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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Weihnachtsversuch
Eingestellt am 05. 12. 2005 08:51


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Rudolf Wolter
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Der Weihnachtsversuch
Sie kam nicht drum herum, sie musste daran vorbei. Das war eben der Weg zur U-Bahn. Wenn doch nur die Taschen nicht so schwer wĂ€ren! Die Henkel schnitten in ihre kaltschmerzenden Finger. Ab und zu blieb sie stehen, setzte die Taschen ab. Alles hatte sein Gewicht: Die BĂŒcher fĂŒr Johanna, natĂŒrlich Krimis, etwas anderes las sie ja nicht, als ob es noch nicht genug Verbrechen gĂ€be in der Welt, etwas Elektronisches fĂŒr Jens, er hatte es aufschreiben mĂŒssen, es war etwas gegen die Kabel in der Wohnung, der VerkĂ€ufer, den sie sich richtig erwartete, denn er hatte viel zu tun mit anderen Kunden, die einfach schneller waren, lĂ€chelte karg, als sie ihm den zerknitterten Zettel zeigte, und dann die Geschenke fĂŒr die Kinder, so einen Mann im Ohr, Janina wird nun auch schwerhörig sein, nicht anders als die kessen MĂ€dchen in der Bahn, die entweder mit dem Handy fummelten oder den Musikern Befehle gaben, und nichts wahrnahmen von der wirklichen Welt, und Jonathans Spielzeug, Konsole heißt das, Oma, Konsole, und nach den Auspacken wĂŒrde er schnell in sein Zimmer verschwinden, aus dem man dann nur noch SchĂŒsse hörte
 Sie nahm die Taschen wieder auf. Zu dem Fleisch fĂŒrs Fondue hĂ€tte sie nicht auch noch Kekse backen sollen. Sie rieb sich die HĂ€nde, blies warm hinein und nahm die Taschen wieder auf.
Kein Mensch war hier unterwegs am Heiligen Abend. In den PfĂŒtzen spiegelten sich die Glaspyramiden. Plötzlich waren die Worte in ihrem Kopf: „Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus.“ Hier war kein Fenster erleuchtet. Die Wirtschaftskrieger waren alle daheim bei ihren Familien oder auch nicht. Jetzt machten sie kein Geld mehr. Waffenstillstand. Hier und da verschwendete sich ein großmĂ€chtiges erleuchtetes Firmenschild. Himmelhoch tĂŒrmten sich die glĂ€sernen WĂ€nde, die aber keinen Einblick zuließen. Fenster sind die Augen der HĂ€user. Diese tausend Augen waren blind. Sie wunderte sich ĂŒber ihre Gedanken. Aber sie liefen ihr einfach davon, sie liefen vor ihr her die leere Straße entlang.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht
“ Sie konnte nicht sagen, woher ihr diese Worte kamen, auf einmal waren sie da. Und Maria wich den PfĂŒtzen aus, und sie war schwanger. Sie folgte mĂŒde dem verzweifelnden Joseph, der mit seinem knotigen Stock zu jedem Eingang stiefelte, erst mit knochigen Knöcheln klopfte, dann mit seinem Stecken hĂ€mmerte, aber niemand machte auf. Hier öffnete niemand eine TĂŒr. In diesen stillen Straßen gab es noch nicht einmal einen Stall und eine Krippe, das Kind zu betten. Hier gab es nur Banken und Versicherungen, Holdings und Handelsgesellschaften. Sie wird heute niederkommen mĂŒssen auf den kalten Marmorplatten vor der vielflĂŒgligen GlastĂŒr einer Versicherung. Vielleicht ist es ja eine Lebensversicherung. Gottvater hat Humor, sonst hĂ€tte er sich nicht ein kleines Volk von Schaf- und Ziegenhirten erwĂ€hlt.
Sie setzte wieder ihre lastenden Taschen ab und holte tief Luft. Was fĂŒr ein Widerspruch, diese Geschichte vom Stall, dem Kind in der Krippe, den dunklen Hirten auf dem Felde, und diese Welt hier aus GlaspalĂ€sten und GmbH und Co KG. Aber vielleicht ging es ja darum an diesem Tag. Römische Krieger mit Schilden und Speeren gab es nicht mehr und keinen Augustus im fernen Rom. Aber die Soldaten waren nicht einfach verschwunden, sie hatten nur ihre RĂŒstung abgelegt und kleideten sich jetzt in Schlips und Kragen. Denn immer noch ging es ums Geld, um die Macht, und sie waren nĂ€her daran, die Welt zu beherrschen als je zuvor. Und erschlugen sie keine Menschen mehr? Ihre Spieße und Schwerter waren Dateien und Bildschirme, oder auch Minen, Panzer und Flugzeuge, doch diese eben nicht hier, sondern weit draußen. Brachten sie denn nicht immer noch Menschen um Lohn und Brot, um Haus und Hof? Starb denn niemand mehr in Kriegen, die er nicht verstand?
