Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5492
Themen:   93592
Momentan online:
221 Gäste und 7 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kindergeschichten
Der geteilte Muttertag
Eingestellt am 04. 05. 2016 19:37


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Rene Bote
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2016

Werke: 2
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rene Bote eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Muttertagswochenende begann in diesem Jahr sonnig und warm, und die Wetterfr├Âsche behaupteten, dass das Hoch auch noch eine Weile halten sollte. Nachdem die erste Maiwoche noch verregnet gewesen war, genossen die Leute das sch├Âne Fr├╝hlingswetter, und die Eiscaf├ęs hatten gro├čen Zulauf.
Auch Finja g├Ânnte sich auf dem Weg in die Stadt ein Eis, allerdings nur ein kleines, denn das Geld, das sie in der Tasche hatte, hatte sie anders verplant. Sie war unterwegs zu Blumen Tigge, dem gro├čen Blumenladen in der Innenstadt, der eine gro├če Auswahl und gleichzeitig auch bezahlbare Preise hatte. Dort wollte sie f├╝r ihre Mutter ein Geschenk zum Muttertag kaufen, und sie wusste auch schon genau, was. Sie war vor ein paar Tagen schon mal da gewesen, um sich umzusehen, aber das war noch zu fr├╝h gewesen, um einen Blumenstrau├č zu kaufen. Blumen brauchten nun mal Licht und Wasser, Finja h├Ątte ihr Geschenk also nicht einfach im Schrank verstecken k├Ânnen. Au├čerdem w├╝rde ihre Mutter umso l├Ąnger Freude an ihrem Geschenk haben, je frischer es noch war, wenn sie es bekam.
Es war schon viertel nach elf, als Finja den Laden erreichte und ihr Rad an eine Laterne kettete. Sie hatte noch Eink├Ąufe f├╝r ihre Mutter machen m├╝ssen, sonst w├Ąre sie fr├╝her losgefahren. Dass die Blumenl├Ąden an diesem Tag das beste Gesch├Ąft des ganzen Jahres machten, war schlie├člich bekannt, und Finja schwante schon ├ťbles, als sie das Gedr├Ąnge rund um die Auslagen auf dem B├╝rgersteig vor dem Schaufenster sah.
Sie hatte ein Blumengebinde ausgesucht, bei dem bunte Fr├╝hlingsblumen ein h├Âlzernes Herz umrahmten. In das Herz waren die Worte Alles Liebe zum Muttertag eingebrannt, und am Rand entlang ein feines Muster. Das sah h├╝bsch aus, und mit vierzehn Euro kostete es auch nicht die Welt. Finja musste die Blumen ja von ihrem Taschengeld bezahlen, allzu teuer durften sie also nicht sein.
Die meisten Regale und die gro├čen Plastikvasen auf dem Boden waren gut gef├╝llt. Der Blumenh├Ąndler wusste ja auch, dass er mit vielen Kunden rechnen durfte, und hatte sich daf├╝r gewappnet. Einige Regale waren aber doch schon ziemlich gepl├╝ndert, und das Personal war entweder wegen der vielen Kunden nicht zum Nachlegen gekommen, oder es hatte nichts mehr zum Nachlegen.
Finja schob sich zwischen den Leuten durch bis zur T├╝r und wandte sich dann nach rechts. Dort an der Seite hatte sie die Str├Ąu├če mit dem Herzen gesehen, ein ganzes Regal voll. Sie erinnerte sich, dass es mehrere verschiedene Varianten gab, mit anderen Blumen und unterschiedlich geformten Holztafeln darin, aber sie hatte sich schnell f├╝r eine entschieden.
