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Leselupe.de > Humor und Satire
Der absolute Genuss
Eingestellt am 07. 05. 2006 22:16


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Raniero
Textablader
One-Hit-Wonder-Autor

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Der absolute Genuss

Als Cornelius Birkenkamp, der große Liebhaber klassischer Instrumentalmusik, am frĂŒhen Morgen das kleine SchallplattengeschĂ€ft betrat, wurde er sofort vom Erich Bertoldi, dem Inhaber persönlich in Empfang genommen, ja geradezu stĂŒrmisch begrĂŒĂŸt.
„Das mĂŒssen Sie einmal ausprobieren, Herr Birkenkamp“, beschwor dieser den verdutzten Kunden und fĂŒhrte ihn gleich wieder hinaus aus dem Ladenlokal, allerdings zur rĂŒckwĂ€rtigen TĂŒr, die in einen Hinterhof des GebĂ€udes mĂŒndete.
Birkenkamp hatte diesen Hinterhof noch nie betreten, und er begann, sich zu fragen, warum man ihn hierhin gefĂŒhrt hatte, statt ihn wie ĂŒblich bei der Auswahl an TontrĂ€gern zu beraten, als er im Hof ein großes Riesenrad bemerkte.
Es handelte sich hierbei um ein Rad, wie man es vom JahrmÀrkten her kennt, mit einer Ausnahme; wÀhrend bei den klassischen GerÀten dieser Art
eine gewisse Anzahl an Gondeln herabhĂ€ngen, die, Platz fĂŒr mehrere sitzende Personen bietend, sich im gleichmĂ€ĂŸigen Abstand sowie in gleicher Weise aufwĂ€rts und wieder abwĂ€rts bewegen, waren diese Gondeln so angeordnet respektive montiert, dass die Personen darin, angeschnallt an ihren Sitzen, kopfĂŒber nach unten hingen.
Birkenkamp wusste nicht, worĂŒber er sich mehr wundern sollte; ĂŒber das Riesenrad, das sich da Ă€ußerst langsam drehte, im Hinterhof, ĂŒber dessen merkwĂŒrdige Beschaffenheit oder ĂŒber die Tatsache, dass alle Gondeln des Rades vollbesetzt waren mit Personen, die mit ihren Gesichtern nach unten hingen und allesamt Kopfhörer trugen.
„Da staunen Sie aber, mein Lieber“, ließ sich der Herr der Schallplatten in freundlichem Tonfall vernehmen, „so etwas haben Sie bestimmt noch nicht gesehen“.
Das hatte Cornelius Birkenkamp in der Tat nicht, und vorsichtig trat er ein paar Schritte zurĂŒck; teils um das gesamte Rad besser in Augenschein nehmen zu können, teils aus dem BedĂŒrfnis heraus, der rettenden TĂŒr zum Laden nĂ€her zu sein, falls sich noch mehr Hinweise auf weitere AbnormitĂ€ten fĂ€nden, denn normal fand Cornelius die ganze Angelegenheit nicht gerade.
Dem Ladeninhaber war Birkenkamps Befremden natĂŒrlich nicht entgangen, und er beeilte sich, den merkwĂŒrdigen Sachverhalt aufzuklĂ€ren.
„Sie sind doch sicher unter anderem auch ein großer Freund der Musik von Johann Sebastian Bach, nicht wahr?“
Cornelius sah zwar keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dieser Frage und der ungewöhnlichen Jahrmarktattraktion hinter dem Ladenlokal, bejahte aber mit einem Kopfnicken und ließ weder das große Rad noch den Ladenbesitzer aus den Augen.
„Ich habe gerade eine neue Edition von Bachs Violinenkonzert in a Moll hereinbekommen, mit einer wunderschönen Werkbeschreibung, und da heißt es an einer bestimmten Stelle, ich zitiere wörtlich aus dem GedĂ€chtnis:
‚Die Schönheit des Andante aus dem Violinkonzert ist so groß, dass man ernstlich nicht mehr weiß, wie man sich hinsetzen und verhalten soll, um des Anhörens wĂŒrdig zu sein‘.
Und wissen Sie, wer das gesagt hat, Herr Birkenkamp?“
Cornelius wusste es nicht, auf Anhieb, aber der Ladenbesitzer erwartete auch keine Antwort.

