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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der etwas andere Urlaub
Eingestellt am 27. 09. 2011 12:23


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Ironbiber
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In den Achtzigern hatte ich in Stuttgart gearbeitet und gewohnt. Jeden Morgen auf dem Weg zum ÔÇ×Making MoneyÔÇť fuhr mein Stra├čenb├Ąhnle durch einen Park in dem sich Obdachlose zum ÔÇ×Fr├╝hst├╝ckÔÇť trafen. Ich war immer von diesem Anblick fasziniert, obwohl ich beim Gedanken fr├╝hmorgens eine billige Flasche Korn anzusetzen und das Zeug auch noch runterzuschlucken immer w├╝rgen musste.

Ballermann kann schlie├člich jeder, ist zu simpel, einfallslos und was f├╝r Alkis in der Warteschleife. Also besser ├╝berhaupt nicht mehr duschen und das wahre Leben mal live und in vollen Z├╝gen aus der Bierflasche erleben. Mitte der Neunziger war es dann so weit: Ich habe mir eine Woche meines Jahresurlaubs f├╝r ein Experiment der besonderen Art reserviert. Ich fuhr zur├╝ck in die Stadt von Gottlieb Daimler und Ferry Porsche und mietete mich f├╝r eine Woche in der miesesten Absteige, die ich finden konnte, ein.

Am Morgen dann ab in den Park meiner Stra├čenbahnjahre. Punkt acht sa├č ich auf dem B├Ąnkchen, dass ich immer gesehen habe und stellte mir vor, wie ich jetzt im B├Ąhnle sitzend an mir selbst vorbeifahre und mein Elend beobachte. Alles war so wie fr├╝her. Die Natur, der verschlungene Pfad, die alten Kastanienb├Ąume und das gepflegte Beet mit den bunten Blumen vor der Parkbank. Nur eins war anders: Ich war allein, immer noch stockn├╝chtern und viel zu gut angezogen f├╝r ein gestandenes Pennertum, obwohl ich extra meine Leierjeans f├╝rs Grobe, sowie mein versautestes T-Shirt trug. Auch fiel mir erst jetzt auf, dass ich noch nie einen Obdachlosen mit einem Rucksack der Marke Deuter gesehen habe. H├Ątte wohl besser die Lidl Plastikt├╝te mitnehmen sollen. Morgen dann mach ich's aber richtig.

Und noch was irritierte mich f├╝rchterlich: Ich sah jetzt auch die Menschen in der Stra├čenbahn, wie sie gafften und sich die M├Ąuler ├╝ber mich zerrissen. Bei der ersten Bahn habe ich noch s├╝ffisant l├Ąchelnd den Blicken standgehalten, demonstrativ und profihaft meine Bierflasche angesetzt und so getan als w├Ąre dies das Normalste der Welt. Bei der zweiten Bahn musste ich dann schon meine Schn├╝rsenkel binden und mir dabei einreden, dass mich hier sowieso keiner kennt. Bei der dritten Bahn habe ich dann wirklich meinen ersten tiefen Schluck aus der Pulle genommen. dies war aber leichter als ich dachte, und als der Alkohol w├Ąrmend in meinen Leib str├Âmte um anschlie├čend in meinen Gehirnwindungen f├╝r Stimmungsaufhellung zu sorgen, kam tiefe Genugtuung in mir auf.

Da kam Kurt. Er setzte sich wortlos neben mich, runzelte die Stirn als er meinen Rucksack musterte und drehte sich eine Zigarette. ÔÇ×Haste mal Feuer?ÔÇť Ich nahm einen Schluck aus der Bierflasche und reichte ihm mein Feuerzeug. ÔÇ×Bist wohl neu hier?ÔÇť, fragte er, und blies mir den Rauch inklusive einer h├Âllischen Fahne ins Gesicht. ÔÇ×Ja, bin obdachlos und habe auch sonst nichts zu lachenÔÇť, antwortete ich. ÔÇ×Du und obdachlos?ÔÇť prustete er. ÔÇ×Willst mich wohl verscheissern! Bist wohl einer von den Sozio Heinis, die gern mal einen auf Selbsterfahrung machen, um dann in schlauen Doktorarbeiten behaupten zu k├Ânnen, dass sie jemanden kennen, der jemanden kennt, der glaubt sich auszukennen!ÔÇť

ÔÇ×Nein, ich bin so vor zehn Jahren auf der anderen Seite der B├╝hne gesessen und will nur mal testen, wie es ist ganz unten zu seinÔÇť, sagte ich reum├╝tig und ertappt, w├Ąhrend ich auf die ratternde Bahn deutete. ÔÇ×Sag mal, damals war hier um diese Zeit immer richtig was los. Wo sind die Kumpels alle hin?ÔÇť.

