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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Weg ins Licht
Eingestellt am 29. 08. 2014 15:02


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CPMan
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Registriert: Aug 2014

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„Der Planet Saturn“, sagte der Nachrichtensprecher, „ist verschwunden. Wie die Sprecher der nationalen und internationalen Observatorien berichten, ist der zweitgrĂ¶ĂŸte Planet des Sonnensystems seit sechs Uhr sechsunddreißig mitteleuropĂ€ischer Zeit weder mit Teleskopen noch mit Mitteln der Radioastronomie zu orten. Die Wissenschaftler stehen vor einem RĂ€tsel.“

Viele der Studenten, die sich in der Cafeteria der UniversitĂ€t befanden, schauten gebannt zum Fernseher. Von stiller Faszination und leisem Schock erfĂŒllt, verfolgten sie den Bericht des Nachrichtenmagazins. Es schien mir, als sei ich der einzige, der sich nicht fĂŒr die Nachrichten interessierte. WĂ€hrend die verschiedenen Experten im Fernsehen die unterschiedlichsten ErklĂ€rungsansĂ€tze fĂŒr das Verschwinden des Gasplaneten bemĂŒhten und dabei ĂŒber Umfang, Dichte, GrĂ¶ĂŸe und Umlaufbahn schwadronierten, ruhte mein Blick auf der engelsgleichen Gestalt, die in der anderen Ecke der Cafeteria saß und ab und zu verschĂ€mt zu mir herĂŒber schaute. Eine junge Frau.

Sie war schön. Sie hatte blonde, lange Haare, stahlblaue, wache Augen und einen feinen, matten Teint. Sie war in hellen Farben gekleidet, sie trug eine lange, weiße Leinenhose und eine dazu passende, cremefarbene Bluse. Die Kleidung verlieh ihr eine luftige Leichtigkeit. Als sie aufstand und verschwand, schien es mir, als schwebe sie ĂŒber dem Boden. Ich war versucht, ihr nachzulaufen, um sie noch lĂ€nger betrachten zu können, ließ es aber bleiben. Es war dieses altbekannte GefĂŒhl: UnbĂ€ndiges Verlangen nach einer Frau bei gleichzeitiger Gewissheit, so ein Geschöpf wie dieses niemals besitzen zu können. Sie war nicht nur, wie man so schön sagt, außerhalb meiner Liga, nein, sie war aus einer anderen Welt.

Nach einer etwa zehnminĂŒtigen Phase der Frustration erhob ich mich Ă€chzend von meinem Stuhl um mich auf den Weg in das Romanische Seminar zu machen. Ich hatte mich fĂŒr das Seminar mit dem hochtrabenden Titel Kulturwissenschaft fĂŒr Romanisten: Menschenbilder im historisch-anthropologischen Denken von Las Casas bis Foucault bei Dr. Karimi entschieden, und wollte nicht wieder zu spĂ€t kommen.
Ich stand also auf, drĂ€ngte mich an den zum Fernseher starrenden, wie zu SalzsĂ€ulen erstarrten Studenten vorbei und verließ die Cafeteria. Ich ging den Laubengang der altehrwĂŒrdigen UniversitĂ€t entlang, schritt quer ĂŒber den Arkadenhof und verschwand dann im SĂŒdtrakt, in dem die SeminarrĂ€ume des Romanischen Instituts untergebracht waren.

Das UniversitĂ€tsgebĂ€ude war ein ehemaliges KurfĂŒrstenschloss. Mitten in der Stadt erhob sich ein prĂ€chtiges GebĂ€ude aus MarmorsĂ€ulen, TĂŒrmen, GalerieflĂŒgeln und BogengĂ€ngen, in dem nun die Schöpferkraft der Bildung herrschte. Auch das Romanische Seminar wirkte mit seinen mit Stuck verzierten und von DeckengemĂ€lden verschönerten RĂ€umen wie eine WirkungsstĂ€tte elitĂ€rer Geister. Ich studierte gerne dort und verbrachte gelegentlich Zeit in der großen Bibliothek. Nicht immer um zu lesen, sondern um die AtmosphĂ€re auf mich wirken zu lassen.

