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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der alte Martin
Eingestellt am 30. 06. 2008 11:26


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Carstens Welt
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Ich habe den alten Martin eigentlich nie richtig kennen gelernt. Gerade einmal, dass ich seinen Namen wusste. Still blickte er t├Ąglich aus dem Wohnzimmerfenster seiner 2-Zimmer-Wohnung, Hochparterre, rechts. Mit seinen 87 Jahren brauchte er nicht einmal eine Brille. Oder setzte er sie aus falscher Eitelkeit einfach nicht auf? Ab und zu findet man bei manchem Zeitgenossen diese falsche Eitelkeit, und dabei kann eine Brille so ein sch├Ânes Kleidungsst├╝ck sein, wenn man die richtige Wahl trifft.

Mit seinem scheinbar weisen und allwissenden Blick begleitete mich der alte Martin schon als Kind auf all meinen Wegen. Sahen wir uns in der Stadt, dann gr├╝├čte er uns Kinder alle bei unseren Vornamen. Sp├Ąter, als er nicht mehr ganz so oft das Haus verlie├č, sondern solche Wege nur selten nutzte, und wenn, dann nur auf die dringendsten Besorgungen beschr├Ąnkt, dann nickte er mir auch schon mal hinter der zur├╝ckgezogenen Gardine des geschlossenen Wohnzimmerfensters zu. An den Augen sah ich seine Falten, die mir als Kind Vertrauen schenkten, Vertrauen gegen├╝ber Fremden, mit denen man ja nicht mitgehen durfte, und als erwachsener Mann erkannte ich in diesen menschlichen Jahresringen, wie ich sie gerne nenne, eine Form der Weisheit, der b├Ąuerlichen Schl├Ąue, wie man sie Alten zuspricht, die so ihre Welterfahrungen gemacht haben; woher auch immer.

In seinem letzten Herbst sprach ich ihn oft an: ÔÇ×Na, Herr Martin, wann wird's Winter?" ÔÇ×Bald", antwortete er mir, ÔÇ×sehr bald", griff mit seiner Linken an sein Kreuz und jammerte etwas, ÔÇ×es kracht schon im Geb├Ąlk".
Wir schmunzelten uns an, und er war froh, dass ihn jemand ansprach und wieder mal um einen Rat gebeten hatte.

Er hatte es gesp├╝rt. Sein Blick wurde tr├╝ber, die H├Ąnde mussten gemeinsam das Glas zu Mund f├╝hren und manchmal, das wusste ich von Frau Markmann, die zwei mal die Woche bei ihm sauber machte und sowas wie unserer Hauspolizei war, manchmal schaffte er es nicht einmal mehr bis zum Klo. Dann war er traurig, dass er auf Fremde angewiesen war, die ihm hier helfen mussten, weil er es nicht mehr alleine schaffte, aber er nahm es hin, so, wie er in seinem langen Leben vieles schon hingenommen hatte.
Doch seine Sorgen sah man ihm nicht an, wenn er da am Fenster sa├č und gut gelaunt, scheinbar gut gelaunt auf die Stra├če sah. Seine Stra├če, die er ein ganzes Leben lang bewohnte, auf der er einst sein Gretchen kennen lernte, die tats├Ąchlich Margarete hie├č und ein etwas k├╝rzeres Bein hatte, diese Stra├če, die unter den verschiedenen Regierungen und Staatsformen auch verschiedene Namen trug, je nachdem, welche tote oder lebende Pers├Ânlichkeit gerade als Held verehrt werden sollte, diese Stra├če, auf der er als junger Mann die Arbeiterfahne schwenkte und daf├╝r ins Gef├Ąngnis musste, und auf der er sich beinahe das Genick brach, als er trunken vor Freude ├╝ber das Ende des Krieges mit dem Rad hinab fuhr und sich in einem Bombentrichter ├╝berschlug. Erst kamen hier die Amerikaner und schenkten ihm Brot und manchmal auch Zigaretten. Obwohl er nicht rauchte nahm er sie gern, denn als Tauschobjekt waren sie allemal geeignet. Dann kamen die Russen und nahmen ihm das Rauchwerk wieder weg und vernichteten sie in eigener Zust├Ąndigkeit.
Nach der Arbeit hat er mit den anderen Freiwilligen die Stra├če wieder hergerichtet, hat L├Âcher gestopft und Steine verpflastert, hat die H├Ąuser wieder aufgebaut, den Kriegswitwen die Kohlen geschleppt, wenn es denn auch mal was zu Schleppen gab und war immer da, wenn es hie├č, da wird jemand gesucht. Und so ging es, bis er Rentner wurde, und selbst da war keine Ruhe in ihm, und er hatte in sich diesen Drang, weiter zu helfen und zu tun und zu machen. Manchmal gab er sein letztes Hemd, wie man so sch├Ân sagt, oder auch einen halben Mantel.

