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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der Vorgänger eines Klassikers
Eingestellt am 20. 07. 2015 11:59


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Harper Lee, Gehe hin, stelle einen Wächter, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04719-9

Über 40 Millionen Exemplare wurden von ihrem berühmt gewordenen Buch „Wer die Nachtigall stört“ weltweit verkauft. Das Buch von Harper Lee, 1960 in den USA erschienen und auf Deutsch 1962 veröffentlicht, hat unzählige Menschen bewegt und beeinflusst und tut es bis heute. Der Rowohlt Verlag hat gerade in einer Neuübersetzung eine Hardcoverausgabe neu publiziert.

„Wer die Nachtigall stört“ sollte das einzige Buch Harper Lees bleiben, die lange mit Truman Capote befreundet war und ihre ersten Schreibversuche mit ihm teilte. Dabei hatte sie in den fünfziger Jahren schon ein erstes Buch geschrieben, das unter den Titel „Gehe hin, stelle einen Wächter“ nun in mehreren Sprachen erscheint.

In diesem Buch, das sie in relativ kurzer Zeit fertigstellte und von dem ihre Agenten zunächst begeistert waren, erzählt sie, wie die mittlerweile erwachsene und in New York lebende Jean Louise Finch für zwei Wochen nach Hause nach Maycomb zurückkehrt, und dort für sie sehr schwierige Erfahrungen macht, die ihr ganzes Weltbild und vor allen Dingen ihre Sicht auf ihren Vater in Frage stellen. Denn kaum zu Hause angekommen, muss sie erleben, wie ihr Vater und auch ihr Freund Hank, den sie heiraten will, im Gericht in Maycomb einem Redner zuhören, der offen radikal rassistische Sprüche von sich gibt, von der „Wahrung der Lebensweise der Südstaaten“ spricht und die Schwarzen als „filzige Krausköpfe“ bezeichnet, die „noch niedriger als die Kakerlaken“ seien. Und er begründet es natürlich auch religiös: „Gott schuf die Rassen, niemand weiß warum, aber Er wollte, dass sie getrennt bleiben.“

Für Jean Louise bricht ihre ganze Welt zusammen. Ist das noch ihr Vater Atticus Finch, den sie in ihrer Kindheit als engagierten Verteidiger eines Schwarzen kennen gelernt hat, der fälschlicherweise der Vergewaltigung eines weißen Mädchens beschuldigt wurde und für den er einen Freispruch erreichte? Und was ist mit Calpurnia, die sie und ihren mittlerweile verstorbenen Bruder Jem damals als Haushälterin betreute und liebte wie eine Mutter?

In ausführlichen Rückblicken erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend und in langen konfliktreichen Gesprächen mit ihrem Vater, ihrem Freund Hank und ihrem Onkel Dr. Finch sieht sie sich mit einer vollständig veränderten politischen Situation konfrontiert, mit der sie sich schlussendlich versöhnt.

Dennoch waren damals ihrer Lektorin diese direkten Bezüge zur beginnenden Bürgerrechtsbewegung und den innenpolitischen Konflikten in den USA zu aktuell und unausgegoren und sie überredete Harper Lee, ihr ganzes Manuskript zu überarbeiten, in die 30er Jahre zu verlegen und den Schwerpunkt auf die Ereignisse in der Kindheit von „Scout“ zu legen.

So entstand in zweijähriger harter Arbeit „To Kill A Mockingbird“. Die erste Fassung wurde vergessen und erst 2014 von einer Freundin Harper Lees entdeckt. Ob die 88-jährig in einem Heim in ihrer Heimatstadt Monroeville lebende Harper Lee wirklich mit dieser Veröffentlichung sich einverstanden erklärte (bzw. konnte) bleibt relativ unklar.

Tatsache ist jedoch, dass „Gehe hin, stelle eine Wächter“ ein Buch ist, dass in seiner politischen Thematik dem Klassiker in nichts nachsteht, auch wenn er nicht ganz die literarische Dichte und Qualität des Bestsellers erreicht. Es ist ein Buch, in dem wir allen bekannten Figuren aus dem Klassiker wieder begegnen, sie aber alle mit einer dramatischen gesellschaftspolitischen Veränderung konfrontiert sind, die sie in heftige Konflikte mit früheren liberalen Auffassungen bringt und sie gegenseitig entfremdet.

In einer Zeit, in der sich nicht nur im Süden der USA, dort aber besonders zeigt, dass der Rassismus keinen Deut überwunden ist, und das Land zu spalten droht, ist „Gehe hin, stelle eine Wächter“ von einer unter die Haut gehenden Aktualität.

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