Doch sie war nicht die einzige, der genau diese Str├Ąu├če am besten gefielen, und als sie sich endlich durchgedr├Ąngt hatte durch die Kunden, die die G├Ąnge verstopften wie den Bus nach Schulschluss, sah sie, dass nur noch einer dieser Str├Ąu├če da war. Selbst der drohte ihr noch vor der Nase weggeschnappt zu werden, denn der Junge, der das Regal von der anderen Seite ansteuerte, hatte ihn offensichtlich auch auf dem Wunschzettel. Es war kein Unbekannter, der Finja da zuvorkommen wollte: Lian ging mit ihr in eine Klasse. Er war schmal, trug eine Brille mit einem dicken, dunkelblauen Gestell und belagerte in den Pausen meistens mit einigen anderen eine der steinernen Tischtennisplatten auf dem Schulhof.
Er hatte Finja bemerkt und auch begriffen, dass sie auf den gleichen Strau├č aus war wie er selbst. Er machte einen schnellen Schritt nach vorn, um ihr zuvorzukommen, aber das wollte Finja auf keinen Fall zulassen. Sie sprang ebenfalls vor und k├╝mmerte sich nicht um das emp├Ârte Keuchen der Frau, die sie dabei anrempelte. Keine Zeit f├╝r H├Âflichkeiten, denn Lian streckte schon die Hand nach dem Strau├č aus. Auch Finja packte zu und rammte gleichzeitig mit der Schulter Lian zur Seite weg. Der Rempler war nur halb beabsichtigt, Lian stand nun mal so, dass sie anders nicht schnell an den Strau├č kam.
Der Leidtragende dieser Aktion war der Blumenstrau├č. Lian kam ins Straucheln und musste rasch einen Schritt zur Seite machen, um nicht hinzufallen, lie├č aber nicht los. Auch Finja hielt die Hand fest um die Blumen gekrallt, und so kam es, wie es kommen musste: Der Strau├č ging mitten entzwei.
Finja behielt nur ein paar zerzauste und abgeknickte Blumen in der Hand zur├╝ck, das Holzherz, von beiden Seiten des Haltes beraubt, klapperte auf den Boden. Eine Ecke splitterte ab und schlitterte unters Regal. Da war unter Garantie nichts mehr zu retten, die Blumen und das Herz waren hin.
F├╝r einen Moment war Finja wie erstarrt, dann kochte die Wut ├╝ber. ÔÇ×Was soll das?ÔÇť fauchte sie Lian an. ÔÇ×Warum rei├čt du mir die Blumen aus der Hand? Jetzt hast du alles kaputtgemacht!ÔÇť ÔÇ×Ich?ÔÇť rief Lian emp├Ârt. ÔÇ×Ich hatte sie zuerst! Du wolltest sie mir wegnehmen!ÔÇť ÔÇ×Stimmt doch gar nicht!ÔÇť ÔÇ×Doch, so warÔÇÖs!ÔÇť ÔÇ×Ich hab sie mir Mittwoch schon ausgesucht!ÔÇť ÔÇ×Und? Stand aber kein Schild dran, dass sie f├╝r sich reserviert sind!ÔÇť
So h├Ątte es ewig weitergehen k├Ânnen, falls die Sache nicht vorher in eine handfeste Keilerei ausgeartet w├Ąre. Bevor die beiden Streith├Ąhne noch auf die Idee kommen konnten, bis jetzt noch unbeteiligte Blumenstr├Ąu├če einzusetzen, um sich gegenseitig zu vertrimmen, ging jedoch eine Verk├Ąuferin dazwischen. Die war wohl auch ohne Streitereien im Laden genug gestresst und machte kurzen Prozess. Sie schob Finja und Lian auseinander und entschied, dass jeder von ihnen die H├Ąlfte des Schadens bezahlen musste. Nat├╝rlich protestierte Finja, denn wenn Lian nicht versucht h├Ątte, ihr den Strau├č wegzuschnappen, dann w├Ąre das alles nicht passiert. Doch die Verk├Ąuferin wollte nichts davon h├Âren. ÔÇ×Jeder sieben Euro!ÔÇť wiederholte sie. ÔÇ×Keine Diskussion!ÔÇť
Und dabei blieb sie. Ob sie wollten oder nicht, Finja und Lian mussten je sieben Euro f├╝r den kaputten Blumenstrau├č bezahlen. Au├čerdem mussten sie die Bruchst├╝cke des Holzherzens einsammeln, und die Blumen, die w├Ąhrend des Streits auf den Boden gefallen und zum Teil zertreten worden waren.
