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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Zopf
Eingestellt am 23. 05. 2001 17:03


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Wawa drehte nachdenklich die die Spitze ihres langen Zopfes zwischen den Fingern. Ihre Mutter stand mit einer langen Schere hinter ihr und wartete.
„Du hattest jetzt lange genug Zeit zu ĂŒberlegen, kann ich ihn jetzt abschneiden, oder nicht?“
Wawa hielt den Kopf gesenkt, damit man die TrĂ€nen nicht sah. Lautlos weinte sie, das salzige Wasser rann aus ihren Augen, verteilte sich breitflĂ€chig ĂŒber die Wangen, sammelte sich wieder unter ihrem Kinn, um von dort aus zu Boden zu tropfen. Was sollte sie antworten? Mutter hatte kein Geld, alles was versetz werden konnte, war schon beim Pfandleiher. Jetzt wollte sie Wawas Zopf, um ihn dem Friseur am Kufsteiner Platz zu verkaufen. Sanft zog die Mutter Wawa den Zopf aus der Hand,
„Du wolltest doch schon immer wie ein Junge sein. Mit kurzen Haaren siehst du viel mehr wie ein Junge aus. Hast Du schon mal einen Jungen mit Zopf gesehen?“
Wawas Hand folgte dem Zopf noch bis zur Schulter, dann ließ sie die Arme sinken. Ihre Mutter packte den Zopf fest am Ansatz und meinte beschwichtigend,
„Wenn es dir nicht gefĂ€llt, lĂ€sst du sie einfach wieder wachsen. In einem Jahr hast du dann wieder einen Zopf.“
„Genauso lang wie dieser?“
Fragte Wawa leise.
„Na ja, vielleicht nicht genauso lang, aber schon einen Zopf
“
Wawa fĂŒhlte die KĂ€lte der Schere in ihrem Nacken,
„Kann ich jetzt den Zopf abschneiden?“
Ohne zu antworten, nickte Wawa und spĂŒrte dabei das Ziepen am Kopf.
Dann fĂŒhlte sie, wie die Schere sich tief in ihren Zopfansatz gruben, wie ihre Haare sich geschmeidig widersetzten, die stumpfe BlĂ€tter zurĂŒckdrĂ€ngten. Ihr Zopf wollte sie nicht verlassen. Aber schließlich gaben ihre Haare nach, immer wieder drĂŒckte Wawas Mutter die Schere zusammen, die unerbittlichen Wiederholungen lösten den Zopf immer mehr von Wawas Kopf, bis er schließlich durch einen letzten Schnitt ganz ihrer Mutter gehörte.
Schnell drehte Wawa sich um, schon bei dieser ersten Regung merkte sie den Untersied. Das schwere Pendel am RĂŒcken, das sonst trĂ€ge jeder Bewegung folgte, fehlte. Ihr Kopf war leicht, nur war es keine angenehme Leichtigkeit, eher das GefĂŒhl einer schutzlosen Nacktheit.
Als sie dann den Zopf in der Hand ihrer Mutter sah, fasste sie sich unwillkĂŒrlich an den Hinterkopf. Jetzt verstand sie, warum Indianer ihre Gegner skalpierten, sie hĂ€tte es niemandem erklĂ€ren können, aber es war schrecklich.
Ihre Mutter ließ ihr keine Zeit, sich in ihre Trauer hineinzusteigern. Gut gelaunt hielt sie den Zopf hoch und sagte,
„Jetzt gehen wir erst zum Friseur und dann gehen wir von dem Geld ins Kino“
Das stillte Wawas TrÀnen schnell, noch nie war sie im Kino gewesen.
Das Gesicht noch trÀnennass, fing sie an zu strahlen,
„Oh ja, ins Kino. Wir wollen gleich gehen. Komm!“
Schon hatte sie die Mutter an der Hand gepackt und zog sie zur TĂŒr.
„Halt, einen Augenblick noch, so kannst du ja auch nicht aus dem Haus. Etwas muss ich deine Haare noch schneiden.“
Geschickt schnitt die Mutter ihr die Haare in etwas PagenkopfÀhnliches, dann waren sie bereit, zu gehen.
Wawa hatte schon einmal ihre Urgroßmutter zum Friseur begleitet, trotzdem blieb sie schĂŒchtern an den RĂŒcken ihrer Mutter gedrĂ€ngt, als sie den Laden betraten. Die GerĂŒche waren interessant, neben dem vertrauten Duft von Haarspray und Shampoon lag ein beißender Geruch in der Luft. Der ging wohl von einer kleinen SchĂŒssel aus, deren Inhalt eine Friseuse einer Kundin mit einem Spatel auf die Haare schmierte. Dabei reckte sie den Kopf weit zur Seite, um die DĂ€mpfe nicht einzuatmen.
Der Friseurmeister kam auf sie zu und fragte freundlich, ob sie einen Termin hĂ€tten. Als Wawas Mutter ihm den Zopf entgegenhielt, sah er einen Augenblick etwas verdutz aus. Sie verhandelten kurz ĂŒber den Preis, zwanzig Mark, mehr wollte er nicht zahlen. Wawa hörte nicht genau zu, sie starrte fasziniert in einen großen Spiegel auf ihre neue Frisur. Vielleicht war es ja nicht so schlecht, wie Prinz Eisenherz. Wawa fuhr herum, als der Friseur sie ansprach und fragte,
„Na, kleines FrĂ€ulein, tut es dir denn gar nicht leid, dass deine Mama deinen schönen Zopf verkauft?“
Einen Augenblick stiegen ihr die TrĂ€nen in die Augen, fanden aber zum GlĂŒck ĂŒber die Nase ihren Weg nach draußen. So schniefte Wawa einmal kurz und sagte stolz,
„Wir hatten kein Geld. Aber jetzt haben wir Geld und damit gehen wir heute ins Kino.“
Wawas Mutter sagte lachend,
„Stimmt“
Dann verließen sie das GeschĂ€ft. In der Straßenbahn, auf dem Weg in die Stadt wollte Wawa wissen, wo das Kino sei, welchen Film sie ansehen werden und ob der Film nicht vielleicht schon angefangen hĂ€tte.
Als sie zum Kino kamen, wollte die KartenverkĂ€uferin sie nicht hineinlassen. Wawas Mutter musste sich erste eine LĂŒgengeschichte ausdenken, damit sie dann doch noch eingelassen wurden.
Wawa war etwas enttĂ€uscht, dass der Film nicht farbig war, aber dann war sie von der etwas unverstĂ€ndlichen Handlung so fasziniert, dass sie die fehlende Farbe völlig vergaß. Alles spielte auf einer BĂŒhne, eine alte Frau zog einen Karren der mit allerlei Hausrat bepackt war. Manchmal kamen andere Menschen und sprachen mit ihr, aber Wawa interessierte nur die Frau. Die verlor alle Kinder und am Ende zog sie alleine mit ihrem Karren weiter.

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flammarion
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das

ist wieder einmal typisch fĂŒr deine mutter, daß sie sich nicht mit dir einen kinderfilm ansieht, um dich ĂŒber den verlust des zopfes zu trösten, sondern einen film, den du in deinem alter noch gar nicht verstehen konntest. sehr gut geschrieben, gut erzĂ€hlt. ich finde, du wirst immer besser. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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