte. In ihren schreckgeweiteten Augen stand blankes Entsetzen. Sie hatte wohl schon geschlafen, so dass sie völlig überrascht worden war von dem Angriff. Joachim versuchte ihr aufmunternd zuzunicken, aber der Anblick seiner geschwollenen Wange und der Fesseln war wohl nicht dazu angetan, sie zu beruhigen. Voller Angst schrie sie auf, als der dritte Mann nun auch sie auf dem Stuhl festband. Ihre halblangen grauen Haare standen zerzaust um ihr schmales Gesicht herum, ihr zierlicher Körper in dem langen weißen Nachthemd wirkte rührend zerbrechlich und schutzlos. Joachim merkte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. In seinen Ohren brauste es. Wie konnten diese Verbrecher seiner Frau das antun! Er suchte den Blick von Thomas, aber der sah nur völlig regungslos vor sich hin. Er schien den Schock noch nicht überwunden zu haben. Wieder versuchte er Angelika zuzulächeln, aber sie starrte ihn nur fassungslos an.
Der große Mann baute sich mit der Pistole vor ihnen auf und zielte auf sie. Die beiden anderen öffneten Schränke und Schubladen, liefen durch alle Räume und kehrten mit ihrer Beute zurück, die sie auf dem Esszimmertisch ausbreiteten: Die Schatulle, in der Angelika ihren Schmuck aufbewahrte, den Laptop, den Joachim sich gerade angeschafft hatte, die beiden Smartphones, seine teure Fotoausrüstung. Seine Brieftasche und Angelikas Portemonnaie hatten sie auch gefunden.
„Die Pin-Nummer der Kreditkarte. Sofort!“
Joachim presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Diesmal traf ihn ein Faustschlag in die Magengrube. Er krümmte sich nach vorne. Der Schmerz durchfuhr seinen Körper wie glühende Lava. Ihm wurde übel. Krampfhaft schluckte er, um den Brechreiz zu unterdrücken.
„Um Gottes Willen! Sag sie ihm doch, Joachim! “, schrie Angelika.
Thomas, der sich von dem Schock erholt zu haben schien, starrte den Schläger entsetzt an. Seine Stimme klang resigniert, als er sagte:
„Ich gebe Ihnen die PIN von meinem Konto, aber bitte, schlagen Sie ihn nicht mehr.“ Dankbar wechselte Joachim einen Blick mit seinem Sohn.
„Okay. Ich notiere.“ Mit kalter Gelassenheit riss der Blauäugige ein Blatt von der Fernsehzeitung, die auf dem Couchtisch lag, nahm einen Kugelschreiber aus seiner Brusttasche und notierte die Zahlenreihe, die Thomas ihm nannte. Dann wandte er sich wieder Joachim zu.
„Und jetzt du“, flüsterte er ihm zu. Joachim glaubte erkennen zu können, wie der Mann sein Gesicht zu einem Grinsen verzog. Mit tonloser Stimme nannte Joachim die Geheimnummer seiner Bankkarte.
Mit wachsender Unruhe beobachtete er, wie die Männer umher gingen auf der Suche nach weiteren Gegenständen, die sie zu Geld machen konnten. Seine Augen folgten dem Kleinen, Drahtigen, der jetzt die Bilder an den Wänden inspizierte. Wenn sie nur den Safe nicht entdecken, dachte er. Seine wertvolle Münzsammlung! Und den kostbaren Goldschmuck, den er Angelika zum vierzigsten Hochzeitstag geschenkt hatte. Und den Fahrzeugbrief für den neuen Mercedes, der in der Garage stand.
Natürlich, jetzt hatte der Mann den Tresor gefunden. Hinter dem gerahmten impressionistischen Landschaftsaquarell befand sich der kleine Safe, dessen Kombination nur er, Joachim, kannte. Wie viel Schläge halte ich noch aus, dachte er verzweifelt. Jedenfalls werde ich die Kombination nicht freiwillig verraten, schwor er sich. Diese verdammten Verbrecher!
Schon kam der Anführer auf ihn zu, beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte ganz nah an seinem Ohr: „Die Kombination!“
Joachim holte tief Luft, schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen in Erwartung eines neuen Schlages. Aber der kam nicht. Stattdessen hörte er ein klatschendes Geräusch. Alarmiert riss er die Augen auf. Der Blauäugige stand vor Angelika und schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. Einmal, zweimal, dreimal. Ihre Lippe platze auf, ihre Haare flogen bei jedem Schlag um ihren Kopf herum, die Augen füllten sich mit Tränen. Haltlos fing sie an zu schluchzen. Mit erhobener Hand breitbeinig vor Angelika stehend, starrte der Schläger Joachim herausfordernd an.
Thomas, der ebenso wie Joachim die Misshandlung hilflos mit ansehen musste, schrie den Schläger empört an:
„Was fällt Ihnen ein, meine Mutter zu schlagen, Sie Schwein!“ Ein brutaler Faustschlag brachte ihn abrupt zum Schweigen.
„Hören Sie auf! Ich sage Ihnen die Kombination!“ Joachim gab auf.
„Ich höre“, triumphierte der Blauäugige und zückte wieder seinen Kugelschreiber.
Es dauerte keine Minute, bis die Verbrecher den Safe ausgeräumt hatten. Joachim beobachtete wütend, wie sie seine geliebten Münzen achtlos in einer großen Plastiktüte verstauten, zusammen mit den anderen Kostbarkeiten.
„Autoschlüssel! Auch den Ersatzschlüssel!“
Der schöne Mercedes! Fast neu! Zusammen mit den dazugehörenden Papieren und Schlüsseln würden sie gut und gerne vierzigtausend Euro dafür bekommen. Joachim hatte den Wagen fast bar bezahlt, mit dem Geld aus seiner Lebensversicherung. Und ie Goldmünzen! Sie waren über hunderttausend Euro wert! Vierzig Jahre hatte es gedauert, bis er die Sammlung so weit vervollständigt hatte, dass sie sich sehen lassen konnte. Sie war als Absicherung für Angelikas und sein Alter gedacht gewesen.
Bevor sie gingen, überprüften die Verbrecher noch einmal die Fesseln und klebten allen dreien einen Klebestreifen quer über den Mund, so dass sie nicht sprechen konnten. Es nützt sowieso nichts, um Hilfe zu rufen, denn durch den großen Garten sind die Nachbarn zu weit entfernt um etwas zu hören, dachte Joachim resigniert.
Nachdem die Männer das Haus verlassen hatten, fiel Joachim auf, dass der Fernseher noch immer lief. Keiner hatte daran gedacht, ihn auszuschalten. Auf dem Bildschirm huschte eine kleine Gestalt in einem roten Kapuzenmantel durch die nächtlichen Gassen von Venedig.
Es dauerte mehrere Stunden, bis Thomas es geschafft hatte, seine Hände durch ständiges Gegeneinanderreiben von den Klebestreifen zu befreien.
„Ruf die Polizei an, Thomas“, sagte Joachim, als er wieder frei war. Dann nahm er seine völlig erschöpfte Frau in die Arme und hielt sie lange umfangen.

