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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der gedämpfte Klang eines nicht erkennbaren Stückes
Eingestellt am 27. 08. 2016 09:00


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JcPosch
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2016

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Der gedämpfte Klang eines nicht erkennbaren Stückes. Könnten die Beatles sein. Vielleicht sind es aber auch die Animals, ja vielleicht ist es sogar Elton John? Ich wache auf; sitze an einer Theke. Ein Mann – komplett in schwarz gekleidet – steht dort auf der anderen Seite des langen Massivholztisches und plaziert wenig später ein schäumendes Getränk auf die graue Pappscheibe vor mir. Mein Blick fällt darauf. Erst jetzt vermag ich zu bemerken, dass die unzähligen, einzelnen Striche, die die Oberfläche des Deckels bedecken so weit überdecken, dass die eigentlich weiße Farbe der Pappe unter der Granitschicht kaum noch zu erkennen ist. Schließlich schaue ich auf die Uhr. Es ist kurz nach neun. Ich versuche durch die Fenster zu sehen, doch sie scheinen sowohl licht- als auch luftundurchlässig zu sein, was einem die Beobachtung der Außenwelt praktisch unmöglich macht. Ist es neun Uhr morgens oder abends? Schwer zu sagen. Ohne länger darüber nachzudenken, trinke ich einen Schluck von meinem frisch gezapften Bier und genieße die Stille. Was ist eigentlich heute für ein Tag?
Es vergehen vier Stunden, etliche Gerstensäfte und mehr Zigaretten, als ich an zwei Händen abzählen kann, als mir durch die Leere im Raum klar wird, dass es wohl morgens ist. Zum ersten Mal erhebe ich mich und schlendere zur Toilette. Erst als ich meinen Schwanz schon herausgeholt habe und in das Pissoir uriniere, kommt es mir hoch. Ich stoße die säuerliche Substanz, die wohl zu neunzig Prozent aus Bier und Scotch besteht – wann habe ich eigentlich das letzte mal etwas gegessen? – zur Seite aus, während ich immer noch in den kleinen Behälter aus Porzellan pinkle. Und ich schaffe es, ohne dass etwas daneben spritzt. Übung macht eben den Meister.
Ich trete meinen Weg zurück wankend an und schaffe es gerade noch, mich an meinem Barhocker festzuhalten, bevor ich umkippe. Wieder vergehen Stunden. Und Kippen. Da mein Magen nicht nur überreizt ist, sondern auch randvoll mit flüssigem Gold, habe ich die Kontinuität meines Trinkens etwas zurückgestellt. Irgendwann sacke ich zusammen und mein Kopf fällt ohne abzubremsen auf den Thekentisch. Dann bin ich weg.
Ich sitze an der Bar und da ist dieses Mädchen, blondes Haar, aus dem man vermutlich Gold schöpfen könnte. Ein kurzer Rock, der ihren göttlichen Anblick nicht nur unterstützt, sondern sie gleichzeitig auch unantastbar macht. Nicht zu schweigen von all den anderen Merkmalen, die darauf schließen lassen, dass sie vom Himmel gefallen sein muss, aber die Tatsache, dass ich sie als »unantastbar« beschrieben habe, gibt mir eine perfekte Vorlage für mein folgendes Handeln – Ich spreche sie an: »Was in Gottes Namen macht eine Frau wie du alleine in solch einer ranzigen Bar?«
Kaum zu fassen, dass mir nichts noch bescheuerteres eingefallen ist.
»Schiwa.«
»Gesundheit.«
»Was?«
»Nichts.«
»Was in Schiwas Namen.«
»Warum?«, frage ich.
»Wir sind in Indien. Nicht zu Hause. Du solltest in Schiwas Namen sagen, um dich anzupassen.«
Wenn du meinst. Ich verkneife mir die Frage, ob man den Gott Schiwa, der soweit ich weiß Teil des Prinzips der Zerstörung ist, in dem Zusammenhang verwenden sollte. Ganz zu schweigen davon, dass ein Sprichwort eine feste Zusammensetzung aus beabsichtigt gewählten Wörtern ist, beziehungsweise sich diese über Jahrhunderte zu einem gebildet haben, was auch bei regionalen Unterschieden meines Erachtens nach –
»Was führt dich hier hin?«
»Ich mache Urlaub. Mit meinem Freund«, erwidert sie.
