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Leselupe.de > Kindergeschichten
Der falsche Spiegel
Eingestellt am 15. 06. 2005 15:00


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coxew
???
Registriert: Jun 2005

Werke: 36
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Der falsche Spiegel

Tim ist neu in der Stadt. Und in der Schule hat er noch keine
Freunde. Eigentlich hat Tim noch nie einen richtigen Freund
gehabt. Dabei wünscht er sich nichts sehnlicher. Tim bewundert
Hannes. Der spricht immer frei heraus, was er gerade denkt.
Und beim Fußballspiel im Turnunterricht, wird Hannes immer als
Erster in eine Mannschaft gewählt. Im Gegensatz zu Tim. Er
stand sogar schon mal bis zum Schluss, weil er nicht so gut
spielt. Er rennt nicht so schnell und zielen kann er auch nicht
und überhaupt. Robert und Maik machen alles was Hannes
will. Tim wäre gern Hannes Freund. Aber er besitzt nicht
einmal ein Mountainbike, so eins mit Scheibenbremsen.

Tim starrt Hannes gedankenverloren auf dem Schulhof an.
"Is was, Neuer", sagt Hannes und schnaubt verächtlich.
"Willst mitspiel'n", spottet Robert. Maik schüttet sich aus
vor Lachen. Tim presst die Lippen aufeinander. Angst schnürt
ihm die Kehle zu. Hannes wartet nicht bis Tim etwas sagen kann.
"Heut' Nachmittag am Discounter, Mutprobe", bestimmt er und
zieht geräuschvoll die Nase hoch. Tims Augen leuchten auf.
Robert und Maik kichern. Dann verschwinden alle drei in der
Raucherecke.

Wo sie nur bleiben? Tim lehnt an einem Baum. Nervös scharrt er
mit der Schuhspitze auf den Steinplatten. Und was meinen sie
mit Mutprobe? Ob ich auf's Dach klettern soll? Aber warum dann
ausgerechnet hier?
"Hey, Neuer, da bis du ja", ruft Hannes, als ob es nicht er
wäre, sondern Tim, der zu spät kommt. Hannes, Robert und Maik
radeln quer über den Parkplatz. Vor Tim halten sie ruckartig,
daß die Bremsen quietschen und ihre Hinterräder zur Seite weg-
reißen. Keiner steigt ab.
"Hallo", würgt Tim mühsam heraus. Sicher denken sie jetzt,
dass er Angst hat. Hannes pieckt mit seinem Zeigefinger gegen Tims Brust.
"Du gehst jetzt da rein und klaust was." Er nickt zum
Discountereingang.
"Wenn du das schaffst, bist du einer von uns", beteuert Maik.
Tim erschrickt. "Aber ..."
"Kein aber. Du tust was ich dir sage, oder ..." Hannes Augen
funkeln böse. "... oder du hast es in Zukunft schwer hier."
In Tim dreht sich alles. Stehlen ist mies. Aber Mut gehört
trotzdem dazu. Es ist ja nur dies eine mal. Ich bin kein
Feigling.
"Nun?" Hannes grinst kalt.
"Gut, wartet hier", sagt Tim entschlossen.
"Hab doch gewusst, du bist 'n ganzer Kerl", meint Hannes
anerkennend.

Mit weichen Knien betritt Tim den Discounter. Kalter Schweiß
bildet sich auf seiner Stirn. Gleich am Eingang kann Tim sich
in dem riesigen Spiegel sehen, der sich hinter den Kassen an
der Wand befindet. Tim meint, seine schlechten Absichten liest
ihm jeder vom Gesicht ab. Doch seltsamerweise beachtet ihn
niemand. So geht er an einer dicken Frau vorbei, die ihren
Einkaufskorb gemächlich vor sich herschiebt. Wie alle
anderen Kunden nimmt Tim nun dieses Stück oder jenes aus den
Regalen mit Obst, Gemüse, Nudeln und was noch nicht alles.
Er liest die Packungsaufschrift und vergleicht Preise, bevor
er zum nächsten greift. Allmählich schwindet seine Angst. Er
steht jetzt an der Käsetheke. Goldgelber Butterkäse liegt da,
ein teurer, was ganz besonderes. Auf und ab späht Tim den
Gang. Kein Verkäufer in Sicht und die Kunden sind auch alle
mit sich selbst beschäftigt. Blitzschnell schiebt Tim den Käse
in seine Jackentasche. Er schielt nach rechts und links. An-
scheinend hat niemand etwas bemerkt.