Jetzt hatte sie es nicht mehr weit. Da hinten sah sie schon das warm und weiß strahlende U auf blauem Grund, blau wie der Mantel der Maria. Mit klammen Fingern griff sie nach ihrem Taschen. In der fast leeren U-Bahn setzte sie sich dem jungen Paar gegenĂŒber. Er hatte einen Arm um sie gelegt. Sie trug ein Kopftuch. Ihre HĂ€nde lagen auf dem gewölbten Bauch.
Sie konnte nicht verstehen, was er sagte, aber sie verstand. Weihnachten war ein jĂ€hrlich wiederkehrender Versuch. Das Licht um das kleine Kind mĂŒht sich Jahr um Jahr, die Finsternis zu erhellen. Wir brauchen den Frieden. Wir brauchen eine andere Ordnung in der Welt, wir brauchen sie bald.
Angekommen bei den Kindern, wunderte sie sich sehr. Niemand widersprach, als sie den Weihnachtsversuch wagte. Sie zĂŒndete die Kerze vor der Krippe aus dem Erzgebirge an, die Johanna tatsĂ€chlich aufgebaut hatte. Voriges Jahr schien sie sich gar nicht darĂŒber zu freuen, als sie die Figuren aus dem Seidenpapier wickelte. Aber jetzt war sie aufgebaut auf der grĂŒnen Weihnachtsdecke unter dem Christbaum, wo sonst immer die Pakete lockten. Es schien, als wĂ€re sie die wirkliche Bescherung. Niemand protestierte, als sie den Fernseher ausschaltete, in dem ein Kinderchor „White Christmas“ sang, wie schon fĂŒnf Wochen lang im Kaufhaus. Johanna löschte das große Licht. Die Kerze vor der Krippe strahlte, als sei sie der Stern. Auch Janina und Jonathan sagten kein Wort, sondern saßen still am Tisch, als sie die Weihnachtsgeschichte las. Nein, sie las sie nicht. Eine Bibel war nicht im Haus. Sie trug sie vor, aus dem Kopf, in den ihre Lehrerin sie vor Jahrzehnten eingegraben hatte, und sie fand jedes einzelne Wort: „Es begab sich aber zu der Zeit
“
Weil ihre Augen nicht an den Buchstaben klebten, konnte sie der Familie am Tisch in die Augen sehen. Bei dem „FĂŒrchtet euch nicht“ blickten alle vier auf, als hĂ€tten sie es gehört, und als es hieß „Friede auf Erden“, schien Jens aufzuatmen.
Als die wundersame Geschichte verklungen war, blieb es noch eine Weile still. Dann wurden die Kinder hinausgeschickt. So war es ĂŒblich in jedem Jahr. Jens suchte sein Feuerzeug in der Tasche, ging zum Baum, um die Kerzen anzuzĂŒnden. Johanna kniete vor dem Wohnzimmerschrank und holte die bunten PĂ€ckchen hervor, baute sie neben der Krippe auf, links fĂŒr Janina, rechts fĂŒr Jonathan. Licht um Licht flammte darĂŒber auf, machte den Raum warm, wie er nur zu Weihnachten sein kann. Danach nahm Johanna die kleine Porzellanglocke aus dem Regal, mit der die Kinder gerufen werden sollten.
Als Jens von dem Baum zurĂŒcktrat, sagte er leise: „Ab MĂ€rz habe ich keine Arbeit mehr.“ Da stand sie auf und nahm ihn in ihre Arme, sie die alte Frau den erwachsenen Mann, und sie antwortete ihm mit ebenso verhaltener Stimme: „Du hast es doch gehört: FĂŒrchtet euch nicht und Friede auf Erden.“ Sie bĂŒckte sich und hob die kleine Krippe hoch, in der das Kind lag: „Schau, es liegt nur in einer Futterkrippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“
Johanna fasste nach der Hand ihres Mannes, drĂŒckte sie und sagte fest und bestimmt: „Sie werden verlieren. Sie haben nicht mit dem Kind gerechnet.“

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flammarion
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zum heulen schön. damit beginne ich mein zweites weihnachtsalbum!
lg
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