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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der alte Kirschbaum
Eingestellt am 17. 08. 2001 21:28


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Monika M.
Hobbydichter
Registriert: Jun 2001

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Der Kirschbaum


Der Baum stand auf einer ungenutzten Wiese. Im Winter trug er Schnee auf seinen ├ästen und sah aus, wie ein sehr alter Mann. Aber wenn der Fr├╝hling kam, wurde er wieder jung. Es war der Kirschbaum mit den sch├Ânsten Bl├╝ten weit und breit. Sie waren wei├č, zart und erinnerten an den vergangenen Schnee. Und dann im Sommer war er nur noch unser Baum!
Wir Kinder sa├čen auf seinen ├ästen und lie├čen die F├╝├če ins Leere baumeln. Wir lagen in seinem Schatten und freuten uns auf seine Fr├╝chte. Die Kirschen waren jedes Jahr prall und rot. Nie wieder habe ich solche s├╝├čen Kirschen gegessen.
Es gab niemanden, dem der Baum geh├Ârte, und so konnten wir uns ungehindert den Bauch voll schlagen. Viel zu schnell kam dann der Herbst mit seinen bunten Bl├Ąttern. Auch in dieser Jahreszeit war der Baum wundersch├Ân. Sein Laub gl├Ąnzte in allen Farben. Wir sammelten seine Bl├Ątter auf und trockneten sie in vielen dicken B├╝chern. Dann stand er eines Morgens wieder kahl und alt auf seiner Wiese und wartete auf den Schnee, so wie wir Kinder auch.
Ich war gerade zehn geworden, als meine kleine Schwester Lina krank wurde. ├ťber ein Jahr verbrachte sie im Krankenhaus, kam nur zwischen den einzelnen Therapien kurz nach Hause. Sie verlor ihre Haare, den wundersch├Ânen Pferdeschwanz, auf den sie immer so stolz gewesen war, und nicht nur deshalb weinte sie oft.
Als sie endlich zu Hause bleiben durfte, ging es ihr nicht wirklich besser. Ihre Haut war wei├č und blass geworden und ihre Augen wirkten in ihrem schmalen Gesicht unnat├╝rlich gro├č und dunkel. Ich mochte Lina sehr, aber sie wurde jetzt so schnell m├╝de, dass sie kaum noch aus dem Haus gehen konnte. Den ganzen Tag bei ihr zu sitzen und ihr die Zeit zu vertreiben war manchmal sehr anstrengend, und so stahl ich mich oft heimlich fort..
Dann lief ich zum Kirschbaum, denn dort trafen sich, so oft es nur ging, alle Kinder. Es war nun wieder Sommer geworden und die Kirschen waren gerade reif. Ein paar der Jungs sa├čen schon in den ├ästen und pfl├╝ckten alle Fr├╝chte, an die sie gelangen konnten. Sie spuckten die Kerne auf die, die um den Baum im Gras sa├čen oder miteinander spielten. Es waren sch├Âne Stunden, die wir so verbrachten. Der Baum aber stand still und geduldig, und nur der Wind rauschte durch die Zweige. Er schien leise ├╝ber unseren ├ťbermut zu lachen, aber es war kein Spott dabei.
ÔÇ×DuÔÇť, bat mich meine Schwester eines Tages, als es ihr so schlecht ging, dass sie im Bett liegen bleiben musste, ÔÇ×bring mir ein Blatt mit von unserem Kirschbaum!ÔÇť
Und ich brachte ihr das gr├Â├čte und sch├Ânste Blatt, das ich finden konnte. Danach w├╝nschte sie sich einen kleinen Zweig. Den stellten wir in eine Vase und so auf ihren Nachtisch, dass sie ihn immer ansehen konnte.
Der Herbst kam und meiner Schwester ging es immer schlechter. Sie nahm noch mehr ab und wurde noch blasser. L├Ąngst ahnte ich, was keiner mir sagen wollte. Meine Schwester w├╝rde wohl nie wieder gesund werden!