Eigentlich müsste er jetzt volles Tempo aus dem Discounter
rennen. Doch damit würde er sich nur verdächtig machen. Also
schlendert Tim, als wäre nichts geschehen weiter Richtung
Ausgang. Nur an der Kasse muss er noch vorbei. Da legt sich
eine Hand schwer auf Tims Schulter.
"Kommst du mal eben mit in mein Büro?" Tim erstarrt und wird
feuerrot im Gesicht. Die Stimme gehört einem Mann, der einen
hellblauen Kittel trägt und scheinbar aus dem Nichts neben Tim aufgetaucht ist. Einige Kunden, die an der Kasse anstehen, drehen
sich nach Tim um. Vor Scham möchte Tim in den Boden versinken.
"Aber ich hab doch nichts ..." stammelt Tim mit trockenem Mund.
"Was du hast oder nicht, das sehen wir gleich. Also, was ist?
Wir können das ganze auch hier klären, wenn dir das lieber ist."
Tim verstummt. Wütend denkt er an Hannes, Maik und Robert,
die jetzt draußen auf dem Parkplatz sicher ihre Witze reißen.
Von wegen Mutprobe, Dummheit passt viel besser. Der Kittel
führt Tim an den Kassen vorbei. Genau neben dem riesigen Spie-
gel, in dem sich Tim noch vor wenigen Minuten angeschaut hat,
führt eine Tür mit der Aufschrift 'Nur für Personal' in ein
kleines Zimmer. Links neben der Tür unter einem riesigen Fenster
steht ein Schreibtisch. Eine angefangene Saftpackung, ver-
schiedene Warenlisten und ein Auspreisgerät mit winzigen neon-
farbenen Preisschildchen bedecken ihn ganz.
"Setz dich." Der Kittel deutet auf einen Stuhl neben dem Tisch
an der Wand. Er selbst setzt sich davor. Einen Moment schaut
er durch das riesige Fenster hinaus in den Discounter als müsse
er sich vergewissern ob alles rechtens ist. Da durchzuckt es
Tim. Der Spiegel ... das Fenster ... ist ein falscher Spiegel.
Von vorn kann man sich ganz normal darin anschauen. Aber von
hinten, von hier drinnen aus schaut man wie durch ein gewöhn-
liches Fenster. Natürlich konnte da der Kittel Tim beobachten
ohne selbst gesehen zu werden.

"Fred Müller", stellt sich der Kittel vor, "ich bin hier Filialleiter.
„Und jetzt pack den Käse aus. Wie heißt du?"
Tim weiß, jetzt ist lügen sinnlos. Er friert und schwitzt
gleichzeitig. Fast rutscht er von der Stuhlkante. "Tim Wohila",
antwortet Tim und "es kommt nicht wieder vor, bestimmt nicht."
Unmöglich kann er Fred Müller von der blöden Mutprobe erzählen
und von Hannes und Maik und Robert. Tim schwört insgeheim
tausend Eide, dass er nie, nie mehr stehlen wird. Auch wenn
ein Hannes noch so sehr droht. Tim zieht den Käse aus der
Tasche und packt ihn auf den Schreibtisch neben das
Auspreisgerät.
"Eigentlich müsste ich dich bei der Polizei melden wegen
Ladendiebstahl." Tim erschrickt. Daran hatte er nicht gedacht.
Nervös rutscht er auf der Stuhlkante herum. "Aber weil du jetzt
ehrlich bist und auch nicht wieder stehlen willst, belasse ich
es damit", sagt Fred Müller. "Du bezahlst den Käse und die
Sache ist gegessen."
"Wirklich?", fragt Tim ungläubig und wird schon wieder rot. Doch
diesmal fühlt er sich viel besser.
„Wirklich.“
Schweren Herzens opfert Tim sein gesamtes Taschengeld. Und er
fasst einen Entschluss.

