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Leselupe.de > Science Fiction
Der Ursprung
Eingestellt am 21. 12. 2003 17:17


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jon
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Der Ursprung

Ich dachte, ich würde alles kennen. Nicht konkret sondern mehr vom Prinzip her. Schließlich ist dies schon mein achter Einsatz und ich kenne die Berichte all meiner Kollegen. Aber das Universum steckt tatsächlich voller Rätsel…
   Die Ăśberwachung von Tabuplaneten ist immer eine heikle Sache. Man muss in die Geselllschaft eintauchen, ohne dabei aufzufallen. Zum GlĂĽck ist die Abschirmtechnik der Verwandten Welten inzwischen so ausgereift, dass einem zumindest von dieser Seite keine böse Ăśberraschungen erwarten. Es hängt nur noch vom persönlichen Geschick des Beobachters ab, nicht plötzlich zum Zentrum einer planetenweiten Alien-Euphorie oder – schlimmer – Alien-Panik zu werden. Dieses Risiko ist nicht unerheblich, denn immerhin befinden sich die Welten, die wir aufsuchen, naturgemäß in einem Stadium, in dem bereits ausgiebig nach auĂźerplanetarer Intelligenz gefahndet wird. Diese Entwicklung ist so zwangsläufig, dass, wann immer von einem der Tabuplaneten Zeichen einer intensiven Suche ausgehen, wir einen Beobachter entsenden und in Erwartung postiver Berichte die Kontaktaufnahme vorbereiten.
   In diesem Fall weiĂź ich jedoch nicht, ob mein Bericht positiv sein wird.
   All meine Erfahrung bestätigte bisher, dass besagte Suche beginnt, sobald die Evolutionsforschung einer Gesellschaft auf eines oder mehrere Missing Links stößt, und je länger sie diese LĂĽcke nicht schlieĂźen kann, desto mehr setzt sich der Gedanke von auĂźerplanetarer Einflussnahme fest. Es ist erstaunlich, wie rasch sich ab diesem Moment eine Sichtweise etabliert, die der Wirklichkeit sehr nahe kommt. Mitunter manifestiert sich dies auch in einem wahren Religionsboom. Immerhin kann man etwas oder jemanden, der zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Art Ur-Biotop installiert und im Folgenden immer wieder in die Entwicklung der darin lebenden Wesen dadurch beeinflusst, dass er durch scheinbare Naturkatastrophen den Prozess der Auslese beschleunigt, ob seiner Macht durchaus mit einem Gott gleichsetzen. Der Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft besteht an diesem Punkt der Entwicklung nur darin, ob man den Schöpfer in Gott oder in einer auĂźerplanetaren Intelligenz vermutet. Wenn der entstandte Beobachter diesen Status festellt, beginnen die Kontakter mit ihrer Arbeit und lassen nach und nach Informationen in die Gesellschaft einsickern, die letztlich zum ersten offiziellen Kontakt fĂĽhren.
   Ich war oft dabei. Es sind immer die gleichen Reaktionen: Zuerst Euphorie ĂĽber den Kontakt, dann die Frage „Warum kommt ihr erst jetzt?“ und dann die Betroffenheit, wenn wir es ihnen erklären. Wenn sie erfahren, wie die Schöpfung tatsächlich ablief. Dass sie Ergebnis eines Experimentes sind. Immer, wirklich immer, schlieĂźen sie sich daraufhin dem Codex der Verwandten Welten an, der die Einmischung in die Entwicklung eines Volkes verbietet, der die Manipulation eines Volkes durch ein anderes als eine der größten moralischen Verfehlungen ahndet. Kein Volk, das ich kennen gelernt habe, trägt leicht an dem Wissen, ZĂĽchtungseregbnis zu sein und in einer Welt zu leben, die nichts als ein aufgegebenes Experiment ist. Und so wie ich diese Welt hier verstehe, ist es auch auf ng 35978 so. Und trotzdem…
