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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der alte Kraftfahrer
Eingestellt am 29. 06. 2002 11:42


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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

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Der alte Kraftfahrer

Da steh ich nun auf einem Industrieparkplatz in Wiesbaden-Biebrich, hab die Beine hochgelegt, mache Feierabend und dann lĂ€uft so ein alter Kraftfahrer mit seinen Lieferpapieren in der Hand vorbei. ,Mensch’ denk ich ,der ist doch bestimmt schon 65, sieht jedenfalls so aus. Und wie krumm der geht.’
Ich sehe ihm schrĂ€g von hinten nach. Mit seinem Sitzbuckel und den dĂŒrren SĂ€belbeinen in kurzen Hosen könnte er, mal abgesehen von dem namensgebenden Körperteil, den perfekten Zwerg Nase von Wilhelm Hauff geben. Aber plötzlich erkenne ich es.
Den haben die alten Lkw der fĂŒnfziger und sechziger Jahre geformt.
Servolenkung war ein Fremdwort, Mensch hat der ein Kreuz.
Seine ausgreifende Armhaltung- als ob ihm gerade das Enkelkind entgegen rennt- daran sind die riesigen LenkrĂ€der schuld, die man mit beiden HĂ€nden möglichst ganz außen greifen musste, um den Lastzug auf den holprigen Straßen sicher durch alle Kurven zu kriegen. Das schleppt der nun ein Leben lang mit sich herum.
Der rechte Fuß steht ein wenig nach außen und der Mann schiebt ebendieses Bein beim Laufen etwas vor. Zwischengas war das Zauberwort, wenn so ein unsynchronisiertes Getriebe lange halten sollte. Richtige Drehzahl abpassen, Kupplung, Leerlauf, Zwischengas, richtige Drehzahl, Kupplung, neuer Gang rein.
Kupplung konnte man auch weglassen, wenn man sein Fahrzeug kannte.
Nicht wie heute: Vollgas, Klick, Klick, denn Rest macht der Daumen.
Die Schalthebel waren auch nicht die KĂŒrzesten, das bedeutete lange Schaltwege und dann durchs Gebirge, da kommt man schon ins Schwitzen.
Klimaanlage? Na klar, Fenster auf, frische Luft rein !
Bei offenem Fenster hörte man auch, was der Motor erzĂ€hlt. Die Alpen hoch wird er wohl mĂ€chtig gebrĂŒllt haben mit seinen vielleicht zweihundertfĂŒnfzig PS.
,Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr!’
,Ja doch’ quetschte der Fahrer dann durch die zusammengepressten Lippen ,wir sind ja gleich oben. Ich kann die letzte Kurve schon sehen.’
Und dann die langen Ebenen hinab. Der Wagen summte fröhlich vor sich hin und die kleinen Lampen an den PeilstĂ€ben vorn auf dem KotflĂŒgel schauten munter in alle Richtungen, wollten ja auch was sehen von dem fremden Land.
Er hat sicher viel MotorengebrĂŒll gehört, der alte Kraftfahrer, da resigniert so ein Ohr schon Mal. Jetzt hĂ€lt er sich die gekrĂŒmmte linke Hand ans linke Ohr, um den Mann vom Wachschutz besser zu verstehen. Sein runder RĂŒcken lĂ€sst ihn auf diese Entfernung demĂŒtig erscheinen, aber es sind die ungefederten Sitze, die ihm dieses Paket zwischen die Schultern gepackt haben.
Jetzt kommt er zurĂŒckgelaufen. ZĂ€h sieht er aus, wie einer der sich durchbeißt.
’Ne Fuhre Fliesen in Italien bei kleinen Dorfklitschen einzusammeln war sicher kein Pappenstiel. Gabelstapler? Hustekuchen!
Kette bilden und aufstapeln. Da gehen sie hin die Kalorien aus Mammas Pasta-KĂŒche im „La Strada“ gestern abend.
,Watt die och alle uff eenmal mitte Fliesen ham in Deutschland. Hulz iss doch ooch janz schön, hamwa doch jenuch von in Deutschland, Bayern, Schwarzwald und so weiter. Sind de Touren ooch nich so weit, biste wenichstens Wochenende zu hause.’wird er vielleicht gedacht haben.
,Aba so, alle vierzehn Tage, wenn’s klappt.’
Und dann entglitt ihm so langsam das ganze Familienleben, rauschte einfach an ihm vorbei, mit Vollgas sozusagen.
Erste Scheidung, zweiter Anfang.
Mal im Nahverkehr versucht, dann wieder raus auf die Bahn.
Neue Firma, neue AuftrÀge.
Ostblock hieß es nun. Tschechei, Polen, Ungarn, RumĂ€nien (,janz armet Land, pack ma wat SĂŒĂŸet ein, Mutta, fĂŒr die Kinda anne Straße’ bis nach Russland rein gingen die Fahrten. Von wegen Fratze des Kommunismus, nette Leute gab es ĂŒberall und die Zöllner sind auch ĂŒberall gleich bescheuert. Endlich reichte auch das Spesengeld, musste er nicht an den Lohn ran. Davon blieb ja eh nicht viel: Unterhalt fĂŒr die Geschiedene, Alimente fĂŒr zwei Kinder, Raten fĂŒr’s Auto, dass er eigentlich gar nicht braucht. Aber seine Neue, die Helga, die verdiente auch eigenes Geld, langsam dachten sie an ein kleines HĂ€uschen.
UngefĂ€hr fĂŒnf Meter vor meinem Lkw strĂ€hnt er sich mit den gespreizten Fingern der linken Hand Haare aus dem Gesicht wo keine mehr sind. Sein ansonsten noch voller Schopf lĂ€sst ĂŒber der linken Stirn in Form einer ausgeprĂ€gten Geheimratsecke viel sonnengebrĂ€unte Kopfhaut sehen. Ein paar vereinzelte Federn vom ehemals blonden Haar wuseln da noch herum. Diesen breiten Scheitel hat der Wind gezogen, der Wind aus ganz Europa und von Werweißwoher.
Seine Mundwinkel sind sehr ausgeprÀgt und die Augen tief in einem Gewirr kleiner FÀltchen versteckt. Man sieht, dass er gern und viel gelacht hat in seinem Leben und das Kneistern der Augen, wenn die Sonne sich in der langgestreckten Motorhaube vor ihm spiegelte, mag auch seinen Teil beigetragen haben.
Man sieht auch, dass er mit sich selbst im Reinen ist. ,GenussfĂ€hig’ ist das Wort, das ich gesucht habe.
Er weiß mit Sicherheit einen guten Wein von einem Schlechten zu unterscheiden und einen gelungenen Lammbraten von einem Versauten.
,Junge’ denk ich so zu mir selber als der alte Kraftfahrer vorbei ist ; so’n harter Knochen willste auch mal werden. Sind ja bloß noch siebenundzwanzig Jahre (heilige Scheiße, so lange noch?) bis zur Rente. Ist zwar nicht geplant, bis zum Schluß auf dem Bock zu sitzen, aber wenn der Lottogewinn nicht bald kommt, wird’s wohl darauf hinauslaufen. Bloß so krumm, det willste nicht werden. Nicht vom vielen Sitzen wie er ebend und auch sonst nicht. Krumm wirste dich nie fĂŒr jemand machen, außer vielleicht zu hause im Bette. Und jetzt wird geschlafen, um Mitternacht geht’s weiter und morgen ist Sonnabend, da gibt’s FrĂŒhstĂŒck zu hause.’

