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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Zug
Eingestellt am 28. 05. 2009 15:04


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Shadow.K
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2009

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Es ist 8.45 Uhr. Ich komme auf den Bahnsteig und sehe ihn schon von Weitem. Den Zug. Dunkler Rauch steigt aus der Esse auf, auf dem Gleis stehen vereinzelt Koffer. Mit weißer Kreide haben die Besitzer ihren Namen auf das dunkle Leder geschrieben. Sie sind alle dunkel, fĂ€llt mir dabei auf. Ich höre Stimmen um mich herum. Einige tuscheln nur miteinander, andere reden lauter. Eine Gruppe junger MĂ€nner lacht. Ich nehme meine Tochter auf den Arm und meinen Sohn fest an die Hand. Ein dumpfes DruckgefĂŒhl breitet sich in meiner Brust aus, je nĂ€her ich dem Zug komme.

Zögernd gehe ich die Stufen hinauf, bis ich im Inneren des Zuges stehe. Die WĂ€nde sind kahl, es gibt keinerlei Schmuck oder gar Bequemlichkeit. Aber es ist gut so, wie es ist. Die SitzbĂ€nke wurden entfernt um Platz zu schaffen fĂŒr die Menschen. Im Zug sehe ich viele Kinder. Einige so alt wie meine, zwei und vier. Sie kommen hier aus unserer Gegend. Sie erzĂ€hlen mir, dass sie schon lange nicht mehr zur Schule gehen dĂŒrfen. Dass ihre Eltern oder Großeltern verschwunden sind und nicht wieder zurĂŒckgekommen sind.
Ein junges MĂ€dchen erzĂ€hlt, dass sie Angst um ihren Freund hat. Er ist in den Untergrund gegangen, um sich dem Widerstand anzuschließen. Ihr Blick allein sagt jedoch mehr als alle Worte, dass sie kaum noch Hoffnung hat, ihn jemals wieder zu sehen. Sie ist hier im Zug, dessen Ziel sie nicht kennt. Sie glaubt nicht an die Umsiedlung, schon lange nicht mehr. Sie hat GerĂŒchte gehört, die ihr Angst machen.
Meine Kinder quĂ€ngeln und ich gehe weiter. Ich sehe noch mehr Menschen. Jeder von ihnen hat eine Geschichte und jeder erzĂ€hlt sie mir. Es sind die unterschiedlichsten Geschichten, die ich höre und doch enden sie alle hier, in diesem Zug. Es ist warm heute, also habe ich mich auch entsprechend angezogen. Doch jetzt, hier in diesem Zug, wird mir kalt. Eine GĂ€nsehaut hat sich ĂŒber meinen Körper gelegt und ich werde sie nicht wieder los. Die Stimmung hier ist bedrĂŒckend. Niemand lacht mehr. Nur noch Getuschel und leise GesprĂ€che.

Ich bin beinah froh, als ich wieder aussteige. Die Sonne scheint immer noch. Ich atme erst einmal tief durch, als ich wieder auf dem Bahnsteig stehe.
„Mama, was war das fĂŒr ein Zug?“, fragt mich mein Sohn. Aber er ist noch zu klein, als dass ich es ihm erklĂ€ren könnte. Er wĂŒrde es nicht verstehen. Also sage ich ihm nur, dass es ein ganz alter Zug ist, noch Ă€lter als sein Opa und dass dieser Zug mit Kohlen geheizt worden ist. Das findet er toll.
WÀhrend er sich fasziniert den Zug ansieht, die Kohlen bestaunt, die er geladen hat, beschÀftigen sich meine Gedanken weiter mit dem, was ich gesehen habe. Ich bekomme die Bilder der Kinder nicht aus dem Kopf, die auf Schauplakaten ihre Geschichte erzÀhlt haben. Ob sie auch so begeistert gewesen waren von dem Zug? Waren sie bei ihren Eltern, die versuchen konnten, ihnen die Angst zu nehmen, obwohl sie selbst vor einer Reise ins Ungewisse standen? Oder waren sie alleine, getrennt von ihren Familien?
Vielleicht war es fĂŒr die Kinder eine aufregende Sache. Vielleicht haben sie sich aber auch weinend an ihre Eltern geklammert.
Ich kann die Bilder fast vor mir sehen. UnzĂ€hlige Dokumentationen habe ich gesehen, zahllose Berichte und BĂŒcher gelesen. Aber trotzdem fĂŒhle ich mich hier anders. Hier, wo ich so direkt mit dem Schrecken konfrontiert werde, den die Menschen damals empfunden haben mussten. Dabei sind hier weder Gestapo noch SS. Ich stehe ganz unbehelligt auf dem Bahnsteig unseres Bahnhofs, höre meinen Sohn lachen, der von einem Bahnmitarbeiter erklĂ€rt bekommt, wie die ZĂŒge frĂŒher gefahren sind.
Blumen liegen zwischen den Koffern, die zum Gedenken abgelegt worden sind. Es sind viele Blumen und doch nehme ich sie erst jetzt wahr. Auch im Zug, unter den Bildern der Kinder in dieser Austellung standen viele Blumen und Kerzen.

Ich bin im Jahr 2009. Es ist ein schöner Tag, ich werde mit meinen Kindern noch ein Eis essen gehen und dankbar dafĂŒr sein, dass wir unbehelligt wieder aus diesem Zug aussteigen konnte. Unser Ziel war nicht Auschwitz.

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Retep
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2008

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Guten Morgen Shadow,

eine gute Idee, hattest du. Ich merkte nicht gleich, dass es sich um einen "Museumsbesuch" handelt.
Teilweise beschreibst du so, dass Bilder beim Leser entstehen können.
Dass die kleinen Kinder die Dampflokomotive mehr interessiert als das, was dahinter steckt, leuchtet mir ein.Ob man den Kindern auf Fragen so einfach antworten sollte, bin ich mir nicht sicher.
Das Thema sollte immer wieder aufgegriffen werden, jĂŒngere Menschen haben teilweise keine Ahnung, was damals bei uns passiert ist.

Ein paar kleine Anmerkungen:

quote:
Sie sind alle dunkel
Die Besitzer ?
quote:
Einige tuscheln nur miteinander
Stimmen ?
quote:
Die SitzbĂ€nke wurden entfernt , um Platz zu schaffen fĂŒr die Menschen.
quote:
empfunden haben mussten
???

quote:
Unser Ziel war nicht Auschwitz.

- guter Schluss

Bei mir ist eine nachdenkliche Stimmung aufgekommen, nicht nur wegen deines Textes. Ich habe mich an viele BĂŒcher erinnert, die ich zu diesem Thema gelesen habe, an Berichte von Menschen, an Besuche von "GedenkstĂ€tten".

Das wolltest du vermutlich auslösen, es ist dir gelungen.

Gruß

Retep



__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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suzah
Guest
Registriert: Not Yet

der zug

hallo shadow,

der erinnerungszug verursacht ein beklemmendes gefĂŒhl, genau wie alle gedenkstĂ€tten, das grauen ist gegenwĂ€rtig. du schilderst es gut.

kleine anmerkung:
"Dunkler Rauch steigt aus der Esse auf, auf dem Gleis "

nennt man den schornstein einer dampflok "esse", ich kenne das nur als (Àltere und literar.) bezeichnung von schornsteinen von hÀusern.

grĂŒĂŸe von suzah

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