   Manchmal, wenn wir GlĂĽck haben, finden wir in den archäologischen Sammlungen einer Aufgenommen Welt ein Dokument, das unser Bild von den Schöpfern komplettiert. Das Einzige, was wir wirklich von ihnen wissen, ist, dass sie Planeten auswählten, um auf ihnen eine gelenkte Evolution zu starten. Immerhin lässt sich relativ leicht feststellen, wann auf dem einzelnen Planeten dieser Prozess begann. Nach diesen Daten haben die Schöpfer in einem Bereich – vermutlich im Umfeld ihrer Heimat – damit begonnen und ihr Experimentierfeld nach und nach ausgedehnt. Danach haben sie sich vom äuĂźeren Bereich dieses Galaxiearms nach innen vorgearbeitet. Dabei haben sie – aus welchem Grund auch immer – jedesmal höher entwickelte Saat-Spezies verwendet und immer stärker manipulierend eingegrifffen, so dass heute die jĂĽngsten Zivilisationen die am höchsten entwickelten sind. Zugleich haben sich die Spezies der Inneren Welten wegen der kĂĽrzeren Zeit nicht so gravierend voneinder weg entwickelt wie in den weiter auĂźen liegenden Welten.
   Ng 35978 weicht von diesem Schema ab. Dieser Tabuplanet liegt nicht nur im äuĂźeren Bereich des Spiralarms, er befindet sich auĂźerdem beinahe genau in dem Gebiet, das unsere Wissenschaftler als Ausgangspunkt der Schöpfungsexperimente ermittelt haben. Dennoch passt die gesamte Biosphäre dieses Planeten eher in das System der Ă„uĂźeren Welten. So gut, dass ich mich auch ohne Gestaltanpassung unbehelligt unter den Menschen hier bewegen kann. NatĂĽrlich haben unsere Experten eine Erklärung dafĂĽr: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben ihrer Meinung nach alle Schöpfungsexperimente nur dazu gedient, hier, auf ng 35978, genau diese Welt zu kreieren. Wozu, ist jedoch unklar, denn leben konnten die Schöpfer in ihren Laborwelten nachgewiesenermaĂźen nicht. Beziehungsweise nicht ohne groĂźen Abschirmungs- und Schutzaufwand. Vielleicht waren sie ja gar nicht auf der Suche nach etwas Bestimmten, sondern experimentierten um des Experimentierens willen. Und auf diesem Planeten hier stellten sie dann die Krönung ihrer gärtnerischen BemĂĽhungen zu Schau. Ich halte es sogar fĂĽr möglich, dass es damals eine Art Wettbewerb gab: Jeder musste von einem bestimmten Planeten niedere Lebensformen auswählen und daraus auf einem neuen Planeten die schönste oder interessanteste Biosphäre kreieren. Das hat immerhin den Vorteil, dass wir uns als Kunstwerke ansehen könnten. Unsere Wissenschaftler finden diese Idee absurd – mir gefällt sie.
   Doch zurĂĽck zu meiner Mission. Ich weiĂź wirklich nicht, ob ich den Kontaktern empfehlen soll, sich auf die Aufnahme der Erde in die verwandten Welten vorzubereiten. Zwar gibt es hier mehrere Schöpfer-Religionen und auch zahlreiche Thesen, die vom Besuch AuĂźerirdischer ausgehen. Selbst die Evolutionsforschung hat einen Stand erreicht, der fĂĽr sich genommen fĂĽr den nötigen Reifegrad der Menschheit spricht. Doch all das passt nicht zueinander. Die Theorien reichen von der Erschaffung der Lebensformen, wie sie noch heute existieren, ĂĽber die Einflussnahme durch Aliens bis hin zu einer durchgehend natĂĽrlichen Entwicklung. Die Wissenschaftler dabei gehen davon aus, dass sich das Leben vom ersten komplexen MolekĂĽl bis zum heutigen Menschen allein durch Mutation und Auslese entwickelt hat. Und das wirklich Faszinierende daran ist: Sie können es beweisen.



