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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Wanderer zwischen den Dünen
Eingestellt am 21. 01. 2002 14:33


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yosse
Hobbydichter
Registriert: Jan 2002

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DER WANDERER ZWISCHEN DEN DÜNEN

1. Spongie

Die allmorgendliche Fahrt über die Serpentinen zählte zu den Glanzpunkten in M.s Siechtum. Das Leben, dachte sie dann bei sich, könnte ganz schön sein. Wären da nicht all diese Leute.
Am Strand angekommen, legte sie sich neben ihren Mann, seinen Sohn, dessen Frau und deren Tochter in die pralle Sonne. Die anderen erhofften sich attraktive Bräune, sie erwartete dort den Eintritt ihres Todes. Um sich in Stimmung zu bringen, hatte sie einige Bände von Thomas Mann mitgenommen, derer Zitate sie sich laufend bediente und die sie sooft lesen wollte, bis endlich etwas Entscheidendes geschah. Am liebsten wollte sie sterben wie Gustav von Aschenbach: im Liegestuhl aufs Meer blinzelnd.
Seit drei Wochen war sie bereits hier und es ging ihr nicht einmal schlecht. Das Zuviel an Zeit vertrieb sie sich, indem sie allerhand Unsinn verbreitete. Die über ihren Todeswunsch in Unkenntnis gelassenen Familienmitglieder erwarteten von ihr doch bisweilen ein wenig Bereitschaft zur Heiterkeit, sagte sie sich. Da ohnedies ihre Verschlossenheit beklagt wurde, hatte sie es sich zur vergnüglichen Pflicht gemacht, jedem genau das zu sagen, was er am wenigsten gebrauchen konnte. Von ihrer Stiefenkelin abgesehen, hatten es die anderen schnell aufgegeben, sie um Auskünfte oder Rat zu bitten. Der Informationsgehalt ihrer Äußerungen war von zu geringer Verläßlichkeit und man zog es vor, sie unbeachtet liegen und lesen zu lassen. Gerade war M. wie so oft sabbernd über ihrer Lektüre entschlummert, als der Ehemann seinem Sohn mit trauriger Resignation zuflüsterte, daß ihre Apathie im Vergleich zu ihrer guten Laune ein Segen sei.
Eine Bö schnitt ihren Dämmer und sie fuhr hoch. Außer ihr zeigte sich niemand irritiert durch das, was sie ihre Zehen wie angesichts größter Gefahr unter die Wolldecke hatte ziehen lassen, und was in der hochsommerlichen Windstille auch kaum mehr als ein Lufthauch gewesen sein konnte. Natürlich richtete sich keiner der Blicke auf sie, und so fiel sie zurück in ihren Liegestuhl und jene Schläfrigkeit, die allen sehr recht war.
Ihre Lider schirmten das gleißende Sonnenlicht nur dürftig ab, so daß sie sich ihrer Ruhe selbst geschlossenen Auges durch umher kreisende Punkte beraubt sah und durch die Wimpern übellaunig einen unbewegten Fleck außerhalb ihrer Selbst suchte.
Im Schatten einer Sandverwehung fand sie ihn und eine vorläufige Rückkehr in die Einsamkeit.
M. rief sich nun zum Spaß alle verfügbaren Namen von Bekannten ins Gedächtnis und überlegte, ob von ihnen ein einziger wert wäre, bei seinem Ableben betrauert zu werden.
Mit dem Meeresrauschen drangen störende Lustschreie entfernter Badender an ihr Ohr, dessen Muschel von Sand und Salz verklebt war. Sie stellte fest, daß sie ihres Körpers ausschließlich dort, wo die feinen Körner ihn rieben, gewahr wurde. Schmerzen oder Unbehagen fehlten ebenso wie die Selbstwahrnehmungen schärfende Trosse der Gier, in die sie als junges Mädchen eingebunden war, und die sich mit den Jahren gelockert und eines Tages einfach aufgelöst hatte.
Pfiffe und Anzüglichkeiten, mit denen sie sich einst herumplagte, galten heutzutage ihrer Enkelin, derer sie auf der Suche nach Menschen, um die es schade wäre, zu allerletzt gedachte. Der Grad an Nichtverwandtschaft erlaubte ihr ohne weiteres, das Mädchen nach Herzenslust zu verachten.

