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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der alte Mann und der Park
Eingestellt am 16. 11. 2010 14:43


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sapna
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2010

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Sanft schwebten gro├če, bauschige Schneeflocken vom Himmel. Das Licht der Laternen glitzerte auf der verschneiten Oberfl├Ąche, wie Diamanten. Die wei├če Pracht schien jeden in ihren Bann ziehen zu wollen. Es wirkte fast unecht. Zugleich, war es das Sch├Ânste, was er seit Jahren gesehen hatte. Der Alte schlang die Arme um seinen K├Ârper. Es war kalt an diesem Abend. Der Frost biss ihm in die Nase, riss an der empfindlichen Haut seiner Lippen. Die kalte Luft brannte in seinen Lungen. Aber diese K├Ąlte sollte ihn nicht abhalten k├Ânnen.
Vor einer wei├č lackierten Bank blieb der Alte stehen. Das schien ihm der richtige Platz f├╝r den heutigen Abend. Der zugefrorene Parksee lag einsam vor ihm. Eigentlich war es hier nur Nachts so ruhig. Doch heute Abend hatten die Kinder, die diesen Ort normalerweise zu etwas Heiterem machten Besseres zu tun, als Schneeb├Ąlle zu werfen und Schlittschuh zu laufen. Es war heilig Abend und der alte Mann dachte daran, wie Weihnachten fr├╝her war; der geschm├╝ckte Baum, der im Wohnzimmer stand, hell erleuchtet von Kerzen, die bunten Pakete darunter und die reichlich gedeckte Festtagstafel.
Er betrachtete die Lichterketten, die, die kahlen B├Ąume um den See herum zierten und summte leise Oh Tannenbaum vor sich hin. Noch heute konnte er die Stimme seiner Frau h├Âren, wenn sie einer Glocke gleich Weihnachtslieder sang, und sein Sohn, dessen Finger geschickt ├╝ber die Tasten des Klaviers glitten und ihm die wundervollsten Melodien entlockten. Er konnte den Geruch von Braten, Lebkuchen und Orangen wahrnehmen. Und er konnte sich an die leuchtenden Augen seiner Tochter erinnern, wenn sie eins der bunten P├Ąckchen auspacken durfte.
Der alte Mann setzte sich auf die Parkbank. Mit einem l├Âchrigen Wollhandschuh strich er sich ├╝ber das feuchte Gesicht. Er h├Ątte nicht sagen k├Ânnen, ob die N├Ąsse auf seinen Wangen vom Schnee herr├╝hrte, oder ob es Tr├Ąnen waren, die sich heimlich aus seinen Augen gestohlen hatten.
Eine Weile sa├č er so da, den Blick auf den See gerichtet, auf dem schon seine Kinder das Schlittschuhlaufen gelernt hatten. Es war schon einige Zeit her, da er sie das Letzte Mal gesehen hatte. Sie gaben ihm die Schuld. Vielleicht war er das wirklich - schuld.
Ein Spazierg├Ąnger und sein Dackel liefen an der Bank des alten Mannes vor├╝ber. Der Mann hatte den Kragen seines Mantels tief ins Gesicht gezogen. Er hatte die Schultern bis an die Ohren gezogen und schien es eilig zu haben, schnell wieder in die warme Stube zu kommen. Der Dackel trug einen roten Mantel, so dick gef├╝ttert und sicherlich auch warm, dass der alte Mann sich f├╝r einen winzigen Moment w├╝nschte, er k├Ânnte mit dem Tier tauschen.
Er lachte auf der Parkbank in sich hinein und zog die schmutzige Decke fester um seinen K├Ârper herum. Der Stoff war vollkommen verschlissen und vermochte den Alten kaum noch zu w├Ąrmen. Unter seiner Decke kramte er einen Flachmann hervor, schraubte den silbernen Verschluss von der Flasche und setzte sie an seine rissigen Lippen. Seine H├Ąnde zitterten dabei. Fr├╝her hatten sie nie gezittert. Fr├╝her hatten diese H├Ąnde die teuersten Uhren der Welt von Hand zusammengesetzt. Das war, bevor der alte Mann seine Frau verloren hatte. Bevor er zusehen musste, wie ihr wundervoller K├Ârper vom Krebs zerfressen wurde. Bevor er angefangen hatte zu trinken. Und bevor er alles verloren hatte, auch sein Dach ├╝ber dem Kopf.