Als ich in den Raum kam, in dem das Seminar stattfinden sollte, traf es mich wie der Blitz.
Im Raum saßen vier mĂ€nnliche Studenten. Es schien als gehörten sie zusammen, denn alle trugen sie Reiterhosen und Reitersteifel. Offenbar waren sie Mitglieder einer Burschenschaft. Zu den Reiterhosen und Reiterstiefeln trugen sie Jerseyhemden in den Farben Weiß, Rot, Schwarz und fahles Beige. Sie erinnertem mich an Jockeys.
Aber der eigentliche Schock rĂŒhrte von der Gestalt her, die inmitten der vier MĂ€nner Platz genommen hatte: Es war jene junge Frau, die ich wenige Minuten zuvor noch in der Cafeteria bewundert hatte.
Der wilde Schlag meines Herzens kam erst zur Ruhe, als Dr. Karimi den Raum betrat, ebenso verwundert dreinblickte wie ich kurz zuvor, und dann hinter dem Pult Platz nahm. Er hatte einen Haufen BĂŒcher dabei, auf deren RĂŒcken in großen, goldenen Lettern so erlesene Namen standen wie Sartre, Camus, Hegel, Heidegger und Foucault.
„Guten Tag“, begrĂŒĂŸte er uns, „gerne wĂŒrde ich sagen, dass ich mich freue, dass sie so zahlreich erschienen sind, aber bei sechs Studenten scheint mir diese Einleitung doch ein wenig deplatziert.“
Wir lÀchelten höflich.
Anschließend ließ Dr. Karimi eine Anwesenheitsliste herumgehen, auf der wir uns eintragen sollten. Da die Liste zuletzt bei mir ankam, konnte ich den Namen der Studentin lesen: Sie hieß Lilith Mangan und hatte, so vermutete ich, einen angelsĂ€chsischen Hintergrund.
Dann gab Dr. Karimi noch eine Literaturliste herum, die uns mit der bevorstehenden SeminarlektĂŒre bekannt machen sollte. Zu jedem der neunundvierzig dort angefĂŒhrten AufsĂ€tze oder Monographien erzĂ€hlte er etwas. Er begrĂŒndete in einem ellenlangen Monolog seine Auswahl und skizzierte anhand dieser Werke grob die Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte.
WÀre ich dem Anblick von Lilith nicht so ergeben gewesen, hÀtte ich vor Langeweile wohl zu gÀhnen angefangen.
Nach anderthalb Stunden war die erste Sitzung vorĂŒber. Wieder wagte ich es nicht, mich ihr zu nĂ€hern, und so sah ich ihr erneut dabei zu, wie sie mir entschwebte.
Anschließend ging ich, mich ĂŒber mich selbst Ă€rgernd, zurĂŒck in meine bescheidene Studentenwohnung.

Ich war noch nicht lange in der Stadt und so verbrachte ich viel Zeit alleine. Die Studentenwohnung war möbliert, bis auf den Computer, das Radio und die Kleidung im Schrank besaß ich nichts. Ich war alleine, aber nicht einsam.
Als ich zu spĂ€ter Stunde ins Bett ging, lief im Hintergrund eine Sondersendung zum Verschwinden des Saturns. Erneut sprachen Experten ĂŒber Sternenbilder, schwarze Löcher, fremde Galaxien und die Milchstraße. Doch trotz all des Wissens blieb das Verschwinden des Saturns ein RĂ€tsel. Ich schaltete das Radio aus, schaute durch das Fenster hinauf zum Vollmond und schlief selig ein.

In meinem Traum begegnete mir die junge Frau.
Aus der Dunkelheit kam sie auf mich zu, ein LĂ€cheln auf dem Gesicht.
„Komm mit, Dante, ich fĂŒhre dich!“, sagte sie.
„Ich heiße nicht Dante!“, erwiderte ich.
Aber sie lÀchelte nur und nahm mich bei der Hand.
Als ich spĂŒrte wie die Spitzen ihrer Finger die Haut meiner HandinnenflĂ€chen berĂŒhrten, erwachte ich.

Da war ich wieder, in meiner Welt. Im VerÀndern begriffen.

