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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der goldene Topf.
Eingestellt am 17. 06. 2002 15:57


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pleistoneun
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Es war einmal ein alter Mann, der sein ganzen Leben lang den Regenbogen suchte. Aber jedesmal, wenn er glaubte, einen pr├Ąchtigen Regenbogen zu sehen, kam er nicht rechtzeitig dorthin. Der vielen Jahre endloser Suche m├╝de wollte der Alte nicht mehr so recht an diesen sagenumwobenen Regenbogen glauben, als er eines Tages einen kleinen Jungen traf, der einen Topf voller Gold bei sich hatte. "Was tr├Ągst du den Topf mit Gold mit dir herum?", fragte der Alte. "Damit ich den Himmel und die B├Ąume und mein Gesicht in anderen Farben sehen kann.", antwortete der Junge. Das machte den Mann neugierig und bat um einen Blick in den Topf. Als er hineinschaute, war ihm, als w├Ąre sein Gesicht noch ├Ąlter, noch fahler und k├Ąlter, der Himmel sah d├╝ster aus und der Wald wurde dunkel und unfreundlich um ihn. "Das Gold l├╝gt", rief der Alte "was ich hier sehe, ist kein getreues Abbild der Umgebung, und schon gar nicht bunt". "Du hast nicht richtig hingesehen", forderte der Junge den ├╝berraschten alten Mann zu einem nochmaligen Blick in den Goldtopf heraus. "Schaue nicht mit den Augen des alten Mannes, richte den Blick nach innen, ganz ins Herz hinein!". Doch auch ein zweiter Versuch, die Welt in ├╝ppiger Farbenpracht zu sehen, scheiterte am selben Grund wie beim ersten Mal. In eint├Âniges Grau schien die Umwelt getaucht, so grau wie alles was er bisher zu sehen bekam. Der alte Mann sah alles nur in grau, sein Leben lang. Er besa├č nicht die gesegnete F├Ąhigkeit zum Farbsehen, f├╝r ihn trugen Bl├Ątter immer dunkles Grau und das Wasser war schwarz, Blumen hielten sich einheitlich fahl, kein Farbstrahl durchbrach diese glanzlose Welt. "Das Gold macht, dass der Himmel bunt wird. Du musst nur deine Welt um dich herum durchbrechen und in diese neue tauchen. So wie der Regentropfen vom Sonnenstrahl durchbrochen wird und daraus unz├Ąhlige Farben malt."

Das war neu f├╝r den Alten, alles ihm Bekannte aufzugeben, so sehr ans Herz Gewachsenes abzutrennen und feste ├ťberzeugungen ├╝ber Bord zu werfen. Aber das war notwendig, wenn er das erste Mal in seinem langen Leben in einen Topf aus Gold schauen d├╝rfte, der ihm die andere Welt da dr├╝ben, die aus Farbe, offenbaren w├╝rde. Zu gro├č war die Versuchung, gleich hier alles zu ver├Ąndern, zu lange schon war er auf der Suche nach dem farbenfrohen Regenbogen und gerade so schwer war es f├╝r ihn mittlerweile geworden, sich aus sich selbst zu ver├Ąndern. Die schattenhaften Eindr├╝cke unscharfer Bilder seiner Umgebung waren zu seinem Alltag geworden, keine W├╝nsche einer besseren Welt, kein Anspruch an ein besseres Leben, nur die verstummte Sehnsucht nach dem Regenbogen, der sich so schillernd mannigfarbig, so leuchtend, bunt und gl├Ąnzend vor den Augen der ├╝brigen Welt pr├Ąsentierte.

Und gerade w├Ąhrend er diese Untiefen in seinem Inneren mit frischer, goldener Energie f├╝llte, funkelte ein P├╝nktchen Farbe im Topf des Jungen. Der alte Mann wich erschrocken zur├╝ck, um danach sofort wieder das Bild aus Gold anzustarren, in dem sich nach und nach ein Wandel von stumpfem, farblosem Abguss zu reiner, lebendiger und greifbarer Materie vollzog. Seine Augen gl├Ąnzten vor Tr├Ąnen und ihm verschwammen die neuen Farben zu einem bunten Licht- und Farbenspiel. Noch nie in seinem Leben sah er Farben, jetzt, in diesem Moment aber, schlug er eine T├╝r in eine neue Welt auf, die ihn mitsamt seinen festgesetzten und bew├Ąhrten ├ťberzeugungen f├╝r immer in Besitz nehmen w├╝rde, denn er hatte es erstmals geschafft, ├╝ber seinen altgewordenen Schatten zu springen, um das Neue und Fremde zuzulassen.

"Du kannst jetzt deinen Regenbogen malen", sagte der kleine Junge und erhielt daf├╝r den Dank eines jungen, alten Mannes.

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