Leicht ĂĽberarbeitete Version weiter hinten im Thread.
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visco
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Hallo jon,

inhaltlich vom Allerfeinsten verleitet Deine Geschichte zu neuen Spekulationen über den Sinn des Lebens, jene Frage, die wie keine andere die Menschheit beschäftigt. Nach menschlichem Denkmuster, das sich im Wesentlichen auf Erfahrung stützt, beginnt alles in einem Ursprung. Dort, in der Wiege allen Seins, vermuten wir die Antwort auf die Frage aller Fragen zu finden.

Auch Dein Erzähler baut auf Erfahrung und leitet daraus seine Argumentation ab ("Ich dachte, ich würde alles kennen", "All meine Erfahrung bestätigte", etc.). Trotz allen Wissensvorsprungs erscheint er dadurch menschlich, was seinem vermeintlich höheren Entwicklungsstand die Bedrohung nimmt. Die m.E. sehr gelungene Umschreibung "Verwandte Welten" - statt zum Beispiel von "Alliierten" zu sprechen - setzt alle Erschaffenen in Relation zu "den Schöpfern" auf die gleiche Stufe. Die grobe Einteilung in Schöpfer und Geschöpfe läßt uns einen Schritt zurück treten und die zahlreichen im Universum vertretenen Welten, so unterschiedlich sie auch sein mögen, als Ganzes betrachten.

Als Erklärung für die Existenz verschiedener Welten bietest Du die Experimentierfreudigkeit der Schöpfer an. Die Mutmaßung, "Züchtungseregbnis zu sein und in einer Welt zu leben, die nichts als ein aufgegebenes Experiment ist", erscheint mir in Hinblick auf die Aussage: "Das Einzige, was wir wirklich von ihnen wissen, ist, dass sie Planeten auswählten, um auf ihnen eine gelenkte Evolution zu starten" etwas gewagt.

Interessant hätte ich einen Lösungsansatz zur Entschlüsselung des Rätsels gefunden, welchem Zweck die Experimente dienen. Statt "Vielleicht waren sie ja gar nicht auf der Suche nach etwas Bestimmten, sondern experimentierten um des Experimentierens willen" bzw. "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben ihrer Meinung nach alle Schöpfungsexperimente nur dazu gedient, hier, auf ng 35978, genau diese Welt zu kreieren. Wozu, ist jedoch unklar" könnten doch zum Beispiel die in "Aufgenommen Welten" gefundenen Dokumente einen Hinweis auf eine eventuelle Funktion jeder einzelnen Welt/Spezies liefern.

Stutzig wurde ich bei der Aussage: "Dennoch passt die gesamte Biosphäre dieses Planeten eher in das System der Äußeren Welten". Hier hätte ich ein "eher in das System der Inneren Welten" erwartet.

Nicht unangekündigt erfährt man am Ende der Geschichte, in welcher Beobachtung/Erkenntnis die Bedenken des "Beobachters" begründet liegen, eine Kontaktaufnahme zu empfehlen. "Und das wirklich Faszinierende daran ist: Sie können es beweisen." ist ein sehr starker Schlußsatz! Er vermittelt alles, was man wissen muß, um die Tragweite der unausgesprochenen Schlußfolgerung des Erzählers zu ermessen. Genial!

Erzähltechnisch könntest Du aber vielleicht noch ein Schüppchen drauflegen. Einzelne Formulierungen scheinen mir nicht so treffend gewählt, wie sie sein könnten. Leider betrifft das nach meinem Empfinden bereits den ersten Absatz, insbesondere die einleitenden ersten beiden Sätze.

Dazu aber vielleicht ein anderes Mal mehr.

Ich wĂĽnsche Dir ein Frohes Weihnachtsfest!

GruĂź,
      visco

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poppins
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Hallo jon,

Wie Visco stolpere ich ĂĽber diesen Absatz:
„Dieser Tabuplanet liegt nicht nur im äußeren Bereich des Spiralarms, er befindet sich außerdem beinahe genau in dem Gebiet, das unsere Wissenschaftler als Ausgangspunkt der Schöpfungsexperimente ermittelt haben. Dennoch passt die gesamte Biosphäre dieses Planeten eher in das System der Äußeren Welten.“

Da müsste es doch heißen, „... Dennoch passt die gesamte Biosphäre dieses Planeten eher in das System der INNEREN Welten.“? Schließlich ist das ein Planet im Außenbereich – und er weicht vom üblichen Muster ab, oder?

