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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Wert des Geldes
Eingestellt am 20. 04. 2010 01:16


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schreibhexe
Festzeitungsschreiber
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Der Wert des Geldes

Eigentlich h√§tte ich auf der Piste ins Tal fahren sollen. Aber als Neuling in diesem Gebiet traute ich mir die steile Abfahrt am Sp√§tnachmittag nicht mehr zu. Ich gestehe, ich bin nicht sehr mutig. Eine gewisse Sicherheit ziehe ich falschem Ehrgeiz eindeutig vor. Meine Beine zitterten nach einem anstrengenden, aber sehr befriedigenden, ja gl√ľcklichen Tag und ich war m√ľde. M√ľde und ganz erf√ľllt vom Erlebnis dieses strahlenden, kalten Wintertages, von schnellen Abfahrten im knirschenden Schnee und eindrucksvollen Aussichten auf die hohen Gipfel des Zentralmassivs. Kaum hatte ich mich trennen k√∂nnen von der durchsonnten Stille der majest√§tischen Landschaft, nur unterbrochen von den Schleifger√§uschen der Skier im Schnee. Doch letztlich hatte mir die sich neigende Sonne den fortschreitenden Nachmittag angezeigt und mich an die letzte Abfahrt des Lifts erinnert.
Rechtzeitig an der Bergstation angekommen, erlebte ich eine b√∂se √úberraschung. Weit und breit war ich der einzige Passagier. Ein Verbotsschild verweigerte den Einstieg. Ich ignorierte es ebenso wie eine Absperrung, die ich √ľberkletterte. Verwundert und ver√§rgert fragte ich mich, welchen Grund es geben sollte, die Talfahrt zu verbieten? Schlie√ülich hatte mich beim Kauf der Liftkarte niemand auf die Sperrung hingewiesen und ich war wirklich ausgepowert. Die letzte Abfahrt wollte ich um keinen Preis auf der Piste fahren. Was, wenn ich st√ľrzte und mich verletzte? Dort unten w√§re ich ganz allein. Keiner k√∂nnte mich finden. Mein Handy hatte ich dummer Weise zu Hause liegen lassen. Ich h√§tte in die Skikanten bei√üen k√∂nnen. Doch es war nun nicht zu √§ndern. Allm√§hlich begann es auch zu d√§mmern. Nein, das Risiko war mir zu gro√ü und die Aussicht auf eine bequeme Abfahrt im Lift sehr verlockend. Entspannt lehnte ich mich also in den Sessel zur√ľck, baumelte mit den Skiern und gab mich der sanften Gleitfahrt hin. In wenigen Minuten w√ľrde mich der Lift ins Tal getragen haben.
Die Baumgrenze war schon erreicht, die Sonne hinter den h√∂her werdenden Gipfeln verschwunden, deren letzte schr√§ge Strahlen sie in ein r√∂tliches Gl√ľhen eintauchte; vom Tal her kroch blau die D√§mmerung herauf und unter mir ragten die ersten Fichtenw√§lder dunkel die Steilh√§nge empor. Es wurde k√§lter.
Da ruckte es und der Lift stand.
Ein tiefer Schreck durchzuckte mich. Verdammt noch mal, es war doch noch nicht sechzehn Uhr. Was war geschehen? Ein Defekt? Ein Stromausfall? Man w√ľrde ihn sicherlich schnell beheben. Mach dir keine Sorgen. In wenigen Minuten wird es weitergehen.
Doch Minute um Minute zerrann, nichts geschah.
Einzig eine Schar Kr√§hen fiel in die Fichtenwipfel ein. Sie kreisten kr√§chzend am Himmel, bevor sie ihr Nachtlager aufsuchten. Jetzt war nichts Erhabenes mehr zu sp√ľren. Ich f√ľhlte mich ausgeliefert in luftiger H√∂he, ausgeliefert der beginnenden Dunkelheit, der K√§lte, ohne Boden unter den F√ľ√üen.
Da fing ich an zu rufen. Unter mir wedelten die letzten Skiläufer die Piste abwärts; ich konnte sie im Dämmerlicht noch erkennen, aber sie hörten mich nicht. Oh, wäre ich doch bloß die Piste gefahren!
Nun hing ich da, wohl zwanzig Meter √ľber der Schneedecke, nicht einmal in der N√§he einer St√ľtze, an der ich mich vielleicht h√§tte herunterhangeln k√∂nnen. Nichts zu essen. Nichts zu trinken. Aller Proviant aufgezehrt. Kein Handy, mit dem ich h√§tte Hilfe herbei rufen k√∂nnen und es wurde unerbittlich dunkler.
Was haben die Leute eigentlich fr√ľher ohne Handy gemacht? schoss es mir durch den Kopf. Offenbar haben sie deutlich gef√§hrlicher gelebt. Steinzeit! Nun hing ich da oben im Sessel und f√ľhlte mich in die Steinzeit zur√ľck katapultiert, nur weil versagende Technik und meine Vergesslichkeit eine unheilige Allianz eingegangen waren. Vielleicht aber hatte die Technik gar nicht versagt? Vielleicht hatte das Liftpersonal einfach Feierabend gemacht in der Gewissheit, dass niemand kommen w√ľrde? Siedendhei√ü fiel mir die Absperrung auf der Bergstation ein. Nat√ľrlich! Die waren gar nicht darauf eingestellt, dass da noch jemand unterwegs war. Geballte Wut erfasste mich. Mir steht eine eiskalte, einsame Nacht im Sessellift bevor, nur weil die vor Feierabend zu faul sind, die Strecke noch einmal abzufahren. Wenn ich erst mal hier befreit bin, kriegen die eine Klage an den Hals, die sich gewaschen hat. Gott sei Dank halten mich mein Skianzug und meine Handschuhe warm.
Inzwischen war es v√∂llig dunkel geworden. √úber mir ein klarer Sternenhimmel, ein untr√ľgliches Zeichen f√ľr eine eisige Nacht. Die Milchstra√üe quer √ľber den Himmel war deutlich zu erkennen. Unter anderen Umst√§nden h√§tte ich mich wohl faszinieren lassen. Jetzt aber war sie Grund f√ľr h√∂chste Besorgnis. Ich stellte mir vor, wie man mich in den Morgenstunden steif gefroren finden w√ľrde. Ich b√§umte mich auf:
Hilfe! Hilfe!
Ich schrie mir die Seele aus dem Leib. Herrgott nochmal, h√∂rt mich denn keiner? Es muss mich doch jemand h√∂ren! Allm√§hlich wurde mir klar, dass es ernst war. Panik √ľberfiel mich. Mir fiel meine Freundin ein. Wie sehr w√ľnschte ich mir, ich w√§re jetzt bei ihr und unserem Kind. Die beiden hatten nicht mitkommen k√∂nnen, weil die Kleine einen Schnupfen hatte. Sie fehlten mir so sehr. Was sollten sie machen, wenn ich nicht mehr da w√§re? Mein Kind w√ľrde ohne Vater aufwachsen. Die beiden brauchten mich doch.
Ich wollte leben!
Meine Eltern fielen mir ein, mit denen ich hier ein paar Tage Urlaub verbrachte. Die Reise war ein Geburtstagsgeschenk. Oh, dieses vermaledeite Geburtstagsgeschenk! Ich glaube, meine Mutter w√ľrde es nicht √ľberleben, ihren einzigen Sohn zu verlieren. Mein ganzes Leben lang hat sie √§ngstlich √ľber mir gewacht, damit mir ja nichts passiere, ihrem Einzigen. Als Junge war es immer schwer gewesen, mir heimliche Freir√§ume zu verschaffen. Dauernd hat sie mich bevormundet, dauernd mich unter eine K√§seglocke gestellt.
Meine Freunde und Studienkollegen fielen mir ein. Was w√ľrden sie wohl sagen? Der traut sich ja nichts? Selber schuld?
Durch meinen Schneeanzug f√ľhlte ich bereits die K√§lte kriechen. Stell dich nicht so an! Die K√§lte bildest du dir nur ein. Denk an deine Freundin, an ihre W√§rme. An dein Kind, wie es seine √Ąrmchen um dich schlingt. Das wird dich warm halten. Ach, wenn ich sie nur herbeirufen k√∂nnte!
