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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der arme Wurm
Eingestellt am 09. 09. 2011 00:14


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schreibhexe
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2009

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Ich war gerade beim Entsteinen der Fr├╝chte f├╝r einen saftigen Zwetschgenkuchen. Die Zwetschgen waren prall, dunkelblau gl├Ąnzend mit einem samtig graublauem Belag auf der glatten Haut. Routiniert stach ich mit einem scharfen Messer hinein, durchtrennte das gelbe Fruchtfleisch und entfernte den Stein darin. Ohne Willen, ich schw├Âre, ganz aus Versehen verletzte ich dabei einen Wurm, der sich in einer der Zwetschgen h├Ąuslich niedergelassen und den ich nicht rechtzeitig gesehen hatte, und schnitt ihn fast entzwei.
Oh Gott! Ich hatte den Wurm verletzt! Ich sah, er kr├╝mmte sich in Schmerzen. H├Ątte ich feinere Ohren gehabt, h├Ątte ich sein Wehgeschrei h├Âren k├Ânnen. Ich sah, dass er blutete. Wei├čes Blut trat aus seiner Wunde. Ich war nicht achtsam genug gewesen. Warum nur war ich nicht achtsam genug gewesen? Ich hatte das kleine Loch in der Zwetschge nicht wahrgenommen. Erste Hilfe zu leisten, war mir nicht m├Âglich. Meine Finger waren zu klobig. Fahrig suchte ich nach einer Pinzette, um ihn nach M├Âglichkeit zu verbinden, suchte im N├Ąhkasten meiner Frau nach einem geeigneten Leinenb├Ąndchen, w├Ąhlte aber dann doch die Notrufnummer, denn ich sah ein, dass ich hier nicht helfen k├Ânne, und bestellte einen Krankenwagen. Mit Sirenengeheul kam er und man legte den armen Wurm auf eine Bahre. Doch der Notarzt sagte, f├╝r W├╝rmer in Zwetschgen sei er nicht zust├Ąndig. Ich solle den Tierarzt anrufen oder den Zoo. Also klappte ich die halb durchgeschnittene Zwetschge mit dem Wurm darin wieder zu, packte sie in einen Plastikbeutel und brachte sie mit meinem Auto in aberwitzigem Tempo in den Zoo. Halb wahnsinnig vor Sorge lief ich dort die G├Ąnge auf und ab, ohne die Tiere in den K├Ąfigen auch nur eines Blickes zu w├╝rdigen, fragte die Zoow├Ąrter, wie es dem Wurm gehe, was ich tun k├Ânne, ob er sterben m├╝sse, doch man konnte mich beruhigen. Sie hatten ihm eine Extraportion Zwetschgensaft mit einem Schmerzmittel darin verabreicht und nun hatte er gute Chancen, die Attacke zu ├╝berleben. Erleichtert, ja geradezu z├Ąrtlich nahm ich das W├╝rmchen in der Zwetschge wieder entgegen. Ich w├╝rde also nicht zum M├Ârder werden. Ich konnte aufatmen. In mir begann die Sonne wieder zu leuchten.
Zuhause erinnerte ich mich an ein altes Aquarium, das holte ich aus dem Keller, stattete es mit gr├╝nen Bl├Ąttern aus, sorgte daf├╝r, dass es immer die n├Âtige Feuchte erhielt und machte es dem W├╝rmchen so angenehm wie m├Âglich. Es war mir eine wirkliche Freude zu sehen, wie der Wurm gesundete und gro├č und fett wurde. Ich war dem Schicksal ja soo dankbar.
Doch allm├Ąhlich wurde der Bursche nicht nur gro├č und fett, sondern auch anspruchsvoll. Er w├╝nschte sich in der Sonne zu liegen, und zwar in einem extra f├╝r ihn angefertigten pinkfarbenen Liegestuhl. Dann verlangte er eine Sonnenbrille und eine Krawatte, aber bitte vom Feinsten! Und Sonnenschutzcreme mit dem h├Âchsten Lichtschutzfaktor. Und einen Walkman mit einem extra f├╝r ihn aufgenommenen Vogelkonzert. Schlie├člich sei er ein Wurm mit Bildung und ich st├╝nde in seiner Schuld, erkl├Ąrte er. Ich h├Ątte ihn ja fast umgebracht. Seine Anspr├╝che seien also sein gutes Recht, Schmerzensgeld sozusagen. Auch verlangte er eine richtige, saftige Zwetschgentorte, in der er mit einer sch├Ânen, fetten W├╝rmin einen Hausstand gr├╝nden und seine k├╝nftigen Kinder gro├čziehen k├Ânne. Aber angegoren m├╝sse sie sein. Dann schmecke die Torte am besten, weil der Alkoholgehalt in den Zwetschgen steige. Zwetschgenwasser, Slibovic, sozusagen.
Mit der Zeit wurden mir seine Anspr├╝che wirklich zu hoch. Ich fand, er wurde unversch├Ąmt. Da nahm ich ihn aus dem Aquarium, packte ihn mit ein paar Bl├Ąttern in ein gro├čes Schraubglas, ging damit hinaus ins Gr├╝ne und setzte ihn unter einen wilden Zwetschgenbaum. Dort kann er es sich jetzt gut gehen lassen, Vogelkonzerte h├Âren so viel er will und eine Familie gr├╝nden ÔÇô sofern nicht eine Amsel kommt und ihn als Fr├╝hst├╝ck f├╝r ihre Jungen aufpickt. Aber daran dachte ich erst sp├Ąter.
Ich gebe zu, allm├Ąhlich, wie er so wuchs und immer fetter und immer anspruchsvoller wurde, tat es mir fast leid, dass ich ihn gerettet hatte und war das eine oder andere Mal durchaus versucht, ihn nun mit voller Absicht zu meucheln, besonders, da meine Frau sich allm├Ąhlich immer mehr vor ihm ekelte und drohte, sich von mir scheiden zu lassen. Aber ich bin ja ein friedfertiger Mensch und ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen, nicht wahr?
Meine Frau und ich sind seitdem wieder ein Herz und eine Seele. Sie ist jetzt schwanger, im f├╝nften Monat. Doch das Ultraschallbild sieht so seltsam aus. Ganz ├Ąhnlich wie ein gro├čer, dicker, fetter Wurm, ohne Arme, ohne Beine, walzenf├Ârmig.

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