Äußere Welten: ‚primitivere’ Saat-Spezies + geringe Einflussnahme durch die Schöpfer + viel Zeit = große Diversität – richtig verstanden?
Innere Welten: ‚hochentwickelte Saat-Spezies + häufige Einflüsse durch die Schöpfer + weniger Zeit = diese Welten ähneln sich sehr und sind am höchsten entwickelt (geringere Diversität)?

Für mich läge der Schluss sehr nahe, dass ng 35978 der Ursprungsplanet, die Heimat der „Schöpfer“ ist.

„... leben konnten die Schöpfer in ihren Laborwelten nachgewiesenermaßen nicht.“ – Das spricht dagegen, aber ich hatte den Text so verstanden, dass die Schöpfer (Starter all der Experimente) unbekannt sind, wie will man also wissen, unter welchen Bedingungen sie leb(t)en ... ?


Abgesehen davon finde ich den Text sehr inspirierend philosophisch (ich hoffe, nach neuer Rechtschreibung schreibt man das noch so und nicht etwa filosofisch *AAAHhh* ). Besonders gefällt mir die Idee, die erschaffenen Welten seien Kunstwerke
Nur schade, dass die Erde wohl keins davon ist .

Hallo visco,
„Nicht unangekündigt erfährt man am Ende der Geschichte, in welcher Beobachtung/Erkenntnis die Bedenken des "Beobachters" begründet liegen, eine Kontaktaufnahme zu empfehlen. "Und das wirklich Faszinierende daran ist: Sie können es beweisen." ist ein sehr starker Schlußsatz! Er vermittelt alles, was man wissen muß, um die Tragweite der unausgesprochenen Schlußfolgerung des Erzählers zu ermessen. Genial!“

Argh. Ich glaube, ich habe die Geschichte nicht richtig kapiert ... außer, damit ist gemeint, dass die Erde als einzige all der Welten KEIN Experimentierplanet der Schöpfer war – also nichts mit all den vielen anderen Welten gemein hat?!

************************
WĂĽnsche allen Lupies einen Guten Rutsch !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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Verschiebe nicht auf morgen, was auch bis ĂĽbermorgen Zeit hat.
(Mark Twain)

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jon
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Uups! So viel Philosophie in einer winzigen Idee – und das auch noch ganz ohne Absicht…

Die Sache mit den inneren und äußeren Welten ist offenbar doch etwas verwirrend. Gemeint ist: Aus archäologischen Forschungen weiß man, dass "es" im äußeren Bereich des Spiralarms anfing und sich (soweit das bei einem Band möglich ist) konzentrisch ausbreitete. Zum Rand der Galaxis hin werden naturgemäß die Planeten seltener, so dass die zahlenmäßig meisten "Verwandten Welten" auf dem inneren Teils des Arms liegen. Würde man aber sowas wie "Linien gleicher Altersstufe" ziehen, entstünden Kreislinien(fragmente). Und die Welten, die auf den dann äußren Kreislinien liegen, nennt man (ausgehed vom Ursprung) "Äußere Welten".
…vielleicht sollte ich "Jüngere Welten" draus machen…

Ob in den älteren Welten die Schöpfer weniger Einfluss nahmen, weiß ich nicht genau, aber es liegt nahe. Doch selbst, wenn nicht: Wenn man zwei Planeten mit den selben primitiven Spezies "impft" werden sich daraus (in entsprechend langer Zeit) so oder so unterschiedlichere höhere Spezies entwickeln, als wenn man mit den selben höheren Spezies (und etwas kürzerer Zeit) beginnt. (Immer: Wenn man – wie hier – nicht direkt/technisch ins Erbgut eingreift.)

