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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Wasserturm
Eingestellt am 23. 09. 2000 19:06


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Norbert Hilgers
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

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Nachdem der Donner mir fast das Trommelfell zerrissen hatte, dringt nun der aufgewirbelte Staub ├Ątzend in Mund, Nase und Augenlieder. Wie Puderzucker bedeckt er meinen dunklen Ledermantel den ich wegen der eisigen K├Ąlte eng um mich gebunden habe. Sehr schnell ist es gegangen, ganz anders als es in den Reportagen im Fernsehen gezeigt wird. Nachdem das Dynamit gez├╝ndet hatte waren an mehren Stellen des alten Turmes kleine Lichtblitze zu sehen gewesen. Backsteine waren durch die Kraft der Explosion aus ihrem Verbund gerissen worden und hatten dem Turm seine Stabilit├Ąt genommen. Zuerst sah es aus als w├╝rde er widerstehen. Er zitterte nur ein wenig, neigte sich dann langsam und bed├Ąchtig zur Seite. Er starb wie er gelebt hatte m├Ąchtig und voller W├╝rde. Viele Jahrzehnte hatte er das Bild unserer Stadt gepr├Ągt, war Symbol von Wachstum und Wohlstand. Nun erinnerte nur noch ein rauchender Haufen Schutt an seine ├╝ber vierzigj├Ąhrige Existenz. Dies ist ein Begr├Ąbnis ohne Pfarrer, Kr├Ąnze oder Blumen. Die Wenigen die gekommen sind wenden sich aufregenderen Dingen zu, f├╝r sie hatte der Turm keine Bedeutung. F├╝r mich war er ein Freund, mehr noch ein Eingeweihter ein Mitverschw├Ârer. Hatte er doch ein Geheimnis bewart welches ich seit seinem Bau im Herbst 1952 mit ihm teilte. Damals war ich an seiner Entstehung mitbeteiligt. Nein nicht als Konstrukteur oder Bauleiter, da├č kam erst sehr viel sp├Ąter Ich musste mir mein Studium mit Hilfsarbeiten auf dem Bau verdienen. Hier lernte ich auch Klara kennen. Klara war die Tochter meines Poliers. Hennes wurde er damals genannt in Wirklichkeit hie├č er Hans Keller, war ca. 40 Jahre alt, und hatte schon damals Gicht in den Knochen. Klara, auch nach 40 Jahren scheint ihr helles Lachen noch vom Wind mitgenommen und zu mir her├╝bergetragen zu werden. Siebzehn bescheidene Jahre, und einen Glanz in den Augen der soviel Lebensfreude widerspiegelte, da├č mir ganz schwindelig wurde. Klara war nur einmetersechzig gro├č, hatte nussbraune toupierte Haare wie es zu jener Zeit Mode war, und fast schwarze Augen. Ihre Fingern├Ągel waren rot angemalt wenn wir uns trafen. Die erste Liebe traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und alle sp├Ąteren Begegnungen und Beziehungen erreichen nie wieder eine derart tiefe Verunsicherung und Bindung. Wir trafen uns heimlich, die Tochter des Poliers Keller, und der Student Rainer Hoffmann. Unser erster Treffpunkt war der Stadtpark, wo wir jedoch schnell feststellten das es zu viele Menschen in dieser Stadt gab, die mich oder Klara kannten. Warum niemand von unserer Freundschaft wissen sollte kann ich nicht begr├╝nden, ich glaube das diese erste Liebe viel zu pers├Ânlich war , als das Andere daran teilhaben oder auch nur davon wissen sollte. Wir kamen schnell auf einen viel besseren privateren Treffpunkt, die Baustelle neuer Wasserturm. Hier kannte ich alle Winkel und Verstecke. An den Wochenenden ruhten die Bauarbeiten, und ein Loch im Bauzaun war schnell geschnitten, Das war unser Versteck, wir trafen uns jeden Samstag und Sonntag-nachmittag hinter der Baubude ihres Vaters, welches wir ganz besonders komisch fanden. Hier konnten wir die unterschiedlichsten Pers├Ânlichkeiten annehmen, wir spielten Romeo und Julia. Wir betrachteten den Turm wie unsere Burg und kamen uns vor wie Lanzelot und Genoveva. Wir waren wieder Kinder und lie├čen Sie wieder unbek├╝mmert aus uns heraus. Klara beherrschte perfekt die Kunst der Verwandlung und ├╝berraschte mich immer aufs neue mit dieser Eigenschaft. Der Zeit der fast kindlichen Spiele folgte die Zeit der Tr├Ąume und Enddeckungen, wir entwarfen unsere Traumwelt, und schwelgten in naiven Gedanken. Auch entdeckten wie nach und nach den K├Ârper des anderen. Wir trafen uns viele Male bis wir uns das erste mal k├╝ssten. Die Sinnlichkeit ihre Hand zu streicheln, das Lachen in ihren Augen all das Wenige das doch tief ins Herz traf. Wir schliefen nie miteinander, dennoch war das Gef├╝hl mit meiner Hand das erste mal