Nachdem sie alles, was von dem einst h├╝bschen Blumenstrau├č ├╝brig geblieben war, dem M├╝lleimer ├╝berantwortet hatten, wurden sie des Ladens verwiesen. Die Verk├Ąuferin begleitete sie bis zur T├╝r, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich gingen, und blieb stehen, bis sie auch aus dem Gedr├Ąnge zwischen den Auslagen drau├čen heraus waren.
Ohne Lian noch eines Blickes zu w├╝rdigen, stampfte Finja zu ihrem Fahrrad. Nichts wie weg hier! Sie sp├╝rte die Blicke der Leute im R├╝cken, bestimmt tuschelten sie und w├╝rden zu Hause allen erz├Ąhlen, was im Laden passiert war.
Die Lust zum Einkaufen war ihr vergangen. Selbst wenn sie nicht rausgeworfen worden w├Ąre, h├Ątte sie nicht nach etwas anderem Ausschau gehalten. Sie w├Ąre doch von allen angestarrt worden, und genug Geld f├╝r etwas H├╝bsches hatte sie jetzt auch nicht mehr. F├╝r die neun Euro und zwanzig Cent, die sie jetzt noch in der Tasche hatte, h├Ątte sie sich nur ein kleines Str├Ąu├čchen zusammenstellen lassen k├Ânnen, ein paar von den preiswerten Blumen mit etwas Gr├╝n und farbigem Papier drum. Falls sie ├╝berhaupt noch mal reingelassen worden w├Ąre, h├Ątte die Verk├Ąuferin sich f├╝r sie auch bestimmt keine M├╝he mehr gegeben.
Finja kettete ihr Fahrrad los, sa├č auf und radelte davon. W├╝tend trat sie in die Pedale, um m├Âglichst schnell Abstand zu gewinnen. Nur weg vom Ort ihrer Schmach!
Doch schon an der n├Ąchste Ecke, gerade eben au├čer Sichtweite des Blumenladens, zog sie die Bremsgriffe. Wohin wollte sie ├╝berhaupt? Nach Hause? Und dann morgen ohne etwas in der Hand dastehen? War es nicht besser, zu schauen, ob sie f├╝r das, was sie noch an Geld hatte, nicht doch noch etwas fand, das ihrer Mutter gefallen w├╝rde? Aber was?
Sie stellte das Rad ab, lehnte sich mit der Kehrseite ans obere Rahmenrohr und dachte nach. Was bekam man f├╝r neun Euro und zwanzig Cent? In der Buchhandlung gab es Taschenb├╝cher bestimmt schon f├╝r sechs oder sieben Euro, oder irgendwelche Sonderausgaben, aber ihre Mutter las selten, und wenn, dann Ebooks. Die konnte man schwerlich in buntes Geschenkpapier einwickeln lassen und nach Hause tragen. Ein Gutschein? Aber daf├╝r w├╝rde sie sich vermutlich selbst bei einem Onlineshop anmelden m├╝ssen, das w├╝rde mit ihrem Taschengeldkonto nicht funktionieren. Also kein Buch, in welcher Form auch immer.
Finja lie├č den Blick weiterschweifen. Von ihrem Standort aus konnte sie einen Teil der Fu├čg├Ąngerzone ├╝berblicken, vielleicht klingelte ja bei irgendeinem Gesch├Ąft was. Die Parf├╝merie? Die warb mit einem gro├čen Aufsteller f├╝r Sonderangebote zum Muttertag, aber sehr weit kam man da mit etwas mehr als neun Euro wohl trotzdem nicht. Au├čerdem hatte Finja sich nie darum gek├╝mmert, welche Parfums ihre Mutter benutzte, die Chance, das falsche zu erwischen, lag bei nahezu hundert Prozent.
