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Leselupe.de > Kurzprosa
Der freie Wille
Eingestellt am 11. 04. 2009 18:02


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AliasI
???
Registriert: Apr 2005

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Er wachte auf, geweckt von einem miesen Schlager, der aus dem billigen Radiowecker hervordröhnte. Er stand sofort auf, pflichtbewusst wie er halt war. Er warf einen kurzen Blick auf das andere Bett. Sie lag da und schnarchte. Die Bettdecke hatte sie beiseite gestreift, und er konnte ihre dicken entblĂ¶ĂŸten Beine sehen. Er erschauerte vor Ekel und schaute schnell weg.

Im BĂŒro war es genauso erbĂ€rmlich wie immer. Falsch, es war noch ein bisschen erbĂ€rmlicher, und er hatte den Eindruck zu trĂ€umen. Da war nĂ€mlich eine Person, die er abgrundtief hasste und die eigentlich gar nicht mehr da sollte. Sie hatte doch vor ein paar Jahren die Firma verlassen - und nie war er ĂŒber etwas glĂŒcklicher gewesen.

Er konnte nur trĂ€umen, das alles war doch Vergangenheit, es war ĂŒberstanden und spĂ€ter mit anderen Leuten ausdiskutiert worden. Er hatte es ĂŒberwunden, er war stĂ€rker geworden, sie konnte ihm nichts mehr anhaben, sie war Vergangenheit!

Er brachte den Arbeitstag zĂ€hneknirschend hinter sich, spĂŒrte immer wieder den Blick dieser Kuh im Nacken – und wunderte sich, als er kurz vor Feierabend zum Chef gerufen wurde. Auch das noch!

Der Chef sah genauso widerwÀrtig und hassenswert aus wie immer, das war ausnahmsweise ein beruhigendes Merkmal an diesem seltsamen Tag.

„Wie geht es Ihnen?“ fragte der Chef mit jovialer Stimme.

„Hmmm, geht so...“, antwortete er vage. Seit wann interessierte sich der Chef fĂŒr sein Befinden?

„Das verstehe ich nicht“, sagte der Chef mit einem milden Grinsen. „Es ist doch alles so wie immer...“

„Das ist ja gerade das Problem!“ Erschrocken hielt er sich die Hand vor den Mund.

„Was wollen Sie eigentlich?“ Die Mundwinkel des Chefs verzogen sich spöttisch nach oben. „Wir versuchen doch nur, Ihre WĂŒnsche zu erfĂŒllen.“

„Ich, ich verstehe nicht“, stammelte er.

„Nun denn, wir sind davon ausgegangen, dass Sie Ihr Leben geliebt haben. Sie mĂŒssen Ihre Frau geliebt haben, weil Sie es so lange mit ihr ausgehalten haben – und Sie mĂŒssen Ihre Kollegen geliebt haben, sonst hĂ€tten Sie deren ĂŒble Scherze nicht....“

„Ausgegangen? Wovon ausgegangen?“ Irgendwas war falsch, und er fĂŒhlte auf einmal ein klammes GefĂŒhl in seinen Eingeweiden, als ob er sich ĂŒbergeben mĂŒsste. Und dann erinnerte er sich: Ein Auto war auf ihn zugerast, als er schon halb auf der Straße stand. Es gab einen lauten Knall, und alles wurde still um ihn. Aber das war natĂŒrlich nur ein Traum, denn heute morgen war er in seinem Bett aufgewacht und zur Arbeit gegangen wie immer...

„Wir sind davon ausgegangen, dass Sie sich dieses Leben ausgesucht haben...“

„Das ist ein Witz, nicht wahr?“ Er schaute verstohlen auf die WĂ€nde. vielleicht hatte man dort eine versteckte Kamera angebracht, die seine Reaktion aufzeichnen sollte.

„Finden Sie es heraus!“ Der Chef fing dröhnend an zu lachen.

„Aber wieso...“ Er verstummte und erhob sich. Es war alles nur ein ĂŒbler Traum, und draußen wĂŒrde er sich erst einmal krĂ€ftig in den Arm kneifen, um wach zu werden.
Er wandte sich zur TĂŒr und warf noch einen letzten Blick ĂŒber die Schulter zurĂŒck. Unter dem Schreibtisch des Chefs lugte ein zierlicher Huf hervor, und er hĂ€tte schwören können, dass es sich um einen Bocksfuß handelte, aber das gehörte bestimmt auch zum Traum.

ENDE???


__________________
Die Lust ist eine Kunst, aber die Kunst ist nicht immer eine Lust (von mir oder von irgendeinem anderen).

