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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Vogel und der Tod
Eingestellt am 03. 01. 2015 18:27


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SiggiH
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2013

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Der Vogel und der Tod

Resigniert klappt sie den Laptop zu. Ihre Nachrichten sind als gesehen markiert – und trotzdem antwortet er nicht.
Bestimmt zum zehnten Mal an diesem Tag der Griff zum Smartphone. Im Chat der Hinweis, wann er zuletzt online war: vor nicht einmal zehn Minuten! Ein schneller Wechsel in den Nachrichtenverlauf ihrer besten Freundin – auch diese war um die selbe Zeit on, ohne auf ihre Nachrichten zu reagieren.
Tanja ist nicht blöd, Eifersucht erfĂŒllt ihr Herz. WĂŒtend und frustriert schleudert sie das Telefon an die Wand. Erschrocken flattert ein gelber Kanarienvogel in seinem runden KĂ€fig umher, ohne die geringste Chance auf eine Fluchtmöglichkeit. Zwanzig Zentimeter weiter links, und Tanja hĂ€tte wohl den KĂ€fig von dem weißen runden Stehtisch hinunter geschleudert.
Schnell eilt sie reumĂŒtig zu dem unschuldigen Vogel. „Es tut mir leid, Pietie, das wollte ich nicht“, schluchzt sie in TrĂ€nen, „du bist schließlich mein einziger Freud!“ Am liebsten wĂŒrde sie ihn in den Arm nehmen und trösten, wie sie es sich immer als Kind von ihrer Mutter erhofft hatte. Aber Vögel sind fĂŒr solche GefĂŒhlsbezeugungen nicht geeignet, genauso wenig, wie es ihre Mutter war.
Trotzdem öffnet Tanja den KĂ€fig, um ganz sachte das kleine zerbrechliche Wesen herauszuholen. Wild und unregelmĂ€ĂŸig spĂŒrt sie Pieties Herz schlagen. Sanft drĂŒckt sie ihre Lippen auf die flauschigen Kopffedern und haucht ihm zarte KĂŒsschen drauf, doch dadurch wird der Herzschlag nur noch rasender.
Tanja schließt ihre Augen und sieht ein kleines MĂ€dchen, das neben einer Frau im Sessel auf dem Boden kniet. Mit grĂ¶ĂŸter Vorsicht entnimmt das Kind der scheinbar schlafenden Frau eine glimmende Zigarette aus der rechten Hand und legt sie geschickt ausbalanciert auf den Zigaretten-Stummel-Berg im großen glĂ€sernen Aschenbecher. Dann schmiegt es sich an die Hand, reibt seine Wange daran und bedeckt das Sicherheit und Trost versprechende Körperteil mit kleinen KĂŒsschen. „Alles Gute zum Geburtstag, Mama“, flĂŒstert das MĂ€dchen zaghaft, worauf sich die große Hand mit einem Schubser befreit, um sogleich nach dem Glas mit der goldgelben FlĂŒssigkeit zu greifen.

Dicke TrĂ€nen finden ihren Weg durch die geschlossenen Lider, und Tanja öffnet die Augen. Sie betrachtet das gelbe FederknĂ€uel in ihrer Hand und weiß, was zu tun ist. Beinahe feierlich schreitet sie zum Fenster, öffnet es und hĂ€lt die Hand mit dem Vogel nach draußen. „Flieg Pietie! Ich schenke dir heute die Freiheit!“ Lachend entlĂ€sst sie ihn aus ihrer Hand und beobachtet seinen hektischen Jungfernflug.
Er steuert den Baum gegenĂŒber an und lĂ€sst sich erschöpft auf einem Ast nieder. Nach jahrelanger Gefangenschaft hat dieser kurze Flug schon enorm an seinen KrĂ€ften gezehrt. WĂ€hrend die Sonne ihre letzten Strahlen eines herrlichen FrĂŒhsommertages aussendet, saugt Tanja die idyllische Szenerie förmlich in sich auf. GlĂŒcklich betrachtet sie ihren Pietie, dessen gelbes Gefieder durch das Abendrot verfĂ€rbt wird. Doch plötzlich wird Tanja unheimlich zumute. Wie ein Pfeil aus Eis bohrt sich eine böse Vorahnung in ihr Herz. Und da geschieht es auch schon: Eine große getigerte Katze hat sich angeschlichen und ist bereits im Sprung. Pietie hat keine Chance – nur kurz wĂ€hrte sein neues Leben in Freiheit.
Die Katze liegt selbstzufrieden auf dem Ast und leckt sich die Pfoten sauber – fĂŒr sie geht ein erfolgreicher Tag zu Ende.
Ungewollt erinnert sich Tanja an einen anderen Sonnenuntergang mit tragischem Ausgang:
Der Vater sitzt am Steuer des knallroten Kleinwagens und zwinkert dem MĂ€dchen durch den RĂŒckspiegel zu. Er sagt dies sei ein Familienausflug. Das MĂ€dchen freut sich, kommt der Vater doch leider nur selten zu Besuch. Auf dem Beifahrersitz die Mutter, still, abwesend. Dieser Ausflug solle die Familie fĂŒr immer vereinen, meint der Vater, wĂ€hrend er das Tempo stetig steigert. Das MĂ€dchen fĂŒhlt sich geborgen. Vaters lĂ€chelndes Gesicht, das Abendrot, der Baum... Erst alles blutrot, dann schwarz.
Der Ausflug vereint die Familie nicht – er macht ein kleines MĂ€dchen zur Waise.

