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Leselupe.de > Humor und Satire
Der erste Satz
Eingestellt am 16. 08. 2008 22:17


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Paul
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Registriert: Nov 2000

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Der erste Satz.
Der erste Satz muss sitzen!
( Wie ein treudoofer Hund: mach Sitz...).
Der erste Satz in einem Roman, liebes Volk ( was erlaubt der sich, der redet mich mit Volk an, ich bin doch nicht das gemeine Volk, neihein, ich bin individuell, ich bin ich und immerhin, ich lese Literatur – ich bin besser, besser, besser als die!) ist entscheidend.
Der Lektor stürzt sich auf den ersten Satz wie die Möwe auf´s karge Brot. Und der Leser wird es ihm, so denkt zumindest der Lektor, gleich tun. Der Job des Lektors ist es sowieso, außer das Mäkeln, sich in den Leser hineinzuversetzen. In den Leser. Als wäre es nur einer. Oder alle zusammen würden einen ergeben. Eine Art Leserkonglomerat. Ein Leserklumpen!
Sagen wir, der Lektor muss (schon bei „müssen“ zieht sich mir alles zusammen) ein Gespür für den gustus der werten Leserschaft aufbringen, er muss den Geschmack der Allgemeinheit nachempfinden. Und dieser muss geweckt werden durch den ersten Satz in einem Roman. Der Nerv der Zeit muss empfindlich getroffen, Neugierde ( ja, achten Sie mal darauf – NEU-GIER! ) muss geweckt, der Konsument aus der Reserve gelockt werden.
An den Autor denkt dabei kein Mensch.
Der ist eh der einsame Buchstabenschmied, hockt in seinem verstaubten Kämmerchen, hungert vermutlich, ist sozial komplett isoliert, verwahrlost geradezu und versucht mittels Alkohol oder Tabletten die Schreibblockade zu überwinden. Der Schreiberling ist immer eine arme Sau. Und just dieser Randfigur soll nun die hehere Aufgabe obliegen, den ersten Satz eines ganzen Romans zu finden, zu formen, zu schaffen? Das kann ja heiter werden.
Der erste Satz.
Die Sache wäre vielleicht bedeutend einfacher, wenn ich wenigstens schon den Roman, der dem ersten, ach so bedeutungsschwangeren, Satz folgen soll im Ärmel hätte. Aber da liegt ja der Hase im Pfeffer. Nicht nur, dass ich Ihnen keinen Knaller von erstem Satz vor den Latz zimmern kann, nein, ich hab keinen blassen Schimmer, was für ein Roman diesem vermaledeiten Satz folgen soll.
Nichts.
Keinen ersten Satz und keinen Roman.
Nicht mal Alkohol oder Tabletten hab ich im Haus.
Ein Jammer.
Der erste Satz.
Irgendwo hab ich mal gelesen, dass der erste Satz ( Sie erinnern sich vage, dass sich meine Gedanken zunächst um jenen drehen? ), dass der also die Hauptfigur (den Helden) vorstellen und ein eine grobe Übersicht über Ort und Zeit geben solle, an dem bzw. in der der Roman handeln wird. Aha. Dieser Tatsache habe ich mal nachgespürt und habe mir wahllos Bücher aus meinem Regal genommen.
Dostojewski, „Schuld und Sühne“: „Es war im Juli, in der heißesten Zeit, als gegen Abend ein junger Mann seine Kammer verließ, die er von einem Bewohner des S,schen Seitengässchens gemietet hatte, aus dem Haus trat und, wie es schien, unentschlossen, langsam der K.-Brücke zuschritt.“
Hamsun, „Mysterien“: „Letztes Jahr, mitten im Sommer, war eine kleine norwegische Küstenstadt Schauplatz einiger höchst außergewöhnlichen Begebenheiten.“
Gontscharow, „Oblomow“: „In einem der Hauskolosse der Gorochowaja, dessen Bevölkerung für eine ganze Kreisstadt gereicht hätte, rekelte sich eines Morgens Ilja Iljitsch Oblomow, Inhaber einer eigenen Wohnung, in seinem Bette.“
Th. Mann, „Der Zauberberg“: „Ein einfacher junger Mann reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen.“
Aha!
Da scheint ja was dran zu sein. Und was einem Fuchs von Leser noch auffällt, ist: Da herrscht vorzugsweise Sommer!!!
Sehen Sie mal. Wieder was gelernt.
All diese Romane wurden von Lektoren abgenommen und gelesen wurden die von ganzen Heerscharen von Leserklumpen!
So einfach ist das.
Zumindest der erste Satz.
Der erste Satz.
Bleibt die Frage, ob die Sache mit dem Sommer heute auch noch so ein Renner ist? Die Zeiten haben sich geändert, der Geschmack hat sich gewandelt, der Zeitgeist ist ein anderer geworden. Kann sein, dass sich infolge von Klimaverschiebung und Erderwärmung die Leser jetzt nach Kälte sehnen. Vielleicht will der Leserklumpen jetzt lieber über sibirische Winter, über Schneegestöber und Schlittengebimmel an den Stoff herangeführt werden? Und weiß das der Lektor auch schon?
Wie wäre es mit: „Es war an einem lausigen Dezembertag, der Wind pfiff ( das Lied vom Tod – dies bitte ich wieder aus dem Gedankengang zu streichen, Danke. ) und wirbelte die Schneemassen durcheinander, als wären es vom Wahn besessene Wintergeister, die Bevölkerung der schwäbischen Kleinstadt stackste eingellult in Mäntel und Mützen einher, dass es den Anschein gab, man befände sich in Novosibirsk-Mitte, das Sonnenlicht hatte seit Wochen kein Augenlid mehr gekitzelt und in einem heruntergekommenen Krankenhaus am Rande des Stadt schrie klein Paul beim ersten Anblick der Neonlampen im Kreißsaal, als würde ein Schwein abgestochen. RAABÄÄÄÄÄÄHHH hallte es durch die bekachelten Flure und der Schrei drang hinaus aus den Fenstern, um spätestens an den Kunstpelzfasern der Mützen der Vorbeieilenden zu verebben.“ –
Na?
Knaller? KnĂĽller?
Nö?
Zu aufgebauscht? Zu frostig? Ein Kinderschrei ist doch nicht so wie der eines sich in der Abschlachtung befindenden Schweines? Sie hätten es gern am Anfang etwas kuscheliger?
Hm.
Der erste Satz.
Ja, ich weiĂź ja.
JAHAAAA!
WISSEN SIE WAS SIE MICH ALLMĂ„HLICH KĂ–NNEN MIT IHREM BLĂ–DEN BLĂ–DEN SAUBLĂ–DEN ERSTEN SATZ???
Ab dafĂĽr!
Der erste Satz wird in diesem Falle der letzte sein!
Aus. SchluĂź. Feierabend!

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