„Kein Geringerer als Claude Debussey tat seinerzeit diesen gewaltigen Ausspruch, und ich muss Ihnen sagen, ich war wie vor den Kopf geschlagen, als ich diese Passage las; ich musste sie gleich dreimal hintereinander lesen, um dann spontan zu handeln“.
„Zu handeln? Was meinen Sie mit handeln, Herr Bertoldi? Was haben sie denn getan?“
„Nun ja, dieser Ausspruch hat mich dazu verleitet, vollkommen neue Wege einzuschlagen, bei dem Versuch, diese phantastische Musik zu genießen, und das, was Sie hier draußen sehen, ist ein absolut neuer Weg, ach was, es ist eine Revolution auf dem Gebiet des Hörgenusses. Sehen Sie all diese glĂŒcksstrahlenden Gesichter dort in den Gondeln, sie sitzen, liegen oder stehen nicht, auch gehen sie nicht umher, was ihnen dort allerdings auch schwer fallen wĂŒrde; nein, sie nehmen die absolut richtige Körperhaltung ein, um dieses Violinenkonzert optimal genießen zu können. Diese Menschen wissen im Gegensatz zu Debussey, um es noch einmal mit dessen Worten zu sagen, wie sie sich verhalten sollen. Oh, wenn er das noch erlebt hĂ€tte!“
„Wer, Debussey?“
„NatĂŒrlich“, runzelte Bertoldi die Stirn, „von ihm spreche ich. Ach, Sie meinen, Bach selbst? Der große Meister persönlich? NatĂŒrlich, er auch. Beide, beide hĂ€tten das mit eigenen Augen sehen respektive mit eigenen Ohren so erleben mĂŒssen.“
„Und Sie meinen, das funktioniert tatsĂ€chlich?“
„Was funktioniert tatsĂ€chlich?“
„Na, ich meine, diese Leute da“, wies Cornelius auf die glĂŒckseligen Personen in den Gondeln, „diese Leute erleben gerade den absoluten Hörgenuss?“
„Aber natĂŒrlich, mein Lieber. Ich habe es doch selbst getestet, auf meinem Riesenrad, als erster Mensch auf Erden, es ist ja auch meine Erfindung. Glauben Sie mir, es ist ein vollkommen anderes GefĂŒhl, die Musik auf diese Weise zu genießen, statt sie in traditioneller Form wie im Konzert oder gar von der Schallplatte zu Gehör zu bekommen. Das ist ĂŒberhaupt kein Vergleich mehr. Na, wie sieht’s aus, wollen Sie es einmal ausprobieren?“
Cornelius Birkenkamp wusste nicht so recht, was er davon halten sollte, die Musik von Johann Sebastian Bach auf eine derartig ungewöhnliche Weise zu genießen, doch schließlich willigte er ein.
Bertoldi, der Inhaber des SchallplattengeschĂ€ftes schlĂŒpfte in die Rolle eines Schaustellers und brachte mit Hilfe einer kleinen elektronischen Fernbedienung das Riesenrad zum Stehen.
Sodann forderte er einen in der untersten Gondel sitzenden bez. hĂ€ngenden Ă€lteren Herrn auf – was dieser Hörgast nur unter Protest tat – den Kopfhörer zurĂŒckzugeben und auszusteigen, um einem neuen Hörwilligen seinen Platz zu ĂŒberlassen.
Anschließend wĂŒnschte er seinem Stammkunden einen absoluten und ungetrĂŒbten Hörgenuss und ließ das Rad wieder an.
Als er die Gondel nach zehn Minuten wieder anhielt und Birkenkamp fragte, wie ihm die Fahrt gefallen habe, bat dieser, den TrĂ€nen nah, in der Gondel verbleiben zu dĂŒrfen; ein solches Musikerlebnis habe er noch genießen können, und er wĂŒrde es gern fortsetzen.
„Sehen Sie, mein Lieber, da ging ich doch nicht fehl in der Annahme, dass Sie es zu schĂ€tzen wissen“.