Die blonde Carmen, von den Freundlichen die Sonne selbst genannt, lebte seit 14 Jahren. Vor sich hin, glaubte man M.. Diese wenigen Jahre waren ihr größtes Verdienst, wobei es unterdessen nichts gab, worum sie sich verdient gemacht hätte. Ihre Hülle schmückte sie zwar blendend, doch wozu war sie nütze, wenn darunter nichts sich befand?
Noch war sie zart beschaffen, hatte nett anzuschauende Schlüsselbeine und weiße Haut mit feinen Poren. M. erkannte indes nur den Verfall, der ihrer vorzeitigen Demenz unweigerlich folgen müßte. Sah sie ihre Schmalbrüstigkeit, so sah sie nur Schlaffheit. Keimte in Anbetracht der Unverbrauchtheit Carmens der Neid in ihr, erstickte ihn jählings die Ahnung von Aufgeschwemmtheit und Vergreisung.

Ein dicker Fuß versperrte M. die Aussicht auf das sorgsam gewählte Nichts und entriß sie ihrer Grübelei. Carmen stand vor ihr wie eine Kalksäule. Unter Verzicht auf zeitraubende Höflichkeiten fragte sie nach dem Verbleib ihrer Eltern.
M. drehte sich dahin um, wo sie einmal gelegen hatten, und antwortete:
"Ertrunken."
Das Mädchen blähte seine Backen und zischte ein verhaltenes "Sehr witzig", was nur annähernd das sein konnte, wonach zu sagen ihm zumute war.
Mit einem Achselzucken leitete Carmen zu einem offenbar dringenderen Thema über. "Hast du diesen süßen Kerl dahinten gesehen, der mich schon die ganze Zeit angafft?", fragte sie verschwörerisch. "Der wär' doch was! Meinst du, daß ich ihn ansprechen sollte? Der ist ja sooo niedlich..."
M. erwiderte: "Der Mensch, wie schön er sei, wie schmuck und blank,
Ist innen doch Gekrös' nur und Gestank.
An deiner Stelle würde ich lieber Quallen putzen gehen oder Müschelchen zählen, falls du das kannst. Bist du übrigens fetter geworden?"
"Du redest gequirlte Sch...", schrie Carmen. Rechtzeitig zum Eintreffen ihrer Eltern beschwor sie ein paar Tränen herauf und warf sich wirkungsvoll in den Sand. Kaum hatten ihre Eltern ihr einen Rapport abgerungen, stürzten sie sich erbost auf M.
"Bei allem Verständnis", jammerte die Mutter, "frage ich mich, was dir dieses arme Kind getan hat. Mußtest du so kaltschnäuzig zu Sonne sein? Sieh mal, jetzt weint sie!"
"Ach was?"
"Von dir kann man ja gar keine menschliche Regung mehr erwarten. Nur noch Teufeleien, nur noch Teufeleien, ja wirklich. Du bist nicht mehr bloß wunderlich, du bist senil. Jawohl, senil."
"Ach was!", wiederholte M. eintönig.
Die kopfschüttelnde Mutter, der schweigende Ziehvater und das rotznasse Kind trotteten zu ihren Strandmatten.
Keiner kümmerte sich mehr um den andern und M. verfiel wieder in ihre Gedanken. Bevor sie es sich darin gemütlich machen konnte, hörte sie Carmen vor Freude wie ein Ferkel quieken. Sie formulierte für sich, daß Carmen gleich ihrem Stiefgroßvater Arne ein Schwamm war, der alles zwar begierig in sich aufnahm, doch auf lange Sicht nichts in sich behalten konnte. Das meiste sprudelte sofort wieder ungenützt aus ihr heraus oder verdunstete auf wundersame Weise.
M. hatte mit einem Mal das seltene Bedürfnis, Arne zu küssen. Sie drehte sich zu ihm, sah ihn friedlich in der Sonne ruhen, und verwarf ihr Vorhaben.
Anschließend fiel sie in einen traumlosen Schlaf.

2. Priapos

M. war sehr viel früher schon einmal in dieser Bucht gewesen. Als Mädchen in Carmens Alter war sie mit ihren Eltern nach Santanyí gereist, das nur wenige Kilometer von hier im Landesinnern lag.