Thomas Herzog sah auf die Uhr. So spät schon! Er beschleunigte seine Schritte und überquerte die Straße zehn Meter von der roten Fußgängerampel entfernt, ohne sich um das Hupen der Autofahrer zu kümmern.
Die Polizei hatte länger gebraucht, als er gedacht hatte. Aufwendig hatten sie nach irgendwelchen Faser- oder Fingerspuren gesucht, obwohl Thomas den Beamten gesagt hatte, dass die Täter alle drei ständig Handschuhe getragen hatten. Endlos hatte die blonde Polizistin mit seiner Mutter geredet, die völlig aufgelöst gewesen war, und sein Vater hatte jede kleine Beobachtung über Größe, Statur, Kleidung der Männer, Aussehen der Waffen und was nicht sonst noch zu Protokoll gegeben. Da nur der Anführer gesprochen hatte, und dies immer im Flüsterton, konnte er über die Stimmen nicht viel sagen. Der Gerichtsmediziner hatte die Verletzungen von den Schlägen untersucht, aber nicht Gravierendes festgestellt. Schließlich hatte der Arzt seiner Mutter eine Beruhigungsspritze gegeben und sie war schlafen gegangen, während sein Vater die Versicherung anrief, um den Verlust der Münzen und des Autos zu melden.