ÔÇ×Seit ein paar Jahren kommen hier regelm├Ą├čig die Scheriffs vorbei und l├Âsen alle Konferenzen auf. Der harte Kern tagt jetzt wo anders. Mich kennen sie und wissen, dass ich keinen Stress mache. Ich verschwinde halt, wenn sie im Anmarsch sind und mache meine Schleife. Spazierengehen soll ja gut f├╝r die Gesundheit seinÔÇť. Bei diesem selbsternannten Witzchen sch├╝ttelte er sich aus vor Lachen und da er dabei auch noch an seiner Selbstgedrehten zog, ging sein Lachen sofort in ein heiseres Husten ├╝ber.

ÔÇ×Willst du einen SchnapsÔÇť, fragte ich und zog eine Flasche Wodka aus meinem Rucksack. ÔÇ×Regel Nummer eins: Schnaps erst, wenn die H├Ąnde so zittern, dass du die Kippe nicht mehr halten kannst! Lass mir die Flasche da, geh heim und komme erst wieder, wenn du richtig in der Bredouille steckst. Dann geht das hier auch gleich alles, wie wenn Du nie was anderes gelernt h├Ąttest. Als Anf├Ąnger bist Du hier nach ein paar Tagen tot! Und noch ein Rat: Lass die Finger vom Stoff, solange es noch Zeit ist! Das ist nur was f├╝r Profis, die genau wissen, wann wieder ein Pl├Ątzchen an der Friedhofsmauer frei wird.ÔÇť

Ich gab ihm den Schnaps und meine restlichen Bierflaschen. An einer Haltestelle setzte ich mich in mein B├Ąhnle und schaute gespannt im Park aus dem Fenster. Die Bank war leer. Kurt war wohl auf ÔÇ×Schleife gehenÔÇť. Noch am Nachmittag meines ersten Urlaubstages packte ich meine Sachen wieder zusammen und verlie├č die heruntergekommene Absteige Richtung Heimat. Ich habe gelernt, dass die Stra├če nichts f├╝r Amateure ist.

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Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

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> "...durch einen Park, in dem..." mit Komma nach "Park".

> "... sa├č ich auf dem B├Ąnkchen, das..." mit einem s an "das", nicht zwei.

> "...so getan, als w├Ąre dies das Normalste..." mit Komma vor "als".

> "Dies war aber leichter, als ich dachte" mit Komma vor "als".

> "Willst du mich verschei├čern?" mit ├č.


Es steht nicht im Text, dass der berichtende Ich-Erz├Ąhler auch nur ein einziges Mal, bevor er selber ausprobieren wollte, wie es sich anf├╝hlt, als Alkohol-abh├Ąngiger Obdachloser zu leben, sich mit irgendwem ├╝ber die Penner unterhalten h├Ątte, die er jeden Morgen auf der Fahrt zur Arbeit von der Stra├čenbahn aus beobachten konnte. Es steht nicht da, dass er jemals Ohrenzeuge geworden w├Ąre, als in dieser Stra├čenbahn irgendwer sich negativ ├╝ber die Trinker auf der Parkbank ge├Ąu├čert hatte.

Kaum aber hat er mal Urlaub, befindet sich in der ihm mittlerweile fremd gewordenen Stadt, hat abgetragene Jeans und ein h├Ąssliches T-Shirt an, sitzt auf einer Bank, hat nichts zu tun und setzt vor der Mittagsstunde eine Bierflasche an die Lippen, kann er durch die Scheibe der fahrenden Bahn hindurch die giftigen Kommentare derer h├Âren, die arbeiten gehen. Oder jedenfalls kann er sehen, wie dort drin M├Ąuler sich zerrei├čen.

Jegliche Reportage - und also auch jede "soziale" Reportage - und jeder "ansatzweise poltische" oder "satirische" Text lebt aber doch davon, dass er erstens dem Leser Beobachtungen mitteilt, die wahr sind, und zweitens m├Âglichst solche, die der Leser noch gar nicht gemacht hat bzw. ├╝ber die er nie nachgedacht hat. Werden solche Details durch "fabulierte Beobachtungen" ersetzt, bricht ja der gesamte Text in sich zusammen.

Ich jedenfalls bin so viele Jahre in so abartig vielen Bussen und Stra├čen- und S-Bahnen gesessen, dass es mich nachgerade wundert, dass ich mich jetzt gerade nicht auf ein einziges Mal besinnen kann, wo die Fahrg├Ąste sich ├╝ber irgendwelche "Randst├Ąndige" ausgelassen h├Ątten, die drau├čen zu sehen gewesen waren.

Mir kommt eigentlich die Beobachtung wesentlich zutreffender und erhellender vor, dass sich die Leute, die zur Arbeit fahren, im Allgemeinen GAR NICHT unterhalten, ├╝ber nichts. Und dass die Anwesenheit von Alkoholikern, Wohnsitzlosen, Arbeitslosen, verwahrlosten Jugendlichen usw. eigentlich immer genau auf diese Weise bemerkt wird: dass allgemein n├Ąmlich so getan wird, als w├╝rde NIEMAND irgendetwas bemerken.