Tür? Zu.
»Und was treibt dich hier hin?«
»Um ehrlich zu sein wusste ich nicht mal, dass ich in Indien bin.«
Sie lacht. Eigentlich ein gutes Zeichen; wenn sie nicht mit ihrem Freund hier wäre.
»So viel kommst du also rum, ja? Bist du berühmt oder sowas?«
Jetzt lache ich.
»Zum Glück nicht.«
Sie überlegt kurz, bevor sie die Konversation auf eine neue Ebene bringt: »Ich bin Lisa.«
In einem etwa zwanzig minütigen Smalltalk tauscht sie sich mit mir über die wirrsten Dinge aus, die ich, selbst wenn ich sie während ihres Monologs ausgeschrieben hätte, nicht mehr nacherzählen können und ehe ich mich versehe landen wir auf der Toilette und sie schiebt mir ihre Zunge rein. Ich würde es gewiss lieber prachtvoll und poetisch beschreiben, aber leide ist diese Aussage mehr als zutreffend. Ich hätte auch mit einem Frosch rumknutschen können. Und der Frosch wäre vermutlich noch leichter zu handhaben.
Egal. Ich gehe ihr also an die Wäsche, Streife ihr Shirt ein wenig hoch und öffne den ersten Knopf ihres Rocks, um zumindest etwas Spielraum zu haben. Sieht halt super aus, aber praktisch ist der sicher nicht.
Dann beginnt auch sie mich zu begrapschen. Ja genau, etwas grob. Was soll‘s. Ihre erste Hand findet zu meinem Bauch, versucht wohl mich zu streicheln, aber es fühlt sich eher an, als würde sie versuchen mir Pickel auszudrücken. Vergeblich übrigens.
Ihre zweite Hand gleitet dagegen deutlich eleganter meinen Rücken herunter und landet an meinem Hintern, bei dem sie sich wohl auch für eine längere Pause niederlässt. Die dritte streicht mir durch‘s Gesicht. Ungewohnt zärtlich und ... Warte? Ihre dritte Hand? Ich lehne mich ein Stück zurück und öffne meine Augen. Das ist nicht die Blondine! Es ist eine Gestalt, in bunte Tücher gewickelt und mit Perlenketten im Haar, die ich nicht recht zuordnen kann. Und verfickt nochmal: Sie hat vier Arme! Mit der dritten – die obere linke Hand – nimmt sie mich am Hinterkopf und drückt meinen Mund wieder auf ihren. Die vierte öffnet darauf hin gekonnt meine Hose und schlüpft sofort hinein. Nun ja, auch wenn ich zugeben muss, dass dies völlig neue Möglichkeiten eröffnet, kommt mir doch immer wieder nur eins in den Sinn: Hast du dir was eingeschmissen?
Ich versuche den Moment zu genießen. Der Moment in dem mein Gegenüber – Geschlecht ehrlich gesagt nicht identifiziert, was nicht daran liegt, dass sie ein Typ sein könnte (das halte ich für sehr unwahrscheinlich, leider kann ich es aber nicht ausschließlich), sondern einzig und allein aus dem Grund, dass sie verdammt noch mal vier Arme hat – meinen Hintern, mein Gesicht, meinen Bauch und meinen Schwanz gleichzeitig streichelt. Aber ich genieße es; wohl.