Der Mann, den er treffen wollte, saß schon ungeduldig wartend ganz hinten in dem kleinen Café, das sie als Treffpunkt ausgemacht hatten. Ohne zu grüßen setzte Thomas sich zu ihm.
„Alles gut gelaufen?“ Unruhig sah er sich um. Das Café war um diese frühe Vormittagsstunde noch fast leer. Nur an den Stehtischen lungerten ein paar Jugendliche herum. Offensichtlich schwänzten sie die Schule.
Frank Winter grinste. Seine blauen Augen musterten Thomas' Kinn.
„Ist ja gar nicht so schlimm. Wird nur einen schönen blauen Fleck geben.“
„Musste das sein? Diese Brutalität? Besonders gegen meine Mutter?“
Das Grinsen verschwand. Das gut geschnittene Gesicht des Mannes bekam plötzlich einen brutalen Ausdruck. „Es sollte doch echt wirken, oder? Das hast du selbst gesagt!“
Die Kellnerin kam und fragte nach Thomas' Wünschen. Er bestellte einen Kaffee. Als sie sich entfernt hatte, sagte er mit gedämpfter Stimme:
„Schon gut. Habt ihr das Geld von dem Konto? Und was ist mit dem Auto?“
Frank lehnte sich zurück auf seinem Sessel und grinste zufrieden.
„Fünfzehntausend hat der Apparat ausgespuckt. Bis zum Kreditlimit. Und Pavel und Miro sind mit dem Wagen schon über die Grenze. Ihr Abnehmer wird ein schönes Sümmchen für die Kiste herausrücken müssen, so komplett mit allen Papieren. Und fast neu.“ Er beugte sich vor und sah Thomas direkt ins Gesicht. „Da wird er sich aber ärgern, der Herr Richter, oder? Sein schönes Auto! Einfach futsch.“
Thomas dachte daran, dass sein Vater das Auto Vollkasko versichert hatte und sicher bald ein Ähnliches in der Garage stehen würde. Und das Bargeld würde er leicht verschmerzen können, bei der Pension, die er bezog.
„Was ist mit den Münzen?“
„Keine Sorge, die habe ich hier.“ Frank Winter wies mit dem Kinn auf die Plastiktüte, die zwischen seinen Füßen stand. „Ganz schön viele sind das. Die haben bestimmt einen ordentlichen Wert, oder?“
Thomas sah das gierige Glitzern in den Augen seines Gegenübers. Es wurde Zeit. Er durfte diesem Kriminellen nicht die Gelegenheit geben auf dumme Gedanken zu kommen.
„Wir haben einen Deal, denk daran. Die Münzen bekomme ich, alles andere ist für euch. Dabei bleibt es.“
Die Kellnerin brachte den Kaffee und stellte ihn vor Thomas auf das winzige Tischchen. Er lächelte ihr dankend zu und nahm einen Schluck.
„Ist ja schon gut. Der Schmuck bringt ja sicher auch noch eine Stange Geld. Mein 'Geschäftsfreund'“, Winter setzte das Wort mit den Fingern in Häkchen, „ in Holland wird bestimmt einiges für das Geschmeide der Frau Amtsrichterin herausrücken.“
Thomas verzog das Gesicht bei der Ausdrucksweise des Mannes. Winter hatte anscheinend immer noch nicht vergessen, dass der Richter ihn für drei Jahre in den Knast geschickt hatte wegen seiner diversen Einbruchsdiebstähle, die er als Jugendlicher begangen hatte. Erst dadurch war Thomas ja auf ihn gekommen, um ihn als Komplizen bei dem Überfall anzuheuern, den er auf seinen Vater geplant hatte.Es war ihm ja nichts anderes übrig geblieben. Wie sonst hätte er nach der grandiosen Pleite, die er mit seiner Firma erlebt hatte, wieder zu Geld kommen sollen? Seinen Vater um finanzielle Hilfe zu bitten, war für ihn ausgeschlossen gewesen, wo er ihm doch jahrelang etwas vorgelogen hatte über den Erfolg seiner Firma. Und freiwillig hätte Joachim seine Münzen nie zu Geld gemacht, dafür hing er viel zu sehr an der Sammlung. Außerdem, sagte Thomas sich, war die Sammlung sehr gut versichert. Also war seinem Vater kein allzu großer materieller Schaden entstanden. Und er, Thomas, war fürs Erste gerettet. In Antwerpen würde er die Sammlung sicher gut verkaufen können, auch wenn er die Münzen einzeln anbieten musste. Als Sammlung waren sie natürlich viel mehr wert, aber dann wäre der Verkauf zu auffällig.
„Gib mit die Tüte!“ Thomas nahm die Plastiktüte, griff eine der flachen Schachteln heraus und öffnete sie unauffällig. Da lagen sie, glänzend und schön. Er klappte die Schachtel wieder zu und steckte sie zu den fünf anderen zurück in die Tüte.
„Das war's dann. Mach's gut, Frank.“
Er legte fünf Euro auf den Tisch, stand auf und ging.


