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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der babylonische Schacht
Eingestellt am 07. 11. 2015 20:31


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Wipfel
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Der babylonische Schacht

„Luft, ich brauche frische Luft!“ Viel zu spĂ€t und schweißgebadet sprang Harro Klein an diesem Morgen aus dem Bett. Heute sollte der große Deal laufen! Er stolperte zum Fenster, riss die schweren VorhĂ€nge zur Seite und versuchte sich zurechtzufinden. „Wo bin ich?“
Prag, das war klar. Aber wo genau? Alte, mit grauweißen Ornamenten geschmĂŒckte Fassaden umschlossen links und rechts einen kleinen Platz, einen Burghof. Die hohen Fenster ließen die GrĂ¶ĂŸe der dahinter liegenden RĂ€ume und SĂ€le erahnen. Dann die riesige Kirche, groß wie ein Dom.. Das alles kam Harro bekannt vor: „Hier war ich doch schon einmal
“

Plötzlich drang Beifall an sein Ohr. Er entdeckte eine bunte Gruppe kleiner Menschen, die von einer jungen blonden StadtfĂŒhrerin deutlich ĂŒberragt wurde. Mit ihrem langen Glitzerstab zeigte sie aufgeregt in Harros Richtung. Jetzt flogen ihm ein Handkuss und vergnĂŒgliches Gekreische entgegen. Japaner, dachte er. Das sind bestimmt Japaner. Und was fĂŒr eine aufgeweckte Tschechin miitendrin. Er winkte zurĂŒck und erschrak zugleich: „Ich bin ja nackt!“

Vorhang zu. Was war nur los? Wie war er hierher gekommen, wie nur in dieses Zimmer? Seine Sachen hingen geordnet ĂŒber der Stuhllehne, der Hartschalenkoffer stand mit ausgezogenem Griff wie zum Abflug bereit. Alles schien normal. Und doch spĂŒrte Harro, wie ihn dieser Morgen geheimnisvoll umwob. Hatte er das nicht alles schon einmal erlebt? Egal, dafĂŒr war jetzt keine Zeit.

Bald darauf trat Harro Klein, den Koffer hinter sich her ziehend, in den dritten Hof der Prager Burg. KopfschĂŒttelnd. Die Statue des heiligen Wenzel wies ihm mitleidig den Weg. Er hastete an der japanischen Gruppe vorbei. Errötend. Die Tschechin war wirklich hĂŒbsch. Doch er hatte es eilig. Auf ihn wartete Watzlaw Prtek, einer der großen Investoren dieser Stadt. Harro ĂŒberlegte, wie er um diese Zeit am Schnellsten zum Maximilian-Hotel gelangen könnte. Es liegt auf der anderen Moldauseite, dort wollten sie sich treffen. Mit dem Taxi? Das bleibt doch im Stau stecken, dachte er. Mit dem Bus? Oder der Straßenbahn?

Sein Handy klingelte. Im Eilschritt nahm er das GesprÀch an, blieb abrupt stehen und wollte nicht glauben, was er gerade gehört hatte:
„Was sagen Sie da? 
 Der Termin ist abgesagt? 
 Was soll das heißen? ... Prtek ist krank? ... Ja, habe verstanden. RĂŒckflug 16:30 Uhr.“

Und jetzt? Zum Flughafen? Einige Sekunden stand er unschlĂŒssig im Halbschatten der Straße. Es hĂ€tte sein bisher grĂ¶ĂŸter Auftrag werden sollen. Einige deftige FlĂŒche schossen aus ihm heraus. Doch dann - plötzlich entschlossen - ging Harro in das nĂ€chstgelegene Hotel. An der Rezeption gab er fĂŒr ein angemessenes Trinkgeld seinen Koffer zur Aufbewahrung ab, setzte sich ins Restaurant, bestellte FrĂŒhstĂŒck und einen großen Cognac. Erst langsam begriff er, dass die nĂ€chsten Stunden ihm gehörten, nur ihm allein. Schnell das Handy abstellen! Er schmunzelte bei dem Gedanken, fĂŒr alle anderen unerreichbar zu sein – was fĂŒr ein Luxus!