Die Crux bei den anderen inhaltlichen DIngen ist: Dies erzählt ja jemand, der vom Stand der anthropologischen Forschung seiner Gesellschaft nicht viel mehr Ahnung hat als wir von der unserer: Wir wissen, dass die Forschung herausgefunden hat, dass wir von affenähnlichen Vor- und dann Urmenschen abstammen. Wer sich ein bisschen dafür interessiert, weiß sogar, welche der Vormenschenarten wo lebte und wann ausstarb. Wir wissen was von Steinzeit und Faustkeil und Höhlenmalerei – aber wenn wir kurz darüber reden sollten (zumal noch in einem "Selbstgespräch" wie hier) würden wir das nicht alles auseinanderklamüsern, sondern nur die Ideen zusammenfassen, die wir für unsere Selbstverständigung brauchen…
Im Hintergrund dieser Geschichte jedenfalls ist es so: Die Archäologie der Planeten hat überall erbracht: Man kann die biologische Entwicklung nie bis zum Anfang sondern nur bis zu einer Art "Urbiotop" zurückverfolgen. Es gibt nichts, was älter und weniger entwickelt als dieses Urbiotop ist. Dummerweise gab es aber durchaus Wesen, die wie aus dem Nichts auftauchen und weit nach dem Urbiotop eine zusätzliche Entwicklungslinie starteten. Große Naturkatastrophen (die man ebenfalls aus Funden ablesen kann - so wie bei uns auch) sind nicht nur zum Teil nicht erklärbar, sie ähneln von Planet zu Planet einander auch. Die Wissenschaftler dort machen es wie unsere: Sie vermuten nun, dass viele der Katastrophen künstlich herbei geführt wurden (was ganz gut ins übrige Geschichtsbild passt), und solange niemand das Gegenteil beweist, nehmen sie es als "Wissen" hin. Auch dass es Experimente waren, ist so eine Vermutung, die aber immerhin noch als solche kenntlich ist, weil das Ziel des mutmaßlichen Experiments so gänzlich im Dunkeln liegt. Vielleicht auch nur deshalb, weil man als gesichert annimmt, dass die Schöpfer nie wirklich auf den Planeten lebten – alle Funde, die auf die Gegenwart der Schöpfer hinweisen, werden (zu Recht oder Unrecht – wer weiß?) als Reste von aufwändiger Überlebenstechnik interpretiert.

Dass die Wissenschaftler die Erde als Ziel-Produkt der Experimente ansehen, ist ebenfalls eine ganz übliche These – es erklärt erstmal etwas, was sonst nicht recht ins Schema passt. Wobei ich interessant fände (aber leider {noch} keinen Erzählrahmen dafür gefunden habe}, was diese Idee in dem "Vorstufen-Zivilisationen" auslöst: Fühlen sie sich nun als erst recht als „Abfall“? Entwickeln sie trotzige Animositäten gegen die Erd-Menschen? Müssten sie nicht eigentlich in Scharen hinströmen oder zumindest etwas "kompetentere" Leute als einen simplen Beobachter hinschicken? …


Die Erde ist (wahrscheinlich wirklich) kein Experimentalplanet (zumindest nicht so wie die anderen). Obwohl das die Erstbeobachtungen vermuten ließen, weil alles so sehr den "Jüngeren Welten" ähnelt, ja beinahe gleicht…
Die Erde kann nicht die Heimat der Schöpfer sein, denn es gibt keine archäologischen Hinweise für eine Zivilisation, die über so lange Zeit so hochentwickelte Raumfahrt betrieb, um all die Planeten zu terraformen. Lediglich ein "quasi-Neustart" der terranischen Evolution würde überhaupt annähernd lange Zeit für einen einigermaßen effektiven "Verwitterungsgrad" bieten – dann aber wären die "neuen Terraner" den Wesen der Verwandten Welten (und speziell der Jüngeren Welten) nicht so verdammt ähnlich. Ich weiß aber nicht, ob dem Beobachter dies bewusst ist. Wahrscheinlich nicht, er wird – wenn er sich je entschließen sollte, mit sich wundern aufzuhören und eine These aufzustellen – sich wohl irren…


PS: Hinweise zum Erzählhandwerk nehm ich sehr gern entgegen…


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jon
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Der Ursprung