Version vom 11. 04. 2009 18:02
Version vom 12. 04. 2009 07:16

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Gernot Jennerwein
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Hallo Aliasl

quote:
Im BĂŒro war es genauso erbĂ€rmlich wie immer. Falsch, es war noch ein bisschen erbĂ€rmlicher, und er hatte den Eindruck zu trĂ€umen. Da war nĂ€mlich eine Person, die er abgrundtief hasste und die eigentlich gar nicht mehr da sollte. Sie hatte vor ein paar Jahren die Firma verlassen - und damit aufgehört, ihm die Hölle heiß zumachen.
Da fehlt ein Wort.

Die Idee find ich gut. Die Darstellung ist auch in Ordnung, bis zum Schluss hin. Denn da verliert sich die Geschichte im Nichts, sagt in den letzten SÀtzen einfach zuwenig aus, ein lascher Abschluss. Das könntest du besser machen, vielleicht mit einer sehr bissigen Pointe, oder in der Art von etwas unerwarteten.

Gruß Gernot


__________________
der Sibirier

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AliasI
???
Registriert: Apr 2005

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danke schön fĂŒr den tipp mit dem fehlenden wort, werde ich korrigieren.
hmmm, ich glaube eigentlich nicht, dass ich die story noch knalleffektiver machen sollte. ist ja schließlich kein krimi, sondern soll nur ein denkanstoß sein. gibt es den freien willen? könnte man sein leben anders gestalten? na ja, so was in der art...

lieben gruß von alias und danke fĂŒr deinen kommentar
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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

hallo @aliasl,

grundsÀtzlich eine gute idee.

leider verliert sie von vornherein ein bisserl, weil es die endlos-wiedergeburt-nummer ja schon gibt und, wenn's mehr christlich statt fernöstlich gedacht sein sollte, der arme kerl zur hölle gefahren sein mĂŒsste: und ewig grĂŒĂŸt das murmeltier.

tipp: lass satan den vorgesetzten sein (kenntlich nur am bocksfuß unter dem schreibtisch) und dem wĂŒrstchen erklĂ€ren, wofĂŒr es diese furchtbarste aller strafen denn verdient hat.

liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

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AliasI
???
Registriert: Apr 2005

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@fĂŒr bluefin
logo, ist alles schon dagewesen. aber ich sehe es ja auch nicht als wiedergeburtsdrama an, ich sehe es eher als chance, mal nachzudenken und es besser zu machen - beim ersten mal direkt, denn es gibt kein zweites mal.
die idee mit dem bocksfuß ist natĂŒrlich verfĂŒhrerisch, aber ich stelle mir mister b.eelzebub eher wie einen sadistischen bĂŒrokraten vor. oder wie einen politiker?

lieben gruß aus essen
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Retep
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Registriert: Jun 2008

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Hallo Aliasi,

hab den Text gern gelesen. Gute Idee. NatĂŒrlich nicht ganz neu, aber gibt es ĂŒberhaupt etwas ganz Neues ?
Ja, mit dem Schluss hapert es ein bisschen. Die Überlegungen dazu von bluefin erscheinen mir auch "verfĂŒhrerisch".
Im letzten Satz, beim Abgang aus dem BĂŒro, sieht er den Bocksfuß seines Chefs?


Kleine Anmerkungen:

quote:
Er wachte auf wie an jedem Werktag, geweckt von einem miesen Schlager, der aus dem billigen Radiowecker hervordröhnte. Er stand sofort auf, pflichtbewusst wie er halt war. Er warf einen kurzen Blick auf das andere Bett. Sie lag da und schnarchte. Die Bettdecke hatte sie beiseite gestreift, und ihre dicken Beine lagen entblĂ¶ĂŸt da. Er erschauerte vor leichtem Ekel und schaute schnell von ihr weg.
- streichen ?

quote:
„Wir sind davon ausgegangen, dass Sie sich dieses Leben ausgesucht haben.“ sagt der spöttische Mund des Chefs gerade.
- sagte der Chef spöttisch? ("spöttisch" hast du kurz vorher schon geschrieben!)

quote:
Das machen wir immer so, wenn jemand tot ist...“
- streichen ?

quote:
ihm die Hölle heiß zumachen
heiß zu machen

quote:
„Aber ich habe es doch nie...“ Er verstummt, als ihm einiges bewusst wird. Und was hat er schon groß zu verlieren? Man lebt ja schließlich nicht nur einmal...
Diesen Teil wĂŒrde ich Ă€ndern.
- diesen Teil wĂŒrde ich Ă€ndern.

Schau mal, ob du mit meinen VorschlÀgen was anfangen kannst.

