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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Zensor
Eingestellt am 03. 09. 2002 13:55


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Antaris
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Ich fand es schon ein wenig merkw├╝rdig, dass er von jetzt auf nun einfach so auftauchte. „Das hat schon seine Richtigkeit,“ beharrte der Mann, „ich h├Ątte mich l├Ąngst um Sie k├╝mmern m├╝ssen.“

„Inwiefern?“ Misstrauisch betrachtete ich den hageren Mann in seinem unmodern gewordenen Anzug, der gerade eine gro├če, schon ziemlich stark benutzte Schere aus der Aktentasche zog. „Sind Sie Schneidermeister oder irgendwie im ├Âffentlichen Dienst t├Ątig?“ fragte ich .

„Gewisserma├čen trifft beides zu,“ erkl├Ąrte der Mann. „Ich ├╝be meine T├Ątigkeit im Dienst der Allgemeinheit aus, und auch Sie werden bald von meiner Arbeit profitieren.“

„Was genau tun Sie?“

„Es ist vermutlich sinnlos, sich mit langen Erkl├Ąrungen aufzuhalten,“ meinte der Mann. „Am besten beginnen wir gleich. Denken Sie an eine Dummheit, die Sie in letzter Zeit begangen haben.“

Ich brauchte nicht lange in meinen Erinnerungen zu kramen, aber kaum fand mein inneres Auge das Bild von Gartenpavillon meines Nachbarn, den ich beim ersten Aufstellversuch gleich geschrottet hatte, da zerriss – ratsch – das trocken metallische Ger├Ąusch der Schere die Stille. Ratsch machte es noch einmal und der l├Ądierte Gartenpavillon versank im finsteren Nichts.

„Weg!“ stellte ich verbl├╝fft fest.

„So ist es,“ best├Ątigte der Mann mit einem geradezu pastoralen Unterton in der Stimme, „und das ist gut so. Geliehene Sachen kaputt zur├╝ckzugeben ist f├╝r einen ordentlichen erwachsenen Menschen ein unw├╝rdiges Verhalten, das geben Sie zu, oder?“

Dazu nickte ich nur. „Gut,“ sprach er, „machen wir weiter.“

Ich konzentrierte mich. Die Bildb├Ąnde aus der B├╝cherei, die ich mit Kaffeeflecken zur├╝ckgab, ratsch – ratsch, der Auffahrunfall nachdem ich mich einmal mehr f├╝r einen Rosenstrauch als f├╝r eine rote Ampel interessiert hatte, ratsch – ratsch, das gelegentliche Verleugnen-Lassen am Telefon, ratsch – ratsch, die Angaben bez├╝glich meines Einkommens gegen├╝ber meinem Vermieter, nicht gehaltene Versprechen verschiedenster Art, und unz├Ąhlige allt├Ągliche Handlungen, die nicht gerade von edelsten Absichten getragen wurden, verschwanden – ratsch – ratsch – ratsch – ratsch – ratsch – aus meinem Ged├Ąchtnis. Sogar die Schummeleien, die ich beim allj├Ąhrlichen Ausf├╝llen der Steuererkl├Ąrung f├╝r unabdingbar hielt, entfernte der Mann ohne zu z├Âgern.

„Humor brauchen Sie in Ihrem Beruf wohl nicht,“ seufzte ich.

„Die einzig unverzichtbare Voraussetzung f├╝r meine T├Ątigkeit ist eine bedingungslose Liebe zum Guten. Beispielsweise werde ich niemals l├╝gen.“ Der Mann lie├č seine Schere sinken und wischte sich den Schwei├č aus der Stirn. „F├╝hlen Sie sich schon ein wenig besser?“

„Sollte ich das?“ entgegnete ich ahnungslos.

Mit einem missbilligenden Stirnrunzeln musterte mich der Mann von der Seite her und gr├╝belte. „Na gut, machen wir erst einmal weiter,“ entschied er dann.

Die Schummelzettel aus meiner Schulzeit verschwanden ebenso gelegentlich geklautes Obst, die Streiche, das sorgf├Ąltig frisierte Mofa, zwei trickreich ausgestopfte M├Ądchen-BH’s, geschw├Ąnzte Berufsschulstunden und sp├Ąter mancher krank gefeierte Montag, viele faule Ausreden, sogar ein paar Kirchengebete, und viele andere Dinge, die ich ohnehin fast vergessen hatte.

„Wenn diese ganzen Dummheiten aus Ihrer Vergangenheit verschwunden sind wird es Ihnen leichter fallen, fortan als wirklich braver, guter Mensch zu leben,“ meinte der Mann.

„Aber es ist so entsetzlich wenig geworden,“ bemerkte ich beunruhigt.

