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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Verlierer
Eingestellt am 21. 12. 2003 10:25


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Jarolep
???
Registriert: Dec 2003

Werke: 24
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Eine schĂ€bige Gestalt betrat den wöchentlichen Markt im Hafen. An solchen Tagen fĂŒllte sich dieser Ort mit seltsamen Menschen. Heruntergekommene Kaufleute, Matrosen mit verzotteltem Haar und ausgeblichenen Augen, Marktfrauen, deren reich verzierte Kleider mit Fischblut und Öl befleckt waren, verwahrloste Kinder, alles traf sich hier. Die neuesten GerĂŒchte wurden ausgetauscht, man feilschte um die frisch eingetroffene Ware, es wurde gesoffen, gefeiert und geprĂŒgelt. Keiner interessierte sich fĂŒr den Mann im breiten zerfetzten Mantel.
Dieser Mann hieß Jakob. Manche nannten ihn „Jakob der Penner“. Er besaß eine alte Barke, womit er und noch ein paar wortkarge und missmutige Kerle ab und zu die kĂŒstennahen GewĂ€sser durchstreiften, auf der Suche nach arglosen Schiffen, die sich in diesem Reich der Gesetzlosen verirrt hatten. Seit ein paar Monaten sah man Jakob öfter in den Kneipen als im Hafen. Dort saß er, in Gedanken versunken, vor dem einzigen Bierkrug, den er fĂŒr den ganzen Abend bestellte. Jakob war am Ende.
An diesem Tag schlenderte er scheinbar ohne bestimmtes Ziel durch die Marktreihen, erreichte anschließend den Pier und blickte sehnsĂŒchtig auf das Meer. Auf den Kisten neben ihm schlief ein Matrose. Einen Moment lang beobachtete Jakob den Schlafenden, dann ging er zu ihm und stieß ihn von den Kisten. Fluchend wachte der Seemann auf.
„Such die MĂ€nner zusammen, wir legen morgen ab“, sagte Jakob.
Der Seemann stierte auf seinen zerlumpten KapitÀn.
„Dieses Mal ist die Sache sicher“, Jakob versuchte zu lĂ€cheln.