Sp├Ąter sa├č er nur noch am Fenster, sah den Leuten bei deren Gesch├Ąftigkeiten nach und gr├╝├čte Kohlenh├Ąndler Kaschimke, der mit seinem alten Fuhrwerk und den beiden Stuten vorbeiratterte. Er kannte Kaschimke noch aus der Zeit, als beide in den Fahrradverein ÔÇ×Viktoria 1923 e.V." beitraten und die Wochenenden von Wanderungen in die nahe Natur und von M├Ąnnerges├Ąngen gekennzeichnet war. Mit seiner Arbeiterfaust winkte er dem alten Parteisekret├Ąr Wunderlich zu, als der vorbeilief und erinnerte sich daran, dass der viele Jahre im KZ gesessen hatte und keiner glaubte, dass er je wieder lebend diese Stra├če begehen w├╝rde. Ob es Wunderlich tats├Ąchlich mitbekam, dass da noch jemand ein bisschen Interesse nach ihm hatte, wei├č keiner.

Und dann schenkte er meinen Kindern, so, wie er es schon bei mir vor zwanzig Jahren machte, kleine Bonbons aus einer T├╝te mit der Aufschrift ÔÇ×Firma Gernegro├č und S├Âhne".

Und jetzt ist er tot, der alte Martin, 87-j├Ąhrig, Hochparterre wohnend und einsam.

Was wissen wir denn eigentlich ├╝ber die ganzen Martins dieser Welt, die still und freundlich uns durch unser Leben begleiten, die ein Teil unserer Biografie sind und am Ende ihres Lebens keinen haben, der sie besucht und manchmal in die T├╝te greift, in die T├╝te mit der Aufschrift ÔÇ×Firma Gernegro├č und S├Âhne"?
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Version vom 30. 06. 2008 11:26

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Christoph
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Eine sch├Âne Geschichte. Aber ich glaube, sie ist unter "Kindergeschichten" am falschen Platz. F├╝r Kinder (sagen wir mal bis 12 Jahre) macht die Neigung zu langen S├Ątzen den Text fast unlesbar. Zudem wird viel Wissen um die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts vorausgesetzt. Ein Wissen, das (leider) nur in seltenen F├Ąllen bei Kindern vorhanden sein d├╝rfte.
W├Ąre "Der alte Martin" nicht vielleicht besser bei den "Kurzgeschichten" aufgehoben?

Viele Gr├╝├če
Algarvius
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Christoph H├Âver
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Carstens Welt
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Der alte Martin

Da gehe ich mit! Die Geschichte war die erste, ich zu Beginn meiner Mitgliedschaft in die "Leselupe" gesetzt habe. F├╝r mich geh├Ârt sie eigentlich auch in die Kurzgeschichten. Sie ist aber in dieses Forum geschoben worden. Kann man nichts machen.
Trotzdem danke f├╝r die Blumen.
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