Etwas spĂ€ter stand Harro wieder auf der Straße – inklusive einem kleinen Rausch – und ließ sich im Menschenstrom treiben. Leicht und befreit fĂŒhlte er sich, schritt voller Neugier durch das Tor der Kleinseitener TĂŒrme zur KarlsbrĂŒcke hinauf. Ich bin ein König! Nur ein König kann ĂŒber sich selbst bestimmen, dachte er und hielt sein Gesicht in die Vormittagssonne. Genießend schlenderte er ĂŒber das alte Pflaster, ließ sich vom Spalier der Statuen zujubeln und nickte gelegentlich der einen oder anderen zu. Fliegende HĂ€ndler sĂ€umten zu beiden Seiten den Weg, wie an die Mauer angenĂ€ht.

Genau im Kreuz der BrĂŒcke zur sanften Moldau blieb er stehen. Maler boten sich an, ein PortrĂ€t von ihm zu zeichnen. Doch Harro winkte ab. Stattdessen schwang er sich auf die Mauer und schaute den Wellen zu. Seine Gedanken fĂŒtterten saugende Strudel, schwebten ĂŒber gekrĂ€uselter Flusshaut und ließen sich von einem aufsteigenden Schwan in die LĂŒfte entfĂŒhren.

Eine leichte BerĂŒhrung ließ Harro zusammenzucken. Er drehte sich um und sah vor sich die junge StadtfĂŒhrerin mit ihrer Gruppe. ErklĂ€rend zeigte sie auf Harro. Fröhliches GelĂ€chter. Wieder errötete Harro; diesmal jedoch legte er seinen Arm um die Frau und gemeinsam waren sie minutenlang das beliebteste Fotomotiv.
„Siehst du dort drĂŒben den alten Mann? Er sieht dir irgendwie Ă€hnlich."

„Kann sein. Und? Warum sagst du das? Wer bist du?“

Statt einer Antwort kĂŒsste sie ihn auf die Wange, begleitet von begeisterten Rufen ihrer Japaner. Ein LĂ€cheln, ein HĂ€ndedruck zum Abschied. Die Gruppe folgte dem Glitzerstab und verschwand alsbald durch das AltstĂ€dter Tor.

Der Alte stand noch immer da. In den HĂ€nden hielt er einen antiquierten Fotoapparat, zielte blind und schoss seine Bilder aus der HĂŒfte. Immer, wenn er auf den Auslöser drĂŒckte, blitzten in seinem faltigen Gesicht wache Augen auf.
Was fĂŒr eine sonderbare, dĂŒnne Gestalt! Er trug zwei unterschiedliche Sandalen. Aus den löchriggrauen Socken wuchsen lederne Kaktuswaden empor. Ein langes, durchsichtiges Regencape ĂŒberdeckte ausgewaschene Knickerbockers und das rotblau karierte HolzfĂ€llerhemd. Wie ein goldenes Messgewand funkelte es im Sonnenlicht. Seine schlohweißen, dĂŒnnen HaarstrĂ€nen durchzog ein rotes Schleifenband.
Harro bemerkte, dass der seltsame Apparat beharrlich in seine Richtung klickte. Langsam ging er auf den Alten zu und fragte: „Sprechen Sie deutsch?“

„Auch deutsch.“

„Sie sprechen also mehrere Sprachen?“

„Ich spreche alle Sprachen. Ich sammle sie.“

„Ach, hören Sie doch auf! Es gibt tausende von Sprachen, niemand spricht alle.“

Der Alte schwieg ĂŒber Harros Kopf hinweg.
„Warum fotografieren Sie mich?“

„Ich trenne dein Bild.“

„Mein Bild? Was soll der Quatsch! Wovon wollen Sie es trennen?“

„Ich trenne es von deiner Sprache.“

„Sie sind ein komischer Kauz! Warum tun Sie das?“

„Sind erst die Bilder von der Sprache getrennt, lassen sich die Worte aus ihren HĂŒlsen locken. Erst dann nĂŒtzen sie mir.“

„NĂŒtzen? So ein Unsinn. Was stellen Sie denn mit den Worten an, wenn man fragen darf?“

„Alles ist aus dem Wort geworden, und ohne das Wort wĂ€re nichts, was geworden ist. Mit Worten aber grabe ich den babylonischen Schacht.“

