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Leselupe.de > Kurzprosa
Der alte Mann und das Leben
Eingestellt am 04. 09. 2008 19:32


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David
Hobbydichter
Registriert: Dec 2004

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(Er wu├čte, dass seine Zeit nun gekommen war, doch bevor er gehen sollte, hatte er noch eine letzte Frage an sein Leben.)

Der alte Mann und das Leben:

Er wu├čte, dass seine Zeit nun gekommen war.
Alle Freunde und Verwandten, die ihm wichtig waren, hatten ihn heute ein letztes Mal an seinem Bett besucht und hielten ├Ąngstlich und traurig, zitternd seine kalte Hand. Sie bem├╝hten sich ihm nicht das Gef├╝hl der Einsamkeit zu geben und doch wussten sie, dass dieser Besuch dem Abschied diente.
Bald wurde die Ungeduld des Lebendigen in ihnen gr├Â├čer, als ihre sich im Kreis drehenden Gedanken der Zuneigung zu ihm und so gingen sie mit gesenktem Kopf aus dem Zimmer und schlichen sich still vor dem Unver├Ąnderlichen davon. Nur seine geliebte Frau blieb und kniete weiterhin in unerm├╝dlicher Geduld, m├╝de und ausgelaugt vom Weinen, an seinem Bett. Vorsichtig lauschte sie seinem Herzschlag und suchte die W├Ąrme seines K├Ârpers in ihrem Gesicht. Dann stand sie auf und verlie├č benommen das Zimmer.
Be├Ąngstigende Ruhe trat ein.
Er war allein.
Der bleiche Mond schien sanft durch das Fenster auf sein Bett und erhellte den unteren Teil der dunklen Bettdecke und dahinter grinste ihn die Fratze des tr├╝ben Schattens eines Kleiderschrankes an, tief eingeh├╝llt im Mantel der schweren Nacht. Schon lange verlieh das Wasser in seinen Lungen jedem seiner Atemz├╝ge ein leises Blubbern, welches dem Rhythmus seiner Gedanken monoton folgte.
W├Ąrme durchstr├Âmte seinen K├Ârper und ein tiefes Gef├╝hl von Geborgenheit in der gro├čen Einheit str├Âmte langsam durch seinen Geist und es begann, dass sich Freude ├╝ber seine Angst legte. Er blickte auf seine Vergangenheit und als sich sein schmerzerf├╝lltes Gesicht entspannte, begann er wieder zu L├Ącheln.

Und da sprach der alte Mann zu seinem Leben:
"Liebes Leben, ich m├Âchte mich f├╝r die Zeit mit Dir bedanken.
Du warst mir ein ausgef├╝lltes Leben.
Ich sah voller Verwunderung die Gr├Â├če und Vielfalt Deiner vollen Gestalt.
Und so bin ich gl├╝cklich, weil ich Dich in Deiner vollen Gestalt erleben durfte
und ausgef├╝llt, weil Du mir ein ausgef├╝lltes Leben warst.
Du hast Dich mir gegeben, damit ich ohne Leere sterben kann.
Ich bin bereit zu sterben, denn meine Seele ist randvoll des Lebens, das Du mir gabst.
Da ich nicht noch Mehr mitnehmen kann, als ich bereits von Dir bekommen habe, ist nun auch die Zeit gekommen, mich mit Deinen Geschenken auf den Weg zu machen.
Und so will ich dankbar Deine n├╝tzlichen Gaben mit mir nehmen, auf das ich gewappnet sei f├╝r das Leben, das da kommen wird und m├Âchte mich von Dir verabschieden.

Doch bevor ich Dich verlasse, bitte ich Dich noch, mir eine letzte Frage zu beantworten, damit ich mein Gl├╝ck verstehen kann, denn wenn ich auf unsere Zeit zur├╝ckblicke, so gab es doch auch gen├╝gend Gr├╝nde f├╝r mich, dieses Leben verbittert und ungl├╝cklich zu verlassen.
Nicht immer war die Zeit mit Dir sch├Ân.
Du gabst mir Zeiten des Ungl├╝cks und der Trauer, des Schmerzes und der Einsamkeit.
Und dennoch schaue ich voller Gl├╝ck auf meine ausgef├╝llte Seele, ├╝ber deren Rand das lebendige Leben geradezu herausschwappt.
Mein liebes Leben,
wie konntest Du mich nur so verzaubern,
dass ich mich jetzt gl├╝cklich und frohen Mutes auf den Weg machen kann und nur meine Liebe zu Dir, mich unsere Trennung schmerzen l├Ąsst?"