Ich dachte, ich würde alles kennen. Ich glaubte wirklich, nichts könne mich noch überraschen. Schließlich ist dies bereits mein achter Einsatz und mir sind die Berichte all meiner Kollegen so geläufig, als hätte ich sie selbst geschrieben. Aber dies hier ist mit nichts vergleichbar …
   Die Beobachtung der Tabuplaneten ist immer eine heikle Sache. Man muss in die Gesellschaft eintauchen, ohne dabei aufzufallen. Zum GlĂĽck ist die Abschirmtechnik der Verwandten Welten inzwischen so ausgereift, dass einem zumindest von dieser Seite keine böse Ăśberraschungen erwarten. Bisher ist es nur einmal passiert, dass ein Beobachter entdeckt wurde. Er hatte sich an einem öffentlich zugänglichen Terminal in das planetare Datennetz eingeloggt und in Missachtung des Paragraphen 415 c der Dienstvorschrift fĂĽr Beobachter den mobilen Infosearcher angeschlossen. Er war dabei – natĂĽrlich – gesehen und fĂĽr einen Spion gehalten worden. Die Gefängnisärzte schlieĂźlich erbrachten den letzten Beweis fĂĽr seine auĂźerplanetare Herkunft. Erst Generationen später konnten wir jener Welt glaubhaft machen, dass wir sie nicht feindlich ĂĽbernehmen sondern freundlich aufnehmen wollten.
   Es hängt also von der Einhaltung der Vorschriften und in nicht unerheblichem MaĂź vom persönlichen Geschick des Beobachters ab, nicht plötzlich zum Zentrum einer planetenweiten Alien-Euphorie oder – schlimmer – Alien-Panik zu werden. Dies wird dadurch erschwert, dass in jenen Welten, die wir aufsuchen, bereits ausgiebig nach auĂźerplanetarer Intelligenz gefahndet und jeder noch so kleine Hinweis darauf wie von einem trockenem Schwamm gierig aufgesogen wird. Sobald ein Tabuplanet Signale ins All sendet, die eindeutig der Suche nach Aliens dienen, wird das Beitritts-Amt aktiv und entsendet Beobachter. Unser Bericht bestimmt, wann die Kontakter ihre Arbeit beginnen und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vorbereiten.
   In diesem Fall weiĂź ich nicht, ob ich die Kontaktaufnahme befĂĽrworten soll. Denn obwohl alle Fachleute des Amtes die von hier empfangenen Signale als typische Suchzeichen identifiziert haben, finde ich auf ng 35978 nicht das ĂĽbliche Bild einer reifen Gesellschaft vor.
   Normalerweise – so entspricht es auch all meiner bisherigen Erfahrung – beginnt die Suche nach Aliens, sobald die Evolutionsforschung einer Gesellschaft auf eines oder mehrere Missing Links stößt. Je länger sie diese LĂĽcke nicht schlieĂźen kann, desto mehr setzt sich der Gedanke von auĂźerplanetarer Einflussnahme fest. Die Erkenntnis, dass es ein Ur-Biotop gegeben haben muss und dass nicht nur unerklärliche Naturkatastrophen formend wirkten sondern auch wie aus dem Nichts auftauchende neue Arten die Evolution beeinflussten, zwingt solch einen Schluss ja geradezu auf. Mitunter manifestiert sich dies auch in einem wahren Religionsboom – immerhin kann man etwas oder jemanden, der all dies fertigbringt, ob seiner Macht durchaus mit einem Gott gleichsetzen. Der Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft besteht an diesem Punkt der Entwicklung nur darin, ob man den Schöpfer in Gott oder in einer auĂźerplanetaren Intelligenz vermutet. Wenn ein Beobachter diesen Stand feststellt, ist es nur noch eine Frage von Wochen oder gar Tagen, dass unsere Schiffe landen.
