Der geizige Baum

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Vera-Lena

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Der geizige Baum

Zur Zeit, als die Mutsche noch durch den Winkelwald floss, der sich den Vogelsberg hinaufzieht zwischen Brunningen und Babingen, stand gleich links ein paar Schritte vom Trüben Tümpel entfernt eine gut gewachsene mittelgroße Fichte. Die Tiere, die damals in diesem Teil des Waldes zu Hause waren, hätten bei der Fichte gerne Nahrung und Unterschlupf gefunden, aber die Fichte wollte davon nichts wissen.

Eines Tages huschte ein junger Mäuserich durch den Wald auf der Suche nach einer Behausung. „Das ist der richtige Ort“, piepste er vor sich hin, und sein Schnurrbärtchen zitterte vor Freude. „Wenn ich das Loch unter dieser Wurzel noch etwas größer mache und es mit Moos auspolstere, finde ich gewiss ein Mäusemädchen, das mit mir zusammen dort wohnen möchte. Brauchen wir frisches Wasser, liegt der Tümpel genau vor unserer Nase. Fuchs und Eule werden uns niemals erwischen, weil der Eingang gut versteckt ist.“ Emsig begann er, das Erdreich unter der Wurzel aufzuwühlen. „Musst du mich so kitzeln?“ Eine ärgerliche Stimme drang dem Mäuserich in seine Ohren. Was hatte das zu bedeuten? Der Mäuserich stellte sich auf seine Hinterbeine und blickte vorsichtig hin und her. „Ich rede mir dir“, rief die Fichte und ließ ein paar spitzkantige Nadeln auf das Männchen herab fallen, so dass es zur Seite springen musste. „Ach, du bist es, Fichte“, antwortete es und blickte mit seinen glitzernden Augen den rötlichen Stamm hinauf. „Was willst du denn von mir?“ „Mach, dass du fort kommst“, raunzte die Fichte, „ist der Wald nicht groß genug? Such dir woanders ein Zuhause. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand unter meinen Wurzeln herumwühlt.“ „Aber warum denn nicht“, fragte der Mäuserich zurück. So schnell ließ er sich nicht einschüchtern. „Das geht dich gar nichts an“, erwiderte die Fichte und ließ ihre Äste knacken, „und jetzt verschwinde endlich!“ „Ganz wie du willst“, sagte der Mäuserich. Von dieser seltsamen Fichte wollte er sich nicht die Laune verderben lassen. „Es gibt auch noch andere schöne Plätze“, sagte er und wuselte davon.

„Hierher, hierher“, krächzte die Elster und wippte aufgeregt auf einem Fichtenast auf und nieder. „So komm doch, so komm doch! Hier bin ich, hier bin ich!“ Neugierig kam das Elsterweibchen angeflogen und noch ehe das Männchen den Schnabel öffnen konnte, rief es schon begeistert:“ Was für eine prächtige Astgabel. Sie hat genau die rechte Größe um ein Nest zu tragen für 4 oder vielleicht sogar 5 junge Vögelchen.“ Erwartungsvoll blickte es das Männchen an. „Das war es, was ich gerade sagen wollte“, brachte das Männchen hervor. „Dies ist unser Nistplatz. Das sollen alle wissen, damit sich kein anderer Vogel hierher wagt.“ Dann begannen die beiden zu krächzen so laut sie nur konnten, dass es durch den ganzen Wald schallte. Die Fichte war so erschrocken, dass sie erst einmal Luft holen musste. Zornig schüttelte sie die Äste und versuchte, die Elstern zu übertönen, indem sie immer wieder schrie. „ Aufhören, aufhören!“ Die beiden Vögel verstummten erstaunt. „Wie kann man nur so viel Lärm machen?“ fragte die Fichte erbost. „Haltet ihr das etwa für Gesang? Wenn ihr schon in diesem Wald wohnen müsst, dann zieht doch auf die andere Seite, dorthin, wo die Felder beginnen, da stört ihr vielleicht niemanden.“ Jetzt war es für einen Augenblick ganz still. Das Elsterweibchen putzte an seinem Gefieder herum und wusste noch nicht einmal, was es jetzt denken sollte. „So“, krächzte schließlich das Männchen, „wir sind dir also nicht gut genug, eine Nachtigall wäre dir wohl lieber, aber die gibt es in diesem Wald nicht. Du verträgst keinen Lärm, und wie mir neulich der junge Mäuserich erzählt hat, bist du sogar kitzlig. Wir können uns gerne an einem anderen Ort ein Nest bauen, aber eines Tages wird es dir noch leid tun, dass du uns vertrieben hast.“ Das Letzte sagte er aber nur, weil er nicht kampflos davon fliegen wollte. Sein Weibchen blickte ihn bewundernd an. Darauf erhoben sich die beiden hoch in die Luft und zogen mit lautem Gekrächz über der Fichte ein paar Kreise, um ihrem Ärger Luft zu machen.

