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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der erste Versuch
Eingestellt am 27. 10. 2009 16:28


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Lesemaus
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2009

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Wie oft hatte ich mich schon ĂŒber meine Feigheit und Unentschlossenheit geĂ€rgert! Wie viele interessante Begegnungen fanden deshalb nicht statt, wie viele MĂ€nner hatte ich deshalb nicht kennen lernen dĂŒrfen? Zu frĂŒh den Blick gesenkt. Falsche Signale ausgesendet. Eine Aura von „RĂŒhr mich nicht an“ um mich, die doch gar nicht dem entsprach, was ich eigentlich wollte. Hatte ich nicht selbst durch mein zaghaftes Verhalten dazu beigetragen, dass immer nur anderen die tollen MĂ€nner begegneten?

Als ich den fremden, gut aussehenden GeschĂ€ftsmann einige Meter neben mir auf dem Bahnsteig stehen sah, bemĂŒhte ich mich wieder krampfhaft, nicht zu auffĂ€llig in seine Richtung zu schauen. Dass sein Blick mich mehr als nur zufĂ€llig streifte, hatte ich bald bemerkt. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass sich eine Frau zu ihm gesellte, die ebenfalls sehr businessmĂ€ĂŸig gekleidet war. Sie schienen sich gut zu kennen und plauderten angeregt. Fast war ich enttĂ€uscht. Aber auch erleichtert. Wieder mal um eine Entscheidung herum gekommen!

Die S-Bahn kam und wir stiegen in den gleichen Wagen ein. Ich saß im Nachbarabteil, mit dem RĂŒcken zu den beiden. Seine Blicke brannten mir im Nacken. Mir war unbehaglich zumute. Gleichzeitig spĂŒrte ich aber auch ein Kribbeln zwischen meinen Schenkeln. An der Station Friedrichstraße stieg die Frau aus dem Zug. Jetzt saß er allein da, die Frau schien doch nicht zu ihm gehört zu haben. Erschrocken ĂŒber meine eigene Courage setzte ich mich ihm gegenĂŒber. Ein kurzer Blick in sein erstauntes Gesicht ließ meinen Mut schnell wieder in sich zusammen fallen. Ich hielt meine Zeitschrift wie einen Schutzschild vor meinen Körper. Ärgerlich registrierte ich, wie sich eine heiße Röte bis zu meinen Haarwurzeln ausbreitete.

Der Fremde dachte nicht daran, desinteressiert aus dem Fenster zu schauen. Er beobachtete mich. Schweigend. Als ĂŒberlege er, was als nĂ€chstes kĂ€me und von wem es ausginge. Ich grĂŒbelte, ob ich Pickel im Gesicht habe, mein Lippenstift verschmiert wĂ€re und vor allem, ob ich den vielen Episoden schmĂ€hlicher Feigheit eine weitere hinzufĂŒgen sollte, mit dem wohlbekannten Ergebnis, dass ich mir noch tagelang hinterher ausmalen wĂŒrde, was alles Wundervolles hĂ€tte geschehen können, wenn ich nur...Ja, was war eigentlich in solch einer Situation das Angebrachte? Übers Wetter reden? Dann lieber schweigen, da gab es auch keine Peinlichkeiten.

An der nĂ€chsten Station musste ich ohnehin aussteigen. Er anscheinend nicht, denn er blieb sitzen. Fast aufatmend trat ich auf den Bahnsteig. Einer plötzlichen Eingebung folgend drehte ich mich zum Fenster um und winkte ihm lĂ€chelnd mit der Hand einen Abschiedsgruß zu. Beschwingt rĂŒckte ich meine Handtasche zurecht, schloss den GĂŒrtel meines Trenchcoats und ging zur Praxis meines Therapeuten, wo ich einen Termin hatte.

Plötzlich ĂŒberholte mich jemand und ich blieb mit offenem Mund stehen. Der Fremde lĂ€chelte mich charmant an und sagte fast entschuldigend: „Einer so netten Geste konnte ich einfach nicht widerstehen!“ Wie immer in solchen Situationen fehlten mir die Worte, doch er rettete mich, indem er mich zu einem Kaffee einlud. Ich entschuldigte mich mit meinem Termin, der mich fĂŒr eine Stunde beschĂ€ftigen wĂŒrde. Aber so leicht ließ er sich nun nicht mehr abschĂŒtteln. „Dann treffen wir uns danach, ich kenne hier in der Gegend ein nettes Lokal.“

Ich war damit einverstanden, schließlich konnte ich jetzt keinen RĂŒckzieher machen. Als ich aus der Praxis des Therapeuten auf die Straße trat, dachte ich in einem ersten Impuls daran, nach Hause zu fahren. Die Frage, wohin das alles fĂŒhren wĂŒrde, kreiste unaufhörlich in meinen Gehirnwindungen. Aber ich gab mir einen Stoß und ging zum verabredeten Ort.