Den Musikgeschmack ihrer Mutter kannte Finja dagegen, deshalb w├Ąre eine CD schon eine gute Idee gewesen, aber auch das scheiterte an ihrem engen Budget. Der Elektronikmarkt hatte eine riesige Auswahl an CDs f├╝r neun Euro oder weniger, das wusste Finja, aber das, was ihrer Mutter gefallen w├╝rde, war vermutlich doch teurer. Trotzdem, ein Versuch konnte nicht schaden, vielleicht war ja gerade was im Angebot.
Als sie an den Schaufenstern des Kaufhauses an der Ecke vorbeikam, zuckte ihr jedoch eine andere Idee durch den Kopf. Sie blieb stehen, so pl├Âtzlich, dass der Hund, der gerade ihre Wade beschn├╝ffeln wollte, sich den Kopf stie├č. Das Kaufhaus war voll und ganz auf Fr├╝hling eingestellt und pr├Ąsentierte nicht nur die passende Mode, sondern hinter einem Fenster auch Klappst├╝hle und Picknickkoffer. Warum nicht ihre Mutter zu einem Picknick einladen? Sie k├Ânnte einen Kuchen backen, und dann fuhr man am Nachmittag irgendwo ins Gr├╝ne, das w├Ąre doch was! Da w├╝rde ihre Mutter sich bestimmt dr├╝ber freuen.
Entschlossen machte sie kehrt, sprang am Rand der Fu├čg├Ąngerzone in den Sattel und sauste die Stra├če entlang. Bei Blumen Tigge war immer noch die H├Âlle los, aber das interessierte sie jetzt nicht mehr. Sie lie├č den Laden links liegen, bog an der n├Ąchsten Kreuzung ab und hielt dabei Ausschau nach Lian. Ein bisschen schuldig f├╝hlte sie sich n├Ąmlich doch, sie hatte sich den Blumenstrau├č ja tats├Ąchlich nicht zur├╝cklegen lassen, und die sieben Euro, die er hatte zahlen m├╝ssen, hatten bestimmt auch in sein Budget ein gewaltiges Loch gerissen. Vielleicht stand er jetzt vor dem gleichen Problem wie sie und hatte nicht mehr genug Geld ├╝brig, um seiner Mutter etwas zum Muttertag zu kaufen, das ihr auch gefiel. Deshalb wollte sie ihn zumindest an ihrer Idee teilhaben lassen, und wenn er nicht backen konnte, dann w├╝rde sie ihm anbieten, ihm zu helfen.
Ihn zu finden war nicht schwer, denn zu Fu├č konnte er so viel Abstand nicht gewonnen haben. In welche Richtung er vom Blumenladen aus gelaufen war, hatte sie gerade noch mitgekriegt, und den Rest konnte sie sich denken. Entweder hatte er aufgeben und wollte den n├Ąchsten Bus nach Hause nehmen, dann w├╝rde sie ihn sp├Ątestens an der Haltestelle einholen, oder er wollte doch noch mal gucken, ob er etwas fand, dann gab es nicht allzu viel Auswahl. In diese Richtung lagen nur eine Konditorei, die heute nat├╝rlich zahlreiche Torten mit muttertagsgerechter Beschriftung im Schaufenster hatte, und der kleine Laden einer ├Ąltlichen, etwas verschrobenen Frau, die ein buntes Sammelsurium an Zierrat verkaufte. Beide lagen am Weg, und Finja gen├╝gte ein Blick durch die Schaufenster, um zu sehen, dass Lian dort nicht war.
Schlie├člich holte sie ihn kurz vor der Bushaltestelle ein. Als sie ihn entdeckte, begann er zu rennen, um den Bus noch zu kriegen, der eigentlich schon h├Ątte weg sein m├╝ssen, aber einige Minuten Versp├Ątung hatte. Ihr blieb nichts anderes ├╝brig, als zu fahren, so schnell sie konnte, ihn zu ├╝berholen und ihm den Weg zu versperren.