   Ich war oft dabei, sowohl als Beobachter verborgen in der Menge als auch im diplomatischen Team. Es waren immer die gleichen Reaktionen: Zuerst Euphorie ĂĽber den Kontakt, dann die Frage „Warum kommt ihr erst jetzt?“ und schlieĂźlich die Betroffenheit, wenn wir es ihnen erklärten. Wenn sie erfuhren, wie die Schöpfung tatsächlich ablief. Dass sie Ergebnis eines Experimentes sind. Immer, wirklich immer, schlossen sie sich daraufhin dem Codex der Verwandten Welten an, der die Einmischung in die Entwicklung eines Volkes verbietet. Kein Volk, das ich kennen gelernt habe, trägt leicht an dem Wissen, ZĂĽchtungsergebnis zu sein und in einer Welt zu leben, die nichts als ein aufgegebenes Experiment ist. Und so wie ich die Menschen auf dieser Welt hier verstehe, wäre es sicher auch auf ng 35978 so. Aber dies ist nicht das Kriterium, das meine Entscheidung fĂĽr oder gegen die Empfehlung bestimmen darf. Einzig und allein, ob die beobachtete Welt reif ist, ob ihre Kenntnis von der Schöpfung der Wirklichkeit nahe genug kommt, ist ausschlaggebend…
   Manchmal, wenn wir GlĂĽck haben, finden wir in den archäologischen Sammlungen einer Aufgenommen Welt ein Dokument, das unser Bild von den Schöpfern komplettiert. Das Einzige, was wir wirklich von ihnen wissen, ist, dass sie Planeten auswählten, um auf ihnen eine gelenkte Evolution zu starten. Immerhin lässt sich relativ leicht feststellen, wann auf dem einzelnen Planeten dieser Prozess begann. Nach diesen Daten haben die Schöpfer in einem Bereich – vermutlich im Umfeld ihrer Heimat – damit begonnen und ihr Experimentierfeld nach und nach ausgedehnt. Danach haben sie sich vom äuĂźeren Bereich dieses Galaxiearms nach innen vorgearbeitet. Dabei haben sie – aus welchem Grund auch immer – jedesmal höher entwickelte Saat-Spezies verwendet und immer stärker manipulierend eingegriffen, so dass heute die jĂĽngsten Zivilisationen die am höchsten entwickelten sind. Zugleich haben sich die Spezies der JĂĽngeren Welten wegen der kĂĽrzeren Zeit nicht so gravierend voneinder weg entwickelt wie in den näher am Ursprung liegenden Welten.
   Ng 35978 weicht von diesem Schema ab. Dieser Tabuplanet liegt nicht nur im äuĂźeren Bereich des Spiralarms, er befindet sich auĂźerdem beinahe genau in dem Gebiet, das unsere Wissenschaftler als Ausgangspunkt der Schöpfungsexperimente ermittelt haben. Dennoch passt die gesamte Biosphäre dieses Planeten eher in das System der JĂĽngeren Welten. So gut, dass ich mich auch ohne Gestaltanpassung unbehelligt unter den Menschen hier bewegen kann. NatĂĽrlich haben unsere Experten eine Erklärung dafĂĽr: Ihrer Meinung nach haben alle Schöpfungsexperimente nur dazu gedient, hier, auf ng 35978, genau diese Welt zu kreieren. Wozu, ist jedoch unklar, denn leben konnten die Schöpfer in ihren Laborwelten unseres Wissens nach nicht. Beziehungsweise nicht ohne groĂźen Abschirmungs- und Schutzaufwand. Vielleicht waren sie ja gar nicht auf der Suche nach etwas Bestimmtem, sondern experimentierten um des Experimentierens willen. Und auf diesem Planeten hier stellten sie dann die Krönung ihrer gärtnerischen BemĂĽhungen zu Schau. Ich halte es sogar fĂĽr möglich, dass es damals eine Art Wettbewerb gab: Jeder musste von einem bestimmten Planeten niedere Lebensformen auswählen und daraus auf einem neuen Planeten die schönste oder interessanteste Biosphäre kreieren. Das hat immerhin den Vorteil, dass wir uns als Kunstwerke ansehen könnten. Unsere Wissenschaftler finden diese Idee absurd – mir gefällt sie.
   Doch zurĂĽck zu meiner Mission. Ich weiĂź wirklich nicht, ob ich den Kontaktern empfehlen soll, sich auf die Aufnahme der Erde in die Verwandten Welten vorzubereiten. Zwar gibt es hier mehrere Schöpfer-Religionen und auch zahlreiche Thesen, die vom Besuch AuĂźerirdischer ausgehen. Die Theorien reichen von der Erschaffung der Lebensformen, wie sie noch heute existieren, bis zur Einflussnahme durch Aliens. Doch gerade die ausschlaggebende Evolutionsforschung negiert jedwede Schöpfung – die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich das irdische Leben vom ersten komplexen MolekĂĽl bis zum heutigen Menschen allein durch Mutation und Auslese entwickelt hat. Und das wirklich Faszinierende daran ist: Sie können es beweisen.


