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Leselupe.de > Kurzprosa
Der ewige Vorsatz
Eingestellt am 23. 12. 2004 02:37


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chrissieanne
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Registriert: Mar 2003

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Die Fenster gegen├╝ber sind nicht sehr nah. Doch legte es jemand darauf an, er k├Ânnte sie sehen. Denn die Kastanie tr├Ągt kein Laub. Es ist Winter. Im Winter sieht sie mehr vom Himmel, und ihre Wohnung ist recht hell. Aber da schl├Ąft sie meist noch.
Im Winter ist es schnell dunkel, und ihr Fenster leuchtet fr├╝h. Und sie w├Ąre zu sehen. Legte es jemand darauf an. Er k├Ânnte sie sehen.
Jeden Abend auf ihrer Couch. Sie liegt auf der Couch mit der W├Ąrmflasche mal im R├╝cken, mal im Nacken, dann auf den F├╝├čen. Wenn sie Bauchweh hat auch auf dem Bauch. Sie br├Ąuchte eigentlich mindestens zwei W├Ąrmflaschen. Jede Stunde ungef├Ąhr steht sie auf und f├╝llt erneut hei├čes Wasser ein. Oder holt sich etwas aus dem K├╝hlschrank oder steht einfach nur auf. Um sich zu bewegen. Was tut sie auf der Couch? Sie sieht fern. Was sonst. Meist in die Glotze, oft ins Leere, manchmal aber schafft sie es, in ihrem Hirn einen Punkt zu erklimmen, der ein Hochsitz ist. Von dem sieht sie auf sich hinab. Das ist kein sch├Âner Anblick.
Sie ist noch jung, noch nicht einmal vierzig Jahre alt. W├╝rde sie sich etwas zurechtmachen, w├Ąre sie attraktiv. Sie hat viele Anlagen. Gute Anlagen, die verk├╝mmert sind, verk├╝mmern werden. Zu alt, um noch wirklich etwas daraus zu machen, zu jung, um so zu leben.
Sie schaut fern. Wenn sie Spielfilme schaut, gie├čt sie sich immer dann neuen Wein ein, wenn die Figuren dies auch tun. Da kommt sie gut auf ihre Kosten. Mit dem Rauchen ist es schon schwieriger. Es wird ja heutzutage kaum noch geraucht in den Filmen.
Sie leidet und lacht und ├Ąrgert sich mit den Figuren. Bei den Dokumentarfilmen ist sie erstaunt, entsetzt, ├╝berrascht, ger├╝hrt - je nachdem. Und bei den Talkshows gehen ihr die Schw├Ątzer oft auf die Nerven, oder sie wei├č, dass sie auch da sitzen k├Ânnte, h├Ątte sie etwas aus sich gemacht. Oder h├Ątte jemand sie gesehen, ihre Talente bemerkt. Ach. Zu sp├Ąt alles.
Immer wieder schluchzt sie. Ihr K├Ârper verkrampft sich und wird gesch├╝ttelt. Manchmal laufen Tr├Ąnen, oft nicht. Es ist wie aufs Klo gehen. Sie achtet kaum noch darauf. Ihr K├Ârper f├╝hlt sich an wie ein Trampolin. Bis zur Unertr├Ąglichkeit gespannt. Dann muss sie aufstehen und etwas holen aus der K├╝che. Oft wei├č sie in der K├╝che dann gar nicht, was sie dort will. Dann macht sie den Abwasch. Den gibt’s immer. Komisch, obwohl sie allein ist, sammelt sich jede Menge Dreck an.
Wenn ihr so trampolinm├Ą├čig zumute ist, onaniert sie auch mal. Das schafft Erleichterung. Doch sie f├╝hlt sich schmutzig danach. Sie kommt oft, sehr oft, wenn sie onaniert. Mit M├Ąnnern kommt sie selten, sehr selten, weil sie so angespannt ist. Komisch. Aber das ist lange her.
Schmutzig f├╝hlt sie sich nicht, weil onanieren schmutzig ist. Es ist das Phlegma. Das klebt an ihr. Diese vielen Orgasmen, die ihre Energien sind, die sie herausdr├╝ckt, wie ├╝bersch├╝ssige Luft aus der W├Ąrmflasche.
Das ist S├╝nde. Sie sollte sich besser ein Messer in den Bauch rammen. Doch daf├╝r ist sie zu feige. Und wer wei├č - vielleicht f├Ąllt f├╝r sie ja doch noch ein bi├čchen Lebendigkeit vom Himmel? Einfach so, ohne dass sie sinnlose Anstrengungen, die eh nur Entt├Ąuschung und Frust bringen, absolvieren muss?
Wenn der Abend vorbei ist, so gegen vier Uhr fr├╝h, geht sie duschen. W├Ąscht den Gestank von Langeweile: zuviel Zigaretten (sie muss schummeln), Wein, Chips, Orgasmen und Selbstmitleid (objektiv gesehen, sie merkt das nicht mehr)ab. Im Bett f├╝hlt sie sich dann wieder ganz gut. Nur die Bl├Ąhungen machen ihr zu schaffen.
Nachdem sie ein wenig gelesen hat, bei Schlaftee und gutem Licht einen sinnvollen Ausklang zumindest, wird sie schlafen und morgen endlich ein neues Leben anfangen. Ein letzter Blick zu den Fenstern, die nicht sehr nah sind - Gott sei dank. Aber sie k├Ânnten sie sehen, wenn sie es darauf anlegten.
Als erstes die Vorh├Ąnge.




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Das Buch soll die Axt sein f├╝r das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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