Jetzt ist die rechte Zeit, sich einen Wintervorrat anzulegen, dachte sich das Eichhörnchen. Es rannte am Rand der Weide entlang, hüpfte von Ast zu Ast an einer Buche hinauf und hielt plötzlich inne. Richtig, jetzt fiel es ihm wieder ein, in der Nähe des Trüben Tümpel standen ein paar Haselsträucher. Dort schmeckten die Nüsse am süßesten. Hurtig machte es sich wieder auf den Weg, sprang geschickt von Baum zu Baum und war bald an seinem Ziel. Oho, was war denn das? Mit seinen Äuglein spähte es zur Fichte hinauf. Träumte es denn? Dort hingen die prächtigsten Fichtenzapfen, die es jemals in einem Spätherbst gesehen hatte. Mit einem Satz war es dort, nahm einen Zapfen zwischen seine Vorderpfoten und knusperte und kraspelte mit seinen spitzen Zähnen daran herum, bis es an die Samenkörnchen herankam. „Hilfe, Hilfe, ein Dieb“, schrie die Fichte, „ich werde bestohlen, man raubt mir alles, was ich habe!“ Das Eichhörnchen machte erschrocken einen Satz in den benachbarten Ahornbaum. „Geht es dir nicht gut? Bist du krank?“ fragte es von dort. „Du unverschämter Kerl“, ereiferte sich die Fichte. „Willst du dich über mich lustig machen? Zuerst machst du mir meinen schönsten Zapfen kaputt und dann stellst du eine so einmalig dumme Frage. Warum gehst du nicht woanders hin?“ „Weil du der einzige Baum bist, der noch Zapfen hat“, erwiderte das Eichhörnchen. Alle anderen Tannen, Kiefern, Fichten, was immer du magst, haben ihre Zapfen längst zur Erde fallen lassen, damit wir Tiere unser Futter finden können.“ „Aber ich werde das nicht tun“, erregte sich die Fichte, „meine Zapfen gehören mir, und niemand bekommt etwas davon, verstehst du, niemand!“ Enttäuscht stieß das Eichhörnchen einen hellen Ton hervor Die Fichte hatte so viele Zapfen und einer hatte bestimmt immer noch leckerere Samenkörner als der andere. „Mach doch, was du willst“, sagte es so gleichgültig wie möglich. Es sprang zu den Haselbüschen und fand dort manche süße Nuss.

Ähnlich wie das Eichhörnchen hatten auch einige andere Tiere sich einen Wintervorrat zusammen gesammelt oder sich auf den Winterschlaf vorbereitet. Die Mäuse kuschelten sich unter der Erde aneinander, die Käfer hatten eine geschützte Stelle in einer Baumrinde gefunden und die Vögel plusterten ihr Gefieder auf, um sich warm zu halten. Es war still im Winkelwald geworden. Eines nachts türmten sich am Himmel mächtige graue Wolken auf, aus denen große weiße Flocken lautlos herab rieselten. Als die Morgensonne durch das Gewölk hervorlugte, glitzerte der ganze Wald in einem dichten weißen Kleid. Nur auf der Fichte saß keine einzige Schneeflocke. Der Schnee wärmte die Bäume, die Gräser und Büsche, aber die Fichte, die ganz nackt da stand, und immer noch ihre Fichtenzapfen fest hielt, begann zu frieren. Der Frost drang in ihre Nadeln, Zweige und Äste, ja, bis in ihren Stamm. Sie wusste sich nicht zu helfen und begann, dicke Tränen aus Harz zu weinen. Das Harz tropfte an ihrem Stamm herunter und verbreitete einen süßen Duft.