Cornelius Birkenkamp verblieb den ganzen Tag auf dem Rad, und alle anderen in den Gondeln taten es ihm gleich.
Zum Ladenschluss jedoch wurde das VergnĂŒgungsgerĂ€t endgĂŒltig angehalten, und mit den Worten ‚rien ne va plus‘ forderte Erich Bertoldi alle Kunden auf, das Riesenrad zu verlassen.“
„Seien Sie nicht traurig, meine Herrschaften, morgen ist auch noch ein Tag“.
Sie waren eigentlich auch nicht allzu traurig, sondern machten eher einen entrĂŒckten und verklĂ€rten Eindruck, berauscht von dem unglaublichen Hörgenuss, und viele von ihnen machten sich leicht tĂ€nzelnd oder im Wiegeschritt der ĂŒber Stunden gehörten Musik auf den Heimweg.
„Na, zufrieden, Herr Birkenkamp“, wollte Bertoldi von seinem Neuankömmling wissen.
„Mehr als das, Herr Bertoldi, mehr als das. Es war ein noch nie erlebtes GefĂŒhl, so direkt, so in völliger Harmonie mit den Elementen der Musik, kaum zu beschreiben. Ich konnte sie praktisch mit den HĂ€nden fĂŒhlen, die Musik“.
„Das glaube ich Ihnen gerne. Wissen Sie, viele meiner Kunden haben sich des öfteren, nachdem sie das Rad verlassen hatten, zuhause daran gemacht, selbst zu komponieren, obwohl manche von ihnen noch nicht einmal Noten lesen konnten. Ist das nicht erstaunlich?“
„Das ist ja phantastisch, Herr Bertoldi, das ist ja phĂ€nomenal, und doch sagt mir mein GefĂŒhl, bitte verstehen Sie mich nicht falsch...“
„Wie bitte, mein lieber Freund, was sagt Ihnen Ihr GefĂŒhl?“ runzelte der SchallplattenhĂ€ndler die Augenbrauen, „wollen Sie damit sagen, dass sie noch nicht zufrieden sind?“
„Nein, nein“, wehrte Cornelius erschrocken ab, „um Gottes Willen, ich bin mehr als zufrieden, ich bin sogar sehr glĂŒcklich, nur, verzeihen Sie bitte, trotz der Unvergleichlichkeit des raumumspannenden Hörgenusses auf dem Rieserad habe ich das GefĂŒhl, dass noch eine minimale aber entscheidende Steigerung möglich wĂ€re. Ich vermag nicht zu beschreiben, worin diese Verbesserung bestĂ€nde, was es sein könnte, ein kleiner Tick vielleicht fĂŒr den absoluten Kick, um es einmal salopp zu formulieren, doch ich glaube, dann wĂ€re das non plus ultra erreicht, ein geradezu paradiesisches Musikerlebnis“.
Wenn Cornelius befĂŒrchtet hatte, dass der geniale Riesenradmusiker wegen dieser kritischen Äußerung einen Wutanfall erleiden könnte, so wurde er schnell eines Besseren belehrt.
„Im Grunde haben Sie ja Recht, Herr Birkenkamp, ich habe mich das ebenfalls schon gefragt, und Sie werden vielleicht ĂŒberrascht sein“, huschte ein LĂ€cheln ĂŒber die GesichtszĂŒge Bertoldis, „mir schwebt da auch etwas vor Augen, ich arbeite bereits daran“.
„Sie sehen noch weitere Möglichkeiten, diese unglaublich schönen HörgenĂŒsse zu steigern, und Sie arbeiten sogar schon daran?“ entfuhr es Cornelius, „das ist ja nicht zu glauben, das hĂ€tte ich ja im Traum nicht mehr zu hoffen gewagt“.
„Ja, mein Lieber“, nahm Bertoldi seinen Stammkunden vĂ€terlich in den Arm, „warten Sie mal noch gut vier Wochen und sprechen Sie mich dann wieder darauf an, dann werden wie weitersehen. In der Zwischenzeit können Sie natĂŒrlich, so oft Sie wollen, das Rad nutzen, wĂ€hrend der allgemeinen GeschĂ€ftszeiten, versteht sich“.
Diese Aufforderung ließ Cornelius nicht zweimal geben, und gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten verbrachte er die nĂ€chsten vier Wochen mehr auf dem Riesenrad in dem Hinterhof als zu Hause oder an seinem Arbeitsplatz.

