Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92200
Momentan online:
361 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Unfall
Eingestellt am 04. 08. 2002 20:07


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
viator_incomitatus
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 4
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um viator_incomitatus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Kalt blĂ€ĂŸt der Herbstwind ĂŒber meine Haut. Die Regentropfen lassen jeden Zentimeter meiner Kleidung an mir kleben. Und doch friere ich nicht. Eigentlich spĂŒre ich nichts, außer meine FĂŒĂŸe, die mit jeder BerĂŒhrung des Asphalts stĂ€rker schmerzen. Trotzdem kann ich nicht stehen bleiben. Ein Zwang, tief in meinem Innern, zerrt an mir, treibt mich zurĂŒck an den Ort an dem mein Leben fĂŒr immer zerbrach.

Damals. Vor einem Jahr... Der Regen prasselte unaufhörlich an die Autoscheibe. Ich hörte ihn kaum, denn die lauten Stimmen meiner Eltern ĂŒbertönten jedes weitere GerĂ€usch. Sie stritten sich, wie so oft in den vergangenen Monaten.

"Denkst du etwa, ich bin unfĂ€hig ein Auto zu fahren, bloß weil ich mal ein Glas Wein getrunken habe?"

"Was heißt da bitte, ein Glas Wein? Du hast fast eine ganze Flasche getrunken!"

"Wer wollte denn, dass ich auf diese verdammte Familienfeier gehe? Wer wollte denn, dass ich mir stundenlang das langweilige GeschwÀtz deiner Mutter anhöre. Du warst das! Also hör auf rumzunörgeln!"

"Lass meine Mutter aus dem Spiel! Du hattest versprochen nichts zu trinken. Hast du eigentlich mal daran gedacht, dass unser Kind da hinten hockt?"

"HĂ€ttest du damals nicht so einen Schiss gehabt, den FĂŒhrerschein zu machen, hĂ€tten wir das Problem jetzt garnicht! Außerdem, was soll ich denn machen, wenn deine Mutter unbedingt darauf besteht, dass ich ihren Wein probiere?"

"Du immer mit deinen Ausreden! Ich an deiner Stelle..."

Dann geht alles ganz schnell. Ich sehe die Leitplanke auf mich zukommen. Ein gellender Schrei. Ich schlage mit der Stirn an die Seitenscheibe, spĂŒre noch, wie der Wagen sich wohl ĂŒberschlĂ€gt. Dann verliere ich mein Bewusstsein. Als ich wieder aufwache, bemerke ich, wie Blut von meiner Stirn ĂŒber das Gesicht rinnt. GelĂ€hmt vom Schmerz hebe ich langsam meinen Kopf an. Ich sehe meine Eltern regungslos in ihren Sitzen liegen. Überall ist Blut. Ich muss mich ĂŒbergeben, dann verliere ich erneut mein Bewusstsein. Erst im Krankenhaus wache ich auf. Meine Großmutter hĂ€lt meine Hand. Sie weint. In ihren Augen sehe ich bereits die Worte stehen, die sie mir gleich sagen wĂŒrde.

Nun sind es nur noch wenige Schritte bis zu jenem Ort, an dem ich meine Eltern zum letzten Mal lebend sah. Meine Schritte werden immer schwerer und ich scheine mich kaum einen Meter voran zu bewegen. Die Leitplanke wurde schon einige Monate spĂ€ter ersetzt. Bloß der Baum, um den sich das Autowrack, wie in einer innigen Umarmung gewunden hatte, und das kleine Holzkreuz das am Straßenrand aufgestellt wurde, zeugen noch vom Unfall.