Das hei├čt: Nicht das Verteufeln einer Existenz ist das Schlimmste, sondern das absolute Negieren und Ignorieren derselben.



Es ist zwar nicht unbedingt wahrscheinlich, k├Ânnte aber sein, dass ich irgendwann in meinem Leben vormittags unter freiem Himmel eine Bierflasche auf einer Parkbank getrunken habe. Es k├Ânnte sogar sein, dass mir dazu ein "Penner" erz├Ąhlt hat, wann und wo die Polizei Kontrollen durchf├╝hrt. Und dass man es beim Trinken langsam angehen lassen sollte und den Tag ├╝ber beim Bier bleiben, bevor man vielleicht nachts zum Wodka oder Korn ├╝bergeht.

Jedoch habe ich dann ganz bestimmt nicht gemeint, mir w├Ąre jetzt irgendetwas - und sei es das Allergeringste - ├╝ber das Leben von Pennern klar geworden.

├ťberhaupt w├╝rde ich so was erst denken, wenn ich vielleicht die ersten drei Wochen am St├╝ck so ├Ąhnlich wie sie gelebt h├Ątte. Und nicht nach zweieinhalb Stunden, die ich im Sonnenschein gesessen habe.




Immerhin fand ich in dem Werk ja ein h├╝bsches Aha-Erlebnis des Elends- (bzw. Freiheits?) Touristen: dass n├Ąmlich Obdachlose keine Deuter-Rucks├Ącke haben. Und, nehme ich an, auch keine E-Mail-Accounts, keine Rechtsschutzversicherungen, keine abendlichen Verabredungen mit Freunden, bei denen in in Restaurants gespeist wird, keine Navis im Auto und keine Putzfrauen.



K├╝rzlich wurde ich als Langzeitarbeitsloser (sogenannter "Hartz IV") in eine Trainingsma├čnahme, vier Wochen Vollzeit, bestellt. Welche in einer Gegend stattfand, die so weit ab vom Schuss war, dass es dort im Umkreis von mindestens 1000 Metern nicht mal eine einzige Pommesbude oder einen D├Âner gab. In der Ma├čnahme war eine Mittagspaue von 45 Minuten Dauer enthalten. Der Bildungstr├Ąger war eine gemeinn├╝tzige Gesellschaft, welche eine Unterabteilung einer Wohlfahrtsorganisation ist, welche sich urspr├╝nglich mal vor allem um die Obdachlosen der Stadt gek├╝mmert hat (und das heute auch immer noch tut). Diese Organsiation betreibt verschiedene Kantinen, in welchen Hartz-IV-Empf├Ąnger als 1,5-ÔéČ-Kr├Ąfte arbeiten. Das hei├čt, zus├Ątzlich zu ihrem Hartz IV verdienen sie mit ihrer Arbeit pro Stunde 1,50 ÔéČ.

Diese Art Ma├čnahme, wo ich war, gibt es seit mehreren Jahren. Auch die Trainer in dieser Ma├čnahme ├╝ben dort ihre T├Ątigkeit seit mehreren Jahren aus. Diese Trainer haben uns Hartz-IV-Empf├Ąngern dann geraten, in der Mittagspause doch in dieser Kantine zu essen, man k├Ânne sich dort auch reichlich Nachschlag holen. Dieses tat dann aber kein einziger der Teilnehmer. Absolut niemand von uns ging dorthin essen, die Dozenten gelegentlich mal, soweit sie mit ihren Autos nicht irgendwo sonst hinfuhren.

Das Essen in dieser gemeinn├╝tzigen Kantine kostet in etwa 4,70 ÔéČ. Es gibt keine Erm├Ą├čigung f├╝r Ma├čnahmeteilnehmer. Den besagten Trainern war durchaus bekannt, dass dem "├╝blichen" Hartz-IV-Empf├Ąnger pro Tag in etwa 10 ÔéČ f├╝r s├Ąmtliche Lebensbed├╝rfnisse (au├čer Wohnen, das wird extra berechnet) zur Verf├╝gung stehen. Ja, sie eben waren es doch, die eine Unterrichtsstunde lang ├╝ber den vom Von-der-Leyen-Ministerium aufgestellten Verteilschl├╝ssel des Hatz-IV-Satzes gesprochen hatten. Demgem├Ą├č ist vorgesehen, dass der Langzeitarbeitslose pro Tag 4,48 ÔéČ f├╝r Essen und Trinken ausgeben kann.

Es war ├╝brigens auch die gesamten vier Wochen kein einziger Deuter-Rucksack zu sehen bei dieser Ma├čnahme.














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