„Mit Worten aber grabe ich den babylonischen Schacht", wiederholte Harro den letzten Satz. "Den Spruch habe ich im CafĂ© Kafka gelesen. Steht da an der Wand. Oder so Ă€hnlich
“

Wieder schwieg der Alte.
„Wer sind Sie? ErzĂ€hlen Sie mir bloß nicht, Sie seien der Auferstandene persönlich. Kommen Sie, raus mit der Sprache! Wer sind Sie?“

„Ich bin Niemand. Du bist ich. All die Jahre habe ich auf dich gewartet.“

Etwas verunsichert trat Harro einen Schritt zurĂŒck, entdeckte im Gesicht des Alten dieselbe Narbe ĂŒber dem Kinn, die er schon seit seiner Kindheit trug. Auch die Augen des Alten hatten diese zwei ungleichen Farben, und inmitten der rechten Braue fehlten an der gleichen Stelle, wie bei ihm, die sonst so buschigen HĂ€rchen.

„Sie sehen ja genauso aus wie ich, nur viel Ă€lter! Gute Maske, mein Lieber, alle Achtung! Ich verstehe zwar nicht, was das Ganze soll, aber ich bin beeindruckt. Ehrlich!“

„Das ist keine Maske. Nur wer zu sich selbst zurĂŒckkehrt, findet das Leben. Einst waren die Menschen mĂ€chtig. Alle verstanden einander und mit gemeinsamer Kraft bauten sie den riesigen Turm. Gott hat das nicht gefallen. Er hat sie mit Sprachen entzweit. Kafka wusste, dass die Verwirrung der Menschen nur durch die Negation des Turmes aufgehoben werden kann. Ich bin Niemand, du bist ich. Gemeinsam graben wir am babylonischen Schacht.“

Der Alte legte seinen Regenmantelarm um Harros Schultern und schob ihn zur Kleinseite der Stadt. Wieder ĂŒberkam Harro das GefĂŒhl, von etwas Geheimnisvollem umwoben zu sein - so, wie an diesem Morgen. Und er hatte plötzlich Hunger. Zusammen gingen sie ĂŒber die BrĂŒcke, weiter durch das zinnenbewehrte Tor, durch die engen Straßen und alten Gassen, und gelangten schließlich in den Vojan-Park. WĂŒrdevoll schritt der Alte; Harro, noch immer vom fremden Arm umschlossen, schlich wie hypnotisiert nebenher.

Im Schatten einer Kastanie holte der Alte unter einer Bank einen Eisenhaken hervor. Er steckte diesen in die Öffnung eines Gullydeckels und zog. Ächzen. Schleifendes GerĂ€usch. Eisernes Klirren. Der Schacht war geöffnet. Aus großer Tiefe hörte Harro Stimmengewirr aufsteigen. Wie eine seltsame Melodie klang es. Da waren die englischen ErklĂ€rungen der StadtfĂŒhrerin, japanisches GelĂ€chter, das deutsch-tschechische Gefeilsche von der KarlsbrĂŒcke, die klĂ€glichen Schreie eines sterbenden Schwans. Er trat an den Rand, entdeckte an der Innenwand tausende Worte, sah, wie diese sich spiralförmig nach unten drehten und in einem endlosen blauen Nichts verschwanden. Und noch immer dieser Sirenengesang. Harro spĂŒrte die dĂŒrre Hand des Alten, spĂŒrte, wie sie ihn sanft weiter schob.

„Steig hinab, mein Freund! Die Zeit ist reif fĂŒr große Taten; heute graben wir mit deinen Worten weiter am babylonischen Schacht. Nur noch eine Sprache wird es geben. Verschwinden werden Neid und Hass. Erhöht werden wir auf unser Werk blicken und zur wahren GrĂ¶ĂŸe auferstehen.“

Harro zögerte. FĂŒr einen Moment dachte er an den Koffer, der noch immer im Hotel auf ihn wartete. Er dachte an das grĂ¶ĂŸte Bauprojekt dieser Stadt, fĂŒr das er schließlich extra hierher gekommen war. Doch was waren all diese Gedanken gegen die Möglichkeit bei diesem Projekt dabei zu sein? Er musste sich dieser heroischen Aufgabe stellen! Harro beugte sich ĂŒber das Loch, ergriff die erste Halterung und stieg zunĂ€chst mit zitternden Knien, dann immer sicherer und schneller hinab. Auch der Alte stieg ein, zog den Deckel ĂŒber das Loch und folgte Harro in die modrige Tiefe.