Sie erinnerte sich, daß sie nach dem Essen immer hinunter zum Strand gegangen waren, wo sich M. unsäglich zu langweilen pflegte. Plaudereien mit ihren Eltern waren von ihrer Seite aus ausgeschlossen, deshalb schlich sie sich eines gleichförmigen Tages kurzerhand davon, um alleine die Gegend zu erkunden.
Ihre Mutter döste in der Mittagssonne und ihr Vater war in irgendwelche Aufzeichnungen versunken, als sie sich aufmachte in das Verborgene des Strandes, das außer Sichtweite hinter dem Konglomerat von Strandkörben lag.
M. wollte fern vom trauten Trubel ein paar Räder schlagen, ohne Angst haben zu müssen, jemandes Sandburg zu zertreten oder dem Spott all Jener ausgesetzt zu sein, denen sie genauso zu mißfallen schien wie sie ihr.
Nachdem sie zunächst voller Übermut ziellos durch den heißen Sand gelaufen war, zog sie ihre Badesachen aus und schwamm weit in den Strandsee hinaus. Sie tauchte so tief sie nur konnte. In der Vergessenheit dieses Orts fühlte sie sich mit sich selbst in einem Maße versöhnt, wie es ihr in ihrem künftigen Leben nie mehr gelingen würde.
Schließlich zwang das immer näher kommende Riff sie zurück in die Lagune, und die aufgeweichte Haut ihrer Fingerkuppen mahnte sie an Land zu gehen. Die Bucht war hier viel felsiger als an der Stelle, von der aus sie ins Meer gegangen war.
Auf allen Vieren mußte sie die aus dem Wasser ragenden Klippen überqueren, um zu den Dünen zu gelangen, auf denen sie sich ausruhen wollte.
Zum Schutz vor der Sonne hatte M. ihren Badeanzug um den Kopf zu einem Turban geschlungen. Sie setzte sich und rieb sich die vom Salzwasser brennenden Augen. Etwas verdunkelte das Sonnenlicht und sie blickte erschrocken auf. Vor ihr stand ein nackter, breit grinsender Mann. Ohne selbst zurück zu lächeln, zog sie die Beine an und betrachtete ihn angriffig.
Der Mann war ein Einheimischer von etwa sechzig Jahren. Die dunkle Haut war welk und das schüttere Haar stand ihm zu allen Seiten. Seine Augen waren unter Runzeln begraben und irgendwo aus den Faltenbergen stakte eine klobige Nase. Das Fleisch hing muskel- und freudlos an seinem Körper herab. Wie von Gicht geschwollen waren seine gelblichen Knöchel und Gelenke.
M. war so sehr mit der Nacktheit des Fremden beschäftigt, daß sie darüber ihre eigene vergaß. Bisher hatte sie nicht gewagt, ihren Blick unterhalb seiner Brustwarzen wandern zu lassen. Als sie es tat, war sie wie versteinert. Es war ihre erstmalige Bekanntschaft mit einem erigierten Penis. Zuvor war ihr nicht einmal bekannt, daß es so etwas gab. Außerstande, die Augen abzuwenden, starrte sie sein steifes Glied eine Zeitlang an. Aus ihrem Abscheu wurde Neugierde und aus dem Wunsch, ihren Durst nach Unbekanntem zu stillen, wuchs ein bedenkliches Gefühl der Zuneigung für dies Geschöpf, dessen Häßlichkeit ihr noch vor Minuten allenfalls Ekel erregte. Sie lächelte.
Der Alte nickte ihr zu und sagte wie zum Gruß: "Priapos!". Er wand sich um und verschwand zwischen den Dünen.
In den darauffolgenden Tagen kehrte sie immer, wenn die Sonne am höchsten stand, hierhin zurück. Ihr war nicht klar, worauf genau sie wartete oder was sie sich von einem erneuten Zusammentreffen mit dem Mann versprach.

M. hatte niemandem je von dem Erlebnis erzählt, denn es war absehbar, daß sie auf Unverständnis treffen würde. Von jedem hätte sie gehört, der Nackte wäre ein widerlicher Lustgreis gewesen, der sie um ein Haar mißbraucht hätte. Ihr wäre grenzenlose Naivität vorgehalten worden.
Letzten Endes hätte man ihr gar angeraten, einen Psychologen aufzusuchen, der ihr Trauma ergründen und ihre abartige Verherrlichung der Nötigung therapieren würde. Wie hätte sie jemandem klarmachen können, daß auf dies Begebnis ihr gesamtes ästhetisches Empfinden gründete?