Im Schiffsinneren stank es nach verfaultem Essen. Seit Tagen futterten sie den widerlichen Brei, und niemand mehr fragte, was genau der dĂŒstere Koch ihnen in die Teller schmiss.
Angeekelt warf Jakob, der die ganze Nacht auf der Seekarte Pfeile und Kreise gemalt hatte, die Feder auf den grob gehĂ€mmerten Tisch, trank die letzten Tropfen der trĂŒben FlĂŒssigkeit aus seinem Becher. Dann kletterte er die Leiter hinauf und stieg auf das Deck.
Der neue Tag fing mit dem heulenden Geschrei der Möwen und gemĂ€chlichen KrĂ€chzen der MĂ€ste an. Die Sonne ging auf, die ersten schĂŒchternen Strahlen berĂŒhrten den Horizont, tauchten das bleierne Blau des Meeres und das seidene Blau des Himmels in Karminrot und ließen Wasser und Luft eins werden. Der warme salzige Wind erwachte aus seinem Schlaf.
Jakob ließ sich auf den Deck nieder. Er, der eiserne KapitĂ€n der „Fatima“, saß erschöpft auf dem nackten Holz und starrte ins Leere. Sechs Wochen. Sechs Wochen ließ sich die „Fatima“ Sargassosee treiben. Ihre VorrĂ€te gingen zuneige, die Mannschaft brĂŒtete in dumpfer Apathie.
Wo bleibt der Konvoi? Die EnglĂ€nder werden ĂŒber die Sargasso fahren. Jakob hatte das von seiner sichersten Quelle erfahren. Sie hatte wunderschöne weiche BrĂŒste und tiefe blaue Augen, die nicht lĂŒgen konnten. Oder doch? Was, wenn der Konvoi sĂŒdlicher an ihnen vorbei schlich? Nein, undenkbar. Im SĂŒden geht der Spanier wie eine hungrige HyĂ€ne auf und ab. Die haarstrĂ€ubenden Geschichten ĂŒber sein neues Schiff erreichten bereits die entferntesten Ecken der Bermudas. Wie ein dĂ€monischer Schatten tauchte es aus dem Nichts auf, verschlang die ganzen Flotten und wehte davon. Einst segelte dieses Schiff unter der englischen Krone. In einer stĂŒrmischen Nacht, so erzĂ€hlte man, gingen die Spanier an Bord und meuchelten die Mannschaft nieder.
Die EnglĂ€nder mĂŒssen diesen Weg nehmen, die feigen Schweine. Ihre Arroganz lĂ€sst sie nicht einmal vermuten, dass hier, in dieser gottvergessenen stinkenden WĂŒste, ein Deutscher namens Jakob der Penner lauert. Die schwer beladenen Schiffe schleppen sich mĂŒhevoll durch die grĂŒne BrĂŒhe, Jakob mit seiner Barke fliegt heran, kapert und verschwindet genauso schnell und lautlos, wie er gekommen war. So sah sein Plan aus. Das war ein genialer Plan, der nichts taugte. Seine MĂ€nner werden es ihm nicht vergessen. Er musste sich entscheiden. Heute.
Eine Möwe landete auf der Mast und legte ihr Federkleid zurecht. Der Steuermann lehnte sich geistesabwesend an die Steuer und gĂ€hnte. Stille und Leere ergriffen die Macht ĂŒber dieser Welt.
Jakob sprang auf und donnerte in seine KajĂŒte. Sekunde spĂ€ter erschien er wieder auf dem Deck. Schweißperlen standen ihm im Gesicht, der Gestank unten wurde unertrĂ€glich. Mit der Karte in der Hand schritt er zum Steuermann. Der Matrose wich erschrocken zurĂŒck.
„So!“, Jakob peitschte mit der Karte auf das Steuerrad, ein Ruck ging durch das Schiff „Wir fahren nach SĂŒden“.
Der Seemann blickte ihm grimmig in die Augen, schniefte, ging zur Steuer und legte die „Fatima“ auf neuen Kurs.

Zwei Tage spĂ€ter trafen sie auf den Konvoi. Jakob holte sein Fernrohr heraus. Alles stimmte: die Schiffe waren schwer beladen mit GewĂŒrzen, Stoffen und Schmuck, mit Munition und frischem Wasser. „Fatima“ wurde entdeckt. Die Mannschaften, im Fernrohr nur winzig kleine MĂ€nnlein, hasteten ĂŒber die Schiffe, flogen von den Masten und hissten die Segel. Die Kanonen wurden herauf gefahren. Die EnglĂ€nder bereiteten sich auf einen Kampf vor.
Verwirrt ließ Jakob sein Fernrohr sinken. Die Menschen da drĂŒben hatten Angst, das hat er deutlich gesehen. Sie erstarrten auf ihren Decks und MĂ€sten und deuteten auf Etwas, was vor ihnen lag. Dieses Etwas war aber nicht die „Fatima“, denn alle Blicke waren ĂŒber die kleine schief liegende Barke gerichtet. Sein Leutnant zog ihn am Ärmel und zeigte stumm auf das Heck.
Jakob fuhr um. Eine riesige schwarze Fregatte nĂ€herte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Der Spanier! Wie ein Raubvogel stĂŒrzte er sich auf seine Beute, gierig, blutrĂŒnstig und siegessicher. Das ungeheuerliche Schiff wuchs mit jeder Sekunde. Die auf seinem Bug geschnitzte Fratze eines Monsters bleckte die ZĂ€hne, in seinen Augen klaffte die Dunkelheit.
„Abdrehen!“ flĂŒsterte Jakob. Er löste sich von dem hasserfĂŒllten Blick des Monsters und schrie mit heiserer Stimme: „Abdrehen! Abdrehen! Zum Teufel, wir drehen ab“.
Es war zu spĂ€t. Der Spanier fegte die „Fatima“ wie ein StĂŒck Treibholz zur Seite. Die Barke stöhnte gequĂ€lt auf und zerbarst.
Der Ozean breitete seine weichen Arme aus und empfing Jakob mit sanftem LĂ€cheln. Er versank in einer Welt, die fern von Farben und GerĂ€uschen lag. Jakob kĂ€mpfte gegen dieses friedliche, alles umschließende Vakuum und strebte mit aller Kraft zu dem leuchtenden Fleck ĂŒber seinem Kopf, zur Sonne, wo er atmen konnte. Er tauchte auf, zum ersten Mal in seinem Leben begriff er den herrlichen Geschmack von Luft, die seine schmerzenden Lungen fĂŒllte.
Ein spitzer Schatten legte sich ĂŒber das Wasser. Jakob blickte hoch. Das Letzte, was er sah, war, wie vom englischen Schiff die Mast auf ihn fiel.