Irgendwann war Harro so erschöpft, dass sie beschlossen in einem querenden Gang zu rasten. Nach wenigen Schritten kamen sie zu einer gedeckten Tafel. Fackeln tauchten diesen Ort in ein mildes Licht. Harro wunderte sich zwar, machte sich jedoch sogleich ĂŒber die dampfenden Knödel her, trank dazu aus dem Kelch blutroten Wein. Was fĂŒr ein Tag, dachte er. Krass. Das glaubt mir niemand. Und was fĂŒr ein irrer Typ, hat sich echt gut eingerichtet. Und warum gibt es hier eigentlich kein Bier?

Da war plötzlich diese MĂŒdigkeit. Harro sah den Alten, der wie versteinert schien. Aufstehen, ich muss aufstehen, hĂ€mmerte es in seinem Kopf. Das ging, mĂŒhsam irgendwie. Jetzt einen Schritt, er wankte. „Hilf mir doch!“, rief er mit aufgerissenen Augen und sank schließlich wie ein nasser Sack zu Boden.

Geschafft! Der Alte hob Harro auf den Tisch, hielt seine Spinnenfinger ĂŒber ihn und murmelte eine beschwörende Formel. Jetzt entnahm er behutsam Wort fĂŒr Wort, solange, bis Harro leer war, ganz leer. Mit den Worten grub er den Schacht tiefer - so, wie er es immer getan hatte. Nur Harros Bild blieb ĂŒbrig. Wie eine HĂŒlle lag es da, wie ein Leben, das zu Ende gelebt werden wollte. Schließlich stieg der Alte selbst in diese HĂŒlle, fĂŒllte dieses Bild aus, spĂŒrte freudig die junge Kraft. Genießend ließ er noch etwas Zeit verstreichen, nahm dann seinen Apparat und kletterte ins Leben zurĂŒck.

Den Koffer wollte er sich holen, vielleicht noch etwas ĂŒber die KarlsbrĂŒcke ziehen. Er wird den Schacht vollenden, irgendwann. Und er wird Ausschau halten und warten. Warten auf die eigene RĂŒckkehr, warten auf Harro Klein.


Version vom 07. 11. 2015 20:31
Version vom 08. 11. 2015 08:21
Version vom 08. 11. 2015 11:43
Version vom 08. 11. 2015 16:46

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rothsten
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Nabend Wipfel,

eine außergewöhnliche Geschichte! Sie verdient Aufmerksamkeit. Es gibt aber ein Aber.

Ich verstehe, dass es hier eigentlich keinen Anfang und kein Ende gibt. Die Geschichte beginnt, wo sie endet. Dennoch habe ich hier LogiklĂŒcken ausgemacht. Dein Prot wird nicht neugeboren, er ist ein Erwachsener mitten im Leben. Es klingt eher nach tĂ€glichem Murmeltier.

Daran gemessen offenbaren sich einige Fehler:

quote:
„Luft, ich brauche frische Luft!“ Viel zu spĂ€t und schweißgebadet sprang Harro Klein an diesem Morgen aus dem Bett. Er stolperte zum Fenster, riss die schweren VorhĂ€nge zur Seite und versuchte sich zurechtzufinden. „Wo bin ich?“

Das "viel zu spĂ€t" impliziert einen Alltag (jeden Morgen aufstehen fĂŒr die Arbeit). Die Überraschung, nicht zu wissen, wo man ist, passt dann nicht mehr richtig. Es wird dann auch falsch, denn spĂ€ter schreibst Du: Vorhang zu. An nichts konnte er sich erinnern

Wenn dem so wĂ€re, dann wĂŒsste er auch nicht, dass er spĂ€t dran ist. Lass ihn doch einfach aus dem Bett springen.