Am Tag ihrer Abreise blieb sie nicht allein auf der Düne. Ein Junge ihres Alters war ihr in sicherem Abstand gefolgt.
Das heiße Prickeln ihrer Wangen verriet ihr, daß sie rot angelaufen sein mußte. Vor ihm schämte sie sich ihrer Nacktheit. Der Gedanke daran, wie oft er sie schon heimlich beobachtet haben mochte, machte sie noch unruhiger.
Sie kannte den Jungen aus dem Hotel. Er arbeitete als Liftboy und war ihr wegen seiner blonden Locken und der bestechend grünen Augen aufgefallen. Nun saß er erwartungsvoll neben ihr, schaute belustigt auf ihre kaum auszumachenden Brüste und zwinkerte ihr zu. Auf dem Versuch, mit ihm ins Gespräch zu kommen, bestand sie nicht unbedingt, denn es war nicht davon auszugehen, daß er ihre Sprache beherrschte. Und -soviel stand für sie fest- selbst wenn sie sich irgendwie miteinander hätten unterhalten können, hätten sie sich doch nichts zu sagen gehabt. Insgeheim wünschte sie, der alte Mann würde kommen und sie aus dieser peinlichen Lage erlösen. Er kam nicht. Statt dessen beugte der Junge sich über sie, um ihr einen unbeholfen stürmischen Kuß aufzudrücken. Sie wies ihn nicht von sich, sondern bot ihm ihrerseits die Zunge an. Ineinander gekeilt lagen sie da und wälzten sich wie Kämpfende. M. fühlte nicht viel mehr als daß sie sich wahrhaftig in einer Art Wettstreit befand. Auf jede Berührung durch ihren Gegner reagierte sie mit einer um so heftigeren. Dem Jungen erschienen ihre Bisse und Kratzer als leidenschaftlicher Zuspruch. Er spreizte ihre Schenkel und stieß in sie, daß sie vor Schmerz aufschrie. M. blickte auf den Ozean und ließ ihn gewähren.
Als er fertig war, hastete der Junge fort und sie wusch sich in der Gischt. Dabei ging ihr in einem kleinen Rinnsal Blut ab, ihre Krämpfe aber ließen zu ihrer Beruhigung nach. Rücklings warf sie sich in die Wellen und ließ sich treiben.

Wenn sie im folgenden an diesen prosaischen Akt zurückdachte, erinnerte sie sich nur daran, wie wenig Lust der straffe Knabenkörper mit seinen glatten Muskeln und dem betörenden Flaum ihr verschaffen konnte.
Erkundigten sich ihre späteren Liebhaber nach Einzelheiten ihres ersten Mals, so konnte sie nie ganz begreifen, was sie an ihrer Schilderung romantisch finden konnten.