Als ich die Blumen niederlege, ĂŒberlege ich mir, ob meine Eltern wohl noch am Leben wĂ€ren, wenn ich mich damals bei der Heimfahrt geweigert hĂ€tte einzusteigen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
Kommentare: 375
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Andrea eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

GefĂ€llt mir extrem gut, v.a. der Schluß. Obwohl man vorher nie etwas vom GefĂŒhl der Schuldigkeit des Kindes erfĂ€hrt, rundet es die Geschichte ab. Einziges Manko: Wieso muß an dem Tag eigentlich so ein schlechtes Wetter herrschen? Ist mir zuviel Klischee, daß das arme Kind nicht nur zum Ort des Geschehens zurĂŒckkehrt, sondern dabei auch noch ausgerechnet durch Regen und Herbst stapfen muß. UnfĂ€lle geschehen schließlich zu jeder Jahreszeit, und das GefĂŒhl, einen Ort nicht aufsuchen zu wollen, zu dem man aber mit aller Kraft getrieben wird - das kann einem auch bei gutem Wetter passieren.
__________________
Andrea Rohmert

Bearbeiten/Löschen    


viator_incomitatus
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 4
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um viator_incomitatus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Vielen Dank fĂŒr das Lob! Es ist meine erste Kurzgeschichte und ich bin auf dem Gebiet noch AnfĂ€nger. Daher freue ich mich ĂŒber jede Kritik.

Den Regen am Unfalltag habe ich gewĂ€hlt, um die Szenerie dramatischer zu gestalten. Außerdem habe ich versucht, die Unfallursache nicht genau festzulegen, sondern auch den Gedanken zuzulassen, dass eventuell bloß die nasse Fahrbahn der Grund fĂŒr den Unfall sein könnte.

Dass es ein Jahr darauf wieder regnet, soll eine direkte BrĂŒcke schlagen zum Unfall. (Ein Jahr spĂ€ter, gleiches Wetter, gleiche Stimmung...) Den Herbst zusĂ€tzlich als Jahreszeit zu wĂ€hlen, ist tatsĂ€chlich etwas zu viel des Guten. Dadurch wird es tatsĂ€chlich zu klischeehaft. Aber ich lerne dazu und werde zukĂŒnftig besser darauf achten.

Ich bin mir nicht sicher, ob es richtig war, den Unfallhergang im PrĂ€sens zu schreiben, wĂ€hrend der Text selber in der Vergangenheit spielt. Mir wurde gesagt, es wĂŒrde zu sehr verwirren.

Gruss,
oli

Bearbeiten/Löschen    


Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
Kommentare: 375
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Andrea eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
PrÀsens/Vergangenheit

Hmm, hast du den Text verĂ€ndert oder habe ich irgend etwas ĂŒberlesen? Ich finde nur eine Stelle im PrĂ€teritum (2. Absatz), und die habe ich, ehrlich gesagt, ĂŒberlesen, denn wo du es schon erwĂ€hnst, einen Absatz im PrĂ€teritum, den Rest im PrĂ€sens könnte man in der Tat Ă€ndern.
Verwirrend (Gegenwart/Vergangenheit) finde ich es allerdings nicht. Durch PrÀsens wird Geschehen meist direkter, daher finde ich es recht gut, den dramatischsten Teil auch im PrÀsens zu schreiben. Durch den Dialog ist das Tempus vorher ja irrelevant, und das die Klammer im PrÀsens geschrieben ist -- nein, verwirrend finde ich es wirklich nicht.
__________________
Andrea Rohmert

Bearbeiten/Löschen    


viator_incomitatus
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 4
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um viator_incomitatus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Re: PrÀsens/Vergangenheit

Sorry. Eigentlich meinte ich den 2. Absatz im PrĂ€teritum. Ich war wohl schon etwas zu mĂŒde...

Sollte man den Absatz besser im PrÀteritum belassen, oder Àndern? Meiner Ansicht nach, klingt es etwas seltsam, wenn der 1. und zugleich der 2. Absatz im PrÀsens ist.

Gruss,
oli

Bearbeiten/Löschen    


Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
Kommentare: 375
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Andrea eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Du kannst ruhig PrÀsens benutzen. Durch das "Damals. Vor einem Jahr." ist der Zeitsprung ja schon klar gekennzeichnet.

Gruß
__________________
Andrea Rohmert

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!