Es mag sein, dass hier die ausgefĂŒllte HĂŒlle in Zeitschleife einem inneren Befehl folgt. Das versteht an dieser Stelle aber niemand.

quote:
Plötzlich drang Beifall an sein Ohr. Er entdeckte eine bunte japanische Gruppe, die von einer jungen blonden StadtfĂŒhrerin deutlich ĂŒberragt wurde.

Ja, die Adjektive haben so ihre TĂŒcken ...

WofĂŒr ist wichtig, dass die Gruppe bunt und/oder japanisch ist? Woher weiß der Prot, dass es Japaner sind? Kann er Japanisch? Könnten es nicht doch Koreaner sein, die auch noch einheitlich gekleidet wĂ€ren? WĂ€re die Geschichte dann gescheitert?

Zumindest zu diesem Zeitpunkt kann er die NationalitĂ€t nicht kennen. Ich beließe es bei Asiaten. Ich weiß, ich bin hier ziemlich alleine mit solcher Detail-Kritik, aber ...


quote:
Alles schien normal. Und doch spĂŒrte Harro, wie ihn dieser Morgen geheimnisvoll umwob.

Erinnert er sich doch und alles ist vertraut?

Dass ein Morgen einen geheimnisvoll umwebt, klingt mir zu pathetisch.

quote:
Egal, dafĂŒr war jetzt keine Zeit.

Siehe oben. Er weiß nichts, außer, dass es eilt?


Zwischenfazit:

Du beziehst hier zu sehr die Ergebnisse des Plots ein. Dein Leser versteht an dieser Stelle nichts von dem, was Du anzudeuten versuchst.

Tipp: Ich ließe ihn aufwachen und auf die KarlsbrĂŒcke latschen.

quote:
Bald darauf trat Harro Klein, den Koffer hinter sich her ziehend, in den dritten Hof der Prager Burg. KopfschĂŒttelnd. Die Statue des heiligen Wenzel wies ihm mitleidig den Weg. Er hastete nahe dem Matthiastor an der japanischen Gruppe vorbei. Errötend. Die Tschechin war wirklich hĂŒbsch. Doch er hatte es eilig. Auf ihn wartete Watzlaw Prtek, einer der großen Investoren dieser Stadt. Harro ĂŒberlegte, wie er um diese Zeit am Schnellsten zum Maximilian-Hotel gelangen könnte. Es liegt auf der anderen Moldauseite, dort wollten sie sich treffen. Mit dem Taxi? Das bleibt doch im Stau stecken, dachte er.
Mit dem Bus? Oder der rot-weißen Straßenbahn?

Harro entschloss sich zu laufen. Durch die nördliche Kleinseite der Stadt ging es die Nerudova bergab. Auf der MalustranskĂ© NĂĄmesti wusste er, dass seine Entscheidung richtig war; schon in wenigen Minuten wĂŒrde er an der KarlsbrĂŒcke sein.

Ich kenne Prag ganz gut (ich liebe Prag!). Es war mir daher ein VergnĂŒgen, ans HĂ€ndchen genommen und gefĂŒhrt zu werden. NUR: Wo ist der Belang fĂŒr Deine Geschichte?

Sorry, aber das langweilt. Es ist völlig latte fĂŒr den Text, welchen Weg er nimmt oder welche Farbe die Bahn hat. Du begehst hier einen klassischen Fehler: Du kennst Dich sicher bestens in Prag aus, und Du willst dieses Wissen im Text einfliessen lassen. Falsch! Schreibe nur, was der Handlung dient. Ist wichtig, wie er am schnellsten irgendwo hinkommt?

-> Abladen unnötigen Wissens!

quote:
Seine Gedanken fĂŒtterten saugende Strudel, schwebten ĂŒber gekrĂ€uselter Flusshaut und ließen sich von einem aufsteigenden Schwan in die LĂŒfte entfĂŒhren. ||
„Fliegt!“, rief er ihnen nach, „Fliegt so hoch ihr könnt! Und lasst euch nicht einfangen!“

Der erste Teil ist eigensprachlich und beinahe lyrisch. Toll! Wer in der Lage ist, so zu schreiben, der muss sich auch scharfe Kritik gefallen lassen:

Der zweite Teil geht gar nicht. Viel zu aufgesetzt, viel zu pathetisch. Ein freier Tag ist schön und gut, aber deswegen bricht nicht gleich das GefĂŒhl grenzenloser Freiheit aus einem heraus. Zu dick aufgetragen!