Ich ging ans Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Obwohl sich mir das gleiche Bild bot wie an Tagen zuvor – alte Damen und Herren mit ihren Rollatoren, Malergesellen auf dem GerĂŒst am GebĂ€ude gegenĂŒber, Kinder mit Schultornistern, ein Kiosk, Stadtbusse und PKW - schien die Welt doch eine andere. In jedem dieser Menschen war die Information eingepflanzt, dass ein gesamter Planet einfach verschwunden war. Und wie bedeutend war das eigene Leben angesichts eines solchen kosmischen Ereignisses?


Ich ging duschen, putzte mir anschließend die ZĂ€hne und machte mir FrĂŒhstĂŒck. Ich setzte mich an den Schreibtisch, der gleichzeitig auch mein KĂŒchentisch war und aß mein KĂ€sebrot. Aus Langeweile schaltete ich das Radio ein.

„..seit gestern keinen Kontakt mehr zum gesamten nordamerikanischen Kontinent. LangstreckenflĂŒge mussten nach SĂŒdamerika umgeleitet werden, bei der Notlandung einesAir France Airbus im atlantischen Ozean sind vermutlich alle Insassen ums Leben gekommen. Satellitenbilder zeigen einen weißen Fleck an der Stelle, an der sich gestern noch die Vereinigten Staaten und Kanada befanden. Auch Alaska ist verschwunden. Nach dem plötzlichen Verschwinden des Planeten Saturn ist dies das zweite, unerklĂ€rliche Verschwinden eines Teiles der uns bekannten Welt. Der PrĂ€sident und der Bundeskanzler riefen in Ansprachen an die Nation zu Besonnenheit auf. Ruhe, so der Kanzler, sei nun die erste BĂŒrgerpflicht. Im Anschluss an diese Sendung gibt es einen Sonderbericht
“

Ich schaltete das Radio aus. Hatte ich richtig gehört? Wachte oder trÀumte ich?

Ich stand auf und warf erneut einen Blick aus dem Fenster. Es bot sich mir ein wenig beunruhigendes Bild: Menschen auf dem Weg zu ihrer alltĂ€glichen BeschĂ€ftigung, PKW und LKW krochen im zĂ€hfließendem Verkehr die Straße hinauf, zwei alte Damen unterhielten sich unten am Haus, vermutlich ĂŒber das Wetter.

Nicht wissend, was ich von all dem zu halten hatte, machte ich mich auf dem Weg ins CafĂ© Blau, ein privat gefĂŒhrtes CafĂ©, das vornehmlich von Studenten besucht wurde. Ich war mit Marco Virgili verabredet, einem Sportstudenten aus Italien. Ich hatte mich bei einem so genannten Buddy Programm beworben, bei dem deutsche Studenten ihre auslĂ€ndischen Kommilitonen alles Wesentliche zeigten, im Sprachtandem die eigene Sprache lehrten und die fremde Sprache erlernten.
Marco war sehr groß und muskulös. Er hatte ein scharf geschnittenes Gesicht, eine gerade Nase und Haar wie Ebenholz, schwarz und krĂ€ftig. Sein HĂ€ndedruck gab mir jedes Mal das GefĂŒhl, klein und schmĂ€chtig zu sein. Neben ihm war ich das auch.
„Hast du gehört? Die Welt geht unter“, begrĂŒĂŸte mich Marco mit einem verschmitzten LĂ€cheln, als ich zum CafĂ© Blau herein kam.
Ich lĂ€chelte zurĂŒck.
„Si, questa ù la fine del mondo“, erwiderte ich.
Gefangen in unserer spontanen Weltuntergangsstimmung, bestellten wir eine Flasche teuren Wein und eine KÀseplatte dazu. Beides war mit unserem spÀrlichen Studentenbudget kaum zu bezahlen, aber wir hatten einen guten Grund.
„Vielleicht gibt es kein Morgen mehr“, sagte Marco.
„Che ù possibile“, erwiderte ich.
Und so genossen wir den Wein und den KĂ€se, sprachen ĂŒber Gott und die Welt, beobachteten die jungen, hĂŒbschen Studentinnen, die zur TĂŒr herein kamen und begossen die aufkeimenden Knospen unserer noch jungen Freundschaft mit Alkohol. Es war herrlich.
„Eins verstehe ich nicht“, sagte ich unvermittelt zu Marco.
Er schaute mich an.
„Was verstehst du nicht?“
„Nun, wenn der Saturn tatsĂ€chlich verschwunden ist und Amerika auch, dann mĂŒsste doch das kosmische Gleichgewicht, oder wie man das nennt, völlig aus den Fugen geraten sein, oder nicht? Ich meine, mĂŒsste es nicht Meteoriten regnen, mĂŒsste es nicht Erdbeben oder Tsunamis oder Hitzewellen oder so was geben?“
Marco nickte und ĂŒberlegte. Dann nahm er das Weinglas in die Hand, murmelte etwas auf Italienisch und stĂŒrzte dann den Rest Wein die Kehle runter.