Dann erklingt ein Lachen. Ganz leise und ich bemerke es zunächst gar nicht, doch dann wir es immer lauter. Und noch mehr lachende Stimmen fügen sich hinzu. Erst als es so laut wird, dass ich denke mein Trommelfell würde platzen, öffne ich die Augen. Und. Erblicke. Etwas. Glibberiges. Ich halte es in den Händen. Also lasse ich es fallen und sehe eine Ansammlung von Menschen, die sich um mich herum versammelt hat. Ich stehe in einem Kreis aus lachenden Menschen und sehe hinunter. Dort, wo ein Tintenfisch liegt. WAS ZUR HÖLLE IST HIER LOS? Nun ja, da liegt ein Kraken auf dem Boden. Und dann zwinkert er mir noch kurz zu, bevor ich von der Theke nach oben schnelle und um Luft ringe.
»Schlecht geschlafen?«
»Hn?«
»Kann man dir nicht übel nehmen.« Es ist der Bartender, der wie in einem Klischee Gläser mit der Hand abtrocknet. Ich sehe mich um. Sitze wieder in der Bar. Alles gut. Wobei, wenn wir ehrlich sind nicht, aber was spielt das schon für eine Rolle?
»Hör zu: Gleich kommen die ersten Gäste und bevor ich dich in der Menge verliere, muss ich dich eben abkassieren. Bis jetzt war nicht so viel los, deswegen konntest du dir ordentlich was ansammeln, aber das Wochenende beginnt. Heute wird‘s hier voll.« Immerhin weiß ich jetzt, dass es Freitag ist. Ich stehe auf, greife in meine Jacke und zücke meine Brieftasche. Leer. Wenn ich genauer hinsehe, kann ich sogar den einen oder anderen Steppenwolf erkennen, der von der einen zur anderen Seite rollt. Angetrieben durch den leichten Präriewind meiner Selbstachtung, der ebenfalls mit ihnen hinter dem Rand des Horizonts meiner Brieftasche verschwindet. »Was schulde ich dir?«
»Dreihundertsiebenundachtzig Euro und zwanzig Cent.«
Wow.
»Ok, hör zu: Wo ist der nächste Geldautomat. Du kriegst auch ein angemessenes Trinkgeld.«
Er verdreht nur die Augen und greift zum Telefon. Und während er eine altbekannte, dreistellige Nummer eintippt und den Hörer ans Ohr legt sagt er noch: »Ich habe es gewusst. Immer das gleiche mit euch.«
Mit uns? Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand es wirklich schafft, mich irgendeiner Randgruppe zuzuordnen, aber das tut jetzt nichts zur Sache.
»Nein schon gut, warte. Hier, ich gebe dir meinen Reisepass. Ohne den komme ich hier nicht weg.«
»Was ist mit deinem Personalausweis?«
»Habe ich verloren«, wieder verdreht er die Augen und wendet sich von mir ab, weshalb ich ergänze: »Ich gebe dir meine Krankenversicherungskarte und meine Kreditkarte dazu.«
Dann legt er den Hörer weg und sieht mich an: »Deine Kreditkarte also?«
»Naja, ehrlich gesagt kann ich sie dir nicht geben. Ohne sie bin ich nicht flüssig. Aber ich zeige dir den Namen zum abgleichen.«
»Du bist nicht flüssig«, widerspricht er.
»Noch nicht.«
Ich lege meinen Reisepass, sowie meine Krankenkassenkarte auf die Theke und halte ihm die Kreditkarte vor die Nase.
»Amex. Nicht schlecht.« Er wartet auf eine Reaktion meinerseits. Vergeblich. »Jim Lukonski.«
»Richtig, identisch mit dem Namen auf dem Reisepass.«
»Und der Versicherungskarte?«
»Ja, zur Hölle.«
»Nicht ausfallend werden. Oder soll ich doch die Bullen rufen?«
»Ich bin in zehn Minuten wieder da.«
»Wehe, wenn nicht.«
»Jaja.«
Ich stehe auf und schreite zu Tür. Nicht mehr ganz so schwankend wie vorhin.
»Jim Lukonski?« Höre ich noch, als ich die Tür gerade öffnen will.
»Ja?«
»Du bist ein verdammtes Arschloch, Jim Lukonski.«
»Herzlichen Glückwunsch. Einer mehr.«
Ich gehe hinaus – das Licht brennt sich in meine Netzhaut – und zünde mir eine HB an.