__________________
kny

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Amanita
???
Registriert: Jun 2002

Werke: 11
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Witzig! Realistisch! Wirklich gut!

Ja, knychen, das ist so ein Text, da kann man eigentlich gar nichts mehr sagen als "wow! spitzenklasse!"

Das ist realistisch, man sieht den alten LKW-Hasen richtig vor sich.
Sorry, ich bin nicht so ein guter kommentator, ich versuche mal, das anhand von Beispielen klar zu machen:

>> Den haben die alten Lkw der fĂŒnfziger und sechziger Jahre geformt.
Servolenkung war ein Fremdwort, Mensch hat der ein Kreuz. <<

*nick* schön beobachtet.

>> ’Ne Fuhre Fliesen in Italien bei kleinen Dorfklitschen einzusammeln war sicher kein Pappenstiel. Gabelstapler? Hustekuchen! <<

Genau, Hustekuchen, ein schönes Wortspiel :-))


>> (heilige Scheiße, so lange noch?) <<

Ja, genau, so lange noch!

Du, das ist eine richtig gute Geschichte. Keine Dialoge (keine Ahnung, warum ich das auf einmal gut finde ;-)

aber jede Menge Charakter. Sehr gut.
Ich gebe dir 9 coins. 10 gebe ich dir lieber nicht, weil das behÀmmerte Bewertungssystem 10 als "Aussreisser" behandelt, und , wenn ich das richtig verstanden habe, auf null setzt.
Also wirklich, dafĂŒr wĂŒrde ich dir gerne eine 10 geben.

(zum Bewertungssystem komm bitte in meinen thread in "allgemeine diskussionen")

mach mal noch so was schönes,
Amanita.


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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
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sorry

sorry amanita,
wenn man so selten wie ich lob bekommt, sollte man wenigstens danke sagen. danke.
der mann lief wirklich krumm wie ein halber paragraf (schreibt man das jetzt so?) ĂŒber den parkplatz, kann natĂŒrlich auch sein, daß er einfach nur vom kegeln am letzten wochenende einen bandscheibenvorfall hatte. egal, geschichten entdecken, wo scheinbar keine sind, das ist es, worauf es mir ankommt.
ĂŒbrigens, letztens hast du auf die bemerkung: "fliegenpilze sind giftig." geantwortet: "endlich merkt das mal jemand."
ich finde, die schmecken lecker und die gedankliche achterbahnfahrt danach ist nicht zu verachten. legal und steuerlich am staat vorbei, da machen drogen doch erst richtig spaß.
und jetzt muß ich erst mal die am letzten wochenende in den prager antiquariaten gehobenen schĂ€tze einsortieren.
gruß knychen
__________________
kny

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