Zwei Stunden spĂ€ter, nach dem Leeren einer ganzen Flasche Wein, verabschiedete ich mich von Marco, ging am hellichten Tage zurĂŒck in meine Studentenwohnung und machte ein Nickerchen. Durch das halb geöffnete Fenster drangen die GerĂ€usche der Alltagswelt in meine Wohnung und hinderten mich am Einschlafen. Ich stand noch einmal auf und schloss das Fenster. Mit dem Aufschlagen der Fensterinnenkanten auf die Silikondichtungen verstummten die GerĂ€usche abrupt. Es war, als befĂ€nde ich mich plötzlich in einem Vakuum, als hĂ€tte ich mit dem simplen Verschließen eines Fensters die Nabelschnur zur Außenwelt gekappt. Ich fĂŒhlte mich in meinem kleinen Zimmer plötzlich wie ein Astronaut in einem Raumschiff, das plan- und haltlos durch das Universum trieb.

Ich legte mich hin und schlief sofort ein.

Als ich wieder aufwachte, war es dunkel. Ich war ob dieser Finsternis leicht irritiert, meinem Empfinden nach hatte ich maximal eine halbe Stunde geschlafen. Die leichte Irritation schlug plötzlich, ohne besonderen Grund, in eine handfeste Panik um. Ich stĂŒrzte zum Fenster und schaute hinaus.

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, jedenfalls ließ der Blick zum Fenster mich prompt ruhiger werden. Ich sah das, was ich immer sah, wenn auch diesmal im Schein der Straßenlaternen, die die dunklen Straßen, HĂ€user und Gehwege erleuchteten: Alte Damen und Herren mit ihren Rollatoren, Malergesellen auf dem GerĂŒst am GebĂ€ude gegenĂŒber, Kinder mit Schultornistern, ein Kiosk, Stadtbusse und PKW.

Ich ĂŒberlegte, wie ich den Abend verbringen sollte. Noch immer war ich leicht betĂŒddelt vom Wein, aber ich war schon wieder Herr meiner Sinne. Ich hatte Hunger, aber nichts mehr zu essen. Ich beschloss, in die BĂ€ckerei unten um die Ecke zu gehen und dort etwas Brot zu kaufen. GlĂŒcklicherweise war ich noch in voller Montur, ich musste lediglich eine Jacke ĂŒberwerfen.
Als ich wenige Minuten spĂ€ter die BĂ€ckerei betrat, erklang das altbekannte Glöckchen, das die Ankunft eines Kunden bekanntgab. Im Laden befanden sich zwei alte MĂ€nner, die sich offenbar ĂŒber das Verschwinden des großen Kontinents mokierten.
„Die neue Welt war ohnehin ĂŒberflĂŒssig“, sagte der eine. „Hat nur Scherereien gemacht, ein Krieg nach dem anderen, Korea, Vietnam, die Golfkriege und Afghanistan. Ist nicht schade um diese Welt!“
„Genau“, stimmte der andere ein, „wir brauchen die nich, nee nee, die brauchen wir nich!“
Ich schwieg und stellte mich geduldig in eine Ecke des Raumes.
Nein, dachte ich, die brauchen wir nicht. Wir richten die Welt auch so zugrunde.
Dann kam die BĂ€ckerin zurĂŒck aus dem hinteren Raum, zwei Brotlaibe in der Hand.
„So, Herr Irlmaier, Herr Oldag“, sagte sie, „hier sind ihre Brote.“
Beide MĂ€nner verstauten die Brote in ihren Einkaufsnetzen und gingen davon. Ich orderte das gleiche Brot, bezahlte und machte mich dann auf den Weg zurĂŒck in meine Wohnung.