__________________
Immer neugierig bleiben

Version vom 24. 06. 2015 09:58
Version vom 24. 06. 2015 20:03
Version vom 27. 06. 2015 20:15
Version vom 27. 06. 2015 20:17
Version vom 28. 06. 2015 15:31
Version vom 05. 07. 2015 09:55

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Ji Rina
Häufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2015

Werke: 17
Kommentare: 700
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ji Rina eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Hyazinthe!

Da hast Du Dir ja wieder ordentlich was einfallen lassen!

Wenn ich darf, hier ein paar Eindrücke:

Es ist nur der erste Satz der ganzen Geschichte, der mir nicht so dolle gefallen hat. Das Gesambild in der Wohnung hat mich nicht so richtig in die Story reindenken lassen. In den ersten Zeilen wird Z.B. die ganze Aufmerksamkeit auf den “Blauäugigen” gelenkt, so, dass ich nicht mehr damit rechnete, dass noch weitere “Einbrecher” anwesend sind.

Dass da weitere Einbrecher sind, beschreibst Du mit: “Einer der Komplizen des Blauäugigen, schlanker und kleiner als dieser, aber ebenso vollständig in Schwarz gekleidet und maskiert wie er, nahm eine Rolle graues Textilklebeband". Würde ich vorher und anders einfügen: "Schlanker, kleiner, aber ebenso in Schwarz” etc.. fand ich überflüssig und an der Stelle uninteressant.

Ich weiss nicht, ob der Satz: “Als er seinem Sohn mit den Augen folgte” korrekt ist? Folgt man jemandem mit den Augen oder mit dem Blick?

Dann hatte ich noch den Eindruck, dass Joachim sich sehr spät an seine Frau erinnert. Ich glaube, dass das so der erste Gedanke während eines Überfalls ist. Man denkt wohl als erstes an die Familien-Angehörigen im Haus. Ich würde ihn sehr viel früher an seine Frau denken lassen, die sich oben im ersten Stock befindet.

Während der Blauäugige Angelika schlägt, hört Joachim ein “eckeliges” Geräusch"? (die klatschenden Ohrfeigen) Was bedeutet “Eckliges Geräusch”? Vielleicht ein sehr hoher Pfeifton oder ähnliches, aber Ohrfeigen? Würd ich weglassen.

Bin mal wieder zu doof…Und hab keine Ahnung was Dier im Titel bedeutet: Dier Überfall. Es tut mir leid – aber ich habs noch nie gehört.

Geschmunzelt habe ich über den Satz: "Auf dem Bildschirm huschte eine kleine Gestalt in einem roten Kapuzenmantel durch die nächtlichen Gassen von Venedig." (Tolles Buch, hatte den ganzen Film wieder vor Augen!)

Mit Gruss,
Ji

Bearbeiten/Löschen    


Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

Werke: 39
Kommentare: 567
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hyazinthe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo liebe Ji!

Vielen Dank, dass du dich mit meiner Geschichte auseinandergesetzt hast, obwohl du ja kein Fan von Krimis bist.

Das Wort "Dier" im Titel ist nur ein blöder Tippfehler; ich habe versucht, ihn zu verbessern, aber es klappt nicht.
Natürlich muss es heißen: "Der Überfall".

Deine Anregungen habe ich schon eingearbeitet. Mir sind selbst auch noch einige Verbesserungen eingefallen.

Der erste Absatz gehört zeitlich gesehen eigentlich an die dritte Stelle; ich wollte durch einen direkten Einstieg in die Handlung den Leser von Anfang an fesseln. Vielleicht ist mir das nicht ganz gelungen.

Nochmals danke für deine Anregungen; es bedeutet mir viel, wenn du meine Texte liest.

Gruß, Hyazinthe
__________________
Immer neugierig bleiben

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Krimis und Thriller Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung