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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Zaun
Eingestellt am 21. 09. 2015 20:08


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Ballfreund
Hobbydichter
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ÔÇ×Es tut mir leid, aber in zwei Monaten gibt es keine Arbeit mehr. Hier ist deine K├╝ndigung.ÔÇť So was bekommt man immer am Freitag nach der Arbeit gesagt. Da kocht in mir die Wut auf. Aber ich kann ja doch nichts dran ├Ąndern. Und der Chef kann ja eigentlich auch nichts daf├╝r. Wie sage ich das blo├č meiner Frau? Uns war klar, dass ich diese Stelle nicht lange haben w├╝rde, aber wir hatten doch auf drei Monate mehr gehofft.
Vater sagt, es habe ein Jahr gedauert den Zaun zu errichten. Und die Demontage hat jetzt nicht mal sechs Monate gedauert.

Warum klebt mir dieser VW so sehr auf der Sto├čstange? Der sieht doch, dass ich nicht schneller fahren kann. Na ja, in zwei Stunden bin ich ja zu Hause. Und in 70 Kilometern habe ich auch wieder eine gute Netzabdeckung. Sage ich ihr das lieber zu Hause oder schon am Smartphone?

Vater sagt ja, heute sei alles besser als vor zwanzig Jahren. Vor zwanzig Jahren, da war ich gerade geboren. Und ich wei├č nicht wie es damals war, als Boko Haram und der IS von Nigeria aus unser Land ├╝berfielen. Der Terror fing an, wie in allen anderen L├Ąndern, unser Milit├Ąr war ├╝berfordert, alle Menschen flohen und es kam uns niemand zu Hilfe. Und als es immer schlimmer wurde hatte Pr├Ąsident Boni Yayi diese geniale Idee, sich einem Land der EU zu unterwerfen. Die Regierung entschied sich f├╝r Deutschland. Nat├╝rlich wollte die deutsche Regierung das nicht. Aber irgendwie hat Boni Yayi es geschafft, dass fast alle unsere Kriegsfl├╝chtlinge nach Deutschland kamen. Vater sagt, dass sei sogar ohne die ber├╝chtigten Schlepperbanden und ganz legal zugegangen. Ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen. Aber nach f├╝nf Jahren Krieg wurde Benin notgedrungen von Deutschland als neues Bundesland akzeptiert. Und dann kamen uns Soldaten aus Deutschland, aus der EU und schlie├člich auch von der NATO gegen die K├Ąmpfer des IS zu Hilfe. Sechs Monate sp├Ąter war der Krieg bei uns vorbei und viele Fl├╝chtlinge kamen aus Deutschland zur├╝ck in ihre alte Heimat. Daran kann ich mich erinnern. Die gr├Â├čte ├änderung durch den Deutschlandbeitritt war f├╝r mich, dass wir in der Schule nun auch die deutsche Sprache lernen mussten. Ich kann die ziemlich gut. Vater hat sie nie gelernt. Er hat auch nie das Deutschlandprogramm im Fernsehen geschaut. Deutsche Sendungen mit Untertiteln in unseren drei meistgesprochenen Sprachen. Das hat mir sehr viel geholfen.

Warum fahren die denn jetzt alle so langsam? Da ist doch eigentlich gar keine Baustelle. Eventuell ein Unfall? Nein, nur eine mobile Radarkontrolle. Wieder mal Gl├╝ck gehabt. W├Ąre frei gewesen, h├Ątten sie mich bestimmt geblitzt. Gleich kann ich dann ja auch zu Hause anrufen. Wie sage ich ihr das blo├č mit dem Zaun? Sie macht sich immer sofort so schlimme Gedanken. Dabei hat sie mit dem Job auf der Baumwollfarm f├╝r uns doch ein Grundeinkommen. Zumindest seit auch bei ihr der Mindestlohn bezahlt wird. Und mit meinem Verdienst vom Zaun k├Ânnen wir uns endlich den neuen 4D-Fernseher leisten.

An den Bau des Zauns kann ich mich ebenfalls erinnern. Vater hat auch daran mitgebaut und war oft tagelang fort. Aber daf├╝r gab es gutes Geld, das wir damals dringend brauchten. Wir waren nach dem Krieg die Au├čengrenze der EU und es kamen von ├╝berall her Fl├╝chtlinge, die nun ├╝ber Deutschland-Benin nach Europa wollten. Das war sicherer, als ├╝ber die Schlepper-Routen. Es kam zu einer Regierungskrise in Deutschland, dann in der EU und schlie├člich einigte man sich darauf, dass wir den Zaun bauten. Dann war Ruhe und die n├Ąchsten Jahre waren gepr├Ągt von einer auflebenden Wirtschaft. Wir sind zwar weiterhin das ├Ąrmste Bundesland Deutschlands, aber Vater sagt, dass das kein Vergleich zu vorher ist. Inzwischen sind aber viele Freunde wieder nach Europa-Deutschland gegangen. Dort sind die L├Âhne besser. Im Geschichtsunterricht hatten wir die DDR und die Wiedervereinigung durchgenommen und alle hatten gehofft, dass Europa-Deutschland daraus gelernt h├Ątte. Aber in den n├Ąchsten Jahren hat sich hier alles wiederholt: Landflucht, Arbeitslosigkeit, geringe Kaufkraft und so weiter. Ich w├╝rde ja auch gerne nach Europa-Deutschland, vielleicht nach Th├╝ringen wo wir unseren Sch├╝leraustausch hatten. Aber seit die Rechtsextremen im Bundestag mit drei Sitzen vertreten sind habe ich Angst vor der Stimmung in den alten Bundesl├Ąndern. Ich habe sowieso zu viel Angst vor Ver├Ąnderungen. Schwiegervater sagt, dass ich es so nie zu etwas bringen werde. Er hat trotzdem der Hochzeit zugestimmt. Er hat seinen Lebtag weniger verdient als Vater oder ich, aber er wei├č immer, was man besser machen muss, und er h├Ąlt mit seiner Meinung nicht zur├╝ck.

R├╝ckblickend hat unser Modell Schule gemacht. Nigeria geh├Ârt seit drei Jahren zu Frankreich und die afrikanische EU-Au├čengrenze wurde weiter nach Osten verlegt. Dort musste auch ein Zaun gebaut werden. Allerdings mehr wegen Wirtschaftsfl├╝chtlingen, als wegen Kriegsfl├╝chtlingen. Und weil wir im europ├Ąischen Wirtschaftsraum zum Gl├╝ck keine Grenzen haben kann ich unseren Zaun wieder abrei├čen, den Vater aufgebaut hat. Zumindest die n├Ąchsten zwei kurzen Monate noch. Mal sehen, ob ich n├Ąchste Woche einen Termin bei der Bundesagentur f├╝r Arbeit bekomme. Jetzt ist es Zeit anzurufen, sonst macht sie sich Sorgen. ÔÇ×Hallo Liebling, so wie der Verkehr l├Ąuft bin ich bald zu Hause. Was gibt es zum Abendessen?ÔÇť

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DocSchneider
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