Geschlagene drei Stunden verbrachte ich vor meinem Fenster. Ich schaute in den Himmel, ich schaute auf die Straße. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich sah die mir so bekannte und vertraute Welt plötzlich mit anderen Augen. Der Planet Saturn, den ich meinem Leben noch nie gesehen hatte, war weg. Der amerikanische Kontinent, den ich noch nie bereist hatte, war plötzlich verschwunden. Und obwohl ich diese Teile des mir bekannten Universums nicht zum Überleben benötigte, fĂŒhlte ich mich in meiner Existenz bedroht. Wie konnte das sein? Woher kam diese undefinierbare Angst? Wie konnte es geschehen, dass sie in meinen Körper kroch, mich ganz und gar erfĂŒllte und mir auf beĂ€ngstigende Art und Weise den Boden unter den FĂŒĂŸen wegzog?
Ich konzentrierte mich auf die Menschen auf der Straße. Schau doch, sagte ich zu mir selbst, da sind sie doch noch, die Menschen. Wir sind noch da. Die alte umherirrende Dame, der junge Mann mit der Lederjacke, das hĂŒbsche PĂ€rchen auf dem Weg ins Kino. Es fand noch statt, das normale Leben. Und ich war immer noch Teil davon.
FĂŒr einen Moment ĂŒberlegte ich, ob dies alles vielleicht nur ein groß angelegter Schabernack war. Eine Aufzeichnung der Versteckten Kamera, ein von langer Hand geplanter Scherz meiner Freunde aus der Heimat, eine experimentelle Studie des Psychologischen Instituts, ein an den Film Truman Showangelehntes Doku-Drama. Aber alle diese Theorien erschienen mir wenig plausibel.

Ich tat, was ich tun musste. Als mich die MĂŒdigkeit ĂŒbermannte, legte ich mich ins Bett und schlief sogleich ein.

In dieser Nacht trÀumte ich nichts.

Ich kann mich nicht an das Aufwachen erinnern, genauso wenig wie an meinen allmorgendlichen Gang ins Badezimmer oder zum Kleiderschrank. Diese tÀglichen HandlungsablÀufe sind aus meiner Erinnerung verschwunden. Ein totales Blackout.

Aber an das Einschalten des Radios kann ich mich erinnern. An die Stimme der Nachrichtensprecherin.

„
am Morgen den Hafen von Calais verlassen hatten, kehrten nach achtstĂŒndiger Irrfahrt wieder zurĂŒck in den Hafen. Die Sicht im Ärmelkanal war ungetrĂŒbt, sodass eine meteorologische ErklĂ€rung wenig wahrscheinlich scheint. Auch die Chunnel ZĂŒge kehrten zurĂŒck, als die achtzig Meter unter der Erde befindlichen Gleise in eine Wolke aus dichten, dunklen Rauchschwaden mĂŒndeten und die LokfĂŒhrer zur Umkehr zwangen. Noch ist nicht zweifelsfrei geklĂ€rt, inwiefern der europĂ€ische Kontinent vom Rest der Welt abgeschnitten ist. Einige Experten stellen sich die Frage, ob der europĂ€ische Kontinent nun tatsĂ€chlich als einzig verbliebene, von Menschen bewohnbare ErdoberflĂ€che gelten kann.“

Schockiert torkelte ich vom Radio weg, als ginge eine unsichtbare Kraft von ihm aus. Ich musste mich an meinem Stuhl abstĂŒtzen, so wackelig waren meine Knie. Was ging hier vor sich? England verschwunden? War Europa plötzlich nichts weiter als eine dahin treibende Insel auf dem Planeten Erde? War die Welt einfach verschwunden, oder war sie gestohlen worden? Wurden wir vielleicht sogar angegriffen? Was war mit Asien, mit Afrika, mit Australien?

