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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der ewige Herbert
Eingestellt am 20. 03. 2014 15:30


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Karl Feldkamp
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Wenn ich mir vorstelle, mich und diverse andere Menschen unbegrenzt aushalten zu m√ľssen, √ľberkommt mich einerseits Langeweile und andererseits Wut und Abscheu.
Habe ich doch schon viele Jahre meine peinlichen Macken, Hemmungen, Zweifel und sonstige Unzul√§nglichkeiten ausgehalten. Und g√§be es den erl√∂senden Tod nicht, w√ľrde ich dar√ľber hinaus manchen l√§stigen und verhassten Zeitgenossen noch nicht einmal mittels Mordfantasien umbringen k√∂nnen, denn ewig Lebenden kommen vermutlich gar nicht mehr auf die Idee, dem Leben ein Ende setzen zu k√∂nnen.
Nein, ich will weder selbst immer weiterleben, noch will ich, dass unangenehme Nachbarn, rechtsradikale Politiker, unfähige Lehrer, Diktatoren, Intriganten, Besserwisser, ewig Unschuldige und andere nervende Mitmenschen zu jenen gehören, die mir das unendliche Leben verderben könnten.
Da ist zum Beispiel mein durchaus noch liebenswerter Nachbar Herbert. K√ľrzlich starb seine offenbar auch noch nicht auf Ewigkeit ausgelegte Frau. Bereits vor ihrem sicherlich zu fr√ľhen Tod hatte mein Nachbar mir am Stammtisch nach dem Genuss ungez√§hlter Gl√§ser voll oberg√§rigen Landbieres lallend anvertraut, er k√∂nne sich vorstellen, immer weiter zu leben. Ewig ‚Äď so zu sagen. Das Leben sei doch gerade jetzt so herrlich unkompliziert.
Nach der Beerdigung seiner Lotte erwählte mich Herbert offenbar als eine der männlichen Nachfolgerinnen seiner verstorbenen Frau. Schon am Abend nach der Trauerfeier begann er, mich einmal und schließlich täglich zu besuchen. Und da ihm der Tag nicht ausreichte, begann er, mich immer einmal wieder zu nachtschlafender Zeit anzurufen.
Um den tränenreich Trauernden nicht zu enttäuschen, ließ ich zu , dass er mich schließlich mindestens zwei Mal am Tag aufsuchte.
Meine Frau Susanne gehörte bis dahin durchaus zu jenen, mit denen ich mir noch ein weiteres Leben vorzustellen vermochte. Und Hermann, der konnte das offenbar recht bald auch.
Nicht selten, wenn ich mich im Dachgeschoss unseres Hauses schreibend am Computer abm√ľhte, sa√ü Herbert unten in der K√ľche bei der eigentlich mir Angetrauten und beobachtete und beriet sie beim Kochen. Bei seiner Lotte habe er das auch immer so gemacht. Und dabei seien oft neue Gerichte herausgekommen, die sp√§ter zu seinen absoluten Lieblingsspeisen geworden seien.
Ungl√ľcklicher Weise hatte Herbert einen vollkommen anderen Geschmack als ich. So gab es schlie√ülich nach einigen Wochen auff√§llig oft Kohl und Bohnen, die bekanntlich gewisse k√∂rperliche Bl√§hungen sowie Ausd√ľnstungen zur Folge haben und allein deswegen schon nicht zu den von mir bevorzugten Speisen geh√∂rten.
Selbst wenn wir Besuch hatten, gesellte Herbert sich dazu.
Ich stellte ihn den Mitgliedern unserer Verwandtschaft und unseren n√§heren Bekannten und Freunden immer als unseren Nachbarn und ‚Äď wie soll ich sagen? ‚Äď Freund vor, dem k√ľrzlich die Frau verstorben sei.
Sofort wendeten sich unsere Besucher einf√ľhlsam dem trauernden Witwer zu.
Wir laden ohnehin nur die Einf√ľhlsamen aus der Verwandtschaft ein. Und auch unsere Freunde und Bekannte sind alle √§u√üerst empathisch. Schlie√ülich haben wir sie einst nach ihren besonderen emotionalen F√§higkeiten ausgesucht. Davon profitierte inzwischen nahezu ausschlie√ülich unser Nachbar Herbert, der nur noch mit feuchten, rot unterlaufenen Augen unser Haus betrat. Vermutlich wusste er zuvor noch gar nicht, wie gemeinschaftsbildend Trauer zu sein vermochte, denn ich konnte mich nicht erinnern, dass er mir vor dem Ableben seiner √ľber alles geliebten Lotte als jemand aufgefallen war, der nahe am Wasser gebaut hatte. Zu der Zeit schien er in Wasserbauten zu leben.