Nat├╝rlich wollte er an ihr vorbei, aber sie erwischte ihn am Arm und hielt ihn fest. Fast w├Ąre sie dabei hingefallen, denn mit dem Fahrrad zwischen den Beinen hatte sie keinen allzu sicheren Stand. Lian machte eine Bewegung, um ihre Hand abzusch├╝tteln, blieb aber stehen, wohl auch, weil der Bus gerade anfuhr. ÔÇ×Danke!ÔÇť fauchte er. ÔÇ×Wie oft willst du mir heute eigentlich noch auf den Sack gehen?ÔÇť ÔÇ×Tschuldige.ÔÇť keuchte Finja, noch au├čer Atem von ihrem Sprint mit dem Rad. ÔÇ×Aber den h├Ąttest du eh nicht mehr gekriegt. Au├čerdem muss ich mit dir reden.ÔÇť
Lian schien keine gro├če Lust zu haben, sich anzuh├Âren, was sie zu sagen hatte, und wenn Finja ehrlich war, dann konnte sie ihm das nicht verdenken. Aber er blieb stehen und wartete, bis ihr Atem sich weit genug beruhigt hatte, dass sie ihm ihre Idee vortragen konnte. Wohin h├Ątte er auch gehen sollen? Den Bus hatte er ja gerade verpasst, und der n├Ąchste w├╝rde erst in einer guten Viertelstunde kommen. Ob er jetzt gelangweilt am Haltestellenschild lehnte, ziellos durch die Stra├čen schlenderte oder Finja zuh├Ârte, kam also aufs gleiche raus.
ÔÇ×Sag mal, glaubst du, deine Mama und meine k├Ânnen sich gut leiden?ÔÇť fragte Finja. Vielleicht war die Idee bescheuert, aber wenn Lian ihren Vorschlag mit dem Picknick ├╝bernehmen wollte, und wenn sie ihm vielleicht sogar beim Backen half, konnte man sich dann nicht auch gleich zum Picknick treffen?
Lian verstand erst mal gar nichts. Er starrte Finja an, als ├╝berlegte er, wie jemand so verantwortungslos sein konnte, sie frei rumlaufen zu lassen. V├Âllig durchgeknallt! sagte sein Blick. Wie sollte er auch verstehen, warum Finja das wissen wollte?
ÔÇ×Naja, ich hab mir ├╝berlegt, dass ich vielleicht ein Picknick f├╝r meine Mama machen k├Ânnte.ÔÇť erkl├Ąrte Finja z├Âgernd. Lians abweisende Haltung machte es ihr nicht leichter, sie f├╝hlte sich unsicher und hatte Angst, dass er sie am Ende einfach auslachen w├╝rde. ÔÇ×Um was zu kaufen, hab ich jetzt nicht mehr genug Geld. Ich w├╝rde einen Kuchen backen, und dann halt eine Decke einpacken und was zu trinken und so, du wei├čt schon...ÔÇť Lian nickte. ÔÇ×Und? Warum erz├Ąhlst du mir das?ÔÇť Es klang immer noch wenig interessiert, aber schon nicht mehr ganz so abweisend wie eben. ÔÇ×Ich dachte...ÔÇť Finja z├Âgerte. ÔÇ×Ich dachte, vielleicht k├Ânntest du auch so was machen. Oder hast du noch genug Geld ├╝ber? Und wenn du auch ein Picknick machen willst, dann k├Ânnten wir es doch vielleicht zusammen machen.ÔÇť
Damit erwischte sie Lian eindeutig auf dem falschen Fu├č. Sie sah, wie er ├╝berlegte, wie er erst mal verkraften musste, dass sie nach dem Zoff im Blumenladen hinter ihm hergefahren war, um ihre Idee, wie sie den Muttertag retten konnte, mit ihm zu teilen.