geändert nach viscos Hinweisen am 2.1.2004
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visco
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Hallo jon,

quote:
Uups! So viel Philosophie in einer winzigen Idee – und das auch noch ganz ohne Absicht…
Magst Du uns ein bißchen mehr über Idee und Absicht erzählen?


Sprachliches:
"Ich dachte, ich würde alles kennen." gefällt mir auch in der 2. Fassung als Einstiegssatz nicht besonders. Was soll ich von jemandem halten, der gerade überrascht feststellt, daß er nicht allwissend ist? Aber das wolltest Du auch gar nicht sagen, oder? Denkt er nicht, er kenne sich in seinem Job so gut aus, daß ihn nichts mehr überraschen dürfte? Weshalb aber denkt er das? Weil er sich für den Besten seiner Zunft hält? Oder weil schon so lange dabei ist? Sein Job ist doch die immer neue Konfrontation mit dem Unbekannten (allenfalls Ähnlichen) schlechthin. Wie kann er da annehmen, nichts Neues mehr erfahren zu können?

"SchlieĂźlich ist dies bereits mein achter Einsatz [..]." Ist das viel? Oder relevant? Wieso "schlieĂźlich"?

"Die Ăśberwachung von Tabuplaneten [..]." Wieso "Ăśberwachung"? Ăśberwacht oder beobachtet er? Ich zumindest sehe darin einen entscheidenden Unterschied.

"[..] ist immer eine heikle Sache. Man muss in die Gesellschaft eintauchen, ohne dabei aufzufallen." Besteht die Schwierigkeit seiner Aufgabe nicht vielmehr darin, möglichst umfassend und zeitnah alle Informationen zu erfassen und weiterzuleiten, die zu Einschätzung der Voraussetzung für eine Kontaktaufnahme erforderlich sind? Bestimmt möchten die Kontakter nicht kontaktiert werden sondern ihrerseits den ersten Schritt tun. Grundsätzlich bleibst Du mir in diesem Abschnitt zu oberflächlich. Das wäre höchstens dann in Ordnung, wenn es nicht wie eine allgemeingültige Erklärung klingen sondern deutlicher würde, daß der Erzähler zu sich selbst spricht und dabei eben seine ganz persönlichen Schwerpunkte setzt.

"In diesem Fall weiĂź ich jedoch nicht, wie mein Bericht aussehen wird." Sicher meinst Du, wie der Bericht ausfallen wird.

"All meine Erfahrung bestätigte bisher, dass besagte Suche beginnt, sobald die Evolutionsforschung einer Gesellschaft auf eines oder mehrere Missing Links stößt." [..] "Wenn der entstandte Beobachter diesen Status festellt, beginnen die Kontakter mit ihrer Arbeit [..]." Entweder schreibt Dein erfahrener Beobachter, der dachte, alles zu kennen, alle humanoiden Lebensformen einer Biospähre fälschlicherweise jeweils einer einzigen Gesellschaft zu, oder die Bezeichnung "Gesellschaft" oben paßt nicht so recht.

---

Sorry, ich muĂź hier gerade mal unterbrechen, mache aber ein anderes Mal weiter.

Ich wĂĽnsche eine rauschende Silvesterfeier mit viel SpaĂź und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!
quote:
And there's a hand my trusty fiere,
And gie's a hand o thine,
And we'll tak a right guid-willie waught,
For auld lang syne


Standard English:
And there is a hand, my trusty friend!
And give me a hand of yours!
And we will take a right good-will drink,
For old long past.

aus: AULD LANG SYNE

      visco

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