3. Philister

M. hatte in ihrem Leben drei Beziehungen zu Männern, von denen sie sagte, sie wären von Bedeutung gewesen. Alle übrigen scheiterten rasch an ihren hoch gesteckten Idealen. Diese Ideale, die sie zwar ungern aber durchaus zuhauf hatte, entstammten ihrer frühen Jugend, genauer noch schienen sie sämtlich in den Urlaubstagen an der Cala Santanyí zu wurzeln.
Nicht nur war sie bei jedem, der ihr nahe kam, auf der Suche nach äußerlichen Ähnlichkeiten zu dem entblößten Wanderer- was an sich paradox war, denn sie fühlte sich stets von sehr jungen Burschen angezogen -, sie verlangte auch die Rückkehr jener einzigartigen Erregung von damals, von der sie nicht einmal mehr genau wußte, wie sie sich anfühlte oder anzufühlen hätte. Mit jeder unvermeidlichen Enttäuschung reifte ihre Überzeugung, bindungsunfähig zu sein. Diese über so manches in bequemster Weise erhabene Etikettierung wandten auch die von ihr Verlassenen gerne an, fragte man sie nach den Gründen für das Auseinandergehen.
Einer von ihnen war Philip, der sich selbst sportiv Phil nannte, und den M. mit dem Kosenamen Philister versah. Ein anderer hätte womöglich an der Aufrichtigkeit ihrer Liebe Zweifel gehabt, doch Philip, der Straßenbahnfahrer, war sehr stolz auf die Abwandlung seines Namens. Und allem voran war er zu stolz, um nach deren Bedeutung zu fragen. Er begnügte sich damit, daß er mit Philister irgend etwas französisches verband. Französisch klang wichtig und gut. Fortan wünschte er denn auch, von jedem Philistère genannt zu werden. Das Schmunzeln und die Andeutungen, die ihm von manch einem entgegengebracht wurden, deutete er als das bewundernde Lob eines Eingeweihten.
Die Bindung von M. und Philip war überaus unausgewogen. Kein gemeinsames Interesse verband die beiden, und Philip konnte nicht in einem einzigen Bereich mit M. mithalten, außer vielleicht bei der körperlichen Liebe. Dann und wann stieg es ihm übel auf, doch er ließ es M. nie spüren. Sein Stolz, auf den er in jeder noch so unpassenden Situation wie auf eine Wappeninschrift verwies, untersagte es ihm. Das einzige, was M. in Zeiten größter Unausgeglichenheit und Entfremdung von Philips Bemühung um Kompensation mitbekam, war seine Flucht in fragwürdige Mannbarkeitsriten wie das Schlafen auf dem Balkon mitten im Januar. Mit solchem Wagemut meinte er zumindest ihre Anerkenntnis seiner physischen Überlegenheit zu gewährleisten, wobei M. nie ganz nachzuvollziehen vermochte, was ihm das nun brachte.
Im Anschluß an ihre Trennung konnte M. wie so oft nicht rekonstruieren, was dazu hatte führen können, daß sie mit einem solchen Menschen liiert gewesen war.
Bevor sie Philip traf, war sie mit einem älteren Mann zusammen gewesen. Er hatte einen altdeutschen Namen und verkehrte in den Kreisen des sogenannten Bildungsbürgertums. Sie gingen zu zahlreichen Anlässen von gesellschaftlicher Wichtigkeit, und er lehrte sie, das Richtige zu sagen und zu tragen. Er selbst war ohne Gleichen kultiviert, trug Maßgeschneidertes in gedeckten Tönen und wußte zu jeder Zeit gekonnt in eine beliebige Fachsimpelei einzustimmen. Dabei war seine Omnipotenz keineswegs aufdringlich und sein unverbindlicher, zurückhaltender Auftritt machte ihn zu einer beliebten Persönlichkeit. Auch privat war er ein Leisetreter, dessen Sanftmut den beiden eine ewig harmonische Zweisamkeit garantiert hätte. Wäre er nicht früh gestorben, würde sie ihn sogar ein Leben lang an ihrer Seite ertragen habe.

Als er tot war, stellten sich wider Erwarten Gefühle bei ihr ein, die sie denken machten, sie hätte einen Befreiungsschlag unternommen. Mit einem Mal haßte sie all die Möbel und die vielen Kleinigkeiten, die sich im Laufe ihrer Partnerschaft angehäuft hatten. Sie brachte nicht die Geduld auf, Käufer für den umfangreichen Besitz zu suchen und so zerschredderte sie das Gros ihrer Habe. Von diesem Moment an wohnte sie Zeit ihres Lebens ohne schmückendes Mobiliar und mühte sich aus Angst, irgendwann eine Sammelleidenschaft auszubilden und wieder von unnützen Gütern erstickt zu werden, um größtmögliche Askese. Eine Ausnahme machte sie bei den Büchern, mit denen sie sich zu Hunderten umgab. Bücher waren ihrer Meinung nach keine gewöhnlichen Gegenstände, sondern in Bande geschlagene Vergangenheit. Hielt sie sonst jeden, der in irgendeinem Ding etwas von sich selbst zu entdecken glaubte, für einen bemitleidenswerten Sentimentalen, passierte es ihr doch bei Auszug eines ehemals Geliebten, daß sie dessen mitgenommene Bücher nur aus dem Grunde nachkaufte, um seine andernfalls schmerzlich vermißten Titel als Buchrücken in ihren Regalen zu erhalten.

Arne, ihr Ehemann, wenngleich nicht derjenige, demgegenüber sie die tiefste Verbundenheit empfand, besaß keine Bücher.