Sie hat Pietie getötet! Starr vor Entsetzen fixiert Tanja immer noch die Stelle, auf der der kleine Kanarienvogel zuletzt saß. Die Katze ist lĂ€ngst verschwunden, wahrscheinlich auf dem Weg zu Frauchen, die gerade eine feine Dose Katzenfutter mit Truthahn-Geschmack öffnet.
Sie hat alles falsch gemacht. Sie hat Pietie eine ungewollte Freiheit aufgezwungen. Sie hat von ihrem Vater eine „normale“ Familie gefordert, wo Vater und Mutter zusammen leben. Sie hat schon vor Wochen ihren Freund immer wieder mit ihrem heutigen Geburtstag bedrĂ€ngt.
Sie hat schon immer alles fasch gemacht. Sie war ein verkorkstes Kind und ist nun unfĂ€hig fĂŒr zwischenmenschliche Beziehungen – die Heimleiterin hatte dies schon vorhergesagt.

Das Fenster ist vom Wasserdampf beschlagen. Sie liegt in der Badewanne, die Augen weit geöffnet, den Blick ins Jenseits gerichtet. Ihre schwarzen Haare, deren Spitzen auf dem Wasser treiben, lassen ihr Gesicht gespenstisch bleich erscheinen. Der rechte Arm hĂ€ngt aus der Wanne heraus, und die Hand deutet anklagend auf die PfĂŒtze in rot.
Es Klingelt an der TĂŒr – mehrmals. Freudige Stimmen rufen: „Überraschung!“ und „Happy Birthday!“, doch aus der Wohnung dingt kein Laut nach draußen. Hin und wieder fĂ€llt noch ein einzelner Tropfen Lebenssaft und imitiert das GerĂ€usch eines undichten Wasserhahns.


Version vom 03. 01. 2015 18:27

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Profatus
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2014

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Hallo SiggiH,

die Geschichte gefĂ€llt mir. Ich habe sie gern gelesen und es fiel mir auch nicht schwer, bis zum Ende dabei zu bleiben. Auch das Thema finde ich spannend und aktuell. Dabei hast Du meiner Meinung nach ein richtiges Maß an Dramatik und Traurigkeit verwendet hast. Nicht zu viel und nicht zu wenig.

Trotzdem ein paar kritische Anmerkungen:

1) die RĂŒckblende zu der Szene mit der Mutter find ich sehr gut eingebaut. Die mit dem Vater weniger. Dieser RĂŒckblick kommt fĂŒr meinen Geschmack zu abrupt und stört den Lesefluss etwas. Möglicherweise ist es so gewollt, wirkt aber beim Lesen etwas unangenehm.

2) ab und an stechen Wiederholungen ins Auge:

quote:
Im Chat der Hinweis, wann er zuletzt online war: vor nicht einmal zehn Minuten! Ein schneller Wechsel in den Chat ihrer besten Freundin
Hier könnte man 1x Chat durch z.B. "Nachrichtenverlauf" ersetzen.

quote:
Nach jahrelanger Gefangenschaft hat dieser Flug schon enorm an seinen KrĂ€ften gezehrt. Die Sonne sendet ihre letzten Strahlen fĂŒr diesen Tag, und Tanja saugt diese idyllische Szenerie förmlich in sich auf.


3) Die Erkenntnis der Frau, dass sie alles falsch gemacht hat, finde ich sehr gut (vorletzter Absatz). Ich glaube, dass derartige Gedanken tatsĂ€chlich in den Köpfen von vielen traumatisierten Menschen vor sich gehen. Allerdings erschließt sich mir nicht der Zusammenhang zu der folgenden Formulierung:
quote:
Sie hat von ihrem Vater eine „normale“ Familie gefordert.

Das kommt an dieser Stelle etwas ĂŒberraschend bzw. konnte ich das im Text nicht erkennen.

4) Mit diesem Satz habe ich mich etwas schwer getan:
quote:
Dann schmiegt sie sich an die Hand, reibt sie an ihrer Wange und bedeckt sie anschließend mit kleinen KĂŒsschen.