ihren kleinen Busen ber├╝hren, elektrisierender als ein Stromschlag. Der Bau des Wasserturmes zog sich noch ├╝ber den ganzen Herbst hin. Die ganze Woche ├╝ber fieberte ich unseren Treffen entgegen. Ende August 1952 sollte Richtfest gefeiert werden. In dieser Woche wurde schon am Donnerstag Nachmittag nicht mehr gearbeitet, so da├č wir uns am selben Abend trafen. Klara hatte ihr kurzes gebl├╝mtes Kleid an. Die obersten Kn├Âpfe hatte sie kurz bevor sie den Bauzaun erreichte aufgekn├Âpft so dass, wenn ich wenn sie sich zu mir herabbeugte ihre Br├╝ste sehen konnte. Sie war an diesem Nachmittag aufgeregter und anziehender als je zuvor, sie redete in einem fort von sich und von ihren Tr├Ąumen und Hoffnungen. Als sie mir einen Ku├č gab bemerkte ich, da├č sie etwas getrunken hatte, es war nicht viel, und es war bei Gott nicht soviel das sie nicht mehr wu├čte was sie wollte. Sie wu├čte genau was sie wollte. Als sie die Holzleiter zur ersten Plattform des Rohbaues hinaufstieg und mir ein Zeichen gab das ich ihr folgen sollte, konnte ich erkennen das sie nichts unter ihrem Kleid trug. Ich kletterte wie ein Irrer die Leiter hinauf, sah sie aber schon den Aufstieg zur zweiten Plattform nehmen. Viel zu langsam durchdrang die Erinnerung an das was Klaras Vater mir heute morgen noch eingeh├Ąmmert hatte mein hormongeschw├Ąngertes Gehirn. Die Haltebolzen der zweiten Plattform waren zum gr├Â├čten Teil schon entfernt worden. Nur ein kleines ├ťbergangsst├╝ck hinter der Leiter war f├╝r die Arbeiter die mit den Abrissarbeiten besch├Ąftigt waren gesichert worden. Bevor ich Klara jedoch warnen konnte h├Ârte ich den kurzen Schrei und den nachfolgenden dumpfen Schlag mit dem ihr schmaler K├Ârper auf den Beton aufschlug. Danach folgte bleierne Stille. Ich war starr und v├Âllig benommen vor Schrecken, meine Beine zitterten so stark, da├č ich die Tritte der Holzleiter verfehlte und beinahe ebenfalls hinabgest├╝rzt w├Ąre. Sicher hatte es nur wenige Sekunden gedauert bis ich bei ihr war, aber die Zeit schien f├╝r mich endlos. Da lag sie. Sie schien zu schlafen. Mir war als h├Ątte sie sich nur hingelegt um mit ihren dunklen Augen den Himmel zu betrachten, so wie wir es oft zusammen taten. Ihr kurzes buntes Kleid hatte sich ├╝ber ihre Oberschenkel gezogen, und in meiner Hilflosigkeit war das erste was ich tat es so zu ordnen, da├č niemand es sehen konnte. Ich nahm ihren Kopf in meine H├Ąnde, und hoffte in ihren Augen einen Funken von Erkennen zu entdecken. Ihre Wangen waren warm ihre Lippen rot, und schmeckten wie immer.Nur erwiderte sie meinen Ku├č nicht. Ihre Haare, die kleine rosa Spange mit der sie sie in den Nacken gebunden hatte, alles wirkte so lebendig. Komm steh auf, lass uns tanzen, der Mond ist heute nur f├╝r uns beleuchtet. Ich schlang meine Arme um ihren Oberk├Ârper zog sie zu mir auf den Scho├č, so sa├čen wir da Stunde um Stunde w├Ąhrend ich erz├Ąhlte. Die Tr├Ąnen die mir die Wange herunterliefen vermischten sich mit dem Blut das sich unter ihr gesammelt hatte und bildete eine rosa Lache. Ich sprach von all den Dingen, die wir noch vor uns hatten, lauter irren Kram, verr├╝cktes Zeug. L├Ąngst war es Nacht geworden, und der K├Ârper in meinen Armen wurde kalt. Den Gedanke jedoch mich von ihr zu trennen schob ich immer weiter vor mir weg. Hier hatte ich die bisher gl├╝cklichsten Stunden meines Lebens verbracht, hier wollte ich bei ihr sein. Erst gegen Mitternacht konnte ich meine Gedanken soweit ordnen, da├č ein Plan in meinem Kopf Gestalt annahm. Ich legte Klaras K├Ârper auf meinen Jacke und machte mich roboterhaft an die Arbeit. Gegen Mittag hatte man begonnen eine Verschalung auszugie├čen, der Beton mu├čte noch weich sein, so da├č ich Teile aus ihm entfernen konnte. Nach einer Stunde Arbeit hatte ich ein so gro├čes St├╝ck beseitigt, da├č Klaras K├Ârper in die entstandene Offnung passen mu├čte. ich hatte den Ausbruch so gestaltet das Klara sitzen konnte. Behutsam umfa├čte ich ihre schmalen H├╝ften, und trug sie zu ihrer letzten Ruhest├Ątte. Sie sa├č da wie eine griechische G├Âttin in der von Mondlicht schwach ausgeleuchteten Grube. Der ben├Âtigten Beton war schnell gemischt, und nach und nach verschwand Klara hinter einer Schicht aus Sand und Steinen. Nachdem ich die Spuren unserer Anwesenheit beseitigt hatte schlich ich todm├╝de zur├╝ck in mein Studentenwohnheim.