quote:
Der Alte stand noch immer da

Wo kommt der Alte her? Der wirkt reingeklatscht.


quote:
„Meine GĂŒte, jetzt drehen Sie aber auf. Wenn ich mich nicht irre, zitierten Sie gerade aus dem Johannesevangelium. Und das mit dem Schacht: den Spruch habe ich im CafĂ© Kafka gelesen. Steht da an der Wand. Oder so Ă€hnlich
“


Man ahnt, wozu sich der Text aufschwingen möchte ...


quote:
„Das ist keine Maske. Nur wer zu sich selbst zurĂŒckkehrt, findet das Leben. Einst waren die Menschen mĂ€chtig. Alle verstanden einander und mit gemeinsamer Kraft bauten sie den riesigen Turm. Gott hat das nicht gefallen. Er hat sie mit Sprachen entzweit. Kafka wusste, dass die Verwirrung der Menschen nur durch die Negation des Turmes aufgehoben werden kann. Ich bin Niemand, du bist ich. Gemeinsam graben wir am babylonischen Schacht.“

Sorry, so fabulieren vielleicht Studenten der Germanistik auf Studienfahrt mit Schwerpunkt Kafka, sicher aber nicht diese beiden.

quote:
Er dachte an das grĂ¶ĂŸte Bauprojekt dieser Stadt, fĂŒr das er schließlich extra hierher gekommen war. Doch was waren all diese Gedanken gegen die Möglichkeit bei diesem Projekt dabei zu sein?

Nein, daran denkt er sicher nicht, wenn sich ein solcher Schacht vor ihm auftut. Oder denkt vielleicht ein Lufthansa-Pilot an die nÀchste Route, wÀhrend er in einem UFO sitzt?


quote:
Harro wunderte sich zwar, machte sich jedoch sogleich ĂŒber die dampfenden Knödel her, trank dazu aus dem Kelch blutroten Wein.

Ja, die Knödel ... *sabber*

Aber dazu gehört ein Pils! Prag! Das ist ein katastrophaler ErzÀhlfehler!

Ich empfehle Staropramen, fassfrsich.

quote:
Nur Harros Bild blieb ĂŒbrig. Wie eine HĂŒlle lag es da, wie ein Leben, das zu Ende gelebt werden wollte. Schließlich stieg der Alte selbst in diese HĂŒlle, fĂŒllte dieses Bild aus, spĂŒrte freudig die junge Kraft. Genießend ließ er noch etwas Zeit verstreichen, nahm dann seinen Apparat und kletterte ins Leben zurĂŒck.

Grandioses Bild!


Fazit:
Schilderung eines kafkaesken Prags mit einem fantastischem (und gelungenem) Plot, aber der Weg dort hin ist verbaut mit einigen ErzÀhl-Sackgassen. Der Text wird zunehmend besser, der Autor kann es eigentlich. Die Sackgassen erklÀre ich mir damit, als dass der Autor wahrscheinlich (wie ich) Prag und Kafka liebt, es aber zu sehr in den Text einfliessen lassen wollte.

Wenn 10 Punkte Kafka wÀre, dann sind hier 9 Punkte sicher unangebracht. Meine Meinung.

lg

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Wipfel
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Merci Rothsten fĂŒr die ausfĂŒrliche Kritik an diesem Text - ist ja spĂ€t geworden. Mach ich sonst nicht, aber heute kopiere ich die wesentlichsten Punkte von dir, um sie zu kommentieren:

quote:
Dein Prot wird nicht neugeboren, er ist ein Erwachsener mitten im Leben. Es klingt eher nach tÀglichem Murmeltier.