In diesem Zeitraum machte sich zu seiner großen Verwunderung der Herr der Schallplatten rar, und keiner der Stammkunden konnte sich einen Reim darauf machen, wĂ€hrend seine Angestellten, darauf angesprochen, keine Auskunft geben konnten oder wollten.
„Aha, er tĂŒftelt“, dachte Cornelius und ließ in seiner Gondel die Musik wie Blut durch die Adern gleiten – eine Maßnahme, die durch die hĂ€ngende Körperhaltung ausreichend unterstĂŒtzt wurde – „das ist gut so“.

Nach gut vier Wochen jedoch traf Cornelius ihn im Ladenlokal an und brachte die Sprache auf ihre letzte Unterredung.
„Ach, ja, Herr Birkenkamp, gut dass Sie mich daran erinnern, ich wollte Sie gerade selbst darauf ansprechen. Hier habe ich etwas fĂŒr Sie“.
Mit diesen Worten ĂŒberreichte er Cornelius eine kleine Karte, eine Einladung fĂŒr den nĂ€chsten Tag, zu einem besonders interessanten Ereignis, wie er betonte.
„Seien Sie aber bitte pĂŒnktlich, Sie sind nicht der einzige Gast. Wir freuen uns auf Ihren Besuch“.
Gleichzeitig ließ er von seinen Mitarbeitern weitere Einladungen an die Fahr- und HörgĂ€ste auf dem Rad verteilen.

Cornelius musste zu Hause im Stadtplan suchen, um die angegebene Adresse zu finden; in einem Vorort, ziemlich weit außerhalb des Stadtzentrums.
Als er sich am nÀchsten Morgen mit dem Fahrrad auf den Weg machte und nach einer Stunde in diesem Vorort, in dem er zuvor noch nie gewesen war, eintraf, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen;
Von weitem sah er bereits eine ganze Gruppe von RiesenrĂ€dern verschiedener GrĂ¶ĂŸe und Ausstattung.
Sodann gelangte er auf einen großen Platz, der offenkundig das Zentrum bildete.
Mitten auf diesem Platz befand sich ein dermaßen großes Riesenrad, dass es durchaus dem des Wiener Praters Konkurrenz gemacht hĂ€tte, und ringsherum waren zahlreiche kleinere RĂ€der gruppiert, in deren Gondeln, mit den Köpfen nach unten wie zuvor in Bertoldis Hinterhof, das gesamte stĂ€dtische Symphonieorchester untergebracht war.
So hingen aus den Gondeln eines Rades die Streicher, aus einem anderen die Holz- sowie aus einem weiteren die BlechblÀser mitsamt ihren Instrumenten und auf diese Weise setzte es sich fort, das ganze Orchester bis hin zu dem Rad mit den Pauken, und alle Musiker warteten geduldig in dieser Lage auf ihren Einsatz.
Der aber wurde aus einer einzigen frei umherschwebenden Gondel, in welcher der Dirigent sein Haupt nach unten neigte, ĂŒber Kopfhörer an das gesamte Orchester gegeben.
Vor dem grĂ¶ĂŸten Rad in der Mitte des Platzes befand sich ein KassenhĂ€uschen, wie auf einem Jahrmarkt, und vor diesem HĂ€uschen hatte sich bereits eine lange Menschenschlange gebildet.
Neben der Kasse aber stand Erich Bertoldi, der Inhaber des kleinen SchallplattengeschÀftes, und verteilte ParadiesÀpfel, um alle Freunde klassischer Instrumentalmusik auf einen absolut paradiesischen Hörgenuss einzustimmen.

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flammarion
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soso,

in den paradiesÀpfeln sitzt die pointe. und ich dachte an lange nadeln, die im rhythmus auf die hörer einpieksen . . .
lg
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Old Icke

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Raniero
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Registriert: Oct 2005

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na, ja,
flammarion, in punkto bizarrem Humor liegen wir noch meilenweit auseinander.
Eigentlich ist die gesamte Story eine Pointe.
DafĂŒr treffen wir uns beim nĂ€chsten Schenkelklopfer mit 'richtiger' Pointe wieder.

Gruß Raniero

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