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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der alte Bratt
Eingestellt am 17. 03. 2002 23:17


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Otto Lenk
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Der alte Mann lebte sein Leben lang in unserem Dorf. Die Dorfbewohner erzĂ€hlten sich immer die wunderlichsten Dinge ĂŒber den alten Bratt. MillionĂ€r sei er, aber zu geizig seine dritten ZĂ€hne stĂ€ndig zu tragen.
„Die ziehe ich nur zu besonderen AnlĂ€ssen an“, soll er gesagt haben.
„Seine Millionen hat er zu Hause unterm Bett liegen. Er vertraut keiner Bank“, munkelten die Dorfler, die nicht begreifen konnten, dass so ein reicher Mann sich nichts gönnte. Der alte Bratt ging am Stock. Gebeugt von den Jahren auf den Feldern. Im Laufe der Zeit konnte er ohne aufzublicken nicht mehr erkennen, wer ihm gegenĂŒber stand. Seine FĂŒĂŸe waren ihm Nadir und Zenit. Den Blickwinkel seiner Welt bildete das Fenster, an dem er stundenlang stand und aus dem er von innen nach außen sah. Ungenormt hatte er sich eine eigene Sicht der Dinge erworben und bewahrt.
Mit der Zeit kamen wir uns nĂ€her. Aus einem anfĂ€nglichem „Hallo“ entwickelten sich zuerst kurze, spĂ€ter lĂ€ngere GesprĂ€che. Zeit war sein Lieblingsthema.
„Schau dir nur diese Ameisen an. Wie sie hetzen und hasten. Sie haben ihre Zeit verloren und versuchen stĂ€ndig eine neue Zeit zu erfinden. In meiner Jugend war die Zeit gleichfließend. Heute versucht jeder Zeit zu gewinnen. So ein Unsinn. Zeit kann man nur leben oder verlieren. Und die heutige Zeit verliert sich in ihrer Schnelllebigkeit. Es gibt keine Momente mehr. FĂŒr nichts mehr. Eine nervöse, unzufriedene Herde von Hammeln. Zeitgeist nennen sie das. Dabei hat die Zeit schon lĂ€ngst ihren Geist aufgegeben. Zum GlĂŒck bin ich alt und in mir lebt noch die Langsamkeit der Zeit. Sag mir eins! Ist das Leben tatsĂ€chlich ein Fluß?“
„Ja! Kann man so sagen. Das Leben ist ein Fluss von der Quelle bis zur MĂŒndung.“
„So ein Quatsch! Wahres Leben entspringt an der MĂŒndung. Langsam, entgegen dem Zeitenfluss musst du schwimmen. Den Strömungen entgegen. Was bringt es, sich mit Ihnen treiben zu lassen? Treibholz! Ohne Tiefe. Immer schön an der OberflĂ€che. Nein! Langsam! Gegen den Strom. Bis zur Quelle. Dort angekommen hast du den Ursprung des Meeres gefunden. Und vielleicht noch viel mehr.
Am Ende seiner Zeitreisen setzte er immer sein schiefes LĂ€cheln auf, und beim Anblick seiner ZĂ€hne (an denen schon lange der Zahn der Zeit nagte) dachte ich mir immer:
„Heute wĂ€re ein guter Tag fĂŒr die Dritten gewesen.“
Letzte Woche bist du gestorben. Mein Blick hÀngt an deinem Fenster. Daran wird sich wohl nichts Àndern.
Zeitlos!

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annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

lieber otto,

das ist gut geschrieben und bratt auch gut gefasst, aber ich kapiere den schluss nicht - wieso hÀngt der blick an seinem fenster, zeitlos - ?

und der ich-erzÀhler - ist wer? (vielleicht ist es ja eine lÀngere story).

warum schreibst du nie ĂŒber frauen?

schöne grĂŒĂŸe, annabelle

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Otto Lenk
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2001

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Mein Blick hĂ€ngt tĂ€glich an seinem Fenster. So als wĂŒrde ich erwarten, dass er dort erscheint. Er fehlt mir. Zeitlos!
Heute, morgen-fĂŒr alle Zeit.
Frauen in meinen Geschichten?! Schau mal in der Vergangenheitskiste der Kurzgeschichten. Vielleicht ist die "Straßengeschichte" noch vorhanden.

Gruß Otto

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Libell
???
Registriert: Feb 2002

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Eine schöne Geschichte ĂŒber die Weisheit des Alters. Der alte Bratt ist sehr einfĂŒhlsam geschildert. Otto, er fehlt Dir, denn er ist ein Teil von Dir, denke ich mal.

Ich kann diesen Blick zum Fenster - diesen vergeblichen Blick - sehr gut nachempfinden. Auch ich sehe zu Fenstern, hinter denen lĂ€ngst andere Menschen wohnen. Und jedesmal ĂŒberkommt mich ein GefĂŒhl von Traurigkeit.

Liebe GrĂŒĂŸe
Libell

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Otto Lenk
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2001

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Lieben Dank fĂŒr dein Kompliment und dein mitempfinden.
Gruß Otto

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