Schlie├člich zuckte er mit den Schultern. ÔÇ×Von mir aus. Ich h├Ątte noch zehn Euro, da krieg ich eh nichts Passendes f├╝r.ÔÇť Finja atmete auf. Die erste H├╝rde war genommen. ÔÇ×Meinst du denn, das klappt mit unseren M├╝ttern?ÔÇť ÔÇ×Glaub schon.ÔÇť meinte Lian nach kurzem Nachdenken. ÔÇ×Bei der Weihnachtsfeier haben sie jedenfalls ganz sch├Ân lange zusammengesessen.ÔÇť
Damit war es beschlossene Sache, und Finja ├╝berlegte zusammen mit Lian, wie sie das gemeinsame Picknick angehen sollten. Ganz ohne Hilfe w├╝rde es nicht gehen, aber beide waren zuversichtlich, dass ihre V├Ąter sie unterst├╝tzen w├╝rden. Es ging haupts├Ąchlich darum, die M├╝tter zum Ort des Picknicks zu locken, ohne dass sie ahnten, was sie erwartete, das konnten die V├Ąter sicherlich besser bewerkstelligen.
Sie verabredeten, sich am Nachmittag bei Finja zu treffen, um alles vorzubereiten. Bei ihr w├╝rden sie ungest├Ârt sein, denn Finjas Eltern waren bei Freunden zum Kaffee eingeladen und w├╝rden erst am Abend zur├╝ckkommen. Au├čerdem konnten sie auf die Backb├╝cher von Finjas Mutter zur├╝ckgreifen, und nat├╝rlich auf die K├╝chenausstattung selbst. Die K├╝che bei Lian zu Hause war da nicht so gut best├╝ckt, denn Lians Eltern buken zwar Brot im Brotbackautomaten, sonst aber so gut wie gar nicht.
Bis Lian kam, hatte Finja genug Zeit, schon mal nach einem passenden Rezept zu st├Âbern. Ihre Mutter war hinreichend besch├Ąftigt, und die K├╝che war ja auch keine verbotene Zone, deshalb fiel es Finja nicht schwer, unbemerkt zwei Backb├╝cher mit in ihr Zimmer zu nehmen.
Die Rezepte, die in Frage kamen, mussten drei Bedingungen erf├╝llen: Es durfte nichts drin sein, was Finja, Lian oder einer der Eltern nicht mochte, es musste einigerma├čen einfach sein, weil Finja so gut auch nicht backen konnte, und der Kuchen musste sich auf dem Fahrrad transportieren lassen. Finja und Lian hatten geplant, dass ihre V├Ąter die M├╝tter mit dem Auto mitnehmen w├╝rden, aber sie selbst waren auf ihre R├Ąder angewiesen. Sie hatten sich als Ziel die Burgruine au├čerhalb der Stadt ausgeguckt, wo man sehr sch├Ân am Fu├č des zur H├Ąlfte abgetragenen Turms sitzen konnte, und da fuhr leider kein Bus hin.
Lian, der die heimische K├╝che nur von innen sah, wenn er sich was zu trinken aus dem K├╝hlschrank holte, war dankbar, dass Finja ein wenig die F├╝hrung ├╝bernahm. Als er kam, hatte Finja drei Rezepte ausgew├Ąhlt, die ihrer Meinung nach in Frage kamen, und am Ende einigten sie sich auf einen Obstkuchen mit Beeren und Quark. Daf├╝r w├╝rden sie nur den Boden backen m├╝ssen, der Rest musste nur zusammenger├╝hrt und mit Gelatine versteift werden.
Die meisten Zutaten hatte Finja noch im Haus, nur f├╝r die Beeren und den Quark mussten sie kurz in den Supermarkt. Die Beeren waren leider nicht frisch, sondern aus der Tiefk├╝hlabteilung, aber zum Selbstpfl├╝cken war es leider noch etwas zu fr├╝h im Jahr.
Mit der Gelatine taten sie sich etwas schwer, das hatte Finja bislang nur einmal ausprobiert, aber mit der Anleitung auf der Packung klappte es doch einigerma├čen gut. W├Ąhrend der Boden im Ofen buk, bereiteten Finja und Lian die Fruchtmasse zu, und nach einer knappen Stunde stand der Kuchen im K├╝hlschrank, damit die F├╝llung fest wurde. Das w├╝rde eine Weile dauern, ungef├Ąhr zwei bis drei Stunden, wenn man dem Rezept glauben durfte, und danach musste noch die Quarkmasse aufgestrichen werden.