Erwachsener Mann, ja. Er hat bis zu diesem Tag sein Leben gelebt, steht mittem im Saft - und eben vor seinem grĂ¶ĂŸten Deal. Murmeltier nein.

quote:
Das "viel zu spĂ€t" impliziert einen Alltag (jeden Morgen aufstehen fĂŒr die Arbeit). Die Überraschung, nicht zu wissen, wo man ist, passt dann nicht mehr richtig. Es wird dann auch falsch, denn spĂ€ter schreibst Du: Vorhang zu. An nichts konnte er sich erinnern
Dass Dienstreisen Alltag sein können - er ja zurĂŒckfliegen will - gestehe ich zu. "Viel zu spĂ€t" bezieht sich auf den wichtigen Termin mit Prtak, das kommt relativ schnell hinterher. Ich habe dennoch daran rumgeschraubt. Denn auch die Aussage, dass er sich an nichts erinnern kann, könnte man ja wirklich so lesen, dass er einen totalen GedĂ€chtnisverlust hat. Der war eher wie ein Filmriss...

quote:
Ja, die Adjektive haben so ihre TĂŒcken ...

WofĂŒr ist wichtig, dass die Gruppe bunt und/oder japanisch ist?

Wichtig ist es fĂŒr die Beschreibung von Prag und seinem pulsierenden Tourismus. GeĂ€ndert.

quote:Egal, dafĂŒr war jetzt keine Zeit.


quote:
Siehe oben. Er weiß nichts, außer, dass es eilt...und: NUR: Wo ist der Belang fĂŒr Deine Geschichte?
? Richtig. Er muss zu diesem Termin, das ist alles, was ihn treibt. Ob Prag oder Moskau oder Rom - bis dahin könnte man die StÀdte tauschen. Meine Geschichte funktioniert aber nur in Prag. Daher der Beginn auf der Burg (in der es ja gar kein Hotel gibt...), der Abstieg in das Leben und das Graben am BS. Stimmt, den Weg werden die wenigsten nachvollziehen - geÀndert.

„Fliegt!“, rief er ihnen nach, „Fliegt so hoch ihr könnt! Und lasst euch nicht einfangen!“

quote:
Der zweite Teil geht gar nicht. Viel zu aufgesetzt, viel zu pathetisch. Ein freier Tag ist schön und gut, aber deswegen bricht nicht gleich das GefĂŒhl grenzenloser Freiheit aus einem heraus. Zu dick aufgetragen!

Jo - Gestrichen

quote:
Wo kommt der Alte her? Der wirkt reingeklatscht.
Wo er herkommt? Unwichtig. Er wartet - das wird ja zum Ende der Geschichte deutlich - auf den nÀchsten Harro Klein. Er wartet, und deshalb ist er da.


Ich bin Niemand, du bist ich. Gemeinsam graben wir am babylonischen Schacht.“


quote:
Sorry, so fabulieren vielleicht Studenten der Germanistik auf Studienfahrt mit Schwerpunkt Kafka, sicher aber nicht diese beiden.
Nö. Es ist nicht irgendwer - es ist er. Und er darf das so. Er hat nichts anderes, ĂŒber das er fabulieren könnte und er macht sich nichts draus, was andere denken. Der darf so fabulieren, niemand sonst.

quote: Er dachte an das grĂ¶ĂŸte Bauprojekt dieser Stadt, fĂŒr das er schließlich extra hierher gekommen war. Doch was waren all diese Gedanken gegen die Möglichkeit bei diesem Projekt dabei zu sein?


quote:
Nein, daran denkt er sicher nicht, wenn sich ein solcher Schacht vor ihm auftut. Oder denkt vielleicht ein Lufthansa-Pilot an die nÀchste Route, wÀhrend er in einem UFO sitzt?

Doch. Er kann die Tragweite seines Handelns nicht ĂŒbersehen, niemals wĂŒrde er sonst darunter steigen. Es ist eine VerfĂŒhrung. Und bei mancher VerfĂŒhrung lĂ€sst man es geschehen ohne dabei seine eigentlichen Pflichten zu vergessen... Oder nicht?

quote:Harro wunderte sich zwar, machte sich jedoch sogleich ĂŒber die dampfenden Knödel her, trank dazu aus dem Kelch blutroten Wein.


quote:
Ja, die Knödel ... *sabber*

Aber dazu gehört ein Pils! Prag! Das ist ein katastrophaler ErzÀhlfehler!
Meine Verneigung vor deiner Kritik bringt nun auch Bier ins Spiel... Zufrieden?

Merci - ich werde wohl noch einige Stunden am Text arbeiten - fĂŒr Hinweise bin ich dankbar.

GrĂŒĂŸe von wipfel

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