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Leselupe.de > Kurzprosa
Der alte Mann (aus Schreibwerkstatt)
Eingestellt am 22. 10. 2001 17:55


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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

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Was ihr dem geringsten
meiner BrĂŒder getan habt,
habt ihr mir getan.
Matth. 3. 25. 40


Der alte Mann
von Willi Corsten
Der alte Mann hat lange in der FußgĂ€ngerzone gesessen und das Schild gehalten mit der ungelenken Aufschrift: ‚Obdachloser bittet um eine kleine Spende.’
Aber heute, am letzten Tag vor dem Heiligen Abend, sind die Menschen viel zu sehr mit ihren EinkĂ€ufen beschĂ€ftigt und so wirft nur ab und an jemand eine kleine MĂŒnze in den Hut.
FrĂŒh setzt die DĂ€mmerung ein. Ein eisiger Wind fegt durch die Straßen der Stadt, Schnee liegt in der Luft. MĂŒhsam steht der alte Mann auf, zieht den abgetragenen Mantel enger um die Schulter und bĂŒckt sich nach seinem Geld. Da torkeln ein paar Skinheads vorbei und einer der Glatzköpfe ruft: „He du Penner, arbeiten sollst du und nicht betteln.“
Er wirft seine leere Bierdose fort, rempelt den hilflosen Mann an und stĂ¶ĂŸt ihn zu Boden. Dann versetzt er dem Hut einen Fußtritt und lacht verĂ€chtlich, als die wenigen GeldstĂŒcke in den Rinnstein kullern.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelt sich der alte Mann wieder auf und sucht nach seinen MĂŒnzen. Als er sechs Groschen und drei FĂŒnfziger aufgelesen hat, entdeckt er unter einer zerknĂŒllten Zeitung einen fast neuen Hundertmarkschein. Verstohlen schaut er sich um, doch da es nun dunkel geworden ist, hat niemand seinen Fund bemerkt. Heimlich steckt er den Schein in die Manteltasche und sucht nach weiteren GeldstĂŒcken, die hier noch irgendwo liegen mĂŒssen.
Plötzlich sind emsige Helfer zur Stelle. Zwei kleine MĂ€dchen haben zusammen mit ihrer Mutter den ĂŒblen Streich beobachtet und bringen ihm nun einige MĂŒnzen, die hinter einen BlumenkĂŒbel gerollt waren. Verlegen bedankt sich der alte Mann und will gehen. Da hĂ€lt die Frau seinen Arm fest und sagt: „Sie bluten ja am Kopf. Die Wunde muss desinfiziert und verbunden werden"
Der alte Mann winkt ab, doch da nehmen die MĂ€dchen ihn entschlossen bei der Hand und erklĂ€ren: „Mami ist Krankenschwester. Komm mit, ohne Verband holst du dir eine böse Blutvergiftung."
Jeder Widerstand ist sinnlos, denn ein KinderlÀcheln kann die Welt verÀndern.
„Aber was sagt ihr Mann, wenn sie einen Landstreicher wie mich ins Haus bringen?“, fragt er zögernd.
Da huscht ein Schatten ĂŒber das Gesicht der jungen Mutter und sie antwortet traurig: „Ich lebe allein mit meinen Kindern und habe mehr Zeit, als mir lieb ist, denn vor drei Monaten wurde mir die Arbeitsstelle gekĂŒndigt. Die Bescherung muss daher ausfallen in diesem Jahr."
"Und dabei hatten wir uns so auf eine schöne Puppe gefreut", flĂŒstert das jĂŒngere der MĂ€dchen und schweigt sogleich wieder verschĂ€mt.
In der kleinen, Àrmlichen Mietwohnung lÀsst der Mann seine Wunde behandeln, murmelt ein leises Dankeschön und ist bald darauf wieder fort.
Am Heiligen Abend lĂ€utet bei der Familie die Klingel. Die MĂ€dchen öffnen die TĂŒr und schauen sich verwundert in dem leeren Flur um. Dann stĂŒrmen sie zurĂŒck ins Zimmer und rufen: „Mami, Mami, das Christkind ist doch gekommen. Es hat fĂŒr jeden von uns beiden eine wunderschöne Puppe auf die Treppe gelegt, und eine große Tafel Schokolade noch dazu".
Als wenig spĂ€ter das Licht im Treppenhaus wieder verlöscht und die tiefe Dunkelheit in den Flur zurĂŒckkehrt, verlĂ€sst ein alter Mann sein Versteck und schlurft hinaus in das einsetzende Schneetreiben.

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Willi,

und wieder hat es eine Geschichte aus der Werkstatt hierher verschlagen.
Sie lÀsst sich prima lesen, versetzt mich angenehm in die Weihnachtszeit hinein. Ich bin sicher, Du wirst viele Hörer/Leser damit erfreuen.

Eine Frage noch.

Zum Beispiel der Satz: "... und dabei...Puppe gefreut",

Warum gehört hinter gefreut kein Punkt, um den Satz abzuschließen???
Mir ist das schon öfters bei Deinen Dialogen aufgefallen. Manche SÀtze werden ja auch mit einem ! oder ? abgeschlossen.

LG
Volkmar

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Willi,

du lĂ€ĂŸt das Weihnachtwunder neu erleben, danke fĂŒr den Genuß.

liebe GrĂŒĂŸe
ReneĂš


PS.: Ich habe schon WeihnachsgebÀck im Schrank *kicher*.

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 87
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Hallo Volkmar,
danke fĂŒr Dein Lob.
Zu Deiner Frage mit dem Punkt. Der Dialog ist ja nur ein Teil des Satzes, daher das Komma. Wenn ich einen Punkt setzen wĂŒrde, mĂŒsste ich auch wieder mit einem Großbuchstaben beginnen. Wenn Du noch Fragen hast, gerne.
Herzliche GrĂŒĂŸe
Willi

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
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Liebe Renee,
besten Dank auch fĂŒr Deine Worte.
Dein WeihnachtsgebĂ€ck lockt mich schon, obwohl es eigendlich noch ein wenig frĂŒh dafĂŒr ist.
Es grĂŒĂŸt Dich ganz lieb
Willi

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manka
???
Registriert: May 2001

Werke: 1
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nice surprise

Ciao Willi,

auch mir hat diese Geschichte gut gefallen. Die Moral ist ganz in meinem Sinne. Dein Schreibstil auch.

Koenntest du noch ne Belohnung fuer den alten Mann rausspringen lassen. So was in der Art wie - er ist gluecklich gestorben oder die Frau heiratet ihn oder die Kinder von der Frau nennen ihn ab sofort Onkel und bringen ihm Essen auf die Strasse. Eine Einladung zum Weihnachtsgans-Essen waere auch denkbar. Irgendwas, was diese Edle Tat belohnt.

Unrealistisch? Ja wahrscheinlich. Aber schoen waers!

Liebe Gruesse

Manka
__________________
mailmeto: manka@galgata.net

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