Als ich wieder sehen kann, fällt mir auf, dass es hier gar nicht indisch aussieht. Nicht so, wie ich es erwartet hätte. Reklametafeln, Straßenschilder, Geschäftsnamen. Alles geschrieben in meiner Muttersprache. Ein Problem weniger.
Ich frage in einem kleinen, unabhängigen Imbiss Restaurant, in dem ich mir später eine Jumbo Pizza mit Spinat kaufen werde nach dem nächsten Geldautomaten.
Als ich nun endlich davor stehe, meine Kippe auf den Boden werfe um sie auszudrücken und meine Karte in das Gerät einführe grölt mir jemand in den Rücken: »Müssen Sie Ihre Zigarette unbedingt auf den Boden schmeißen? Sehen Sie denn nicht? Da vorne ist doch ein Mülleimer!«
Ich stecke die Karte noch ein und drehe mich dann um. Ein Mann – sechzig? Siebzig? Scheiße, was weiß ich; tut auch nichts zur Sache – steht vor mir. Ich erkenne sofort was für ein Typ er ist. Ich muss zugeben, ich konnte Menschen schon immer schlecht einschätzen. Doch den; diesen Typ Mensch kenne ich nur zu gut. Er ist das vermeintlich männliche Gegenstück zur alten Dame, die den ganzen Tag am offenen Fenster im Parterre steht und auf die Menschen, die über die Straßen gehen hinab blickt und sich beschwert. Warum? Weil sie verdammt nochmal nichts zu tun haben. Nervig. Irgendwie auch traurig, aber irgendwie ist es mir auch egal.
Ich überlege noch einen Moment, ob ich seiner Aufforderung, zum Mülleimer zu blicken nachgehen soll, doch ich beschließe kurzerhand es zu lassen.
»Sind Sie die Staatsgewalt?«, frage ich ihn schließlich.
Er wirkt keineswegs eingeschüchtert. Das könnte noch interessant werden.
»Nein, aber –«
Ich unterbreche ihn: »Warum tun Sie dann so, als wären Sie einer von denen?«
»Na hören Sie mal! Ich werde doch nochmal meine Meinung sagen dürfen!«
»Wissen Sie was? Ihre Meinung interessiert mich nicht. Das ist das Problem an diesem Land. Jeder führt sich auf, als hätte er ein massives Autoritätsproblem. Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Drang mich zu erziehen, während Sie doch eigentlich nur etwas Spannung in Ihr ach so langweiliges Leben bringen wollen. Suchen Sie sich jemanden, der sich auf Ihre hoffnungslosen Versuche einlässt, jedem auf die Eier zu gehen, der Ihnen die Luft wegatmet.«
Ich hatte ehrlich gesagt auf ein bisschen mehr gehofft, doch alles, was er mir als Konter liefert ist: »Respektloser Bub‘!«
Dann geht er.
Ich hebe fünfhundertfünfzig Tacken ab, esse die Pizza und schlendere daraufhin wieder in die Bar. Bier, denke ich, während ich mich wieder auf meinen Hocker setze, meine Rechnung, zuzüglich eines freundlichen Trinkgelds bezahle und mir noch eine Kippe in den Mund stecke. Ich bestelle ein weiteres, kaltes, schäumendes Erfrischungsgetränk. Und noch eins. Laphroaig, Bier, Bier, Laphroaig, Bier. Den Scotch immer doppelt. Irgendwann kann ich nicht mehr mitzählen und sacke samt halb gerauchter Zigarette im Mund mit meinem Kopf auf den Thekentisch. Ich kann noch kurz die Akustik meines Umfeldes wahrnehmen, die größtenteils aus vielen einzelnen, aber nicht erkennbaren Unterhaltungen bestehen. Dazu kommt der Klang eines überbewerteten Eagles Tracks. Ein überbewertetes Lied einer überbewerteten Band. Der perfekte Zeitpunkt um wegzutreten. Wie lange? Was weiß ich.

Version vom 27. 08. 2016 09:00
Version vom 27. 08. 2016 19:11

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