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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Umschlag
Eingestellt am 23. 07. 2001 03:37


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visco
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Der Umschlag

Der Umschlag


      Nur ein Umschlag. Wei├č. Gef├╝ttert. Mit meinem Namen darauf. Vor- und Zuname. Keine Adresse. Keine Briefmarke. Jemand mu├č ihn eingeworfen haben. Meine Hand ist schneller als mein Wille. Versicherung, Rechnung, Rechnung, Postkarte, Werbung und wieder der Umschlag.
      Das Bild zeigt eine sonnige Landschaft, vermutlich irgendwo im S├╝den. Keine Ahnung, wo. Auf der R├╝ckseite eine M├Ądchenschrift. Gegen die Leserichtung, sauber aber verschn├Ârkelt, viel zuviel Text. Nur Weiber schreiben so.
      Conni schreibt auch so. Die Karte ist an sie. An den Rand gequetscht hei├čt es noch: ÔÇ×und auch an ...ÔÇť. Bl├Âde Kuh. Das h├Ątte sie sich auch sparen k├Ânnen. Sie wei├č genau, was ich von ihr halte.
      Ich betrachte den Umschlag. Er ist breiter als die anderen. Connis Schrift ist das nicht. ├ähnlich. Aber nicht ihre. Er ist nicht zugeklebt. Die Lasche wurde nur in den Ausschnitt gesteckt.
      Erst ┬┤mal sehen, was die Versicherung will. Mein Zeigefinger bohrt sich in die Falzl├╝cke, und nach mehrmaligem Rei├čen ist der Umschlag der L├Ąnge nach auf. Conni ha├čt es, wenn ich die Umschl├Ąge so zerfetze. Eine dieser ÔÇ×vielen KleinigkeitenÔÇť, die ich wohl nie verstehe. Ist mir einfach zu bl├Âd.
      Nur die Quartalsrechnung. Wenn an der Karre auch nur eine Schramme ist! drohe ich im Geiste. Die kann ┬┤was erleben! Fr├╝her oder sp├Ąter kommt sie schon zur├╝ck. Und dann geht┬┤s aber rund im Karton! Schnappt sich einfach die Maschine! Die hat sie wohl nicht alle! F├╝hrerschein hin oder her. Ich will┬┤s eben nicht. Das wei├č sie verdammt genau.
      Die Post landet auf dem Tisch. Nur den Umschlag behalte ich in der Hand. Das ist auf keinen Fall Connis Schrift. Ihr gro├čes ÔÇ×AÔÇť sieht ganz anders aus. Glaube ich. Sie ist doch bestimmt zu ihrer Mutter gefahren. Tut sie doch sonst auch immer. Dann ist das wohl deren Schrift.
      Warum sollte die mir schreiben? Hab┬┤ ich etwa keine Telefon? Und warum schellt sie nicht, wenn sie schon da ist? Traut sich wohl nicht.
      Was also mag das sein? Eine Einladung zum Grillen auf Schwiegermamas Terrasse? Zum Gl├╝ck immer noch Schwiegermama in spe. Die hat immer so tolle Einf├Ąlle. Wahrscheinlich h├Ąlt sie das f├╝r eine prima Gelegenheit, um ┬┤mal wieder alles in Ruhe zu belabern. G├╝nther, diese Witzfigur, der sich von seiner Frau auf der Nase ┬┤rumtanzen l├Ą├čt, steht am Grill, w├Ąhrend Madame mir die Ohren volls├╝lzt. Nee, sch├Ânen Dank auch. Au├čerdem kann ich gar nicht. Am Wochenende machen wir n├Ąmlich schon einen Tour durch die Eifel. Ist schon lange geplant. Tut mir leid.
      Schei├če! Wie konnte ich auch die Ersatzschl├╝ssel vergessen! An die Wagenschl├╝ssel hab┬┤ ich doch gedacht. Hab┬┤ wohl einfach nicht damit gerechnet, da├č sie so dreist ist. Klettert aus dem verdammten Fenster, und wusch, weg ist sie. Mit meiner Maschine!
      Vielleicht ist sie auch gar nicht nach Hause zu Mama. Sie k├Ânnte zu Sylvi sein. Die wohnt viel n├Ąher. Und hat keine Garage. W├Ąre nicht schlecht, wenn sie da hin w├Ąr┬┤. Ich k├Ânnte Tom anrufen, wir fahren schnell vorbei, und ich hab┬┤ meine Maschine wieder.
      Besser nicht. Der w├╝rde nat├╝rlich wissen wollen, was die Aktion soll. Und was sag┬┤ ich dann? Er wei├č auch, da├č ich nicht will, da├č sie Motorrad f├Ąhrt. Pa├čt doch gar nicht zu ┬┤ner Frau! Die geh├Ârt hinten ┬┤drauf. Jannette hat nicht ┬┤mal ┬┤nen F├╝hrerschein. Wozu auch?
      Na ja. Morgen reicht auch noch. Wir fahren erst Samstag.
      Ich k├Ânnte ja ┬┤mal anrufen und h├Âren, ob sie da ist. Dann wei├č ich wenigstens, wo die Maschine steht, falls es eng wird. Dann darf ich mir zwar wieder anh├Âren, was ich doch f├╝r ein egoistisches Arschloch bin, da├č ich zuwenig R├╝cksicht auf die Gef├╝hle anderer nehme und all so┬┤n Zeugs. Alte Lesbe. Kriegt selber keinen ab und will anderen erkl├Ąren, wie┬┤s geht. Selber von Beziehung keine Ahnung, aber das Maul aufrei├čen!
      Gef├╝hle. Wenn ich das schon h├Âre! Weiberkram. Was kann ich denn daf├╝r, wenn mir ┬┤mal die Hand ausrutscht? Das kann jedem ┬┤mal passieren. Was mu├č sie auch st├Ąndig auf mir ┬┤rumhacken? Tu┬┤ dieses nicht, mach┬┤ jenes nicht, la├č┬┤ nicht immer alles liegen, r├Ąum┬┤ das auf. Verdammt, wer bringt denn die Kohle nach Hause? Und da soll ich mir vorschreiben lassen, wie ich mich zu benehmen habe? In meiner eigenen Wohnung? Soweit kommt┬┤s noch! Die soll sich ┬┤mal nicht so anstellen!
      Okay. Ich h├Ątt┬┤ sie vielleicht nicht schlagen sollen. Wollt┬┤ ich eigentlich gar nicht. Aber sie hat so gebr├╝llt, nein, gekeift hat sie. Ich kann┬┤s einfach nicht ertragen, wenn sie so keift. Das geht wirklich durch Mark und Bein, so hoch ist das. Nicht zum Aushalten.
      Ich mach┬┤s wieder gut. Vielleicht kauf┬┤ ich ihr ┬┤was. Oder wir gehen ┬┤mal wieder ins Kino. War┬┤n wir schon lange nicht mehr. Bestimmt will sie ins Kino. Und dann k├Ânnen wir ja noch irgendwo essen gehen. Der Grieche in der Fu├čg├Ąngerzone soll nicht schlecht sein, sagt Tom.
      Also sch├Ân. Was haben wir hier? Einladung zum Grillen oder eine allerliebste Freundin, der Conni ihr Herz ausgesch├╝ttet hat und mir jetzt fein s├Ąuberlich verfa├čt den Marsch bl├Ąst?
      Ich ziehe eine Karte aus dem Umschlag und klappe sie auf. Connis Name sticht sofort ins Auge. Dar├╝ber steht: ÔÇ×Durch einen tragischen Unfall verloren wir unsere von Herzen geliebte Tochter, Schwester, Schw├Ągerin und TanteÔÇť.
      Der Rest verschwimmt vor meinen Augen. Ich will hinsehen, aber ich kann nicht. Karte und Umschlag gleiten mir aus den H├Ąnden und fallen zu Boden. Ich kann mich nicht bewegen. In meiner Verkrampfung wie festgefroren sitze ich nur da und starre ins Leere.
      Verflucht! Das habe ich nicht gewollt.