Traurig ging ich zu dem Kirschbaum. Es war noch fr├╝h, und au├čer mir war noch niemand da. Ein paar V├Âgel zwitscherten leise. Der Wind fl├╝sterte unverst├Ąndlich. Mir war so elend zumute, zu Hause lag Lina und ich w├╝nschte mir so inst├Ąndig, sie k├Ânne jetzt hier bei mir sein.
Auch sie hatte sehr an dem Baum gehangen, wie oft hatte sie hier gelacht und gespielt. Da fiel mein Blick auf die Wiese unter dem Baum. Da wuchs ein kleines Pfl├Ąnzchen, seltsam. Ich sah es mir n├Ąher an und stellte fest, dass es ein winzig kleiner Kirschbaum war. Einer der ausgespuckten Kerne hatte hier wahrscheinlich gekeimt und seine Wurzeln geschlagen. Ich konnte es kaum fassen.
Mit blo├čen H├Ąnden grub ich so vorsichtig, wie nur m├Âglich, das kleine B├Ąumchen aus. Mit klopfendem Herzen trug ich ihn nach Hause zu Lina. Wie leuchteten da ihre Augen, als sie mir zusah, wie ich das Pfl├Ąnzchen in einen gro├čen Blumentopf setzte.
ÔÇ×Nun habe ich meinen eigenen KirschbaumÔÇť, fl├╝sterte sie gl├╝cklich.
Bald darauf verloren die B├Ąume die ersten Bl├Ątter und auch unser kleiner Baum verlor sein sp├Ąrliches Laub. D├╝rr und kahl stak der d├╝nne Stamm in seinem Topf, doch Lina war gl├╝cklich. Ihre kleinen mageren Finger strichen z├Ąrtlich ├╝ber das St├Ąmmchen und in ihren Augen stand die Erinnerung an einen gro├čen kr├Ąftigen Baum, in dessen ├ästen sie oft gesessen hatte.
Der alte Kirschbaum hatte ihr ein wunderbares Geschenk gemacht, das ihr ├╝ber den langen Winter half. Nur das Warten auf den Fr├╝hling und die ersten neuen Bl├Ątter gaben ihr Kraft. Der Arzt kam oft in dieser Zeit und sch├╝ttelte den Kopf. Seine Miene blieb bek├╝mmert.
Dann endlich kam der ersehnte Fr├╝hling. Das kleine B├Ąumchen wurde von der Fensterbank, wo es ├╝berwintert hatte, wieder ins Zimmer herein geholt. Und wirklich kleine gr├╝ne Knospen verrieten, wo bald neue zarte Bl├Ątter sprie├čen w├╝rden. Lina war gl├╝cklich. Ihre Finger zitterten, als sie die zerbrechlichen Knospen ber├╝hrten.
Als unser Kirschbaum in Blüten stand, starb meine Schwester. Sie schlief leise und zufrieden ein. Ihr Kampf gegen ihre Krankheit war endgültig zu Ende. Nun hatte sie Ruhe. Ich aber lief zu meinem Kirschbaum und suchte Trost in seinen starken Ästen.
Heute, nach vielen Jahren, gibt es den alten Baum nicht mehr, aber das kleine B├Ąumchen auf dem Grab meiner Schwester w├Ąchst noch immer der hellen Sonne entgegen!

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Der erste Schritt seinen Traum zu verwirklichen ist - aufzuwachen...

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hera
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*hera wischt sich eine Tr├Ąne aus dem Auge*

Ich hatte den Beitrag schon vor ein paar Tagen gelesen. Aber irgedwas zieht mich an, an dieser Geschichte, ich musste sie heute noch mal lesen. Ich habe mich an so ein Thema noch nicht gewagt, mir fehlen da die Worte. Aber du hast so einf├╝hlsam geschrieben. Ich w├╝rde die Geschichte gerne in der Anthologie sehen.

Viele Gr├╝├če, hera

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Monika M.
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Danke Hera, ich wei├č nicht, was ich sonst noch sagen soll. Dein Lob ber├╝hrt mich tief. Also einfach - danke. Monika

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