Zehn Jahre nach einer aussichtslosen Romanze waren sie sich wieder über den Weg gelaufen und der Grund für M.s Entschluß, eine Ehe mit ihm einzugehen, war der im weinseligen Zustand gefaßte Vorsatz, diesen schönen Mann zu heiraten, sollte sie ihn bloß wiedersehen. Als sie sich dergleichen noch wünschte, ertränkte sie gerade das Selbstmitleid einer Verschmähten in Absinth. Denn nach nur wenigen Wochen hatte Arne die Arme einer verwitweten Großindustriellen den ihren vorgezogen.
M. fühlte sich in jener Zeit verliebt wie nie und glaubte seinethalben den Quell ihrer schwindenden Jugend endgültig versiegt.
Arne war der unerreichbarste Mensch für sie. Seine Abwesenheit machte ihn zu einem Abgott, dem sie immer abwegigere Talente und Eigenschaften andichtete. Bis sie ihn wiedersah, konnte kein Mann ihr gerecht werden. Obendrein wurde sie lebensmüde, vernachlässigte sich und alles, was ihr teuer war, als wolle sie Sühne leisten, weil sie ihr Leben durch ihre Unzulänglichkeit verwirkt hatte.
In der Tat war seine Rückkehr kurzzeitig die Triebfeder ihrer wiedergewonnenen Schaffenskraft. Je tiefer sie jedoch Einblick in sein Inneres erlangte, desto weniger fand sie darin. Das, was sie sich von ihrem Leben erträumte, hatte sie mit der kopflosen Heirat nun unwiderruflich verwirkt.
Einseitige Wahngebilde krallten sich in ihr fest.
Sie fand sich an der Seite eines eitlen, die Einfalt in all ihren Darreichungen dankbar aufsaugenden Geldsacks. Seine Gedankenlosigkeit hatte sie einmal als überlegte Enthaltung ausgelegt. Entliebt hatte sie nur noch Augen für seine Erbärmlichkeit.
Das Pathos ihrer Leidensvision, in der Arne das Wasser in der Hand des gütigen Vaters war, das sie vor dem Verdursten zu retten hatte, schrumpfte zu etwas Trivialem, Abgeschmacktem, zu einer Irrung zusammen.
M. war nie eine Verdurstende und konnte ihren Mann insofern nicht mehr für sich gebrauchen. Dennoch existierte neben der Bitterkeit etwas, das zu verleugnen ihr alle Kraft nahm. Sie liebte Arne.




4. Abreise

Die Sonne sank allmählich. Arne war der Hitze und des Lesens überdrüssig und fand nichts, um sich von seinem gedanklichen Martyrium abzulenken.
Immer wieder fragte er sich, wie M. ihm so hatte entgleiten können. Ihm war, als sehe er sie in ihrem Liegestuhl zerfallen. Sie vertrocknete vor seinen Augen und er fand weder Worte, mit denen er sich an sie hätte wenden können, noch den Ursprung ihrer Abkehr vom Leben. Obgleich er spürte, wie sehr alles mit seiner Person zusammenhing, war er der Entwicklung gegenüber im Entscheidenden blind und machtlos.
M. wußte nichts von seiner Not, denn sie hatte mit allen endgültig abgeschlossen, was zur Folge hatte, daß sie niemandes- und schon gar nicht Arnes- Anteilnahme mehr in Betracht zog.
Sie lag ungerührt da und wußte längst nicht mehr, ob sie überhaupt noch am Leben oder ob das schon ihr Tod war.
Eine Mücke setzte zum Landeanflug auf ihre Schläfe an. Das Geräusch ihres Flügelschlags ließ sie an eine anfahrende Straßenbahn denken. Als sie nichts mehr hörte, rappelte sie sich hoch und sah hinüber zu den Klippen. Sie wanderte davon und die anderen sahen ihr nach. Keiner von ihnen wollte sie aufhalten und, obwohl nicht ein Wort gesprochen wurde, herrschte Einvernehmen darüber, wovon sie Zeuge waren und was jetzt zu tun beziehungsweise nicht zu tun war. Sie legten sich wieder und schlossen die Augen.
Als sie dabei waren, ihre Strandsachen zu verstauen, um aufzubrechen, sah Carmen eine Gestalt nahen.
M. war zum Entsetzen aller zurückgekehrt. Sie lächelte.

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