Gruß

Retep


__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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AliasI
???
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Werke: 27
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dann mal die neue version:

@ retep
ich hoffe, dass es jetzt besser ist, obwohl ich natĂŒrlich nicht alles umgesetzt habe...
gruß v. aliasi


Er wachte auf, geweckt von einem miesen Schlager, der aus dem billigen Radiowecker hervordröhnte. Er stand sofort auf, pflichtbewusst wie er halt war. Er warf einen kurzen Blick auf das andere Bett. Sie lag da und schnarchte. Die Bettdecke hatte sie beiseite gestreift, und er konnte ihre dicken entblĂ¶ĂŸten Beine sehen. Er erschauerte vor Ekel und schaute schnell weg.

Im BĂŒro war es genauso erbĂ€rmlich wie immer. Falsch, es war noch ein bisschen erbĂ€rmlicher, und er hatte den Eindruck zu trĂ€umen. Da war nĂ€mlich eine Person, die er abgrundtief hasste und die eigentlich gar nicht mehr da sollte. Sie hatte doch vor ein paar Jahren die Firma verlassen - und nie war er ĂŒber etwas glĂŒcklicher gewesen.

Er konnte nur trĂ€umen, das alles war doch Vergangenheit, es war ĂŒberstanden und spĂ€ter mit anderen Leuten ausdiskutiert worden. Er hatte es ĂŒberwunden, er war stĂ€rker geworden, sie konnte ihm nichts mehr anhaben, sie war Vergangenheit!

Er brachte den Arbeitstag zĂ€hneknirschend hinter sich, spĂŒrte immer wieder den Blick dieser Kuh im Nacken – und wunderte sich, als er kurz vor Feierabend zum Chef gerufen wurde. Auch das noch!

Der Chef sah genauso widerwÀrtig und hassenswert aus wie immer, das war ausnahmsweise ein beruhigendes Merkmal an diesem seltsamen Tag.

„Wie geht es Ihnen?“ fragte der Chef jovial.

„Hmmm, geht so...“, antwortete er vage. Seit wann interessierte sich der Chef fĂŒr sein Befinden?

„Das verstehe ich nicht“, sagte der Chef mit einem milden Grinsen. „Es ist doch alles so wie immer...“

„Das ist ja gerade das Problem!“ Erschrocken hielt er sich die Hand vor den Mund.

„Was wollen Sie eigentlich?“ Die Mundwinkel des Chefs verzogen sich spöttisch nach oben. „Wir versuchen doch nur, Ihre WĂŒnsche zu erfĂŒllen.“

„Ich, ich verstehe nicht“, stammelte er.

„Nun denn, wir sind davon ausgegangen, dass Sie Ihr Leben geliebt haben. Sie mĂŒssen Ihre Frau geliebt haben, weil Sie es so lange mit ihr ausgehalten haben – und Sie mĂŒssen Ihre Kollegen geliebt haben, sonst hĂ€tten Sie deren ĂŒble Scherze nicht....“

„Ausgegangen? Wovon ausgegangen?“ Irgendwas war falsch, und er fĂŒhlte auf einmal ein klammes GefĂŒhl in seinen Eingeweiden, als ob er sich ĂŒbergeben mĂŒsste. Und dann erinnerte er sich: Ein Auto war auf ihn zugerast, als er schon halb auf der Straße stand. Es gab einen lauten Knall, und alles wurde still um ihn. Aber das war natĂŒrlich nur ein Traum, denn heute morgen war er in seinem Bett aufgewacht und zur Arbeit gegangen wie immer...

„Wir sind davon ausgegangen, dass Sie sich dieses Leben ausgesucht haben...“

„Das ist ein Witz, nicht wahr?“ Er schaute verstohlen auf die WĂ€nde. vielleicht hatte man dort eine versteckte Kamera angebracht, die seine Reaktion aufzeichnen sollte.

„Finden Sie es heraus!“ Der Chef fing dröhnend an zu lachen.

„Aber wieso...“ Er verstummte und erhob sich. Es war alles nur ein ĂŒbler Traum, und draußen wĂŒrde er sich erst einmal krĂ€ftig in den Arm kneifen, um wach zu werden.
Er wandte sich zur TĂŒr und warf noch einen letzten Blick ĂŒber die Schulter zurĂŒck. Unter dem Scheibtisch des Chefs lugte ein zierlicher Huf hervor, und er hĂ€tte schwören können, dass es sich um einen Bocksfuß handelte, aber das gehörte bestimmt auch zum Traum.




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Die Lust ist eine Kunst, aber die Kunst ist nicht immer eine Lust (von mir oder von irgendeinem anderen).

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