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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Zettel
Eingestellt am 11. 06. 2006 18:39


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Astrid
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2003

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Der Zettel

Die 5 hatte Versp├Ątung. Ich stand im Warteh├Ąuschen, durch die offenen Seitenw├Ąnde pustete mir ein kalter Wind in die Schuhe. Meine H├Ąnde waren tief in den Jackentaschen vergraben. Der Herbst kam zeitig in diesem Jahr.

Mit mir wartete eine Frau, vielleicht Ende Drei├čig, dunkel gekleidet, unscheinbar. Eine schwere Tasche hing an einem langen Riemen ├╝ber ihre rechte Schulter. Sie starrte gedankenverloren auf die Stra├če. Ich h├Ątte sie ├╝bersehen, w├Ąren nicht ihre Haare gewesen, kupferrot, die trotz der bereits einsetzenden D├Ąmmerung Funken zu spr├╝hen schienen. Widerspenstige Locken, die von ihrem Kopf wegstrebten, so als h├Ątten sie pl├Âtzlich das Gef├╝hl, sich auf dem falschen zu befinden.

Endlich sah ich die Lichter der Stra├čenbahn, gelbe Augen, die n├Ąher und n├Ąher kamen und mich staunen lie├čen, wie schnell es bereits dunkel geworden war.
Als die Bahn hielt, dr├╝ckte ich den ├ľffner f├╝r die mittlere T├╝r, die sich unmittelbar nach meinem Eintreten mit diesem verzerrten, nervigen und sich mehrere Male wiederholenden Ton schloss, der mich, aus welchen Gr├╝nden auch immer, an das Einl├Ąuten einer Karussellrunde erinnerte.
Die Bahn ruckte an. Ich lie├č mich auf den Sitz neben der T├╝r plumpsen ÔÇô also doch ein Karussell, wer nicht rechtzeitig sa├č, der flog.

Die Rothaarige entdeckte ich auf der anderen Seite, sie sa├č auf einem von zwei gegen├╝ber angeordneten Sitzen. Wenn ich aus dem Fenster sah, spiegelte sie sich in der Scheibe. Sie hatte etwas zum Schreiben aus ihrer Tasche gezogen und benutzte diese als Unterlage.
Wenn sie sich ├╝ber den Zettel beugte, fiel ihr eine Haarstr├Ąhne ├╝ber die Augen. Unwillig versuchte sie, die Widerspenstige hinter das Ohr zu klemmen.
Sie schrieb, sah aus dem Fenster, manchmal l├Ąchelte sie. Hatte ich hier etwa eine Leidensgef├Ąhrtin gefunden, eine Verwandte, der es ging wie mir? Eine Autorin, die Gedanken notieren musste, wie sie kamen? Entstand hier wom├Âglich der Beginn eines Romans? Am Liebsten w├Ąre ich aufgestanden und h├Ątte ihr ├╝ber die Schulter geschaut!

Ich sah, wie sie etwas durchstrich. Ja - dieses Korrigieren und Feilen der W├Ârter als w├╝rde man einen Stein bearbeiten, solange, bis die Figur sichtbar wurde. Lass dir Zeit, w├╝rde ich ihr am liebsten zurufen, koste es aus.

Sie schrieb wieder, dann sah sie lange aus dem Fenster. Erlebte sie gerade diesen gl├╝cklichen Moment, wo das Fundament auf dem Papier stand, man sich einen Blick g├Ânnte nach au├čen, und dabei doch nach innen schaute, sich freuend auf die Arbeit, die noch vor einem lag?

Ich schloss die Augen, um diese Minute der Verbundenheit zu genie├čen und meine Finger ber├╝hrten kurz das kleine Notizbuch, welches in meiner rechten Jackentasche lag.

In diesem Moment stand sie auf und ging zur T├╝r.
Die Bahn hielt. Umsteigem├Âglichkeit an einer breiten Kreuzung. Noch nicht meine Station, doch im letzten Moment sprang ich auf. Einsteigende dr├Ąngten gegen die Aussteigenden, es wurde eng in der T├╝r.

Da segelte mir das Papier vor die F├╝├če, ihr Papier, sie hatte es nicht bemerkt. Ich b├╝ckte mich, nahm das zusammengefaltete Blatt, k├Ąmpfte mit meiner Neugierde. Meine Augen ├╝berflogen die Zeilen. Als ich aufblickte, sah ich die Frau bereits untertauchen im Strom der Heimgehenden. Ich lief ein paar halbherzige Schritte in ihre Richtung, hob den Zettel, als wollte ich ihr winken, blieb dann doch stehen und zuckte mit den Schultern.

Ich stand mitten auf dem Gehweg, meine Augen klebten am Geschriebenen.
Es waren Namen. Nur Namen.
Eine G├Ąsteliste f├╝r eine Feier? Marion war durchgestrichen, korrigiert und erneut gestrichen.
ÔÇ×SchadeÔÇť dachte ich entt├Ąuscht. Ich warf den Zettel in den Papierkorb an der Laterne und ging zu Fu├č nach Hause.

Eine Frage aber lie├č mich auf meinem Weg nicht los: Warum wurde Marion nicht eingeladen?


__________________
Astrid

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