Da ich mir vor einigen Wochen endlich eingestand, dass Herbert mit seiner zuwendungsheischenden Art erheblich an meinen Nerven zerrte, sa√ü ich eines Tages in der K√ľche, um meiner kochenden Frau zuzusehen. Als Herbert kam, der sich inzwischen l√§ngst den Hausschl√ľssel ertrauert hatte, blieb er neben mir stehen und wartete offenbar darauf, dass ich den K√ľchenstuhl r√§umen sollte.
Ungew√∂hnlich stur f√ľr meine ansonsten einf√ľhlsame Art blieb ich sitzen und lobte meine Frau und ihre zunehmenden Kochk√ľnste.
Als ich ihr versicherte, dass nur sie allein in der Lage sei, mein Leibgericht ‚Äď rheinischen Sauerbraten mit Kn√∂deln ‚Äď in einer unvergleichlich leckerer Art zuzubereiten, lie√ü Herbert sich zu der Behauptung hinrei√üen, meine Susanne k√∂nne seine Lieblingsnachspeise - rote Gr√ľtze mit Vanilleso√üe und Schlagsahne inzwischen besser abschmecken und servieren als seine verstorbene Lotte das zu Lebzeiten jemals konnte.
Nun wirkt bekanntlich auf viele Frauen kein Kompliment nachhaltiger, als eines das sie zu ihren Gunsten mit einer anderen Frau vergleicht.
Mangels besserer Einf√§lle trat ich erst einmal den R√ľckzug an.
Als wir uns allerdings nach diesem Abend in unser Schlafzimmer zur√ľckzogen, das ich mit Herbert noch nicht teilen musste, √§u√üerte ich mich √ľber Herberts Verstorbene, was nat√ľrlich nicht fair war, da sie sich nicht mehr wehren konnte. Eine √§u√üerst leichtgl√§ubige Frau sei die gewesen. Sie habe selbst durchschaubare Komplimente von ihrem Herbert angenommen und ihn entsprechend verw√∂hnt. Susanne runzelte die Stirn,
sah mich nachdenklich an und nickte. Ja, manchmal geht er mir auch gehörig auf den Geist! Wir sollten ihn ganz einfach öfter mal wegschicken.“
Erwartet hatten wir es nicht: Aber Herbert lie√ü sich ohne gro√üe Gegenwehr ‚Äď allerdings mit Tr√§nen in den Augen - wegschicken. Aber diesmal blieb selbst Susanne hart, als er ihr noch einmal versicherte, sie sei unter den Nachbarinnen jene, die ihn am meisten √ľber den Tod seiner Lotte hinweggetr√∂stet habe.
Tage sp√§ter beobachteten wir ihn h√§ufiger bei Henriette Mischke, der Witwe des B√§ckers. Sie hatte die B√§ckerei ihres fr√ľh verstorbenen Mannes wenige Jahre nach dessen Tod aufgegeben. Backofen und Ladenlokal waren allerdings in dem lang gestreckten renovierungsbed√ľrftigen Fachwerkhaus noch erhalten. Selbst ein verblasster Schriftzug √ľber dem einstigen Schaufenster wies auf die ehemalige Landb√§ckerei Mischke hin.
Doch eines Tages stand Herbert wieder vor unserer T√ľr, diesmal allerdings l√§chelnd und ganz ohne Trauergesicht. ‚ÄěIch hab der alten Mischke gesagt, sie habe fr√ľher immer die allerbesten Br√∂tchen weit und breit gebacken. Viel besser als die von der Konkurrenz.‚Äú
Herberts L√§cheln entwickelte sich √ľber ein vorsichtiges Lachen zu einem lauten Glucksen. Dann wurde er schlagartig ernst. ‚ÄěIch werde mit ihr die B√§ckerei wieder er√∂ffnen und es w√ľrde uns freuen, wenn ihr demn√§chst zu unseren Kunden z√§hlt.‚Äú
Susanne nickte. ‚ÄěBr√∂tchen kann ich bestimmt nicht so gute backen wie die Henriette.‚Äú

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 20. 03. 2014 15:30

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Karinina
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F√ľr Karl

Lieber Karl, ich freue mich, dass ich wieder einmal eine Geschichte von Dir lesen konnte. Sie gefällt mir außerordentlich, sie ist logisch und kurz und knapp geschrieben und macht riesigen Spaß beim Lesen. Ich gratuliere Dir dazu.
Liebe Gr√ľ√üe von Karin

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