Das ist es: Telepathie! Das hat man doch schon oft gehört: Einer ist in großer Not und ein Angehöriger bekommt es plötzlich mit der Angst zu tun. Also, konzentriere dich. Richte deine ganze Aufmerksamkeit auf deine Freundin. Auf deine Eltern. Schrei sie an in Gedanken. Vielleicht merken sie ja, was mit dir ist.
Ach Quatsch. Man w√ľrde mich auch so vermissen. Sicherlich beunruhigten sich meine Eltern l√§ngst. Oder meine Freundin. Sie erwartete heute Abend meinen Anruf. Vielleicht hatten sie bereits die Bergwacht alarmiert. Tr√∂stlich stieg dieser Gedanke in mir auf und ich wurde ruhiger. Wenn ich erst mal wieder festen Boden unter den F√ľ√üen h√§tte, w√ľrde ich allen erz√§hlen, was f√ľr ein tolles Abendteuer ich hier erlebt habe.
Nein, das tust du nicht. Du m√ľsstest ja von deiner eigenen D√§mlichkeit berichten.
Diese Finsternis! Was knackt da in den Bäumen? Wahrscheinlich sprengt der Frost einen Ast ab oder irgend ein Wild streift durchs Unterholz.
Langsam kriecht M√ľdigkeit in meinen Kopf, in meine Glieder. Etwas schlafen. Etwas Kraft sch√∂pfen. Die Zeit schlafend √ľberbr√ľcken. Die K√§lte sp√ľre ich gar nicht mehr so sehr. Mir ist sogar ein wenig wohlig, tr√§umerisch.
Doch da schrak ich hoch. Du darfst nicht schlafen. Hast du nicht immer gelesen, geh√∂rt, dass man bei Frost nicht einschlafen darf? Dass man sonst erfriert? Mir fielen meine Jugendb√ľcher von Jack London ein, diesem abenteuerlichen Goldsucher am Yucon. Ach was, dein Anzug h√§lt dich doch warm. M√ľtze und Kapuze fest um den Kopf gezurrt, die F√§ustlinge an den H√§nden, so kann ich mir ein Nickerchen doch leisten, oder? Tr√§ge sackte ich wieder in mich zusammen.
Wenn ich nur die Skier abschnallen k√∂nnte. Sie baumelten mittlerweile wie Kl√∂tze an meinen F√ľ√üen. Ich werde sie abwerfen. Vielleicht kann ich sie hier ja irgendwie aufstellen? Ich muss sie doch dem Skiverleih zur√ľckbringen. Jetzt war ich wieder ganz wach geworden. Auch mein Hintern war schon ganz taub. Wann merkten die denn im Hotel endlich, dass ich nicht zur√ľckkomme? Jetzt k√∂nnte die √Ąngstlichkeit meiner Mutter einmal von Nutzen sein.
Ich beugte mich nach vorn √ľber den B√ľgel, der mich festhielt, um an meine Skibindungen zu kommen, versuchte die linke vorsichtig zu l√∂sen und gleichzeitig den Ski mit der rechten Hand festzuhalten. Tats√§chlich, das gelang, trotz der dicken Handschuhe. Jetzt den Ski schwenken, in den Liftsessel bugsieren, senkrecht stellen, mich weit nach hinten setzen, ihn
mit dem R√ľcken festhalten und dann den anderen Ski l√∂sen. Da rutschte der erste Ski weg und st√ľrzte in den Abgrund.
Himmelverdammichnochmal!
Ist ja auch klar, wenn ich mit untauglichen Mitteln arbeite. Kein Riemen, um den Ski am Sessel festzuschnallen. Aber den anderen Ski muss ich auch los werden. Egal, ob er abst√ľrzt. Meine F√ľ√üe f√ľhlen sich an wie Eiszapfen. Wenigstens haben die Turn√ľbungen meinen Kreislauf wieder in Schwung gebracht.