Der Fremde saß bereits an einem Tisch mit Blick zur TĂŒr und kam auf mich zu. Ich war irritiert. Er sah nicht mehr so aus wie vor einer Stunde. Er hatte sich umgezogen und den Nadelstreifenanzug gegen eine legere Hose und ein Hemd ohne Krawatte getauscht. Und er roch anders. Nicht mehr nach sich selbst, wie jemand am Ende eines langen Arbeitstages riecht, sondern frisch geduscht und mit einem teuren MĂ€nnerduft ĂŒberreichlich eingesprĂŒht. Das Tragische daran war nur, dass ich diesen speziellen Duft absolut nicht riechen konnte!

Sofort war die anfÀngliche Faszination und Anziehung verschwunden und machte einer Unsicherheit platz, die mich irritierte.

Alfred Göbel, wie er sich mir vorstellte, schien nichts von der VerĂ€nderung zu bemerken. Er behandelte mich mit ausgesuchter Höflichkeit, erzĂ€hlte von seiner Arbeit in einer großen Versicherung und lud mich zum Essen ein, was ich ihm nicht abschlug. Als der Wein mich etwas gelockert hatte, brachte ich unsere Begegnung zur Sprache, weil mich seine Sicht der Dinge interessierte. Er gestand, dass ich ihm schon auf dem Bahnsteig aufgefallen war und er mich tatsĂ€chlich mit Blicken gelöchert hatte. Auch er zĂ€hlte zu den schĂŒchternen Menschen, die aus Angst vor ZurĂŒckweisung nicht wagten, den ersten Schritt zu tun. Deshalb empfand er mein Abschiedswinken als Signal, die Gelegenheit zu nutzen und war mir spontan gefolgt. „Du hast tolle Beine und einen sexy Gang“, vertraute er mir an. Mittlerweile waren wir zum „Du“ gewechselt.

Die GesprĂ€chsthemen drohten uns langsam auszugehen und ich bemerkte die MĂŒdigkeit, die sich mit dem Wein in mir verbreitete. „Hast du Lust, noch mit zu mir zu gehen?“ unterbrach er meine GedankengĂ€nge, die sich um die Frage drehten, wie ich mich am stilvollsten wieder aus dieser Situation heraus lavieren könnte. Denn dass dieser Mann, so nett er zweifellos auch war, irgend etwas in mir in Brand setzen könnte, war ausgeschlossen. Deshalb antwortete ich mit einer Gegenfrage: „Und was sollen wir bei dir tun?“ Seine Antwort war nicht dazu angetan, meine Meinung zu Ă€ndern. „Ein bisschen Kuscheln.“ Ich schĂŒttelte mich innerlich. Um nichts in der Welt wollte ich mit diesem Menschen kuscheln. Aber eine andere Seite in mir ĂŒbernahm das Kommando. So, als wollte sie sehen, wie der eingeschlagene Weg enden wĂŒrde.

Und so fand ich mich kurz darauf vor seiner WohnungstĂŒr, nicht wissend, was ich eigentlich hier verloren hatte. Die Wohnung war ein weiterer Schock. Noch nie habe ich einen Raum gesehen, der solche Einsamkeit ausstrahlte, wie dieses Appartement. Penibel aufgerĂ€umt und sauber, kein herumliegendes KleidungsstĂŒck, keine Zeitschrift, kein Buch. Steril. Unpersönlich. Mich fröstelte beim Gedanken an die Abende, die dieser Mann auf seiner Designercouch vor dem Fernseher zubrachte, einen Teller mit Microwellen-Fastfood auf dem flachen Tisch aus gebĂŒrstetem Stahl und Glas und eine Flasche Wein, um wenigstens die innere KĂ€lte zu betĂ€uben.