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Enza ost
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Jarolep!

Interessanter Name und interessante Geschichte...
Herzlich willkommen in der Lupe! Ich hoffe, Du findest hier Anregung und Inspiration...
Deine Geschichte gefĂ€llt mir, vielleicht endet sie etwas abrupt, ist aber gut zu lesen und versetzt einen sehr in die gewĂŒnschte Stimmung! Viel Erfolg weiterhin...

Lieber Gruß von Enza ost

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
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genauigkeit

hallo jarolep,
das thema 'piraten' und 'seeschlachten' ist es wert, ein wenig breiter erzĂ€hlt zu werden. und vor allem lohnt sich ab und an ein blick ins lexikon oder fremdwörterbuch. die möwe, die sich ihr federkleid zurecht zupft, mĂŒĂŸte nĂ€mlich eigentlich dabei wie ein stein auf die morschen planken fallen, denn eine barke hat keinen mast. und da sie sogar in den tagtrĂ€umereien ihres kapitĂ€ns 'heranfliegt', gehe ich davon aus, daß die fatima mehrere masten hat; ergibt sich auch zwingend aus der gefahrenen route.
auch den beinamen 'penner' finde ich ein bißchen daneben. ich glaube oder habe das gefĂŒhl, daß diese bezeichnung in der zeit deiner geschichte noch nicht gebrĂ€uchlich war. ist aber nur so ein bauchgefĂŒhl, fachbĂŒcher geben keine genaue auskunft.
glĂŒcklose piraten und untergehende schiffe gab es sicher schon viele, du mĂŒsstest also deinem protagonisten oder der story irgendwas verpassen, dass ihn oder sie unverwechselbar macht. wahrscheinlich wird es aber dann eine erzĂ€hlung.
viel spass weiterhin und gruß aus berlin von knychen
__________________
kny

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Jarolep
???
Registriert: Dec 2003

Werke: 24
Kommentare: 59
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Hallo Enza ost,

Vielen Dank fĂŒr deine Antwort. Ermutigende Worte habe ich gebraucht. Sonst fragt man sich nĂ€mlich: "Was tu ich eigentlich hier mit meinem Blödsinn?". Es freut mich immer, wenn jemand die Geschichte mehr oder weniger gut gefunden hat.

Frohe Weihnachten!


****

Hallo Knychen,

Ich danke Dir fĂŒr Deinen Beitrag. Du hast völlig recht, wenn du schreibst, man sollte mehr und besser recherschieren. Allerdings war die Geschichte nicht als wissenschaftliche entdeckung gedacht, sondern ist meiner Fantasie nur so entsprungen.
Ich habe im "Brockhaus" nachgeschaut. Das Wort "Barke" habe ich vom "Bark" abgeleitet. Und unter "Bark" steht nun mal "ein Dreimastsegler".
Im Übrigen gebe ich zu, die Geschichte ist frei erfunden. Beim nĂ€chsten Mal schlage ich öfters in Lexica nach, versprochen.

Auch Dir wĂŒnsche ich frohe Weihnachten!

GrĂŒĂŸe aus der Eifel!

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