Ich stĂŒrzte wieder zum Fenster, doch ich sah das gleiche, alte Bild: Alte Damen und Herren mit ihren Rollatoren, Malergesellen auf dem GerĂŒst am GebĂ€ude gegenĂŒber, Kinder mit Schultornistern, ein Kiosk, Stadtbusse und PKW.

Aber hatte der Anblick mich an den Tagen zuvor noch beruhigt, bewirkte er nun das genaue Gegenteil. Ich wurde plötzlich panisch, ich hatte das GefĂŒhl, keine Luft mehr zu bekommen, zu ersticken. Ich spĂŒrte den unbĂ€ndigen Drang in mir, die Wohnung zu verlassen und schreiend auf die Straße zu stĂŒrzen.

Nur mit MĂŒhe und Not konnte ich diesem Impuls widerstehen. Ich erinnerte mich an die erste BĂŒrgerpflicht: Ruhe bewahren. Haltung annehmen.
Ich ging also duschen, trocknete mich ab, putzte mir die ZĂ€hne, rasierte mich. Ich hielt mich sklavisch an den gewohnten Tagesablauf, in der Hoffnung, eine beruhigende Wirkung zu verspĂŒren. Und tatsĂ€chlich, ich wurde klarer im Kopf. Das Schmieren des Brötchens, das Kochen des Kaffees, das Abwaschen und Trocknen des Geschirrs, all diese TĂ€tigkeiten machten mich glauben, es hĂ€tte sich nichts verĂ€ndert. Und so schaute ich auf meinen Stundenplan fĂŒr den Tag, und holte das hierfĂŒr notwendige Material.

Eine halbe Stunde oder eine Stunde spĂ€ter, ich weiß es nicht genau, verließ ich meine Wohnung und ging zur UniversitĂ€t. Menschen liefen an mir vorbei, sie sahen gewöhnlich aus und auch ihre Mimik, ihre Gestik und ihr Gang verrieten mir nicht, ob sie tief drinnen genauso beunruhigt waren wie ich. Gerne hĂ€tte ich etwas darĂŒber erfahren, aber ich traute mich nicht, sie anzusprechen. Was hĂ€tte ich sie auch fragen sollen?

Ich ging in die Bibliothek des Romanischen Seminars.

Als ich die Bibliothek betrat, schien es mir fĂŒr einen Moment, als bebte die Erde. In einer Art Schwindel gefangen, verlor ich fĂŒr einen kurzen Moment das Gleichgewicht. Ich lehnte mich an den TĂŒrrahmen und merkte, wie ich leicht fiebrig wurde. Eine Bibliotheksangestellte kam freundlich und mit besorgter Miene auf mich zu.
„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte sie.
Ich nahm Haltung an.
„Danke, es geht schon!“, erwiderte ich.
Als die Bibliotheksangestellte sich wieder entfernte, versuchte ich mich mit beiden Beinen auf den Boden zu stellen. Ich wollte Standfestigkeit, ich wollte Energie durch meinen Körper fließen spĂŒren, ich wollte Gewissheit, dass ich noch Herr meiner Sinne und meines Körpers war.

Es gelang. ZunÀchst.

Ich tappte mich weiter vor, tief in die Romanische Bibliothek hinein. Ich ging die Treppe hinunter, die in den Keller fĂŒhrte. Ich trat durch die KellertĂŒr, schloss sie hinter mir und bewegte mich auf die Regale zu. Ich wollte mich zu Proust’s Suche nach der verlorenen Zeit durchschlagen, ich wollte die sieben, goldenen EinbĂ€nde einzeln in meiner Hand fĂŒhlen und Zuflucht suchen in der Passage, in der der Ich-ErzĂ€hler eine Madeleine in den Tee tunkt.

Es gelang. ZunÀchst.

Gerade als ich mit Proust’s Ich-ErzĂ€hler die Kindheit und Jugend rekapitulierte, ging die KellertĂŒr auf und Lilith, der goldene Engel, betrat den Raum. Und mit ihrem Anblick ging ein lauter Donner einher und wieder bebte die Erde. Gottseidank saß ich, aber nicht wenige BĂŒcher fielen aus den Regalen auf den Boden und landeten direkt vor meinen FĂŒĂŸen.