Wie lange hänge ich denn schon hier oben? Drei Stunden? Meine Uhr zeigt sieben. In der Dunkelheit sehe ich die Leuchtzeiger. Wie die Zeit dahin schleicht! Grausiger Gedanke, dass ich noch eine ganze Nacht vor mir habe. Wie stehe ich das bloß durch?
Ich k√∂nnte heulen! Wie sagt man doch? Auf See und vor Gericht in Gottes Hand? Hier oben ganz sicher auch. Wenn dir sonst niemand hilft, vielleicht hilft dir ja Gott. Aber wer ist das? Die Unbekannte in einer Gleichung? In welcher Gleichung? Heutzutage sind wir aufgekl√§rt und der Kosmos ist so was von erforscht. Das ist alles Sache von Physikern und Kosmologen. Da wird beobachtet, vermessen, berechnet. Wo sollte da Gott sein? Genauso gut kannst du an Astrologie glauben. Eher schon glaube ich an den Satz: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Trotzdem: Irgendwie ist es schon sch√∂n, mir etwas H√∂heres als mich selbst vorzustellen. Man f√ľhlt sich so ... so ... bescheiden und ... getragen. Meine Gedanken trieben ab.
Lieber Gott, bitte, bitte, mach, dass ich hier weg komme!
Ach Schei√üe! Soll er mir Fl√ľgel wachsen lassen?
Ich zitterte am ganzen Körper. Vielleicht gibt mir ja dieser Gott noch einen klugen Gedanken ein?
Was hab ich noch in meinem Rucksack? Wie blind und voll hektischer Unruhe streife ich die Schultergurte ab, bugsiere ihn nach vorne und taste in ihm herum. So also f√ľhlt es sich an, wenn man blind ist. Ist noch Kaffee in der Thermosflasche? Wenigstens ein winziger Schluck? Das t√§te jetzt gut. Nein, die Flasche ist leer. Aber hier: Mein Feuerzeug. Jetzt kann ich etwas Licht machen. Ein wenig schwindet das Gef√ľhl des Ausgesetztseins. Das Feuerzeug hilft, meine Panik im Zaum zu halten. Es ist ein Funke, etwas Vertrautes.
Da: Unter mir in einiger Entfernung kriechen Schneeraupen den Hang hinauf. Ich sehe ihre Lichter, ich h√∂re ihre Motoren. Sie pr√§parieren die Piste f√ľr morgen. Vielleicht kannst du sie irgendwie auf dich aufmerksam machen.
Und ich schrie und rief und wedelte mit den Armen, ich suchte noch einmal im Rucksack nach Dingen, die ich verwenden konnte, um auf mich aufmerksam zu machen. Die Landkarte konnte ich doch zu einer Art Fahne umfunktionieren. Sie w√ľrde wei√ü in der Dunkelheit erscheinen und von unten gut gesehen werden. Wenn es doch nur etwas Mondlicht g√§be, wenn in der Schw√§rze doch nur jemand heraufblickte!
Nein, dieses Signal mit der Landkarte war wohl zu schwach. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen. Im Rucksack fand ich noch mein Portmonee. Aber was sollte ich damit anfangen?
Verzweifelt brach ich zusammen. Nun fing ich wirklich an zu heulen. Die mögliche Rettung in greifbarer Nähe und trotzdem hoffnungslos. Keine Chance mich bemerkbar zu machen. Stattdessen hielt ich mein Geld in den Händen. Dieses Scheißgeld!
Wieder begann ich zu schreien, zu rufen, meine Stimme krächzte nur noch: Hilfe, Hilfe!
Die Raupen fuhren aufw√§rts, abw√§rts, planierten den Boden, gleichm√ľtig eine Bahn nach der anderen ziehend. Allm√§hlich kamen die Scheinwerfer und der Motorenl√§rm etwas n√§her. Doch mein Rufen blieb ungeh√∂rt.
Ich zermarterte mir mein Hirn. Was musste ich anstellen, um mich bemerkbar zu machen? Ich stellte mir vor, ich w√§re einer der Fahrer da unten. Was m√ľsste geschehen, damit ich trotz Motorenl√§rm nach oben blickte?