Der Mann zuckte unger├╝hrt mit den Schultern.„Sie h├Ątten l├Ąngst wissen m├╝ssen, wie sich ein ordentlicher, guter Mensch verh├Ąlt. Im Zweifelsfalle stehen alle Gebote und Gesetze irgendwo geschrieben,“ meinte er, und zeigte mir mit einer l├Ąssigen Handbewegung, dass er weiter machen wollte. Ich wollte an etwas Sch├Ânes denken, aber kaum erinnerte ich mich an den netten Kollegen mit den braunen Locken, da lie├č –ratsch – ratsch – die Schere das Bild f├╝r immer verschwinden, und auch den glut├Ąugigen Griechen in der Nachbarwohnung entfernte die Schere – ratsch –ratsch – aus meinem Bewusstsein. „Moment mal, geht das nicht bisschen zu weit?“

„Auf jeden Fall,“ best├Ątigte der Mann leicht gereizt. „Sie sind schlie├člich verheiratet, das muss gen├╝gen. Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht mit nutzlosen ├ťberlegungen.“

„Also gut,“ meinte ich resigniert. „Schnippeln Sie mir einfach alles aus dem Sinn damit wir zum Ende kommen.“

Erstaunt lie├č er seine Schere sinken. „Das meinen Sie jetzt nicht im Ernst, oder?“

„Warum nicht?“ best├Ątigte ich trotzig. „Wenn es sein muss kann ich ohne die Geschichtchen aus der Vergangenheit leben, aber ob es Ihnen passt oder nicht, ich werde weiterhin das eine oder andere Geschichtlein erleben, und ich werde alles aufschreiben und erz├Ąhlen ehe Sie mir dazwischen funken k├Ânnen.“

„Ich habe mir schon so was gedacht bei Ihnen,“ seufzte der Mann, „und deswegen werde ich nicht umhin kommen, zu unangenehmen Ma├čnahmen zu greifen – zu sehr unangenehmen Ma├čnahmen: Die Finger m├╝ssen weg!“

Ehe ich mir ├╝ber die Konsequenzen seiner Ank├╝ndigung im Klaren geworden war z├╝ckte der Mann seine Schere erneut, und – schwop – brannte sich ein schneidender Schmerz in meine linke Hand. „Au!“ schrie ich und blickte fassungslos auf den blutenden Daumenstumpf.

„Recht so, weg mit den b├Âsen Fingerchen ehe sie Unheil anrichten und wom├Âglich multiplizieren k├Ânnen!“ Schwop, schwop, schwop durchschnitt das Metall mein Fleisch schneller als ich reagieren konnte. „Stellen Sie sich nicht so an, schlie├člich geschieht alles zu Ihrem Besten,“ kommandierte der Mann, und schwop, schwop, vollendete er sein Werk. In aller Gem├╝tsruhe zog er ein schmuddeliges Stofftaschentuch aus der Hosentasche und wischte sorgsam das Blut von der Schere.

Ich kr├╝mmte mich vor Schmerzen und versuchte verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen. „Wer legitimiert Sie eigentlich dazu, Leuten die Finger abzuschneiden?“

„Das alles haben Sie sich nat├╝rlich selbst zuzuschreiben,“ belehrte mich der Mann. „Ich sagte bereits, dass alles Recht auf dieser Welt irgendwo geschrieben steht. Was diese disziplinarische Ma├čnahme angeht muss ich gestehen, dass ich mich kurzfristig dazu entschlossen habe, alleine um mir f├╝r die Zukunft viel Arbeit zu ersparen. Da ich meine Finger noch habe werde ich die entsprechende rechtlich-moralische Grundlage bei Gelegenheit nachreichen.“ Mit zufriedener Mine steckte er die Schere weg, und deutete eine Verbeugung an. „Sie h├Ątten sich l├Ąngst Gedanken machen k├Ânnen, wie Recht entsteht, aber ich bin mir sicher, Sie haben noch nie dar├╝ber nachgedacht, die Regeln zu Ihrem Vorteil zu ├Ąndern. Jetzt ist es ein wenig sp├Ąt. Ich empfehle mich – bis zum n├Ąchsten Mal,“ sagte er im Weggehen.


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Stoffel
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Aua....

also, ich wei├č gar nicht, was ich sagen soll.
Das ist eine echt irre Geschichte. Irre gut geschrieben.
Mir fehlen weitere Worte.
Du kommst auf Ideen. :-))

Stoffel

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Antaris
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Aua!

Hallo Stoffel,

danke f├╝r Dein Lob. Die Geschichte entstand, als in einer Schreibwerkstatt die Aufgabe, eine Horrorgeschichte zu schreiben gestellt wurde. Damit war nicht unbedingt eine actiongeladene Story nach den ├╝blichen Genreregeln, mit Vampiren, Zombies, etc gemeint, sondern einen beliebigen Text ├╝ber etwas, was uns Angst macht, deswegen steht dieser Text auch nicht im "Horror" Forum. Willk├╝r, Ungerechtigkeit, und Scheinheiligkeit machen mir Angst, und dieser Text entstant - f├╝r meine Verh├Ąltnisse sehr schnell - an einem Nachmittag.

Mit feurigen Gr├╝├čen

Antaris
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Stoffel
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Liebe Antaris,

manchmal entstehen ganu DANN die besten Dinge.:-)
Aber Angst machen die von Dir aufgez├Ąhlten Sachen nicht.
Teilweise kann ich solches nicht ausstehen. Kann sein, das ich Ungerechtigkeit sogar hasse. *urgs*

Danke, das Du mich dar├╝ber in Kenntnis gesetzt hast.
Ich findes sie sehr schauderlich, einerseits. Und irgendwie beeindruckte mich das auch.
(und ab heute hab ich Angst, da├č mir mal einer die Finger abs├Ąbelt. Ich will nicht freiwillig mit dem Schreiben aufh├Âren. Ums Verrecken nicht)

Sch├Ânes Wochenende
Stoffel

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