Manchmal fragte er sich, ob er auch seinen Namen verloren h├Ątte, wenn er nicht auf den Flachmann graviert worden w├Ąre. F├╝r den Rest der Gesellschaft existierte er l├Ąngst nicht mehr. Selbst seine beiden Kinder hatten ihn vergessen. Er erlaubte es sich, davon zu tr├Ąumen, dass er heute nicht alleine hier sitzen w├╝rde, sondern zusammen mit seiner Tochter und den beiden Enkeln Weihnachten feiern w├╝rde. Vielleicht w├Ąre es genauso, wie fr├╝her, als seine Frau noch lebte. Sie w├╝rden singen, den Kindern dabei zusehen, wie sie buntes Papier von den Schachteln rei├čen w├╝rden ÔÇŽ Er hatte seine Enkel noch nie gesehen. Er wusste nur, dass es sie gab.
Wieder hob er die Flasche an seinen Mund und seufzte. Der Alkohol brannte schon lange nicht mehr in seiner Kehle. Aber er schenkte ihm zumindest die Illusion von W├Ąrme.
Er konnte es seinen Kindern nicht ver├╝beln. Einen S├Ąufer, wie ihn, h├Ątte er selbst auch nicht ein sein Haus gelassen und schon gar nicht in die N├Ąhe seiner Kinder. Eine Windb├Âe blies ihm feinen Schnee ins Gesicht und zerrte an seinem d├╝nnen Haar. Der Alter schauderte. Grimmig blickte er zu der grauen Wolkendecke hinauf. Es w├╝rde die Nacht durchschneien. Vielleicht h├Ątte er doch in dem Heim Am Ring ├╝bernachten sollen. Aber er wollte hier her in den Park, wollte die Lichter an den B├Ąumen betrachten, das Glitzern auf dem vereisten See und er wollte alleine sein mit seinen Gedanken. Das konnte man in dem Obdachlosenheim nicht. Da waren zu viele M├Ąnner, die genauso waren, wie er. St├Ąndig besoffen, st├Ąndig pr├╝gelnd und streitend. Das war kein Weihnachten.
Nein, die Stille, der Frieden hier drau├čen im Park kamen seiner Vorstellung von Besinnlichkeit noch am N├Ąhsten. Der Alte hustete und rieb sich ├╝ber die Arme um das Zittern zu vertreiben. Seine Knochen schmerzten von der K├Ąlte. Seine Nase f├╝hlte er nicht mehr, aber den stechenden Schmerz in seinen Zehen.
Eine Gestalt kam ├╝ber den See gelaufen. Durch das Schneegest├Âber hindurch, konnte er sie kaum sehen. Sie war nichts als ein schwarzer Schemen. Der Wind zerrte an ihrer Kleidung, doch sie lief unbeirrt weiter.
Der Alte beobachtete die Gestalt, wie sie langsam ├╝ber das Eis lief und kein einziges Mal strauchelte, rutschte oder auch nur unsicher aufzutreten schien. Er fragte sich, wer au├čer Hundebesitzern bei diesem Wetter und in der heiligen Nacht sonst noch hier rauskommen w├╝rde. Langsam trat die Gestalt aus dem Gest├Âber heraus und blieb am Ufer unter einer Laterne stehen. Das Licht der Laterne umgab die Person, wie ein Heiligenschein. Sie blickte zu dem Alten hin├╝ber und kam dann direkt auf ihn zu. F├╝r einen Augenblick sah es so aus, als w├╝rde der Lichtkranz die Gestalt begleiten, doch dann verlosch er.
Der alte Mann starrte l├Ąchelnd auf die Frau, die sich ihm n├Ąherte. Sie hatte noch immer dieses sanfte, freundliche Gesicht. Sie sah viel rosiger, ges├╝nder aus, als damals, als er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Sie war so sch├Ân, wie in ihren gl├╝cklichsten Tagen. Damals, als die Welt f├╝r sie alle noch in Ordnung war.
Warme N├Ąsse lief dem Alten ├╝ber sein stoppeliges Gesicht. Jetzt war er sicher, dass es Tr├Ąnen waren. Die Frau setzte sich neben ihn auf die Parkbank, legte eine zarte Hand auf das Knie des Alten und l├Ąchelte. ÔÇ×Fr├Âhliche Weihnachten, mein lieber Ehemann.ÔÇť Dann r├╝ckte sie n├Ąher an ihn heran, legte ihren Kopf auf seine Schulter und mit einmal wurde dem Alten ganz warm. Der Park erstrahlte im hellsten und w├Ąrmsten Licht, das er jemals gesehen hatte. Seit Jahren war er nicht so gl├╝cklich gewesen. Es war heilig Abend und er w├╝rde dieses Weihnachten nicht allein verbringen, sondern mit seiner Frau. So wie fr├╝her. Am Baum leuchten die Lichter. Es riecht nach Braten und Lebkuchen. Sein Sohn spielt die ersten Noten von Stille Nacht und die helle, klare Stimme seiner Frau erhebt sich und h├╝llt ihn ein.

