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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der glücklichste Mensch
Eingestellt am 09. 10. 2006 20:08


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murad
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2006

Werke: 3
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Ich kannte mal einen Mann, der nach außen hin der glücklichste Mensch zu sein schien. Er hatte alles was sich ein Normalsterblicher heutzutage vom Leben wünschen bzw. erwarten konnte. Er war mit einer wunderschönen Frau verheiratet, hatte zwei reizende Kinder und war der Manager eines erfolgreichen Beratungsunternehmens.

Seine Arbeitskollegen, Freunde, Familienangehörige, bis zu dem Obdachlosenzeitungsverkäufer an der U-Bahn Haltestelle – Sie alle hatten die größte Achtung vor ihm. Sie alle sahen in ihm den Prototyp des glücklichen Menschen des 21. Jahrhunderts. Ich meine, keiner konnte sich einen glücklicheren, zufriedeneren Menschen vorstellen als ihn. Jedoch täuschten sich alle...

Keiner sah, spürte seine seelischen Qualen. Qualen, die seine Seele Stück für Stück zerfleischten. Qualen, denen er hoffnungslos ausgeliefert war. Manchmal, wenn es Nacht wurde und alle schliefen, ging er in seine Bibliothek. Dort setzte er sich dann auf seinen Ledersessel, schenkte sich zweifingerbreit schottischen Whisky ein und las zum tausendsten Mal den Roman „Der Idiot“.

Eigentlich las er nicht. Er kannte jedes Wort bereits auswendig. Vielmehr waren seine Blicke zwischen die Zeilen gerichtet. Er erhoffte sich die Antworten auf seine quälenden Fragen zwischen den Zeilen zu finden.

Nach einer Weile öffnete der Whisky behutsam die Tür zu seiner Seele. Er begann schließlich innerlich zu weinen. Das innerliche Weinen wurde schnell sichtbar.

Eines Nachts kam seine wunderschöne Frau völlig unerwartet in die Bibliothek und sah ihn weinen. Sie sah ihn, wie er über das Buch gebückt war, seine Hand vor den Mund hielt und tief schluchzte. Eigentlich wollte sie ihn mit einem Witz erschrecken und ins Bett holen. Als sie aber diesen „so großen“ Mann weinen sah, blieb sie wie erfroren an der Tür stehen und traute sich kein Laut von sich zu geben. Sie stand nur da und war einfach fassungslos. Tausende von Gedanken sausten durch ihren kleinen Kopf. Doch alle mündeten im Niemandsland ihres Gehirns. Sie waren doch seit Jahren glücklich verheiratet. Sie hatten doch das Perfekte Leben. Was war sein Problem?

Nach einer Weile ging sie mit gesenktem Kopf unbemerkt wieder ins Bett. Von diesem Tag an, hatte ihr perfektes Leben einen kleinen, winzigen dunklen Fleck. Von diesem Tag an, war ihr Leben nicht mehr so perfekt. Von diesem Tag an führten sie eine „normale“ Ehe. So weit ich weiß, sind sie immer noch glücklich verheiratet. Das letzte was er mir noch gesagt hat war:

„Ich freue mich über jeden kleinen Disput mit meiner Frau, Familie, meinen Freunden und über jede Hürde im Leben - wie ein kleines Kind. Es ist so schön nicht perfekt zu sein“

Er ist noch glücklicher und zufriedener als vorher, als sein Leben noch perfekt zu sein schien bzw. als alle dachte das wäre es.

Es lebe der menschliche Makel...

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