Ich glaube, es ließe sich besser lesen, wenn man es wie folgt formuliert:
"Dann schmiegt sie sich an die Hand, reibt ihre Wange daran und bedeckt diese anschließend mit kleinen KĂŒsschen."
Klingt etwas besser und man spart sich auch noch mal ein paar "sie" (Wiederholung). Ist aber nur mein persönlicher Geschmack.

Weiterhin bin ich noch am Überlegen, ob es vielleicht doch zu ĂŒbertrieben ist, dass sich die Frau am Ende das Leben nimmt. Ich glaube, ich hĂ€tte sie ĂŒber den Suizid zwar nachdenken, aber die Freunde dann doch noch rechtzeitig auftauchen lassen. Aber natĂŒrlich hĂ€ngt das damit zusammen, was man aussagen möchte. Deine Version ist dramatisch und traurig, meine wĂ€re dann etwas positiver/hoffnungsvoller geraten. Und somit natĂŒrlich auch ganz anders.

Gruß, Profatus

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Episkopi
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2014

Werke: 14
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Der Vogel und der Tod

Hallo,
die Geschichte gefÀllt mir auch,und wenn ich nicht sagen kann, dass ich die Geschichte total gerne gelesen habe, dann liegt es an der RealitÀtsnÀhe des Themas,
denn geanu so etwas kann tatsÀchlich geschehen,
das einzige, wwas mir fehlt, ist eine Art zweite Ebene....z.B. ein "beobachtendes Wesen",
welches z.B. dann auch erschĂŒttert ist, das MĂ€dchen nicht zu erreichen, nicht aus seiner festen Vorstellung, dass ihre Freunde gegen sie handeln
herauslösen kann.....
so etwas in der Art, und wie auch immer gestaltet......
Zusammenfassend also: gut erzÀhlt, tolles und wichtiges Thema , aber ausbaufÀhig (und aus meiner Sicht notwendig). Lg
__________________
ennasus

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steky
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quote:
Resigniert klappt sie den Laptop zu. Ihre Nachrichten sind als gesehen markiert – und trotzdem antwortet er nicht.
Vorschlag:
"Resigniert klappt sie den Laptop zu: Ihre Nachrichten sind als gesehen markiert – und trotzdem antwortet er nicht."
Bin mir diesbezĂŒglich aber auch nicht sicher, man könnte auch nach "Laptop zu" einen Gedankenstrich machen und vor "und" einen Beistrich. Mein GefĂŒhl sagt auf jeden Fall, dass Satz 1 und Satz 2 zusammengehören.

quote:
„Es tut mir leid, Pietie, das wollte ich nicht“, schluchzt sie in TrĂ€nen, „du bist schließlich mein einziger Freud!“
(Hier fehlt ĂŒbrigens ein N)
Bei solchen SĂ€tzen lasse ich immer den mittleren Teil weg, um ein besseres GefĂŒhl fĂŒr die Interpunktion zu bekommen. Der Satz sehe dann so aus: "Es tut mir leid, Pietie, das wollte ich nicht, du bist schließlich mein einziger Freud!"
Man könnte auch schreiben: "Es tut mir leid, Pietie, das wollte ich nicht", schluchzt sie in TrĂ€nen. "Du bist schließlich mein einziger Freund!"Das brĂ€chte zumindest mehr Dramatik rein. (Eventuell nach dem Satz Auslasspunkte)

quote:
Mit grĂ¶ĂŸter Vorsicht entnimmt das Kind der scheinbar schlafenden Frau eine glimmende Zigarette aus der rechten Hand und legt sie geschickt ausbalanciert auf den Zigaretten-Stummel-Berg im großen glĂ€sernen Aschenbecher
Der Satz gefĂ€llt mir gut - auch wenn er fast zu detailiert ist. Es wĂŒrde auch reichen: "Vorsichtig nimmt das Kind der scheinbar schlafenden Frau eine glimmende Zigarette aus der Hand und legt sie geschickt auf den Zigarettenstummelberg im glĂ€sernen Aschenbecher."

quote:
Dann schmiegt es sich an die Hand
An welche Hand? Klar, man weiß es. Aber es irritiert.

quote:
Es Klingelt an der TĂŒr – mehrmals.
Der Gedankenstrich ist meiner Meinung zu viel, da es eigentlich keine Rolle spielt, ob es ein- oder zweimal klingelt. Vielleicht sowas wie: "Dann klingelt es mehrmals an der TĂŒr." Oder: "Mehrmals klingelt es an der TĂŒr."

Anonsten tolle Geschichte, auch wenn ich mir noch nicht sicher bin, in welchem Zusammenhang die Ereignisse, zum Beispiel der Vogel, mit der restlichen Geschichte stehen. Aber das gibt zumindest dem Leser mehr Spielraum.

LG






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