Es m√ľsste etwas sein, das ich aus den Augenwinkeln sehen, das mich interessieren w√ľrde, etwas Bewegtes, etwas, das mich √ľberraschte. Etwas Helles, Blitzendes. Etwas, das nicht hierher geh√∂rte. Eine Sternschnuppe zum Beispiel. Aber wie eine Sternschnuppe jetzt hierher zaubern? Ich benahm mich wie ein Kindskopf. Ach, h√§tte ich doch nur eine Leuchtrakete!
Ich könnte ja ... Einen Versuch war es wert. So etwas wie eine Leuchtrakete könnte ich mir selbst basteln. In irrer Hoffnung dachte ich plötzlich mein Feuerzeug und meine Geldscheine zusammen. Die Wirkung wäre zwar mit einer Leuchtrakete nicht im Mindesten vergleichbar, aber einen Versuch war es wert ...
Rasch z√§hlte ich meine Geldscheine, es waren acht. Jeder Einzelne k√∂nnte meine Rettung sein. Lie√üen sie sich denn √ľberhaupt anz√ľnden? Und brannten sie gen√ľgend lange? W√ľrden sie nicht ausgehen w√§hrend ihres Falls zu Boden? Wenn das gel√§nge! Dies w√§re die Investition meines Lebens. Lieber, lieber Gott, lass dies Experiment gelingen, ich bitte Dich!
Feierlich und √§ngstlich zugleich zog ich meine Handschuhe aus, nahm den Schein mit dem geringsten Wert (warum eigentlich?), √∂ffnete mein Feuerzeug und z√ľndete ihn an einer Ecke an. Er brannte. Ich schwenkte ihn hin und her, er brannte weiter. Die Flamme war nicht sehr hell, ich zweifelte, ob sie aus der Entfernung √ľberhaupt gesehen werden konnte; aber der Schein brannte, langsam, bed√§chtig, kein Strohfeuer. Ich lie√ü den brennenden Schein los. Langsam schwebte er ‚Äď nein, nicht zu Boden, sondern durch die Hitze aufw√§rts getrieben, in die H√∂he. Dort spr√ľhte er Funken, entfaltete sein Licht und sank dann erst, schw√§cher brennend, langsam in die Tiefe. Mehr konnte ich mir nicht w√ľnschen.
Ich fing wieder an zu schreien, mit der Landkarte zu wedeln. Zusammen mit dem brennenden Geldschein musste ich doch gesehen werden. Das musste doch auffallen.
Dann wartete ich ein Weilchen. Mit den Geldscheinen musste ich sparsam umgehen, durfte mein Pulver nicht zu schnell verschießen. Auch wenn ich inzwischen von einer wahnwitzigen Ungeduld getrieben wurde.
Was machten die Schneeraupen jetzt? Ihr Dr√∂hnen war etwas lauter geworden, ihre Lichtkegel schienen etwas n√§her zu kommen. Aber immer noch arbeiteten sie gleichm√ľtig weiter. Niemand hatte anscheinend etwas Auff√§lliges wahrgenommen.
Inzwischen war es neun Uhr abends geworden, der Frost immer beißender, meine Lage immer verzweifelter. Damit ich nicht ganz steif vor Kälte wurde, schlug ich meine Arme um meinen Körper, immer wieder, immer wieder.
Ich nahm mir vor, alle f√ľnfzehn Minuten einen Geldschein zu verbrennen. Ich hatte also noch knapp zwei Stunden. Dann musste ich gefunden worden sein. Wenn nicht, war das mein sicherer Tod.
Zehn Minuten sp√§ter z√ľndete ich den zweiten Geldschein an. Auch er brannte gleichm√§√üig, nicht zu stark und nicht zu schwach, auch er schwebte zun√§chst in die H√∂he, dann spr√ľhte er eine Anzahl Funken, wahrscheinlich verbrannte der Sicherheitsstreifen aus Aluminium, und sank schlie√ülich im Schw√§cherwerden der Flammen allm√§hlich in die Tiefe. Da er aber gr√∂√üer war, war er auch l√§nger zu sehen.
Warten. Warten auf Reaktionen. Und rufen. Sich die Seele aus dem Leib schreien.