Die Untersuchungen ├╝ber das r├Ątselhafte verschwinden Klaras zogen sich mehrere Monate hin.Auch ich wurde befragt, aber der Beamte legte wenig Enthusiasmus an den Tag, so da├č mein erfundenes Alibi nie auf den Pr├╝fstein gelegt wurde. Ich arbeitete noch vier Monate auf der Baustelle wo ich mich immer ganz in der N├Ąhe von Klara f├╝hlen konnte Mein Studium als Wasserbauingenieur schlo├č ich wenige Jahre sp├Ąter ab. Ich habe mich dann hier beim Bauamt des Kreises beworben, und mit Gl├╝ck und Beziehungen den Posten erhalten,. Auch der Wasserturm geh├Ârte zu meinem Kontrollbereich. Wann immer es mir die Zeit erlaubte besuchte ich Klara, ich lehnte mich an das Mauerwerk und teilte mit ihr meine Tr├Ąume und Sorgen. Klara war immer ein geduldiger Zuh├Ârer und in ihrer Anwesenheit entstanden die besten Ideen. Dann wurde ich in eine andere Stadt versetzt und als dann Helga in mein Leben trat, und mehr und mehr Klaras Stelle einnahm, wurden die Besuche am Wasserturm immer seltener. Es kam mir wie Betrug an Beiden vor. Immer umgab dieser stille Vorwurf unsere wenigen Treffen. Es vergingen dann einige Jahre ohne das ich Klara besuchte.
Erst die Meldung im Rheinkurier, da├č der alte Wasserturm gesprengt werden sollte brachte Klara zur├╝ck in mein Leben.

Der letzte Rauch hat sich verzogen, der Staub sich gelegt. Die Rose die ich mitgebracht habe lege ich hier ins Gras f├╝r dich Klara. Ich werde dich vermissen Wasserturm, doch langsam wird mir klar das die Zeit uns Beide l├Ąngst eingeholt hat.

__________________
Norbert Hilgers

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micl
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 5
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Hei├čt die nicht Genevra ?
Bisserl viele Namen, die wenig zur Sache tun.
Erinnert mich stark an das Speichersterben in meiner Heimatstadt Duisburg. Bei uns kamen aber 500.000 (!) Leute um den Milcht├╝te genannten Kornspeicher fallen zu sehen, der Symbol des vergangenen Reichtums des Ruhrgebiets war.
Dieses gef├╝hl, da├č etwas geht, was gehen muss und nicht mehr zur├╝ck zu holen ist hatte ich damals auch.

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