Da sprach das Leben zu dem alten Mann:
"Nur selten habe ich Dir etwas gegeben, mein alter Freund.
Ich bot Dir nur ein wenig Zeit, die Vielfalt zu erkennen, solange Du bei mir verweiltest.
Doch ich ├╝berlie├č Dir die Wahl, zu sehen und zu nehmen, was Dir f├╝r Deine n├Ąchste Reise wichtig erschien, auf das Du in Deinem Sinne ausreichend gewappnet seiest, f├╝r das Leben, das da kommen soll.
So zeigte ich Dir nicht nur das Gl├╝ck, sondern auch das Ungl├╝ck,
die Freude, wie auch den Schmerz
und den Mut, wie auch die Angst,
damit Du durch das Eine das Andere erkennen w├╝rdest,
damit Du Dich von dem Gedanken befreien w├╝rdest, der nichts als nur das Eine kannte,
damit Du aus der Vielfalt Deine Sch├Âpfungskraft entwickeln w├╝rdest,
um mehr zu werden, als Du bist.
um gewappnet zu sein f├╝r das Leben danach, das f├╝r Dich da kommen sollte.

Doch zu viele arme Seelen, wenden ihre Blicke zu oft ab und haben nur den Blick f├╝r das Eine.
Und so finden sie keinen Mut, weil sie die Angst ignorieren
und finden nicht die Freude, weil sie den Schmerz ignorieren.
Und weil sie nichts sehen, wissen sie auch nicht, womit sie ihre Seele f├╝llen sollen.
Und so verlassen sie mich wieder mit den gleichen leeren Seelen, mit denen sie gekommen sind.

Ich zeige Euch die Tiefen, damit Ihr auch die H├Âhen erkennen k├Ânnt, um Euch an ihnen zu erfreuen. Es liegt an Eurer Aufmerksamkeit, ob Ihr die H├Âhen und Tiefen von einander unterscheiden k├Ânnt.
So wird der Aufmerksame, zwischen der scheinbaren Monotonien des Gleichen, immerhin einige der H├Âhen und Tiefen z├Ąhlen k├Ânnen und hat ein Leben, auf das er blicken kann.
Doch vor allem dem Leidenschaftlichen bleiben keine H├Âhen und Tiefen verschlossen und so ist seine Seele am schnellsten vom Leben erf├╝llt, dass da deutlich und intensiv ist.

Mein alter Freund,
es war Deine Liebe zu mir, die Dich sehen lie├č
und das macht Dich so gl├╝cklich."


Und das Zimmer erhellte sich.
Frei und unbeschwert schwebten seine Blicke durch den Raum und fanden das vertraute Gesicht seiner Liebe, die nun, zum Abschied bereit, wieder an seinem K├Ârper verweilte, seine Gedanken sp├╝rte und ihn voller trauriger Zuneigung mit ihren gro├čen Augen aufmerksam beobachtete.


"Meine Liebe Frau", sagte der alte Mann,
"Du kannst das Gl├╝ck nicht festhalten.
Es ist ein Reisender genau so wie das Ungl├╝ck, das Dich besucht und wieder verl├Ąsst.

Und so, wie es den Tag nur gibt, weil es die Nacht gibt,
gibt es die Freude nur, weil es den Schmerz gibt.

Und so wie die Mitte der Nacht, der Anfang des Tages ist,
folgt dem tiefsten Schmerz die wachsende Freude.

Und so, wie Du zwar wei├čt, dass Dir manch Schmerz erspart bleibt, wenn Du das Risiko scheust,
solltest Du auch wissen, dass Dir das Gl├╝ck nicht in den Scho├č fallen wird,
denn Du kannst nicht das Laufen erlernen, wenn Du Angst vor dem St├╝rzen hast.

Also treffe Deine Entscheidungen nie als Sklave Deiner Angst,
sondern als Gef├Ąhrte Deines Verstandes,
denn wenn Du als Sklave der Angst vor dem Schmerz fl├╝chtest, entgeht Dir das Gl├╝ck.

Also wage zu suchen und Du wirst finden.
Findest Du Dein Gl├╝ck,
so pflege es, damit es w├Ąchst.
Findest Du das vermeintliche Ungl├╝ck,
ver├Ąndere es, damit es den Raum nicht ausf├╝llt.
Findest Du das unvermeintliche Ungl├╝ck,
ertrage es und suche das Gl├╝ck.

Und wenn Dir die Kraft zum Suchen fehlt,
so gehe wenigsten vor Deine T├╝r,
damit das Gl├╝ck Dich finden kann,
denn so wie die Sonne, die Du suchst, Dir entgegen kommt,
ist das Gl├╝ck, das Du suchst, auch auf der Suche nach Dir.
Also gehe ins Freie, damit Du ihr Tageslicht empfangen kannst.

Halte nicht an Vergangenem fest,
sondern nehme es hin, als ein Teil Deiner selbst.
Und schenke Deine Aufmerksamkeit dem Jetzt,
denn die Kristallkugel Deiner Zukunft,
findest Du in den kleinen Dingen Deiner Gegenwart.
Irgendwo da Drau├čen liegt ein Geschenk f├╝r Dich,
siehe genau hin und wage es anzunehmen."


Und w├Ąhrend ihn ein Licht der Geborgenheit einh├╝llte und ihm seine Gro├čmutter die Hand reichte, schenkte ihm seine Frau das Tor zu ihrem Herzen und ihr L├Ącheln verschwand im Fluss der Farben.

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