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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Verschlag
Eingestellt am 23. 10. 2014 08:02


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ketelwald
Hobbydichter
Registriert: Apr 2014

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Leise pulste ein Schmerz durch den K├Ârper. Irgendetwas hatte Mahmoud in die Seite getroffen, war abgeprallt und auf der Plastikfolie zu Boden gegangen. Die Zielscheibe dieses Angriffs richtete sich langsam auf, schob einen rostigen Blecheimer zur Seite und lugte an einer alten Bastmatte vorbei. Zwar konnte er nichts sehen, aber umso deutlicher f├╝hlen. Mahmouds Knochen ├Ąchzten unter jeder Bewegung und strahlten mit sch├Âner Eintr├Ąchtigkeit ihren Schmerz an die Zentren im Gehirn, die ihm dann den Zustand dienstfertig meldeten. Auch aus der Magengegend machte sich ein solches Gef├╝hl bemerkbar, eher undeutlich fl├╝sternd, aber vernehmbar. Pl├Âtzlich wurde aus dem Fl├╝stern ein lautes Aufheulen, die Magenw├Ąnde rieben sich gegeneinander und Mahmoud sprang wie ein gejagtes Wild auf. Langsam d├Ąmmerte alles um ihn herum etwas deutlicher. Schmutzige H├Ąuserw├Ąnde grinsten h├Âhnisch auf ihn herab aus ihren weit ge├Âffneten Fenstern. Ein buntes Muster von W├Ąschest├╝cken tanzte farbenfroh vor seinen Augen, ehe es langsam zur Ruhe kam. Etwas irregeleitet durch einen Alkoholrauschnebel kamen nun auch die ersten Ger├Ąusche in der Schaltzentrale an. Ein unangenehmer Geruch, Mischung aus Methanolgasen, Abfall und Staub, waberte ohne Unterlass durch die Luft. Ein trockenes Husten entrang sich seiner Kehle: Wasser!

Langsam wagten sich auch erste geordnete Gedanken in dieses Chaos in seinem schmutzigen, von schrumpelkastanienbrauner Haut umspannten Kopf vor. Sie w├╝hlten sich durch verm├╝llte und lange nicht mehr genutzte Windungen. Au! Alkohol... So war es doch bis jetzt immer noch gegangen, wunderte er sich. Noch weiter zur├╝ck, langsam bohrten sich Bilder hindurch, noch undeutlich, aber schon mit einem h├Ąsslich verzerrten Lachen zu ihm hindurch. Eine Frau, die bei n├Ąherem Hinsehen einmal h├╝bsch gewesen sein k├Ânnte, zwei kleine Menschlein, die ihn mit gro├čen Augen anstarrten. Tr├Ąnen stiegen ihm in die dunklen Augen. Doch wie ein sch├╝tzender Mantel breitete sich wieder ein dunkler Schatten ├╝ber diese Erinnerungen und lie├č sie verblassen. Dieser Mantel begleitete ihn nun schon 27 Jahre ungef├Ąhr, rechnete man mal die ersten anderthalb davon ab, die er noch zufrieden schreiend unter liebevoller Obhut seiner Mutter zugebracht hatte. Er hatte alles zugedeckt, was ihn irgendwie bewegt hatte, er hatte ihn l├Ącheln lassen und er hatte ihn zu Boden gedr├╝ckt, wo er in Frieden sitzen und auf das gesch├Ąftige Treiben um ihn herum blicken konnte. Der Mantel hatte ihn so zufrieden gemacht, dass er irgendwann dar├╝ber in v├Âllige Gedankenlosigkeit verfiel. Und als ihn dann keine Gedanken mehr durchzogen, schwebte er in einen leeren Raum, bewegte sich im Spiel der Wellen, trank aus ihnen. Immer wenn er lange genug geschwebt war, wehte es ihn in eine Ecke, aus der er sich dann mit einer kurzen Klarheit wieder aufrichtete, den Weg zur├╝ck fand, um das Spiel von neuem zu beginnen. L├Ąngst war das der einzige Kreislauf in ihm, der noch funktionierte.

Der alte Mechaniker mit seinem winzigen Hinterhof und den Schraubenschl├╝sseln war diesem Kreisen ebenfalls ├╝berdr├╝ssig geworden. Er, der Mahmoud f├╝r eine Sch├╝ssel Hirsebrei, etwas getrocknetes Obst und einen Krug Wasser an diesen verrosteten Unget├╝men hatte schrauben lassen, die sich gespenstisch vor ihm auft├╝rmten und jeglichen Ann├Ąherungsversuch mit ewigem Schweigen beantworteten.

Schlie├člich hatte er das knarrende Hoftor f├╝r immer hinter sich gelassen und war in die Sonne getreten, die unbarmherzig jeden Tag mit stoischer Ignoranz auf ihn nieder brannte. Schatten fand er immer wieder ein paar Stra├čen weiter. Was wohl seine Eltern machten, die jeden verbogenen Sou und jeden Tropfen Wasser immer mit einem klugen Ratschlag begleitet hatten?

Keine klugen Ratschl├Ąge mehr verbreiten. Die Hitze und Trockenheit hatte sie ganz austrocknen und friedlich schlafen lassen. Und auch Mahmoud wurde wieder friedlich zu Mute. Er schloss die Augen und lauschte dem Rauschen der staubigen Stra├če mit kleinen Spitzen von Kinderschreien... Wasser?! Ein heller, abgestumpft-leiser Ton drang zuerst an seine Ohren, die er vom gr├Âbsten Schmutz reinigte, um etwas deutlicher zu h├Âren. Dann sp├╝rte er auch einen Treffer auf seiner Handoberfl├Ąche, der sich mit ├╝berraschender K├╝hle um ein paar Zentimeter ausbreitete. Seine Augen richteten sich zum Himmel, wo sich schwere Gebilde mit massiger Dunkelheit ballten und den fahlen Schein der Himmelsscheibe mehr und mehr verblassen lie├čen, sich schlie├člich ganz davor schoben. Es wurde dunkler, k├╝hler, ein tiefes Grollen deckte sich ├╝ber die Ger├Ąusche, die and├Ąchtig zu lauschen schienen. Immer ├Âfter war ein kurzer, heller Aufschlag auf dem Boden zu vernehmen, wo Mahmoud einzelne Staubfl├Âckchen auffliegen sehen konnte. Ein paar Meter weiter starrten auch andere Menschen nach oben und lie├čen sich Tropfen auf die Nasenspitze fallen, als g├Ąbe es nichts zu tun. F├╝r eine Minute stand die kleine Welt um ihn herum still...
Dann brachen die Wolkenfronten auf und es st├╝rzten Sintfluten zur Erde. Sie bildeten schnell einen Flusslauf auf der staubigen Stra├če, der Wind fegte Zeitungsfetzen durch die langsam vorw├Ąrts tastenden Autos, die durch die Wand aus Wasser kaum sehen konnten. Alles wurde davon gesp├╝lt. Mahmoud nahm die H├Ąnde nach vorn und lie├č sie voll des kostbaren Nass laufen, reinigte sie, strich ├╝ber sein nasses Haar und die kastanienbraune Haut. Dann f├╝llte er sie erneut und trank. Einzeln konnte er jeden Tropfen durch seinen Hals sp├╝ren und sein wunderbares Werk verrichten. Mit jedem Tropfen spannte sich sein K├Ârper, seine Gelenke, mit jedem wurde sein L├Ącheln menschlicher. Langsam fiel er von sich ab wie die alte Haut einer Schlange. Kr├Ąftig sp├╝rte er sich gehen. Er w├╝rde Teller waschen, im Regen.

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DocSchneider
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