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flammarion
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boh eh!

dieses kleine kunstwerk bekommt 10 punkte von mir. ich finde absolut nischt zu meckern. die geschichte kommt in meine sammlung. herzlichen gl├╝ckwunsch und vielen dank, liebe viktoria. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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visco
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Re: boh eh!

Liebe flammarion,

ich habe noch nie eine Bewertung bekommen (f├╝r einen meiner Texte) - und dann gleich eine "10"?? Das haut mich glatt um!
Es macht mich sehr stolz, da├č dir die Geschichte so gut gef├Ąllt. Ehrlich.

Viele liebe Gr├╝├če
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flammarion
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ja,

bei sachen, wo ich mir denken kann, da├č andere ne ganz andere meinung dazu haben, vergebe ich keine punkte. aber diese geschichte ist f├╝r mich so rund und ├╝berzeugend in ihrer qualit├Ąt, da├č ich mich ganz weit aus dem fenster lehne und rufe: das hier ist gut! und du kannst sicher sein, da├č andere meinungen mich ├╝berhaupt nicht jucken dabei. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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visco
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Formatierung

Hallo allerseits!

Dank unserem techn. Admin. mact konnte ich den Text jetzt so formatieren wie er eigentlich aussehen sollte, also mit der ersten Zeile eines Absatzes einger├╝ckt statt der vielen Leerzeilen.

Lieben Rundumgru├č
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schwafelfasel
Guest
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wow, alle Achtung,

allerdings: Den letzten Teil, in dem du die Leiden des Hinterbliebenens schilderst, w├╝rde ich k├╝rzen. Eigentlich den ganzen Absatz zwischen "... und starre ins Leere" und "Das habe ich nicht gewollt." Der Kerl leidet ja da so intensiv, da kriegt man ja fast schon wieder Mitleid mit ihm und das w├╝rde ja dann die ganze sch├Âne Antipathie zerst├Âren, die man im Lauf der Geschichte f├╝r ihn aufbaut. Wei├čt du, diese Leidensf├Ąhigkeit traue ich ihm einfach nicht zu. Sicher, ist schon ein reizvolles Bild wie der gro├če, starke Macho dann pl├Âtzlich zu weinen beginnt - also, weinen - okay (abgesehen davon, dass ich "die Augen, aus denen ich zu weinen beginne" f├╝r keine allzu gl├╝ckliche Formulierung halte, ich w├╝├čte einfach nicht, woraus man sonst weinen sollte und die Pr├Ąposition aus in dem Zusammenhang klingt f├╝r mich auch gew├Âhnungsbed├╝rftig)aber
"erzittert, von m├Ąchtigen Schl├Ągen getroffen" find ich in diesem Kontext zu pathetisch.

Ich hab die Geschichte ├╝brigens auch mit 10 bewertet, denn sie ist wirklich toll.

K├Ânnt ich das doch auch!

w├╝nschte sich,
Schwafelfasel

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