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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der alte und der junge Barbier
Eingestellt am 25. 03. 2008 00:58


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Pfefferminze
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2007

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Der kleine Laden liegt an einem belebten Platz des kleinen Dorfes. Rund um diesen Platz liegen die Moschee, das Haus des Bürgermeisters, die Apotheke und die kleine Dorfschule. Auch der Markt findet auf diesem Platz statt. Er herrscht ein reges Treiben. Aber der Barbier hat immer Zeit für ein Glas Tee oder ein Gespräch. Alle wichtige Leute des Dorfes lassen sich bei sich bei ihm rasieren und auch die, die sich für wichtig halten, der Bürgermeister, der Schullehrer, der Doktor und der Imam.
Der Barbier hört vieles in seinem Laden. Er hört zu und er sammelt, er baut Bilder aus den einzelnen Puzzleteilen. Er fliegt über den Dingen, er sieht alles von einer höheren Warte und er erkennt die Zusammenhänge.
Sie halten ihn für weise. Aber er hat nur die kleine Dorfschule besucht, er war nicht auf dem Gymnasium der großen Stadt oder auf der Universität in der Hauptstadt. Er hat nicht Theologie und Philosophie studiert. Er ist beim alten Barbier in die Lehre gegangen und jetzt ist er der alte Barbier. Er hört zu, er sammelt, er trägt zusammen, so wie sein Lehrjunge die Barthaare der Kunden zusammenkehrt.
Er lehrt den Jungen alles was er weiß. Er lehrt ihn das Messer zu schleifen, den Seifenschaum anzurühren und die Bärte der Alten zu pflegen. Aber vor allem lehrt er ihn hören, beobachten, sammeln und zusammensetzen.
Nie geht ein Kunde, ohne nicht auch noch ein Glas Tee mit dem alten Barbier getrunken zu haben. Er hat ja Zeit. Und so sitzen sie und trinken, während der Junge aufräumt, er bring die Handtücher in den Wäschekorb, reinigt die Seifenschüssel und fegt die Barbierstube aus. Dann bereitet er alles für einen neuen Kunden vor. Der ist schon da, hat es aber auch nicht eilig, für ein Glas Tee vor der Rasur ist noch Zeit.
Der erste Kunde trinkt sein Glas leer, zahlt und verabschiedet sich, selam aleiküm, der andere trinkt sein Glas in Ruhe aus und setzt sich dann auf den Barbierstuhl.
Der Junge bringt vorgewärmte Handtücher und bedeckt damit das Gesicht des Kunden. Dann rührt er den Seifenschaum an, wie der Alte es ihm gelehrt hat.
„Es ist Zeit, dass du zeigst, was du gelernt hast,“ sagt der Alte, „heute darfst du rasieren.“ Und der Junge hat viel gelernt, vor allem beobachten. Wie oft hat er dem Alten bei der Arbeit zugesehen. Genau wie er nimmt er die Schaumschüssel in die Hand und mit einer leichten Bewegung aus dem Handgelenk, die er bei seinem Meister hundertfach gesehen hat, verteilt er den Schaum. Wie gut er die Bewegungen imitiert, dann das Messer am Leder schärft und ruhig und leicht an die Rasur geht, ohne Zittern in der Hand. Er kennt jede Bewegung, so oft hat er sie gesehen und in Gedanken nachgespielt, dass es ihm jetzt keine Mühe macht.
Und noch etwas hat er von dem Alten gelernt. Sammeln, Durch eine kleine Frage hier, ein zustimmendes Brummen da oder ein scharfes Einatmen bringt er seine Kunden zum reden.
Und er sammelt was er hört, er blickt von oben auf alles herab, er hat den Überblick. Er sieht das gesamte Mosaik, dort wo andere nur das kleine Steinchen sehen.
Der Kunde ist zufrieden und der alte Barbier ist es auch.

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