Der Dezember war noch nicht ganz vergangen, als Hirsche auf ihrem Weg zur Futterkrippe, welche die Menschen für sie aufgestellt hatten, bei der Fichte vorüber zogen. Der Leithirsch bemerkte als erster den harzigen Geruch. Auch die anderen Tiere aus dem Rudel nahmen jetzt die Witterung auf, und alle versammelten sich um die Fichte. „Was ist mit dir?“ fragte der Leithirsch. „Ich friere“, antwortete die Fichte. Jetzt bemerkten die Tiere, dass die Fichte ohne ein Schneeflöckchen dastand. „Möchtest du, dass wir uns ganz dicht um deinen Stamm herum stellen, um dich zu wärmen?“ fragte der Leithirsch. „Ja“, seufzte die Fichte hoffnungsvoll. Jetzt kam auch die Elster herbei geflogen. „Fichte, Fichte“, rief sie aus, „im Frühling und Herbst wolltest du niemanden von uns in deiner Nähe haben, aber jetzt können wir ja gar nicht genug sein.“ Mit raschen Sprüngen eilte das Eichhörnchen vorüber. Wie fast in jedem Winter hatte es auch dieses Jahr vergessen, wo es die Haselnüsse versteckt hielt. Plötzlich machte es wieder kehrt und blieb vor der Fichte stehen. „Mir knurrt der Magen , und du hast immer noch alle deine Zapfen“, sagte es vorwurfsvoll. “Nimm dir alles, was du willst“, antwortete die Fichte, „wenn du mir nur auch ein wenig Wärme gibst. Im nächsten Frühling könnt ihr alle in meinen Zweigen und unter meinen Wurzeln wohnen. Ich glaube, weil ich euch vertrieben habe, sind nun auch die Schneeflocken nicht zu mir gekommen.“ „Da kannst du recht haben“, brachte das Eichhörnchen noch heraus bevor es zu knuspern und zu kraspeln begann, so dass auch andere Eichhörnchen durch dieses angenehme Geräusch herbeigelockt wurden. Viele Vögel ließen sich ebenfalls in den Zweigen nieder, um die Samen aus den Zapfen heraus zu picken.

Durch all diese ungewohnten Geräusche erwachte der junge Mäuserich, der nicht weit von der Fichte entfernt unter einer Buche eine Behausung gefunden hatte. Ich will doch einmal nachsehen, was das da draußen zu bedeuten hat, dachte er sich und streckte das Köpfchen blinzelnd aus dem Mauseloch heraus. Wutsch, sauste er wieder ins Innere zurück. „Wach auf, wach auf!“ rief er und rüttelte sein Weibchen wach . „Komm schnell mit mir vor unseren Bau. Dort ist etwas, so ein etwas, wie du es in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen hast.“ Neugierig folgte ihm das Weibchen. Draußen verharrten beide regungslos. „Wie wunderschön“, flüsterte das Weibchen, „was ist das für ein Licht?“ „Ich weiß es auch nicht“, antwortete der Mäuserich. „Die Sonne ist doch schon vor einiger Zeit hinter den Bäumen untergegangen. Was kann das nur für ein Licht sein?“ Jetzt hatte die Elster die Mäuse entdeckt. „He, ihr beiden“, rief sie ihnen aus den Fichtenzweigen entgegen, „was steht ihr dort wie angewachsen?“ „Oh“, raunte das Mausweibchen, “wenn ihr wüsstet, wie ihr alle miteinander ausseht, die Fichte und alle Tiere, die bei ihr sind, ihr alle zusammen seid in ein Licht eingetaucht wie von vielen Sonnen.“ „Das will ich auch sehen“, beschloss die Elster und flog zu den beiden Mäusen hin. „Wahrhaftig“, sagte sie. Danach kamen sie abwechselnd einer nach dem anderen und betrachteten die Fichte und die Tiere in diesem wundersamen Licht bis jedes Tier es einmal angeschaut hatte. Was sie da gesehen hatten, vergaßen sie nie mehr.

Die Fichte hielt ihr Versprechen und ließ im nächsten Frühling jedes Tier bei sich wohnen. Auch überließ sie gerne ihre Zapfen allen hungrigen Tieren. Als der nächste Winter kam, erinnerten sich die Tiere wieder an das seltsame Licht, das um die Fichte gestrahlt hatte. Das Elsterweibchen flog zu der Fichte, zupfte sich eine zarte Flaumfeder aus ihrem Gefieder und steckte sie in einen Zweig. „Hier hast du ein Andenken, Fichte“, sagte es, „ ein Andenken an den Tag, an dem du so leuchtend gestrahlt hast.“ Viele Vögel machten es ihr nach. Mancher gab sogar eine seiner schönsten Federn her bis die Fichte von den untersten Zweigen bis zur Baumspitze über und über mit bunten Farben und sogar metallenem Glanz geschmückt dastand. Die Tiere erfreuten sich an dem Anblick, und , wann immer sie dort vorbei kamen, auch die Menschen.
 



 
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