Eigentlich war bis dahin Lians Anwesenheit nicht n├Âtig, zu tun gab es ja so lange nichts mehr, aber irgendwie hatte Finja auch keine Lust, ihn nach Hause zu schicken. Stattdessen schlug sie vor, in der Zeit zur Burgruine zu radeln und sich schon mal den besten Platz f├╝r das Picknick zu suchen. Au├čerdem w├╝rden sie dann wissen, wie lange sie mit den R├Ądern f├╝r die Strecke brauchten, und konnten sich ausrechnen, wann sie am n├Ąchsten Tag w├╝rden losfahren m├╝ssen.

***

Am Sonntagmorgen deckte Finja den Fr├╝hst├╝ckstisch, wie sie es jedes Jahr am Muttertag und auch am Geburtstag ihrer Mutter zu tun pflegte, tat aber ansonsten so, als ob es ein ganz normaler Sonntag w├Ąre. Das fiel ihr nicht leicht, einerseits, weil sie aufgeregt war beim Gedanken an den Nachmittag, und zum anderen, weil sie Verwunderung und vielleicht sogar ein kleines bisschen Entt├Ąuschung bei ihrer Mutter sp├╝rte. Ihre Mutter sah ein Geschenk zum Muttertag zwar nicht als etwas an, das ihr zustand, aber sie hatte doch schon lange jedes Jahr etwas bekommen. Schon im Kindergarten hatte Finja ihr ein Bild gemalt, sp├Ąter in den ersten beiden Jahren in der Grundschule dann etwas gebastelt, und zuletzt hatte sie neben viel Liebe eben auch etwas von ihrem Taschengeld in ihre Gaben zum Muttertag gesteckt.
Finja war froh, als sie dieser merkw├╝rdigen Atmosph├Ąre am Mittag entfliehen konnte. Offiziell war sie mit einer Freundin verabredet, der einzigen, die sie auch sonntags besuchen durfte, weil ihre Eltern genau wussten, dass die Eltern der Freundin da wirklich nichts gegen hatten. In Wahrheit holte sie den Kuchen bei einer Nachbarin ab, die ihn f├╝r sie aufbewahrt hatte, damit Finjas Mutter ihn nicht fand, und machte sich auf den Weg zum Treffpunkt, den sie mit Lian verabredet hatte. Die Springform mit dem Kuchen steckte in einem Karton, der lie├č sich besser auf dem Gep├Ącktr├Ąger befestigen als die Form allein und sch├╝tzte den Kuchen vor Verschmutzung. Das h├Ątte gerade noch gefehlt, dass ein Vogel auf den Kuchen kackte! Au├čerdem verhinderte Finja so, dass ihre Mutter den Kuchen vorzeitig zu sehen kam, falls sie ihr durchs Fenster nachschaute. Wenn ihre Mutter sich ├╝ber den Karton wunderte, dann w├╝rde ihr Vater nur mit den Schultern zucken, und Finja selbst war au├čer Reichweite, sobald sie einmal auf dem Rad sa├č und losstrampelte. In einem Rucksack hatte sie Teller, Becher und Kuchengabeln dabei, Lian w├╝rde die Getr├Ąnke und eine gro├če Wolldecke mitbringen.
Sie traf Lian kurz vor dem Stadtrand. Der Treffpunkt war so gew├Ąhlt, dass sie den gr├Â├čeren Teil des Wegs zusammen radeln konnten, ohne dass deswegen einer von beiden einen nennenswerten Umweg h├Ątte machen m├╝ssen.
ÔÇ×Hat alles geklappt?ÔÇť erkundigte Lian sich, w├Ąhrend sie nebeneinander die wenig befahrene Stra├če entlangradelten. Finja nickte. ÔÇ×Und bei dir?ÔÇť ÔÇ×Auch. Hat deine Mutter was gemerkt?ÔÇť Finja sch├╝ttelte den Kopf. Sie glaubte nicht, dass ihre Mutter etwas gewittert hatte. Bis jetzt klappte alles wie am Schn├╝rchen, auch das Wetter spielte mit, sie konnten echt zufrieden sein.