GeschĂ€ftig war Alfred zur Couch gegangen, um sie mit wenigen Griffen in eine LiegeflĂ€che zu verwandeln. Danach nahm er meine Hand und fĂŒhrte mich zu dieser auberginefarbenen FlĂ€che aus Leder, die sich so kalt anfĂŒhlte wie der Rest des Raumes. „Was möchtest du trinken?“ Meine Antwort verunsicherte ihn sichtlich. „Mineralwasser.“

Als wir uns gegenĂŒber saßen, dachte ich nur noch darĂŒber nach, wie ich ihm am schonendsten beibringen könnte, dass es mit uns nichts werden wĂŒrde. Nicht fĂŒr lĂ€nger und nicht mal fĂŒr eine Nacht. Als er mein Gesicht in die HĂ€nde nahm und mich vorsichtig kĂŒsste, war ich mir ganz sicher. Zwischen uns stimmte die Chemie nicht. HĂ€tte ich mehr Wein getrunken, wĂ€re mir mein Mitleid mit ihm sicher zum VerhĂ€ngnis geworden. Ich hĂ€tte mit ihm geschlafen, um sein SelbstwertgefĂŒhl nicht zu sehr zu verletzen. Dann hĂ€tte er wenigstens auf einen One-night-stand zurĂŒck blicken können. Nichts Ungewöhnliches immerhin. Er hĂ€tte sich als ganzer Mann, als erfolgreicher JĂ€ger, fĂŒhlen können. Und wie hĂ€tte ich mich gefĂŒhlt?

Es hatte keinen Sinn. Besser ein schnelles Ende. Alfred hatte natĂŒrlich meine fehlende Leidenschaft bei seinem Kussversuch bemerkt und entschuldigte sich prompt. Er wollte wissen, was er tun solle. Ich schob meine MĂŒdigkeit vor, was nicht einmal gelogen war und versicherte ihm voll Enthusiasmus, dass er nichts falsch gemacht habe und dass es nicht an ihm liege. „Du bist ein netter Kerl, Alfred, aber das mit uns wird nichts!“

Sein trauriger Blick verursachte mir wieder SchuldgefĂŒhle. Warum hatte ich mich nur in diese Situation begeben? Brauchte ich diese Erfahrung unbedingt? „Können wir uns wieder sehen? Kann ich dich anrufen?“ Aber auch diesen rettenden Strohhalm musste ich ihm kappen. Nichts hasse ich so sehr, wie absichtlich verursachte falsche Hoffnungen. „Es war ein schöner Abend, Alfred, fĂŒr uns beide. Belassen wir es dabei.“ Er nickte resigniert. Sein Angebot, mir ein Taxi zu rufen, lehnte ich dankend ab. Ich brauchte jetzt frische Luft und Bewegung.

Als ich wieder unten auf der Straße stand, spĂŒrte ich, wie in mir ein unbĂ€ndiges Lachen aufstieg. Ich hoffte nur, er hĂ€tte es oben in seinem Zimmer nicht gehört und falsch gedeutet. Ich lachte ĂŒber die Frau, die ich in den vergangenen Stunden gewesen war, die Dinge getan hatte, zu denen mir immer der Mut gefehlt und die ich nun endlich einmal ausprobiert hatte. Es war ein befreiendes Lachen, das sich an den HĂ€userfassaden brach und in den besternten Nachthimmel kletterte, unter dessen Schutz ich dahin lief, dem nĂ€chsten Tag entgegen.



__________________
Ein Schriftsteller sollte nicht schreiben wollen, sondern schreiben mĂŒssen. (Erwin Strittmatter)

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Open Mike
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quote:
Wie oft hatte ich mich schon ĂŒber meine Feigheit und Unentschlossenheit geĂ€rgert! Wie viele interessante Begegnungen fanden deshalb nicht statt, wie viele MĂ€nner hatte ich deshalb nicht kennen lernen dĂŒrfen? Zu frĂŒh den Blick gesenkt. Falsche Signale ausgesendet. [...] Hatte ich nicht selbst durch mein zaghaftes Verhalten dazu beigetragen, dass immer nur anderen die tollen MĂ€nner begegneten?
Statt "hatte" hier besser "habe" und auch nur als Einleitung, nachfolgend reicht die einfache Vergangenheitsform.
Wenn sie "den Blick zu frĂŒh senkte", gab es bereits eine Art Begegnung.

Ähnliches findet sich auch im restlichen Text ("zusammen fallen", "platz", um nur zwei weitere Beispiele zu nennen).

Geschickt, diese beilÀufige ErwÀhnung des Therapeuten.

om

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