Schneeflocken rieseln vom Himmel. Das Licht der Laternen glitzert auf der verschneiten Oberfl├Ąche des Parks, wie Diamanten. Es ist kalt heute Abend. Ein paar Kinder gleiten mit ihren Schlittschuhen ├╝ber den vereisten See. Jemand f├╝hrt seinen Dackel in einem roten Mantel f├╝r Hunde aus. Auf einer Parkbank sitzt ein alter Mann, der bei dem Anblick des Hundes l├Ąchelt. Neben ihm liegt eine Zeitung. Auf der Titelseite steht in gro├čen Buchstaben: Obdachloser erfriert Heilig Abend im Stadtpark
Der Alte Mann wei├č, dass im Artikel nicht erw├Ąhnt wird, wer der Obdachlose gewesen war. F├╝r die Leute bei der Zeitung, war er ein Namenloser gewesen. F├╝r den Mann auf der Parkbank, sein einziger Halt im Leben. Heute Abend w├╝rde er nicht in das Obdachlosenheim am Ring zur├╝ckkehren. Diese Nacht w├╝rde er hier verbringen. An dem Ort, an dem sein Freund gestorben war.



Version vom 16. 11. 2010 14:43

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
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Hallo sapna,

ich bin kein gro├čer Freund von r├╝hrigen Geschichten.
Tue mich schwer mit Toten zu Weihnachten etc.

Nichts destotrotz hat diese Geschichte f├╝r mich einen angenehmen Ton.
F├╝r mich liest es sich wie ein modernes M├Ąrchen, und als solches gef├Ąllt es mir.

Eine Sache empfinde ich als st├Ârend, bzw, ├╝berfl├╝ssig:

Es ist das Ende.
Meines Erachtens beinnst du mit der Einf├╝hrung der zweiten Person, die ein Jahr sp├Ąter zur Erinnerung an den Verstorbenen
den selben Ort betritt, eine neue Geschichte.

F├╝r mich ist dies St├╝ck rund mit dem Ende des vorletzten Absatzes.

Was denkst du dar├╝ber?

lg
Ralf
__________________
RL

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sapna
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2010

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Ich habe lange ├╝berlegt, ob ich die Geschichte an der Stelle enden lassen soll, wo der alte Mann stirbt, oder diesen Absatz doch noch mit anf├╝ge. Habe mich dann daf├╝r entschieden, weil ich denke, dass dieser Absatz noch einmal betont, was ich bezwecken wollte, n├Ąmlich, dass wir an den Feiertagen nicht die Menschen vergessen sollten, die wir so gerne vergessen. Und dann war es auch dieser Absatz, der mir die Tr├Ąnen beim Schreiben und auch beim Lesen in die Augen getrieben hat. Aber, das ist eine andere Geschichte.

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