Nichts. Wieder nichts. Ich st√ľrzte in schwarze Verzweiflung. Mein Tod war wohl schon beschlossene Sache.
Wieso kamen keine Suchhubschrauber? Wieso hatte ich nur mein Handy liegen gelassen? Es hatte eine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und meiner Mutter gegeben. Mein Vater hatte sich eingemischt. Beide nahmen mir meine Extratour, wie sie es nannten, √ľbel. Sie meinten, es w√§re leichtsinnig, alleine, ohne Gruppe ins Hochgebirge zu fahren. Ich w√ľrde die Gegend doch gar nicht kennen. Sie hatten von Lawinengefahr gesprochen und von Gletscherspalten. Sie trauten mir einfach nichts zu. Dabei hatte ich mich vorher bei einem Bergf√ľhrer genau erkundigt. Es war immer das Gleiche. Vor √Ąrger war ich fahrig geworden. Ich brauchte diese Auszeit. Ich wollte so schnell wie m√∂glich weg, weg von meinen Eltern. Da musste ich wohl im letzten Augenblick mein Handy vergessen haben. Diese Unachtsamkeit sollte jetzt mein Tod sein.
Wieder einmal zermarterte ich mir mein Hirn. Ich war so m√ľde. Wenn ich nur schlafen d√ľrfte!
Blick auf die Armbanduhr, f√ľnfzehn Minuten vorbei, der n√§chste Geldschein. Wieder das kleine Feuerwerk, wieder keine Reaktion. Und noch einmal und noch einmal. Die Raupen arbeiteten und arbeiteten und nichts √§nderte sich.
F√ľnf Geldscheine waren verbraucht, drei noch √ľbrig. Jetzt konnte nur noch ein Wunder geschehen. Fast schon fand ich mich damit ab, dass man mich nicht rechtzeitig finden w√ľrde. Ich versank in Apathie.
Ich musste wohl tatsächlich einige Minuten geschlafen haben. Mit einem Ruck und voll Schrecken erwachte ich wieder, schaute auf die Uhr. Höchste Zeit, den nächsten Geldschein zu verbrennen.
Ist doch eigentlich egal. Die bemerken mich ja doch nicht. Was macht das schon, wenn ich weg bin? Sterben m√ľssen wir alle. Die Einen fr√ľher, die Anderen sp√§ter. Und dein M√§dchen? Und dein Kind? Willst du sie wirklich allein lassen? Der Gedanke mobilisierte meine Lebenskr√§fte wieder. Also, Geldschein verbrennen. Mit den Augen folgte ich seiner Leuchtspur. Unten drehte eine der Schneeraupen kurz ihren Lichtkegel in meine Richtung. Pl√∂tzlich war ich wieder ganz da. Vor lauter Hoffnung schrie ich wild auf:
Hilfe! Hilfe! Hier bin ich!
Doch niemand dachte daran, den Motor auszuschalten. Der Lärm verschluckte all mein Schreien. Wie bisher auch. Irgendetwas muss denen jedoch aufgefallen sein. Schnell den nächsten Geldschein hinterher.
Bitte, bitte! Schaut in meine Richtung. Stellt den Motor ab!
Und tatsächlich: Der Lichtkegel der Raupe von vorhin wanderte wieder in meine Richtung. Suchte am Lift entlang, sah mich aber nicht.
Hilfe! Ja, hier bin ich! Hier oben!
Niemand hörte mich, wie bisher auch. Verzweiflung machte sich wieder breit. Mit flatternden Nerven fingerte ich den letzten Geldschein aus der Tasche.
Der letzte Geldschein. Wenn sie den nicht beachten, dann bin ich geliefert. Ich k√ľsste ihn, fl√ľsterte ihm zu wie irre:
Tu deine Arbeit. Mach sie gut. Bitte! Du bist wertvoller als alles, was auf dir steht. Du bist ein ganzes Leben wert!
Und er brannte, schwebte wie alle anderen, schickte Funken nach unten und zeichnete im Fallen eine d√ľnne Leuchtspur.
Da wurden die Motoren ausgeschaltet und alle Lichtkegel drehten sich nach mir um. Ich war gerettet!

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