Bis zur Burg war es ein ganzes St├╝ck zu radeln, und auf den letzten paarhundert Metern schoben Finja und Lian die R├Ąder lieber. Da ging es einerseits ziemlich steil bergauf, weil die Burgruine oben auf einem H├╝gel stand, und andererseits war der Weg auch voller Unebenheiten und Schlagl├Âcher. Finja bef├╝rchtete, dass der Kuchen nur noch Matsche sein w├╝rde, wenn sie da durchrumpelte.
Sie hatten die Zeit aber gut bemessen und waren fr├╝h genug dran, um noch alles vorzubereiten, ehe die Eltern kamen. Sie hatten mit ihren V├Ątern verabredet, dass die erst mal einen Spaziergang mit den M├╝ttern machen w├╝rden, ehe sie sie zur Burgruine lotsten. Sonst w├╝ssten die M├╝tter wahrscheinlich sofort, dass an der Burg eine ├ťberraschung auf sie wartete, und dann w├Ąre es irgendwie gar keine ├ťberraschung mehr gewesen.
Finja stellte den Karton mit dem Kuchen in den Schatten, damit die Sonne die Beerenf├╝llung und den Quark nicht zerlaufen lie├č. Sie hatte auch daran gedacht, noch zwei K├╝hlakkus vorzubereiten, der Kuchen w├╝rde die halbe Stunde, die es wohl noch dauern w├╝rde, bis die Eltern kamen, gut ├╝berstehen. Auch die Limonade, die Lian mitgebracht hatte, fand noch Platz im Karton und w├╝rde sich nicht unn├Âtig aufheizen.
An einer Stelle, die einigerma├čen eben und mit weichem Gras bewachsen war, breiteten Finja und Lian die Decke aus und deckten den nicht vorhandenen Tisch. Die Stelle war gut gew├Ąhlt, man hatte einen sch├Ânen Blick ins Tal, war aber weit genug weg von anderen Ausfl├╝glern, die ebenfalls picknicken wollten und teils sogar Grills mitgebracht hatten.

***

Die ├ťberraschung war gelungen. Finjas Mutter fiel genauso aus allen Wolken wie Lians, als sie Finja und Lian sah. Die beiden Elternpaare waren sich schon unterwegs begegnet, aber das hatten die M├╝tter f├╝r reinen Zufall gehalten. Geplant gewesen war die vorzeitige Begegnung ja tats├Ąchlich nicht, aber nat├╝rlich hatte man damit rechnen m├╝ssen. Weil man sich kannte und sch├Ątzte, und weil man offensichtlich das gleiche Ziel hatte, war man eben zusammen weitergegangen, und die beiden V├Ąter hatten sich wahrscheinlich nur mit viel M├╝he ein breites Grinsen verkneifen k├Ânnen.
Finja und Lian hatten die Eltern umgekehrt schon fr├╝her gesehen und Zeit genug gehabt, den Kuchen auszupacken. Jetzt stand er da in seiner ganzen Pracht, am Vorabend von Finja und Lian noch mit einem aus Beeren gelegten Herz verziert, und wartete darauf, verspeist zu werden.
Finja verteilte den Kuchen, nachdem Lian ihn angeschnitten hatte, nahm den ersten Bissen und fand, dass der Kuchen richtig gut geworden war. Dass es auch den Eltern schmeckte, und dass es ihnen gefiel, auf der Wiese vor der Burgruine zu sitzen, Kuchen zu essen und sich die Fr├╝hlingsluft um die Nase wehen zu lassen, war nicht zu ├╝bersehen, da brauchte es gar nicht die lobenden Worte, mit denen die Kinder bedacht wurden. Finja wechselte einen Blick mit Lian, der l├Ąchelte und ihr leicht zunickte. Ja, zusammen hatten sie die sch├Ânste Muttertags├╝berraschung hinbekommen, die sie ihren M├╝ttern jemals gemacht hatten.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


4 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kindergeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Werbung