Ich begann zu schwitzen.

Lilith, der goldene Engel, kam direkt auf mich zu. Als sie vor mir stand, war mir, als stĂŒnde ich vor einem gleißend hellen Licht. Sie strahlte, dergestalt, dass ich ihr Gesicht nur schemenhaft wahrnahm.
„Es ist Zeit zu gehen“, sagte Lilith in sanftem Tonfall zu mir.
„Wohin?“, fragte ich verwundert. Der Schweiß rann mir das Gesicht herunter.
„Ins Licht“, sagte sie nur und griff nach meiner Hand. Bereitwillig gab ich sie ihr.


Und so stiegen wir die Treppe empor, und als wir die KellertĂŒr öffneten, erblickte ich dahinter das Nichts.
„Wo ist das Licht?“, fragte ich Lilith.
Lilith lÀchelte.
„Wir durchschreiten das Tal der Finsternis. Dahinter liegt das Licht“.

Dann drĂŒckte Lilith meine Hand und wir traten in das Nichts.

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Ironbiber
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Eine berĂŒhrende Kurzgeschichte, ...

gut geschrieben und an den fundamentalen Ängsten der Menschen rĂŒttelnd.

Man kann beim Lesen direkt spĂŒren, wie dieses irreale Szenario in die eigene Gedankenwelt eindringt und Beklemmung provoziert. Auch finde ich die Pointe der Traumfrau, die den Protagonisten am Ende hin zum Licht fĂŒhrt nicht vorhersehbar und deshalb sehr gut gelungen.

Mein Kompliment – das erste Werk und schon ein kleiner Diamant der nachdenklich stimmenden Kurzgeschichte (zumindest fĂŒr mich).

Ein Willkommen von mir auf der Leselupe und freundliche GrĂŒĂŸe vom Ironbiber
__________________

"Der liebe Gott hĂ€tte lĂ€ngst wieder eine Sintflut geschickt, wenn die erste was genĂŒtzt hĂ€tte." (Willy Reichert)

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DocSchneider
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Hallo CPMan,

eine gut geschriebene Geschichte mit ĂŒberraschenden Elementen. Die tiefe Verunsicherung und Angst erinnerte mich an den Roman "Die Wand" von Marlen Haushofer.

Einzig die Beschreibung des Engels empfinde ich als zu klischeehaft: NatĂŒrlich hat er/sie lange blonde Haare, blaue Augen, sogar stahlblaue!, und einen hellen Teint und ebensolche Kleidung.

Das offene Ende gefÀllt mir sehr!

LG Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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DasKatastrophenprinzip
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Hallo CPMan,

tolle Geschichte.

Lilith, Dante und Virgili(us).
HÀtte mir inhaltlich was Auffallen können, hÀtte ich Dante oder Vergil gelesen, oder waren diese Namen mehr oder weniger zufÀllig gewÀhlt?
Lilith zeigt sich als guter Engel, wenn sie ihn denn ins Licht fĂŒhrt; eine positive Darstellung, die ich als Frau begrĂŒĂŸe.

An einer Stelle habe ich gestutzt:

quote:
Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, jedenfalls ließ der Blick zum Fenster mich prompt ruhiger werden. Ich sah das, was ich immer sah, wenn auch diesmal im Schein der Straßenlaternen, die die dunklen Straßen, HĂ€user und Gehwege erleuchteten: Alte Damen und Herren mit ihren Rollatoren, Malergesellen auf dem GerĂŒst am GebĂ€ude gegenĂŒber, Kinder mit Schultornistern, ein Kiosk, Stadtbusse und PKW.

Abends laufen noch Kinder mit Schultornisern rum? Mich hÀtte das sofort beunruhigt. Vielleicht war das genau deine Absicht, weil das gleiche Bild ihm spÀter Angst einjagt?

Danke fĂŒr tolle Geschichte, ich freue mich schon auf die anderen.

Liebe GrĂŒĂŸe
K.
__________________
Alles, was wir ĂŒberhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein.

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