An der Ausgangstür warten Hannes, Robert und Maik. Tim geht
an ihnen vorbei als wären sie Luft.
„Was ist denn nun los, Neuer, ruft Hannes.
„Mit euch genau nichts mehr“, antwortet Tim seelenruhig und
setzt seinen Weg fort.




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hera
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Hallo coxew,

deine lehrreiche, sehr einfühlsame geschriebene Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Zudem ist sie wirklich gut geschrieben und perfekt ausgearbeitet.

Viele Grüße, hera

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Stephanie Seelig
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Hallo coxew

Gelungene Geschichte. Super finde ich und den Satz sogar am besten.


quote:
„Mit euch genau nichts mehr“, antwortet Tim seelenruhig und
setzt seinen Weg fort.


Genau so ...............Stephanie
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Gezähmte Lippen

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coxew
???
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ja, das ist ein typisches beispiel, bei dem es von allein funktioniert.

liebe grüße,
karin

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Lillia
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Hallo Coxew,

so befriedigend das Ende ist - dafuer hat mir der Junge am Anfang doch etwas extrem naiv gewirkt. Ich hab ihm fast gegoennt dass er erwischt wird weil er diesen einseitigen Klassenhengsten so nachgeeifert hat.

Sehr spannend geschrieben, aber es sind mir doch ein paar zu viele klassische Sachen drin wie der Sportunterricht und das Mountainbike. Und wieso laesst der Kaufhausdetektiv ihn laufen, gibt's das wirklich?? Ehrlich? Er hat doch grad noch gesagt "Aber ich hab doch nicht..."

Trotzdem wie gesagt sehr spannend geschrieben, hab's gerne gelesen.

Gruesse
-lilli-
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Ich brauche keine Bequemlichkeiten. Ich will Gott. Ich will Poesie und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde.

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coxew
???
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Der falsche Spiegel

hallo lillia,

was stört denn an klassischen dingen? in der schule ist realität, dass freunde u.a. auch nach markenklamotten, fahrrädern, mp3-playern, ... ausgesucht werden. das muss jedes kind für sich selbst entscheiden, ob es solche freunde wirklich will. ob die freundschaft am ende was taugt, kristallisiert sich dann schon von selbst raus.

wenn ein kind in eine andere stadt zieht, ist es anfangs natürlich ängstlich und möchte sich anschließen. da kann es schon mal kopflos werden. Das hat mit naivität nichts zu tun. nicht alle kinder wachsen in einer metropole auf.

viele grüße,

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Lillia
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Hallo Coxew,

mich stoert der radikale Wandel. Die Kinder, die so begeistert den offensichtlichen Chefs nacheifern, schaffen es normalerweise selbst dann nicht, darueberzustehen, wenn sie in die Scheisse geritten werden. Nicht nur Kinder, auch noch 17jaehrige Jugendliche. Ich faend ihn glaubwuerdiger, wenn er schon am Anfang in einem Konflikt waere, sich zum Beispiel heimlich wuenschen wuerde, darueber zu stehen, es aber nicht schafft. Wenn er sein Duckmaeusertum schon am Anfang seltsam faend. Du sagst ja ganz richtig, jedes Kind muss fuer sich selbst entscheiden, ob es solche Freunde will. Ich bekomme aber vom Entscheidungsprozess zu wenig mit, erst ist ueberhaupt keine Kritik da ("er bewundert Hannes") und dann der schnelle und krasse Wandel: auf einmal steht er drueber und findet nichts mehr an ihnen. Nur weil er erwischt worden ist. Waere er nicht erwischt worden, haette er sich schwanzwedelnd den Grossen angeschlossen - so klingt es zumindest durchgehend.

Verstehst Du, was ich meine?

Was hat das eigentlich mit Metropole zu tun? Ich glaub das was du beschreibst ist ueberall Realitaet, in jedem Umfeld.

Liebe Gruesse
-lilli-
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